Der Dortmunder Torschütze Timo Konietzka (hinten) und sein Teamkollege Lothar Emmerich (vorn) bejubeln das erste Tor der Fußball-Bundesliga am 24.08.1963 im Bremer Weserstadion.
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Organisierte Fanszenen: Zwischen empfundener Enteignung und Self-Empowerment


24.6.2013
Die Geschichte organisierter Fanszenen in Deutschland[1] ist eine des Abreagierens, der Aufladungen und Ambivalenzen. Die Spannweite reicht dabei von Freude zu Trauer, von Bindung und Halt zu Entgrenzung und Verlust, von Gemeinschaft und Verständigung bis hin zu Feindschaft, Ausgrenzung und Hass. Dies bestätigen auch die Soziologen Gabriele Klein und Michael Meuser, wenn sie Fußball als "ein geeignetes Medium und ein(en) geeignete(n) Ort sozialer In- und Exklusion" deuten: "Er gilt vielen als ein probates Mittel gesellschaftlicher Integration, aber Fußball ist auch Kristallisationspunkt sozialer Kämpfe, Austragungsort von Gewalt und Präsentationsraum für neofaschistische Gruppen. Während eines Fußballspiels können – zumindest temporär – soziale Statusunterschiede als unbedeutend erfahren werden, Fußball kann aber auch Rassismus, Nationalismus und Sexismus provozieren."[2] Grundlegende Voraussetzung dafür bildet die nahezu zwanghafte Konstruktion unterschiedlicher Niveaus von "Wir" und "Die": Die Funktionalisierung eines "Anderen" dient dabei schier unauflösbar den Identifizierungen eines "eigenen" Selbst und steigert sich fließend in ein "Wir sind besser als die Anderen".

Zur symbolischen Aufwertung des Selbst mit Hilfe einer Gemeinschaft muss Letztere erst erfunden werden. Im Falle des modernen Fußballs ist die Geschichte der Aufladung von Symbolen und Farben mit Traditionen und Leerformeln, die so weit reichen, dass sich möglichst viele damit identifizieren können, noch sehr jung.

Zwar bedeutete die Professionalisierung des höherklassigen Fußballs historisch eine Öffnung für Spieler und Zuschauer aller sozialer Schichten,[3] doch die Transformation der Vereine und ihrer Akteure blieb nicht ohne Auswirkungen auf das Publikum, wie der Soziologe Gerd Hortleder bereits nach elf Jahren Bundesliga konstatierte: Die Zuschauerschaft "betrachtet die Spieler und insbesondere die Stars als Produkte der Dienstleistungsindustrie. (…) Der Abstand zwischen Publikum und Spielern ist inzwischen so groß geworden, dass eine totale Identifikation immer seltener wird und darüber hinaus zeitlich begrenzt ist".[4] Die fortschreitende Professionalisierung, Kommerzialisierung, "Oligopolisierung"[5] und "Eventisierung" der Bundesliga – von ihrer Gründung 1963 bis zur heutigen, 1992[6] eingeleiteten Phase des "postmodernen Fußballs" – vollzieht sich als Drahtseilakt zwischen suggerierter Nähe und einer fortschreitenden Distanzierung des Sports von seinen Fans. Aus den Wechselwirkungen von intrapersonellen und sozialen Identitäten[7] entstehen immer wieder neu erzählte Versionen von Realität. Schließlich kommen und gehen Spieler, Trainer und Sponsoren in immer kürzeren Abständen; selbst Stadionnamen, ihre Standorte, Trikotfarben und Vereinslogos sind zunehmend flexibel geworden. Während greifbare Identitätsangebote abnehmen, entwickeln organisierte Fangruppen zunehmend ein eher instrumentelles, durchaus kritisches Verhältnis zum eigenen Verein. Zwar wirkt die historisch noch junge Erfindung des "eigenen Vereins" weiterhin etabliert wie ein Naturgesetz.[8] Aber diverse Positionierungen des Vereins werden proaktiv und massenwirksam angeprangert, besonders wenn sie als Beschneidung des Auslebens von Fantum und Verlust von Traditionsbezug empfunden werden.

Kurze Protestgeschichte



Mit der Einführung der Bundesliga, der im Laufe ihrer Geschichte fortschreitenden Kommerzialisierung, der damit verbundenen sozialen Aufwertung des Fußballs sowie der regionalen Ausdehnung von Ligenkonstellationen änderten sich vielerorts auch Lokal- und Derbyrivalitäten.[9] Zugleich wurde das Potenzial für Herabwürdigungen und Gewaltförmigkeiten unter Stadionbesuchern mit der Zeit immer weniger abhängig von direkten, vom Spielverlauf erzeugten Emotionen; Fanszenen kennzeichnete generell "eine immer größer werdende Sensibilität für ihre eigene Anwesenheit".[10] Während Organisation und Vielfalt der Ausdrucksformen von Fanszenen zunahmen, bildeten sich besonders in den 1980er Jahren distinguierte, gruppenbezogene soziale Techniken der Gewaltförmigkeit heraus, die auch losgelöst vom Stadion wirksam werden konnten – beispielsweise in Hooligangruppen.[11] Während Stehplatzareale institutionell lange per se als Sicherheitsschwachstelle und zum Teil als Brutstätten für Gewalt ausgemacht wurden, waren die zunehmend unauffällig und markenbewusst gekleideten Hooligans der 1980er und 1990er Jahre als selbsternannte Fanelite in Abgrenzung vom "Pöbel" bereits in die vermeintlich schickeren Sitzplatzbereiche abgewandert. Auf Fantrennung im Stadion und auf den An- und Abreisewegen wurde mit Ausweichmanövern, gezielten Verabredungen und Distanzwaffen (etwa Abschussstifte für Leuchtspurmunition) reagiert. Die institutionelle Betrachtung von Gewaltförmigkeit durch eine vorrangig ordnungspolitische Brille verstärkte darüber hinaus die spezifische Ausfeilung interner Hackordnungen und Strategien des Gruppenaufretens in gewaltaffinen Gruppierungen.

Solche Techniken von Hooligans und anderen, situativ zu Gewalt neigenden "Fans" sind durchaus als indirekte Folge beziehungsweise Nebeneffekt von Professionalisierung und Kommerzialisierung und der damit einhergehenden Disziplinierung von Fankulturen zu betrachten. Die anteilig zwar nur im Promillebereich messbare, aber medial äußerst auffällige Hooligangewalt geriet in der Folge zum Anlass für eine völlige Trennung gegnerischer Fangruppen durch entsprechende bauliche und polizeiliche Maßnahmen, wodurch sich jedoch nicht nur potenzielle Gewalttäter, sondern alle Fußballfans (vor allem bei Auswärtsspielen) in ihrer Bewegungsfreiheit zunehmend eingeschränkt sahen. Insbesondere im Vorfeld der Europameisterschaft 2000 in Belgien und den Niederlanden sowie bei der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland wurden derlei Maßnahmen von organisierten Fußballfans verstärkt wahrgenommen und vielfach als Sicherheitshysterie kritisiert.

Verschränkt mit der als Gentrifizierung empfundenen Herausdrängung der "einfachen Fans" zugunsten zahlungskräftiger Kundschaft (etwa durch Reduzierung der Stehplätze, Einführung von VIP-Logen, Erhöhung der Ticketpreise), formierten sich ab Anfang der 1990er Jahre kritische Stimmen und Zusammenschlüsse von Einzelfans und Fangruppen.[12] Mit Slogans wie "Reclaim the Game!" oder "Sitzen ist für’n Arsch!" bezogen sie Stellung gegen Kommerzialisierung und als überzogen empfundene Sicherheitsansprüche, bearbeiteten zum Teil aber auch gesellschaftliche Themen wie Rassismus. Im Verlauf der Saison 1993/94 gründete sich unter anderem aus dem Umfeld einer bundesweiten Fanzine-Szene[13] sowie dem "alternativen" Milieu um den FC St. Pauli das Bündnis Antifaschistischer Fußballfans. Sein Themenspektrum umfasste neben fanpolitischen Themen auch die steigenden neonazistischen Tendenzen in den Stadien sowie die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und seiner Vereine. Mit zahlreichen Aktionen engagierte sich das Bündnis unter anderem für den Erhalt der Stehplätze, für die Beibehaltung des Samstags als weitgehend einheitlichen Spieltag, gegen das als immer absurder erachtete Merchandising der Vereine, gegen privates Bezahlfernsehen, für sozialverträgliche Ticketpreise, für die Distanzierung von Hooligangruppen, gegen aggressiven Nationalismus, Rassismus und zunehmend auch gegen andere Formen von Diskriminierung. Nicht zuletzt diese Themenvielfalt führte Ende 1995 zur Umbenennung in Bündnis Aktiver Fußballfans (BAFF).

Wichtige Mittel der Interessenvertretung waren dabei zum Beispiel die eigenen Szenepublikationen, Aktionen mit Bannern, Flugzetteln und Unterschriftenlisten in und um Stadien, Fankongresse, thematisch unterlegte Konzertveranstaltungen, lokale Gremien- und Lobbyarbeit in den Fanszenen sowie gezielte Medien- und Öffentlichkeitsarbeit. Zusammen mit ähnlichen Initiativen aus dem Fanzine- und Fanclubumfeld und sozialpädagogisch orientierten Fanprojekten waren das BAFF und andere lokale Faninitiativen mit ihren Aktionen besonders in den 1990er Jahren in fanmultiplikatorisch und gesellschaftsdiskursiv prägender Hinsicht wichtige Vorreiter für partizipativere und menschenrechtsorientiertere Fankulturen. Ihr zum Teil ironisch-distanzierter, humorvoller Einsatz für ein Self-Empowerment junger Fußballfangruppen passte sich ungewollt in die einsetzende Gentrifizierung des Fußballs ein: Ihr menschenrechtsorientiertes Engagement implizierte auch kulturalisierende Momente, die dem Produkt Fußball in seinem feuilletonisierten Image und damit der Ansprache neuer Zuschauergruppen durchaus zuträglich waren.

Mit ProFans etablierte sich zu Beginn des neuen Jahrtausends eine nächste, eher von den Ultraszenen getragene Protestorganisation, die aus der Kampagne "Pro 15:30" für den Samstag als Kernspieltag und fanfreundliche Anstoßzeiten hervorging. Auch unter dem bundesweiten Dach Unsere Kurve (UK) fanden Zusammenschlüsse von Fanclubs Aufmerksamkeit von Vereinen und Verbänden. Auf europäischer Ebene spielten deutsche Fußballfans und Fanprojekte seit dem Ende der 1990er Jahre zudem eine erhebliche Rolle beim Aufbau des Netzwerks Football Against Racism in Europe (FARE), beim antirassistischen Ultra-Zusammenschluss Alerta sowie bei der Fanvertretung Football Supporters Europe (FSE). Über Lobbyarbeit beim europäischen Fußballverband UEFA und beim Weltverband FIFA wirken sie auf die nationalen Fandiskurse zurück.

Trotz ihrer ausgeprägten Freund-Feind-Einstellungsmuster koordinieren die Ultraszenen auch bundesweite Zusammenschlüsse, etwa für Kampagnen wie "Kein Zwanni für nen Steher" gegen steigende Ticketpreise oder für Demonstrationen wie "Kein Kick ohne Fans. Für den Erhalt der Fankultur" 2010 in Berlin. Nach einer erneuten Hysteriewelle um Gewalt und Pyrotechnik in und um Fußballstadien kulminierten ihre Bemühungen 2012 vorläufig in der Initiative "12:12 – Ohne Stimme keine Stimmung". Auslöser war ein von der Deutschen Fußball Liga (DFL) erarbeitetes, neues Sicherheitskonzept ("Für ein sicheres Stadionerlebnis"), das unter anderem verschärfte Einlasskontrollen vorsah und von vielen Fans als unangemessen kritisiert wurde. Nachdem Dialogversuche gescheitert waren, rief "12:12" die Fans dazu auf, an mehreren Spieltagen bis zur Entscheidung über das Konzept bei allen Bundesligaspielen jeweils die ersten 12 Minuten und 12 Sekunden zu schweigen. Da andere Fangruppen und die eher "Stimmung konsumierenden" Zuschauer sich solidarisch zeigten, führte die Aktion in den meisten Stadien tatsächlich zeitweilig zu gespenstischer Stille. Zwar wurde das Konzept am 12. Dezember dennoch beschlossen, aber mit dem Stimmungsboykott hatten die Fans nicht nur enorme Aufmerksamkeit erzeugt, sondern vielfach auch größeres Verständnis für ihre Anliegen.


Fußnoten

1.
Dieser Text bezieht sich ausschließlich auf den deutschen Männerfußball und seine organisierten Fanszenen.
2.
Gabriele Klein/Michael Meuser, Fußball, Politik, Vergemeinschaftung. Zur Einführung, in: dies. (Hrsg.), Ernste Spiele. Zur politischen Soziologie des Fußballs, Bielefeld 2008, S. 7–16, hier: S. 8.
3.
Vgl. Detlev Claussen/Diethelm Blecking, Der konkrete Kosmopolitismus im Fußball des 21. Jahrhunderts, in: Diethelm Blecking/Gerd Dembowski (Hrsg.), Der Ball ist bunt. Fußball, Migration und die Vielfalt der Identitäten in Deutschland, Frankfurt/M. 2010, S. 20–28. Siehe auch den Beitrag von Gunter Gebauer in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
4.
Gerd Hortleder, Die Faszination des Fußballspiels. Soziologische Anmerkungen zum Sport als Freizeit und Beruf, Frankfurt/M. 1974, S. 68f.
5.
Vgl. Rolf Lindner/Heinrich Th. Breuer, "Sind doch nicht alle Beckenbauers". Zur Sozialgeschichte des Fußballs im Ruhrgebiet, Frankfurt/M. 1978, S. 84ff.
6.
Vgl. Christoph Biermann, Das Jahr der Großen Revolution, in: 11 Freunde, 132 (2012), S. 24–31.
7.
Vgl. Henri Tajfel/John C. Turner, The Social Identity Theory of Intergroup Behaviour, in: European Journal of Social Psychology, (1986) 1, S. 149–178.
8.
Dass die Geschichte aller deutschen Fußballvereine noch jung ist (auch die der sogenannten Traditionsvereine), wird vielfach übersehen – ebenso wie die Tatsache, dass Farben, Namen und Standorte von Vereinen und deren Stadien nicht erst seit Beginn des postmodernen Fußballs auswechselbar sind.
9.
Vgl. Rudolf Oswald, "Von Tschammer und Osten – dein Pokal soll verrosten". Fankulturen in der Kaiserzeit, im Nationalsozialismus und in der frühen Bundesrepublik, in: Martin Thein (Hrsg.), Fußball, deine Fans. Ein Jahrhundert deutsche Fankultur, Göttingen 2013, S. 30–42.
10.
Gunter A. Pilz, Zur Geschichte der Fußballbegeisterung, in: Peter Becker/ders. (Hrsg.), Die Welt der Fans. Aspekte einer Jugendkultur, München 1988, S. 15–20, hier: S. 20.
11.
Vgl. Dieter Bott, Fußballfans, Hooligans und Legenden, in: ders./Marvin Chlada/Gerd Dembowski (Hrsg.), Ball & Birne. Zur Kritik der herrschenden Fußballkultur, Hamburg 1998, S. 109–120; Randall Collins, Dynamik der Gewalt. Eine mikrosoziologische Theorie, Hamburg 2011, S. 498f.
12.
Organisierte Fanproteste in lokalen Fanszenen gegen wachsende ordnungspolitische Maßnahmen lassen sich mindestens seit Ende der 1970er Jahre beobachten. Vgl. Gerd Dembowski, Von Gorillas und Blockräumungen. Seit je her protestieren Fans, in: Bündnis Aktiver Fußballfans (Hrsg.), Die "schönsten" Schikanen gegen Fußballfans. Repression und Willkür rund ums Stadion, Grafenau 2004, S. 141–145.
13.
Zahlreiche Ausgaben dieser selbstkopierten Fanzeitungen sind im Archiv der Arbeiterjugendbewegung in Oer-Erkenschwick recherchierbar.
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Autor: Gerd Dembowski für bpb.de
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