Der Dortmunder Torschütze Timo Konietzka (hinten) und sein Teamkollege Lothar Emmerich (vorn) bejubeln das erste Tor der Fußball-Bundesliga am 24.08.1963 im Bremer Weserstadion.
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24.6.2013 | Von:
Gerd Dembowski

Organisierte Fanszenen: Zwischen empfundener Enteignung und Self-Empowerment

Die Geschichte organisierter Fanszenen in Deutschland[1] ist eine des Abreagierens, der Aufladungen und Ambivalenzen. Die Spannweite reicht dabei von Freude zu Trauer, von Bindung und Halt zu Entgrenzung und Verlust, von Gemeinschaft und Verständigung bis hin zu Feindschaft, Ausgrenzung und Hass. Dies bestätigen auch die Soziologen Gabriele Klein und Michael Meuser, wenn sie Fußball als "ein geeignetes Medium und ein(en) geeignete(n) Ort sozialer In- und Exklusion" deuten: "Er gilt vielen als ein probates Mittel gesellschaftlicher Integration, aber Fußball ist auch Kristallisationspunkt sozialer Kämpfe, Austragungsort von Gewalt und Präsentationsraum für neofaschistische Gruppen. Während eines Fußballspiels können – zumindest temporär – soziale Statusunterschiede als unbedeutend erfahren werden, Fußball kann aber auch Rassismus, Nationalismus und Sexismus provozieren."[2] Grundlegende Voraussetzung dafür bildet die nahezu zwanghafte Konstruktion unterschiedlicher Niveaus von "Wir" und "Die": Die Funktionalisierung eines "Anderen" dient dabei schier unauflösbar den Identifizierungen eines "eigenen" Selbst und steigert sich fließend in ein "Wir sind besser als die Anderen".

Zur symbolischen Aufwertung des Selbst mit Hilfe einer Gemeinschaft muss Letztere erst erfunden werden. Im Falle des modernen Fußballs ist die Geschichte der Aufladung von Symbolen und Farben mit Traditionen und Leerformeln, die so weit reichen, dass sich möglichst viele damit identifizieren können, noch sehr jung.

Zwar bedeutete die Professionalisierung des höherklassigen Fußballs historisch eine Öffnung für Spieler und Zuschauer aller sozialer Schichten,[3] doch die Transformation der Vereine und ihrer Akteure blieb nicht ohne Auswirkungen auf das Publikum, wie der Soziologe Gerd Hortleder bereits nach elf Jahren Bundesliga konstatierte: Die Zuschauerschaft "betrachtet die Spieler und insbesondere die Stars als Produkte der Dienstleistungsindustrie. (…) Der Abstand zwischen Publikum und Spielern ist inzwischen so groß geworden, dass eine totale Identifikation immer seltener wird und darüber hinaus zeitlich begrenzt ist".[4] Die fortschreitende Professionalisierung, Kommerzialisierung, "Oligopolisierung"[5] und "Eventisierung" der Bundesliga – von ihrer Gründung 1963 bis zur heutigen, 1992[6] eingeleiteten Phase des "postmodernen Fußballs" – vollzieht sich als Drahtseilakt zwischen suggerierter Nähe und einer fortschreitenden Distanzierung des Sports von seinen Fans. Aus den Wechselwirkungen von intrapersonellen und sozialen Identitäten[7] entstehen immer wieder neu erzählte Versionen von Realität. Schließlich kommen und gehen Spieler, Trainer und Sponsoren in immer kürzeren Abständen; selbst Stadionnamen, ihre Standorte, Trikotfarben und Vereinslogos sind zunehmend flexibel geworden. Während greifbare Identitätsangebote abnehmen, entwickeln organisierte Fangruppen zunehmend ein eher instrumentelles, durchaus kritisches Verhältnis zum eigenen Verein. Zwar wirkt die historisch noch junge Erfindung des "eigenen Vereins" weiterhin etabliert wie ein Naturgesetz.[8] Aber diverse Positionierungen des Vereins werden proaktiv und massenwirksam angeprangert, besonders wenn sie als Beschneidung des Auslebens von Fantum und Verlust von Traditionsbezug empfunden werden.

Kurze Protestgeschichte

Mit der Einführung der Bundesliga, der im Laufe ihrer Geschichte fortschreitenden Kommerzialisierung, der damit verbundenen sozialen Aufwertung des Fußballs sowie der regionalen Ausdehnung von Ligenkonstellationen änderten sich vielerorts auch Lokal- und Derbyrivalitäten.[9] Zugleich wurde das Potenzial für Herabwürdigungen und Gewaltförmigkeiten unter Stadionbesuchern mit der Zeit immer weniger abhängig von direkten, vom Spielverlauf erzeugten Emotionen; Fanszenen kennzeichnete generell "eine immer größer werdende Sensibilität für ihre eigene Anwesenheit".[10] Während Organisation und Vielfalt der Ausdrucksformen von Fanszenen zunahmen, bildeten sich besonders in den 1980er Jahren distinguierte, gruppenbezogene soziale Techniken der Gewaltförmigkeit heraus, die auch losgelöst vom Stadion wirksam werden konnten – beispielsweise in Hooligangruppen.[11] Während Stehplatzareale institutionell lange per se als Sicherheitsschwachstelle und zum Teil als Brutstätten für Gewalt ausgemacht wurden, waren die zunehmend unauffällig und markenbewusst gekleideten Hooligans der 1980er und 1990er Jahre als selbsternannte Fanelite in Abgrenzung vom "Pöbel" bereits in die vermeintlich schickeren Sitzplatzbereiche abgewandert. Auf Fantrennung im Stadion und auf den An- und Abreisewegen wurde mit Ausweichmanövern, gezielten Verabredungen und Distanzwaffen (etwa Abschussstifte für Leuchtspurmunition) reagiert. Die institutionelle Betrachtung von Gewaltförmigkeit durch eine vorrangig ordnungspolitische Brille verstärkte darüber hinaus die spezifische Ausfeilung interner Hackordnungen und Strategien des Gruppenaufretens in gewaltaffinen Gruppierungen.

Solche Techniken von Hooligans und anderen, situativ zu Gewalt neigenden "Fans" sind durchaus als indirekte Folge beziehungsweise Nebeneffekt von Professionalisierung und Kommerzialisierung und der damit einhergehenden Disziplinierung von Fankulturen zu betrachten. Die anteilig zwar nur im Promillebereich messbare, aber medial äußerst auffällige Hooligangewalt geriet in der Folge zum Anlass für eine völlige Trennung gegnerischer Fangruppen durch entsprechende bauliche und polizeiliche Maßnahmen, wodurch sich jedoch nicht nur potenzielle Gewalttäter, sondern alle Fußballfans (vor allem bei Auswärtsspielen) in ihrer Bewegungsfreiheit zunehmend eingeschränkt sahen. Insbesondere im Vorfeld der Europameisterschaft 2000 in Belgien und den Niederlanden sowie bei der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland wurden derlei Maßnahmen von organisierten Fußballfans verstärkt wahrgenommen und vielfach als Sicherheitshysterie kritisiert.

Verschränkt mit der als Gentrifizierung empfundenen Herausdrängung der "einfachen Fans" zugunsten zahlungskräftiger Kundschaft (etwa durch Reduzierung der Stehplätze, Einführung von VIP-Logen, Erhöhung der Ticketpreise), formierten sich ab Anfang der 1990er Jahre kritische Stimmen und Zusammenschlüsse von Einzelfans und Fangruppen.[12] Mit Slogans wie "Reclaim the Game!" oder "Sitzen ist für’n Arsch!" bezogen sie Stellung gegen Kommerzialisierung und als überzogen empfundene Sicherheitsansprüche, bearbeiteten zum Teil aber auch gesellschaftliche Themen wie Rassismus. Im Verlauf der Saison 1993/94 gründete sich unter anderem aus dem Umfeld einer bundesweiten Fanzine-Szene[13] sowie dem "alternativen" Milieu um den FC St. Pauli das Bündnis Antifaschistischer Fußballfans. Sein Themenspektrum umfasste neben fanpolitischen Themen auch die steigenden neonazistischen Tendenzen in den Stadien sowie die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und seiner Vereine. Mit zahlreichen Aktionen engagierte sich das Bündnis unter anderem für den Erhalt der Stehplätze, für die Beibehaltung des Samstags als weitgehend einheitlichen Spieltag, gegen das als immer absurder erachtete Merchandising der Vereine, gegen privates Bezahlfernsehen, für sozialverträgliche Ticketpreise, für die Distanzierung von Hooligangruppen, gegen aggressiven Nationalismus, Rassismus und zunehmend auch gegen andere Formen von Diskriminierung. Nicht zuletzt diese Themenvielfalt führte Ende 1995 zur Umbenennung in Bündnis Aktiver Fußballfans (BAFF).

Wichtige Mittel der Interessenvertretung waren dabei zum Beispiel die eigenen Szenepublikationen, Aktionen mit Bannern, Flugzetteln und Unterschriftenlisten in und um Stadien, Fankongresse, thematisch unterlegte Konzertveranstaltungen, lokale Gremien- und Lobbyarbeit in den Fanszenen sowie gezielte Medien- und Öffentlichkeitsarbeit. Zusammen mit ähnlichen Initiativen aus dem Fanzine- und Fanclubumfeld und sozialpädagogisch orientierten Fanprojekten waren das BAFF und andere lokale Faninitiativen mit ihren Aktionen besonders in den 1990er Jahren in fanmultiplikatorisch und gesellschaftsdiskursiv prägender Hinsicht wichtige Vorreiter für partizipativere und menschenrechtsorientiertere Fankulturen. Ihr zum Teil ironisch-distanzierter, humorvoller Einsatz für ein Self-Empowerment junger Fußballfangruppen passte sich ungewollt in die einsetzende Gentrifizierung des Fußballs ein: Ihr menschenrechtsorientiertes Engagement implizierte auch kulturalisierende Momente, die dem Produkt Fußball in seinem feuilletonisierten Image und damit der Ansprache neuer Zuschauergruppen durchaus zuträglich waren.

Mit ProFans etablierte sich zu Beginn des neuen Jahrtausends eine nächste, eher von den Ultraszenen getragene Protestorganisation, die aus der Kampagne "Pro 15:30" für den Samstag als Kernspieltag und fanfreundliche Anstoßzeiten hervorging. Auch unter dem bundesweiten Dach Unsere Kurve (UK) fanden Zusammenschlüsse von Fanclubs Aufmerksamkeit von Vereinen und Verbänden. Auf europäischer Ebene spielten deutsche Fußballfans und Fanprojekte seit dem Ende der 1990er Jahre zudem eine erhebliche Rolle beim Aufbau des Netzwerks Football Against Racism in Europe (FARE), beim antirassistischen Ultra-Zusammenschluss Alerta sowie bei der Fanvertretung Football Supporters Europe (FSE). Über Lobbyarbeit beim europäischen Fußballverband UEFA und beim Weltverband FIFA wirken sie auf die nationalen Fandiskurse zurück.

Trotz ihrer ausgeprägten Freund-Feind-Einstellungsmuster koordinieren die Ultraszenen auch bundesweite Zusammenschlüsse, etwa für Kampagnen wie "Kein Zwanni für nen Steher" gegen steigende Ticketpreise oder für Demonstrationen wie "Kein Kick ohne Fans. Für den Erhalt der Fankultur" 2010 in Berlin. Nach einer erneuten Hysteriewelle um Gewalt und Pyrotechnik in und um Fußballstadien kulminierten ihre Bemühungen 2012 vorläufig in der Initiative "12:12 – Ohne Stimme keine Stimmung". Auslöser war ein von der Deutschen Fußball Liga (DFL) erarbeitetes, neues Sicherheitskonzept ("Für ein sicheres Stadionerlebnis"), das unter anderem verschärfte Einlasskontrollen vorsah und von vielen Fans als unangemessen kritisiert wurde. Nachdem Dialogversuche gescheitert waren, rief "12:12" die Fans dazu auf, an mehreren Spieltagen bis zur Entscheidung über das Konzept bei allen Bundesligaspielen jeweils die ersten 12 Minuten und 12 Sekunden zu schweigen. Da andere Fangruppen und die eher "Stimmung konsumierenden" Zuschauer sich solidarisch zeigten, führte die Aktion in den meisten Stadien tatsächlich zeitweilig zu gespenstischer Stille. Zwar wurde das Konzept am 12. Dezember dennoch beschlossen, aber mit dem Stimmungsboykott hatten die Fans nicht nur enorme Aufmerksamkeit erzeugt, sondern vielfach auch größeres Verständnis für ihre Anliegen.

Ultras: Ambivalente Szene

Das provokative Aufbegehren der seit den 1990er Jahren aufkommenden Ultraszenen mit Identitätskrücken wie "Tradition" und "Authentizität" kann als eine jugend(sub)kulturelle Reaktion auf abnehmende Identifikationsangebote des höherklassigen Fußballs gedeutet werden. Mit dem zunehmenden Wandel des Stadionpublikums in den 1990er Jahren verschob sich auch die Bedeutung von alteingesessenen Fanclubs beziehungsweise "Kuttenträgern". Während Fanclubs zunehmend an Einfluss in den Fankurven einbüßten, stieg ihre Anzahl und ihr Einfluss gegenüber den Vereinen als verbindlicher, durchaus konsumorientierter Zuschauerstamm.

In ihrer jugendkulturellen Prägung entwickelten Ultras ein kritischeres Verhältnis zum Verein. Sie entdeckten sich als eine identitätscharakteristische Konstante und bildeten sozusagen einen Verein im Verein, nach dem Motto: "Spieler kommen, Trainer gehen – wir bleiben." Im Zentrum stehen seitdem die vielfältigen Formen ihrer organisierten Stimmungserzeugung als Reaktionen auf Stimmungsflauten seit Mitte der 1990er Jahre. Dies verlief stark inspiriert von italienischen Fankurven: Schillernde und stets wechselnde Choreografien mit Fahnen, Bannern, Spruchbändern, Doppelhaltern, vielfältigen Gesängen sowie "Vorsängern" mit Megafon auf dem Zaun als Garant für Gemeinschaftserleben und abrufbereite, durch den Ort vorstrukturierte Emotionalität. Darüber hinaus prägte sich eine Wettbewerbsmentalität in Sachen Stimmung ebenso aus wie eine häufig elitäre Selbstwahrnehmung der eigenen Gruppe.

Ultras empfinden sich inzwischen als Stichwortgeber der Kurven, die zwar nur einen minimalen Teil der Zuschauerschaft ausmachen, aber die Fankurve lautstark mitreißen können: "Ultras", so der Fanforscher Jonas Gabler, "haben einen gewissen Vertretungsanspruch, sie wollen die Fanszene nach außen und nach innen prägen".[14] Dabei sind sie in ihrer milieu- und (politisch) interessenspezifischen Zusammensetzung auch gruppenintern heterogen – sie bewegen sich in einem Bedürfnisdreieck aus Gemeinschaft, Individualismus und gegenseitiger Hilfe. Noch deutlicher wird die Heterogenität dann, wenn sich von Gruppe zu Gruppe und zum Teil situativ von Phase zu Phase unterschiedliche Schwerpunktcharakteristika ihres Fantums und überzogene Feindschaftsszenarien ausprägen.

Zur Entwicklung eines distinktiven Stils orientieren sie sich am sozialen Handeln und aufrührerischen Habitus anderer Jugend(sub)kulturen. Dieses Identitäts-Patchwork ermöglicht den Einzelnen trotz der Beschwörung von Gemeinschaft weiterhin die Pflege ihrer individuellen Anteile und Positionierungen. Diese fließenden Ausdifferenzierungsprozesse machen Ultragruppen für Jugendliche als Suchbewegung interessant. In ihrer inneren Gruppenvielfalt schaffen sie es, Wünsche nach Zusammenhalt, Nähe, Loyalität, Solidarität und größerem Selbstwertgefühl zu befriedigen.

So haben sich Self-Empowerment und eine proaktive Faninteressenvertretung etabliert, die sich gegen übertriebene Disziplinierung und Einschränkung des "Freiraums Stadion" wehrt. Gleichzeitig wirken Fanorganisationen über Wohltätigkeitsaktionen, gemeinwesenarbeitsähnliches Ehrenamt mit Hilfe zur Selbsthilfe regionalgesellschaftlich: von der Unterstützung bei Hausaufgaben und dem Schreiben von Bewerbungen bis hin zur Unterstützung von gewerkschaftlichen Streiks und sozialen Inklusionsbestrebungen für Asylsuchende. In zahlreichen Fanszenen haben Ultras durch ihr Verhalten antirassistische Gruppenkonsense durchsetzen können und organisieren Aktionen gegen Antisemitismus, Antiziganismus, Nationalismus, (Hetero-)Sexismus und Homophobie.

Durch ihre Fragilität, Momenthaftigkeit im Setting eines stets abrufbaren Klimas "Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit" (Wilhelm Heitmeyer) können einzelne Teilgruppen jedoch ebenso leicht ins Rechtsoffene kippen. Erschwert wird der Kampf um die Positionen noch durch den raschen Wechsel von handelnden Personen ("Lautsprecherpersönlichkeiten"), die in drei Jahren nicht mehr unbedingt die gleiche soziale Gruppenposition innehaben müssen: Ultragruppen sind mehrheitlich temporär begrenzte Durchlaufzentren für prägende Phasen ihrer Mitglieder in der Austarierung von intrapersonellen und sozialen Identitäten. Dass man in zahlreichen Gruppen noch weit von antihomophoben und antisexistischen Konsensen entfernt ist und einzelne Gruppenteile immer wieder Akzeptanz für rechtsoffene Positionen äußern können, zeigt die gegenwärtige Entwicklung. Homophobe Sprüche und Banner werden krude, zum Teil unreflektiert, aber auch gezielt als "Humor" getarnt – etwa wenn die rechtsoffene Aachener Ultragruppe "Karlsbande" im März 2013 in Anspielung auf den Namen "Karl-Liebknecht-Stadion" des SV 03 Babelsberg ein großes Blockbanner spannt, auf dem steht: "Euer Karl ist unser Liebesknecht". Dazu verstecken sich viele unter dem zweifelhaften Schutzmantel "Keine Politik im Stadion": So wird menschenrechtsorientiertes Engagement bisweilen als "Parteipolitik" abqualifiziert und werden zivilcouragierte Menschen als "linksorientierte Nestbeschmutzer" beschimpft.

Hegemoniale Männlichkeit und Gewaltförmigkeit bei Ultras

Partizipative Aushandlungen befinden sich im ständigen Balancekampf mit den auffälligen, durchsetzungsfähigen Köpfen der Gruppe und finden häufig auf der Folie hegemonialer Männlichkeit[15] und Heteronormativität statt, inklusive ihrer scheinmodernisierten Facetten "weicher" und "trendqueerer" Männlichkeiten.[16]

Umringt von imaginären Hackordnungen und hegemonialer Männlichkeit war und ist es besonders für Frauen schwer, in den fancluborientierten Szenen eigene (Gruppen-)Identitäten zu entfalten. Bis heute müssen sie – wie auch junge Männer – durch die diskursive Schule hegemonial männlich vorgeprägter Fanstrukturen und Hierarchien, um sich zu etablieren. Mit dem Unterschied, dass Frauen meistens Fans auf Bewährung bleiben: Ihr Interesse droht ständig hinterfragt und auf Authentizität überprüft zu werden. Im Gegensatz dazu steht die "patriarchale Dividende" der Männer,[17] deren Interesse für den Fußball als "natürlich" gilt. In zahlreichen Fanclubs gab es Aufnahmestopps für Frauen, und bis heute werden Frauen aus paternalistischem Schutzdenken und wegen des Gruppenansehens bei den sogenannten Ultramärschen zum Stadion immer mal wieder aus den vorderen Reihen verbannt.

Dennoch fügen sich zahlreiche Frauen heutzutage nicht mehr in die ihnen vielfach zugedachte, potenzielle Opferrolle. In organisierten Fanszenen versuchen sie mit unterschiedlichen Herangehensweisen klassische wie subtile (Hetero-)Sexismen zu enttarnen und Alternativen zu schaffen.[18] Sie besetzen den Ort Fußball zunehmend selbstbewusst, während die Massenwirksamkeit der Männer sie je nach Situation weiterhin auf sozial konstruierte Zuschreibungen wie Mildtätigkeit und Friedfertigkeit, zur "Mutter der Kompanie" und zum Sexualobjekt reduzieren kann. Somit bleiben Ultras insgesamt betrachtet in ihrer Entwicklung ambivalente Gruppen, die auch konservative Werte und Traditionsbewusstsein einbinden können.

Immer bezeichnender werden dabei territoriale, sozialdarwinistisch geprägte Ausdeutungen gegenüber anderen Fangruppen. Ultras erfahren sich als jugend(sub)kulturell geprägte Gruppen in einer multiplen Druckkonstellation aus "Wir" und "Die": Sie und die Ultras des anderen Vereins, sie und "die Polizei", sie und "die Medien", sie und "der DFB und die DFL", sie und "die Politik", sie und "ihr" anders interessengesteuerter Verein, sie und andere Fans des eigenen Vereins, die den Ultra-Interpretationen von Fantum nicht immer wohlwollend gegenüberstehen.

Ultras haben sich nicht gegründet, um aktiv Gewalt zu suchen, sondern um Stimmung zu organisieren. Ihre Ausprägungen von Gewaltförmigkeit unterscheiden sich erheblich von denen der besonders in den 1980er und 1990er Jahren aktiven Hooligans. Auf das nach außen sehr organisiert, zum Teil uniform wirkende Auftreten von Ultragruppen, ihre expressive, zum Teil brachial wirkende Selbstinszenierung, ihr Aufgreifen überhöhter Freund-Feind-Konstellationen mit Revierdenken und Eroberungsritualen[19] wurde von Polizei und Politik, von Vereinen und Verbänden sowie von zahlreichen Medienvertretern häufig verkürzend, überwachungs- und repressionsfixiert reagiert. Hinzu kommt die öffentliche Umwertung der von Ultras im Stadion gern verwendeten Bengalfackeln. Juristisch als Ordnungswidrigkeit und Bagatelldelikt zu werten, galten sie in der öffentlichen Wahrnehmung lange als Kennzeichen "südländischer, toller Stimmung". Heutzutage werden "Bengalos" von Ultraszenen ebenso wie von den Ordnungsinstanzen symbolisch auf- und überbewertet und in der öffentlichen Debatte häufig mit Gewalt gleichgesetzt, was auf allen Seiten zu maßlosen Empörungen führt und konsensuale Lösungen erschwert.

Ohnmächtig gegenüber der als entfremdend empfundenen Kommerzialisierung des Fußballs entwickelte sich bei vielen Ultras eine Art resistance identity,[20] deren soziale Technik die organisierte Provokation ist. Heutzutage schließt die überwiegende Mehrheit deutscher Ultragruppen gewaltförmiges Verhalten längst nicht mehr aus. Im Gegensatz zu den Hooligans erleben sie dieses jedoch betont als reaktiv. Während Hooligans die Polizei auf einer hegemonial männlichen Ebene respektierten, nehmen Ultras ihr gegenüber eine politische Protesthaltung ein und kritisieren organisiert polizeiliche Vorgehensweisen, durch die sie ihren Freiraum willkürlich eingeschränkt sehen. Zusätzlich zu dieser im Ursprung als reaktiv empfundenen Gewaltkonstellation haben sich parallel zum Gemeinschaftsleben innerhalb vieler Ultragruppen sogenannte Ackergruppen herausgebildet: In zahlenmäßig minimaler wie loser Zusammensetzung lösen sie sich im Stile einer Arbeitsgruppe regelmäßig aus den hauptsächlichen Ultrakontexten heraus, um sich – zum Teil auch unabhängig von Spielen – zu körperlichen Auseinandersetzungen mit Gleichgesinnten aus anderen Ultragruppen körperlich gewalttätig zu messen.

Seismografen in der Kurve

All diese Merkmale verdeutlichen: Es ergibt Sinn, Ultras weniger als eine homogene Gruppe, sondern vielmehr als "Temporäre Autonome Zone" zu begreifen.[21] Bliebe man bei den eingeführten, seit jeher stark verkürzenden Polizeikategorien A (konsumorientiert), B (vereinszentriert und situativ zur Gewalt neigend) und C (erlebnisorientiert, Hooligans),[22] so könnte man sagen, die Verteilung dieser Kategorien bildete sich innerhalb einer Ultragruppe noch einmal wie unter einem Brennglas als Mikrokosmos ab.

Ultragruppen können Masken je nach Tagesform und auf die Außensituation reagierend wechseln – zum Teil können das ihre einzelnen Mitglieder als Individuen. Ultras haben gelernt, sich in ihrem Auftreten und Verhalten kreativ zu wandeln; sie können positiv wie negativ verstärkend wie das innere Rädchen eines Kugellagers adäquat auf die Bewegungen des äußeren Rades aus den funktionstragenden Institutionen (Vereine, DFB und DFL, Politik und Polizei) innovativ reagieren und teilweise antizipieren. So gesehen bleibt der Weg organisierter Fanszenen mit den Ultragruppen als seismografische Faktoren auch in Zukunft kurvenreich und wandelbar.
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Fußnoten

1.
Dieser Text bezieht sich ausschließlich auf den deutschen Männerfußball und seine organisierten Fanszenen.
2.
Gabriele Klein/Michael Meuser, Fußball, Politik, Vergemeinschaftung. Zur Einführung, in: dies. (Hrsg.), Ernste Spiele. Zur politischen Soziologie des Fußballs, Bielefeld 2008, S. 7–16, hier: S. 8.
3.
Vgl. Detlev Claussen/Diethelm Blecking, Der konkrete Kosmopolitismus im Fußball des 21. Jahrhunderts, in: Diethelm Blecking/Gerd Dembowski (Hrsg.), Der Ball ist bunt. Fußball, Migration und die Vielfalt der Identitäten in Deutschland, Frankfurt/M. 2010, S. 20–28. Siehe auch den Beitrag von Gunter Gebauer in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
4.
Gerd Hortleder, Die Faszination des Fußballspiels. Soziologische Anmerkungen zum Sport als Freizeit und Beruf, Frankfurt/M. 1974, S. 68f.
5.
Vgl. Rolf Lindner/Heinrich Th. Breuer, "Sind doch nicht alle Beckenbauers". Zur Sozialgeschichte des Fußballs im Ruhrgebiet, Frankfurt/M. 1978, S. 84ff.
6.
Vgl. Christoph Biermann, Das Jahr der Großen Revolution, in: 11 Freunde, 132 (2012), S. 24–31.
7.
Vgl. Henri Tajfel/John C. Turner, The Social Identity Theory of Intergroup Behaviour, in: European Journal of Social Psychology, (1986) 1, S. 149–178.
8.
Dass die Geschichte aller deutschen Fußballvereine noch jung ist (auch die der sogenannten Traditionsvereine), wird vielfach übersehen – ebenso wie die Tatsache, dass Farben, Namen und Standorte von Vereinen und deren Stadien nicht erst seit Beginn des postmodernen Fußballs auswechselbar sind.
9.
Vgl. Rudolf Oswald, "Von Tschammer und Osten – dein Pokal soll verrosten". Fankulturen in der Kaiserzeit, im Nationalsozialismus und in der frühen Bundesrepublik, in: Martin Thein (Hrsg.), Fußball, deine Fans. Ein Jahrhundert deutsche Fankultur, Göttingen 2013, S. 30–42.
10.
Gunter A. Pilz, Zur Geschichte der Fußballbegeisterung, in: Peter Becker/ders. (Hrsg.), Die Welt der Fans. Aspekte einer Jugendkultur, München 1988, S. 15–20, hier: S. 20.
11.
Vgl. Dieter Bott, Fußballfans, Hooligans und Legenden, in: ders./Marvin Chlada/Gerd Dembowski (Hrsg.), Ball & Birne. Zur Kritik der herrschenden Fußballkultur, Hamburg 1998, S. 109–120; Randall Collins, Dynamik der Gewalt. Eine mikrosoziologische Theorie, Hamburg 2011, S. 498f.
12.
Organisierte Fanproteste in lokalen Fanszenen gegen wachsende ordnungspolitische Maßnahmen lassen sich mindestens seit Ende der 1970er Jahre beobachten. Vgl. Gerd Dembowski, Von Gorillas und Blockräumungen. Seit je her protestieren Fans, in: Bündnis Aktiver Fußballfans (Hrsg.), Die "schönsten" Schikanen gegen Fußballfans. Repression und Willkür rund ums Stadion, Grafenau 2004, S. 141–145.
13.
Zahlreiche Ausgaben dieser selbstkopierten Fanzeitungen sind im Archiv der Arbeiterjugendbewegung in Oer-Erkenschwick recherchierbar.
14.
Vgl. Jonas Gabler, Rechtsradikalismus und Rassismus in der Fußballfankultur in Deutschland, in: AG Rechtsextremismus/Antifaschismus beim Bundesvorstand der Partei Die Linke (Hrsg.), Rundbrief 1–2/2012: Nazis in der Kurve? Neonazismus und Rassismus im Fußball, S. 4–8, hier: S. 6.
15.
Vgl. R. Connell, Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeiten, Opladen 20063.
16.
Vgl. Gerd Dembowski, "Ich hab" ja nichts gegen Schwule, aber …". Stichworte zur Modernisierung von hegemonialen Männlichkeiten im deutschen Fußball, in: Faninitiative Innsbruck (Hrsg.), Fußball ohne Vorurteile. Begleitband zur Ausstellung Tatort Stadion, Innsbruck 2011.
17.
Vgl. R. Connell (Anm. 14).
18.
Vgl. Almut Sülzle, Fußball, Frauen, Männlichkeiten. Eine ethnographische Studie im Fanblock, Frankfurt/M.–New York 2011.
19.
Während sich Eroberungsrituale beispielsweise über Schal- und Bannerklau abzeichnen können, führt das Revierdenken so weit, dass Ultragruppen den Ultragruppen anderer Vereine mitteilen, dass diese sich an markanten oder szenefixierten Orten ihrer Stadt nicht aufhalten "dürfen".
20.
Vgl. John M. Hagedorn, A World of Gangs, Minneapolis, MN 2008. Im Gegensatz zu den von Hagedorn untersuchten Jugendgangs handelt es sich bei Ultras jedoch um eher bildungsbürgerlich beeinflusste Gruppierungen, die sich – als vorwiegend weiße, deutsche Männer, die außerhalb des Fußballumfeldes relativ privilegiert leben können – ohne äußere Not in repressive Situationen bringen.
21.
Vgl. Hakim Bey, T.A.Z. – Die Temporäre Autonome Zone, Berlin 1994.
22.
Vgl. Wilhelm Heitmeyer/Jörg-Ingo Peter, Jugendliche Fußballfans, Weinheim–München 1988.
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