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9.7.2013 | Von:
Peter Neumann

Radikalisierung, Deradikalisierung und Extremismus

Gewaltbereiter Extremismus

Beim gewaltbereiten Extremismus ist die Definition einfacher, und dennoch sind nicht alle Spielarten der extremistischen Gewalt identisch. Anarchisten und Linksextremisten zum Beispiel sind häufig in Sachbeschädigung und Anschläge auf die Infrastruktur verwickelt. Hierbei handelt es sich um Formen der Sabotage, durch die Bauprojekte verhindert, Investoren abgeschreckt und/oder "dem System" zusätzliche Kosten verursacht werden sollen. Selten kommen hierdurch Menschen zu Schaden (obwohl die Verursacher dies manchmal in Kauf zu nehmen scheinen). Von den Extremisten wird deshalb argumentiert, dass derartige Anschläge keine Gewaltanwendung darstellten und – wenn überhaupt – als defensive Reaktion auf die "strukturelle Gewalt" des kapitalistischen Systems zu verstehen seien ("Macht kaputt, was Euch kaputt macht!"[13]). Für Außenstehende mag dies wenig plausibel klingen, doch für Anhänger und Sympathisanten lässt sich hierdurch die Beteiligung an solchen Gewaltakten relativ einfach und scheinbar elegant rechtfertigen.

Der zweite Typus ist die Straßengewalt. Hier geht es um gewalttätige Konfrontationen zwischen Anhängern verschiedener extremistischer Bewegungen oder zwischen Extremisten und der Polizei, die sich zumeist aus Demonstrationen und Versammlungen entwickeln und im Gegensatz zu den anderen Typen extremistischer Gewalt nicht immer geplant sind oder von zentraler Stelle koordiniert werden. Besonders bei Rechtsextremisten gibt es außerdem sogenannte Hassverbrechen (hate crimes), die sich gegen Ausländer oder Angehörige von Minderheiten richten, also zum Beispiel Brandanschläge auf Asylbewerberheime oder Prügelattacken auf Menschen anderer Hautfarbe. Wie bei der Straßengewalt generell sind derartige Hassverbrechen häufig absehbar, aber nur selten von langer Hand geplant.

Bei der dritten Kategorie handelt es sich um terroristische Gewalt – in den allermeisten Fällen Bombenanschläge, Entführungen oder politische Morde –, die sich als Teil einer systematischen Kampagne versteht und häufig (aber nicht immer) Zivilisten zum Ziel hat. Terroristen verstehen sich als Soldaten im Dienste der "nationalen Revolution", "Gottes" oder "der Arbeiterklasse" und sind – im Gegensatz zu reinen Straßengewalttätern – meist besser organisiert, entschlossener und nehmen die Tötung von Menschen nicht nur hin, sondern begreifen sie als wichtiges Element ihrer Strategie.[14] Im Vergleich zu anderen extremistischen Gewalttypen erfordert der Terrorismus von Beteiligten einen hohen Einsatz und Grad an Bindung, und ihm geht deshalb in vielen Fällen ein langer Sozialisierungsprozess in "radikalen Milieus" voraus.[15]

Vom kognitiven zum gewaltbereiten Extremismus?

Eine der am kontroversesten diskutierten Forschungsfragen im Bereich der Extremismusforschung ist der Zusammenhang zwischen kognitivem und gewaltbereiten Extremismus. Auf der einen Seite steht die oben bereits erwähnte Fließbandhypothese, nach der der kognitive Extremismus Voraussetzung für den gewaltbereiten Extremismus ist. Anders ausgedrückt: Wer politische Gewalttaten begeht, der muss auch eine politische Motivation haben, durch die solche Gewalttaten gerechtfertigt werden. Auf dem metaphorischen Fließband durchläuft eine Person also zunächst den Prozess der kognitiven Radikalisierung und wird dann für gewalttätige Aktionen ansprechbar. Selbst Anhänger der Fließbandhypothese glauben nicht, dass alle kognitiven Extremisten irgendwann zu gewalttätigen Extremisten werden, aber der Umkehrschluss – nämlich, dass jeder gewaltbereite auch ein kognitiver Extremist ist – trifft ihrer Meinung nach zu.[16]

Für die Gegner der Fließbandtheorie ist der Radikalisierungsprozess komplizierter. Eines der am häufigsten vorgetragenen Argumente lautet, dass kognitiver Extremismus eine Art Ventilfunktion haben könne, durch den die Notwendigkeit für gewalttätige und zerstörerische Aktionen entfiele. Wer die Möglichkeit habe, auf legitime Weise "Dampf abzulassen" und seine extremistischen Ansichten laut – aber ohne Gewalt – vorzutragen, der sei für terroristische Gruppen schwerer zu rekrutieren. Denken und Handeln, so die Gegner der Fließbandhypothese, seien eben zwei völlig unterschiedliche Dinge. Man könne ein religiöser Fundamentalist sein – also die eigene Religion sehr streng auslegen und sich von der Gesellschaft abschotten –, aber dennoch den Einsatz von Gewalt zur Verbreitung und Durchsetzung des eigenen Gesellschafts- und Glaubenssystem aus Prinzip ablehnen. Unter den sogenannten Salafisten zum Beispiel, deren Interpretation des Islam zweifellos "fundamentalistisch" ist, gebe es nicht nur "Jihadisten", sondern auch "Pazifisten", deren Rolle und Potenzial zur Deradikalisierung wegen der Dominanz der Fließbandhypothese häufig übersehen werde.[17]

Ein weiteres Gegenargument zur Fließbandtheorie ist die Beobachtung, dass nicht alle Mitglieder terroristischer Zellen im gleichen Maße politisiert seien. Zwar treffe es zu, dass die Anführer terroristischer Gruppen meist stark ideologisierte, kognitive Extremisten seien, nicht aber deren Anhänger. Nach Ansicht des amerikanischen Psychologen Randy Borum gibt es unter diesen Anhängern viele Mitläufer, die aus persönlicher Verbundenheit und Gruppenzwang in den gewalttätigen Extremismus hineingerutscht seien, selbst aber keine starken politischen Überzeugungen hätten und demnach keine kognitiven Extremisten seien. Die Gleichung "je extremistischer die Einstellung, desto höher die Gewaltbereitschaft" sei also in vielen Fällen falsch.[18]

Weder die Anhänger der Fließbandhypothese noch deren Gegner haben es geschafft, den Zusammenhang zwischen kognitivem und gewaltbereiten Extremismus vollständig aufzuklären. Kommt es auf die Einstellung kognitiver Extremisten zum politischen System an, wie zum Beispiel der englische Forscher Justin Gest behauptet?[19] Unter welchen Bedingungen genau interessieren sich kognitive Extremisten für Gewalt? Und: Wenn es richtig ist, dass politische Ideen und Ideologien bei der Radikalisierung eine weit geringere Rolle spielen als häufig angenommen, warum kommt es dann überhaupt zur politischen Gewalt? Die grundsätzliche Natur dieser Fragen zeigt, dass es sich bei der Schnittstelle zwischen kognitivem und gewaltbereiten Extremismus um eine zentrale Fragestellung der Radikalisierungsforschung handelt.[20]

Fußnoten

13.
Ulrike Meinhof, Das Konzept Stadtguerilla (1971), in: Texte und Materialien zur Geschichte der RAF, Berlin 1997, S. 27ff.
14.
Vgl. Peter Neumann/M.L.R. Smith, The Strategy of Terrorism: How It Works, and Why It Fails, London 2008.
15.
Vgl. Stefan Malthaner/Peter Waldmann (Hrsg.), Radikale Milieus: Das soziale Umfeld terroristischer Gruppen, Frankfurt/M.–New York 2012.
16.
Vgl. Z. Baran (Anm. 3).
17.
Vgl. Robert Lambert, Empowering Salafis and Islamists against Al-Qaeda: A London Counterterrorism Case Study, in PS: Political Science and Politics, 41 (2008) 4, S. 31–35; Quintan Wiktorowicz, Anatomy of the Salafi Movement, in: Studies in Conflict and Terrorism, 29 (2006) 1, S. 207–239.
18.
Vgl. Randy Borum, Radicalization into Violent Extremism I: A Review of Social Science Theories, in: Journal of Strategic Security, 4 (2011) 4, S. 7–35.
19.
Vgl. Justin Gest, Apart: Alienated and Engaged Muslims in the West, New York 2010.
20.
Vgl. Marc Sageman, The Stagnation of Research on Terrorism, in: Chronicle of Higher Education, 30.4.2013, http://chronicle.com/blogs/conversation/2013/04/30/the-stagnation-of-research-on-terrorism/« (4.6.2013).
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