Hinweisschild - Wende - in der Nähe von Neunkirchen-Seelscheid ( Rhein-Sieg-Kreis ) am Sonntag, 27. Mai 2012.

9.7.2013 | Von:
Peter Neumann

Radikalisierung, Deradikalisierung und Extremismus

Deradikalisierung

Die auf den ersten Blick einfachste Betrachtungsweise der Deradikalisierung ist die als Umkehrung des Prozesses, durch den eine Person zum Extremisten wurde. Es geht so gesehen darum, für jeden "negativen" Einfluss, der zur Radikalisierung beigetragen hat, ein "Gegengift" zu finden, das heißt: einen positiven Einfluss, der der Wirkung des negativen Einflusses entgegensteht oder sie aufhebt.

Die Schwierigkeit bei der Entwicklung dieser "Gegengifte" besteht darin, genau zu wissen, welche Einflüsse auf welche Weise zur Radikalisierung geführt haben. Hierfür gibt es etliche Hypothesen, Modelle und Theorien, die sich zum Teil widersprechen.[21] Die meisten Forscher gehen mittlerweile davon aus, dass es unmöglich – und auch unsinnig – ist, nach einem einzigen, universell gültigen Radikalisierungsmodell zu suchen. Radikalisierungsverläufe, so der Konsens, sind individuell unterschiedlich, auch wenn es Ähnlichkeiten und gemeinsame Elemente gibt, die in vielen dieser Verläufe zu erkennen sind.[22] Generell lassen sich in den meisten Modellen und Theorien drei dieser Elemente ausmachen:
  • Die Erfahrung von Unmut, Unzufriedenheit und Konflikt. Hier kann es sich um einen persönlichen Identitätskonflikt handeln, Ausgrenzungs- und Diskriminierungserfahrungen oder auch politische und soziale Spannungen, die – gemäß dem amerikanischen Sozialwissenschaftler Quintan Wiktorowicz – eine "kognitive Öffnung" produzieren, also eine Bereitschaft, eigene Denkmuster zu überprüfen und mit neuen Ideen und Wertvorstellungen zu experimentieren.[23]

  • Die Annahme einer extremistischen Ideologie. Die Funktion von Ideologien besteht vor allem darin, einen Schuldigen zu identifizieren ("die Juden", "die Ausländer", "der Westen", "das monopol-kapitalistische System"), eine Lösung bereitzustellen ("der Gottesstaat", "nationale Revolution", "die Diktatur des Proletariats") und zur Mitarbeit an diesem Projekt zu motivieren. Soziologen bezeichnend diese Funktionen als "diagnostisch", "prognostisch" und "motivierend".[24]

  • Die Einbindung in Sozial- und Gruppenprozesse. Viele Sozialwissenschaftler argumentieren, dass risikoreiche Formen des politischen Aktivismus – also zum Beispiel die Beteiligung an extremistischen und marginalisierten Gruppen sowie illegale und gewalttätige Aktionen – besonders viel Einsatz und Mut erfordern, die typischerweise das Ergebnis von starken sozialen Bindungen, Gruppenloyalität und -druck sind.[25]
Uneinigkeit besteht zwischen Forschern, wie wichtig diese "Bausteine" sind und in welcher Kombination und Reihenfolge sie innerhalb von Radikalisierungsverläufen auftreten. Auch halten viele Wissenschaftler die oben genannten Elemente zwar für notwendig, aber nicht hinreichend und streiten deshalb über die Bedeutung zusätzlicher Faktoren und Bedingungen. Dass Unmut, Ideologie und Gruppenprozesse wichtig sind, steht allerdings außer Frage. Bei den allermeisten Ansätzen zur Deradikalisierung geht es dementsprechend darum, Konflikte zu mindern, die zur kognitiven Öffnung geführt haben, der extremistischen Ideologie entgegenzuwirken oder Personen aus ihren (extremistischen) sozialen Umfeldern herauszulösen.

Zusätzlich zur Umkehr des Radikalisierungsprozesses zielen viele Deradikalisierungsansätze darauf ab, Gefühle des Zweifels und der Enttäuschung bei Mitgliedern extremistischer Gruppen zu verstärken. Hierbei kann der Ansatzpunkt rein persönlicher Natur sein, also zum Beispiel Erschöpfungsgefühle nach jahrelanger Verfolgung und Tätigkeit im Untergrund oder der Wunsch nach einer grundsätzlichen Neuorientierung, Gründung einer Familie, stabilen Beziehung oder ähnliches. Oft geht es auch um die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit, die sich vielen Mitgliedern extremistischer Organisationen offenbart, beispielsweise die Brutalität, die im Gegensatz zu den vermeintlich hehren Zielen der Gruppe steht, oder das persönliche Fehlverhalten von – und Konflikte mit – Anführern und Mitstreitern.[26]

Wie bei der Radikalisierung können auch Deradikalisierungsprozesse unterschiedliche Ziele haben, je nachdem, ob es darum geht, die Ideen und Einstellungen einer Person zu ändern oder deren Handeln. Wissenschaftler unterscheiden deshalb zwischen kognitiver Deradikalisierung und Demobilisierung (behavioural de-radicalisation).[27]

Kognitive Deradikalisierung

Bei der kognitiven Deradikalisierung geht es darum, eine Person von ihren extremistischen Überzeugungen abzubringen. Hierdurch, so die Theorie, wird nicht nur die Ursache des kognitiven Extremismus behoben, sondern auch die Rechtfertigung für jegliche Form extremistischen Handelns. Bei der kognitiven Deradikalisierung geht es konsequenterweise nicht nur um die Herauslösung aus extremistischen sozialen Umfeldern und die Beilegung von Spannungen und Konflikten, sondern auch um ideologische Überzeugungsarbeit. Nach Ansicht vieler Wissenschaftler ist dies der anspruchsvollste Deradikalisierungsansatz, denn er rüttelt an Überzeugungen, die von Extremisten als wahr akzeptiert wurden und in vielen Fällen zum Teil der Identität geworden sind. Aus der Sozialpsychologie ist bekannt, dass Menschen Widersprüchen und Konflikten mit dem eigenen Selbstverständnis aus dem Weg gehen (kognitive Dissonanz) und sich gegen direkte, plumpe oder aggressive Überzeugungsversuche zur Wehr setzen (Reaktanz). Im schlimmsten Fall können Deradikalisierungs-Anstrengungen nach diesem Muster zu Bumerangeffekten führen, als deren Folge sich die ursprünglichen (extremistischen) Überzeugungen verfestigen.[28]

Grundsätzlich stellt sich außerdem die Frage, welche Überzeugungen "nicht-extremistisch" oder moderat sind, ab welchem Punkt also ein Extremist als kognitiv deradikalisiert gelten soll. Wegen der Relativität des Extremismusbegriffs sind auch hier ganz unterschiedliche Deutungen möglich. Ist zum Beispiel ein vormaliger Neonazi dann deradikalisiert, wenn er die verfassungsmäßige Ordnung akzeptiert, aber dennoch ausländerfeindliche Ansichten vertritt, die er oder sie innerhalb des Systems durchsetzen möchte? Welche Meinungen und Ideen sind innerhalb eines gewissen Kontexts akzeptabel, welche nicht? Und ganz praktisch: Wie lässt sich Deradikalisierung messen und über welchen Zeitraum müssen "moderate" Einstellungen vertreten werden, um eine dauerhafte Deradikalisierung zu beweisen und das Risiko eines "Rückfalls" auszuschließen?

Fußnoten

21.
Vgl. R. Borum (Anm. 18).
22.
Vgl. Ebd.
23.
Quintan Wiktorowicz, Radical Islam Rising: Muslim Extremism in the West, London 2005, S. 20–24.
24.
Vgl. Donatella della Porta/Mario Diani (eds.), Social Movements: An Introduction, Oxford 20062, S. 74–88.
25.
Vgl. Marc Sageman, Understanding Terror Networks, Philadelphia 2004, S. 99–136.
26.
John Horgan, Individual disengagement: A Psychological Analysis, in Tore Bjorgo/John Horgan (eds.), Leaving Terrorism Behind: Individual and Collective Disengagement, Abingdon, 2009, S. 21f.
27.
Vgl. Omar Ashour, The Deradicalization of Jihadists, Abingdon 2009.
28.
Vgl. Anja Dalgaard-Nielsen, Promoting Exit from Violent Extremism: Themes and Approaches, in: Studies in Conflict and Terrorism, 36 (2013) 2, S. 99–115.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Peter Neumann für bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Linker und rechter Extremismus
Übersichtsseite

Extremismus

Extremismus hat viele Gesichter: Rechtsextremismus, Linksextremismus, Antisemitismus und Islamismus beschreiben Ideologien, die den demokratischen Verfassungsstaat ablehnen.

Mehr lesen

Publikation zum Thema

Coverbild APuZ - Jahresband 2013

APuZ - Jahresband 2013

Der APuZ-Jahresband 2013: Sämtliche Ausgaben der Zeitschrift “Aus Politik und Zeitgeschichte” aus dem Jahr 2013. Weiter...

Zum Shop