Hinweisschild - Wende - in der Nähe von Neunkirchen-Seelscheid ( Rhein-Sieg-Kreis ) am Sonntag, 27. Mai 2012.

9.7.2013 | Von:
Roland Eckert

Radikalisierung – Eine soziologische Perspektive

Gefährlich ist der Mensch als Spezies, nicht obwohl, sondern gerade weil er ein soziales Wesen ist. Menschen definieren sich auch über die Zugehörigkeit zu Gruppen, überschreiten in allen Gesellschaften und Kulturen ihre individuelle Existenz in Richtung auf Gemeinschaften und beziehen sich auf deren Herkunft und Zukunft. Nicht nur unmittelbar erfahrene, sondern auch vorgestellte Gemeinschaften, imagined communities,[1] können Lebenssinn vorhalten. Diese definieren sich über Abstammung und Sprache, über Nachbarschaft und Territorien, über Glaubensbekenntnisse und Klassenlagen. Zugehörigkeiten legen generell besondere Fürsorgepflichten nahe, so wie sie den Eltern und Kindern geschuldet oder den Freunden und Nachbarn zuerkannt werden. Menschen fühlen sich aber auch immer wieder verpflichtet, für ihre Gemeinschaften zu leben und notfalls auch zu kämpfen, zu töten und zu sterben. Daher können Nicht-Zugehörige mit Diskriminierung, Vertreibung und Tötung bedroht werden. Ob es soweit kommt, ist eine Frage der Konflikteskalation und der Radikalisierung auf einer oder mehreren Seiten: "Functionally, political radicalization is increased preparation for and commitment to intergroup conflict. Descriptively, radicalization means change in beliefs, feelings, and behaviors in directions that increasingly justify intergroup violence and demand sacrifice in defense of the group."[2]

Im Alltag haben wir als Person nicht nur eine, sondern mehrere Identitäten, die sich auf unsere Biografie und unterschiedliche Gruppenzugehörigkeiten beziehen. So gehören wir einer Familie an, einer Nachbarschaft, verschiedenen Vereinen, vielleicht einer Partei, einer Glaubensgemeinschaft oder Weltanschauung. Der gesellschaftliche Wandel in der Neuzeit hat dazu geführt, dass über die Nachbarschaft hinaus die Nation, das vereinigte Europa und nun auch die Menschheit als Ganze in den Blick geraten sind. Diese verschiedenen Zugehörigkeiten sind nicht konzentrisch ineinander gelagert. Unterschiedliche ethnische Herkünfte, Glaubensgemeinschaften und Lebensformen existieren mehr und mehr neben- und durcheinander. Seit den Religionskriegen des 17. Jahrhunderts wurde immer wieder der Versuch unternommen, die Lebenswelt der Menschen einem einheitlichen religiösen oder nationalen Prinzip zu unterwerfen. Gerade diese Versuche haben über Flucht und Vertreibung insgesamt zu weiterer Vielfältigkeit geführt. Auch die Kolonialreiche haben ethnische und religiöse Identitäten durcheinander gebracht und Wanderungsbewegungen ausgelöst. Im Gegenzug artikulieren sich bis heute immer wieder Ideen, die eine neue Homogenität schaffen wollen. Einzelne Zugehörigkeiten, vor allem die ethnische oder die religiöse Gemeinschaft, aber auch die Nation oder die Klasse werden zu einem politischen Prinzip erhoben, das eine neue Einheit stiften soll.

Krieg, Frieden und Identität

Die Vielfalt der Zugehörigkeiten, die unser Leben bestimmen, ist nicht stabil, sondern antwortet auf äußere Herausforderungen. Im Kampf und im Krieg, in Sieg oder Niederlage wird sie häufig auf Freund-Feindbeziehungen reduziert. In den Balkankriegen der vergangenen Jahrzehnte zeigte sich, dass die Feindschaft zwischen den Menschen dem Krieg zumeist nicht vorausging, sondern in ihm selbst erzeugt wurde.[3] Angst zwang die Menschen, sich der einen oder der anderen Seite zuzuordnen.[4] Diese "Vereindeutigung" der Gruppenzugehörigkeit findet in Kampf und Krieg nahezu zwangsläufig statt. Sie kann aber auch gezielt von Ideologen und Hasspredigern hergestellt werden, um zum Kampf zu motivieren. Man sagt den Menschen dann, dass sie angegriffen würden, sich verteidigen müssten und dass es letztlich um Leben oder Tod ihrer Gemeinschaft gehe – beziehungsweise einer Religion, einer kulturellen Tradition oder eines Volkes. In Friedenszeiten kann sich die Vielfalt der Lebensformen und Zugehörigkeiten zumeist wieder ausdifferenzieren.

Religiöse und politische Glaubensvorstellungen, die sich mit der Vielfalt, Heterogenität und Widersprüchlichkeit einer modernen Gesellschaft nicht abfinden, können inhaltlich höchst unterschiedlich sein. Formal beruhen sie jedoch alle auf zwei identifizierbaren kognitiven Operationen: erstens der Vereindeutigung der gesellschaftlichen Zugehörigkeiten zu Gunsten einer einzelnen geglaubten Gemeinschaft und zweitens der Vorstellung des Kampfes, den diese für ihre Geltung oder für ihr Überleben zu führen habe. Diesen Prozessen können Menschen in Zeiten manifester Konflikte nur schwer ausweichen. Das Grundmuster radikaler Ideologien und verschworener Gemeinschaften ist obendrein dauerhaft attraktiv für Menschen, die in ihren fundamentalen sozialen Bindungen verletzt sind und glauben, sich durch dichte Freund-Feindbeziehungen und eindeutige Koordinaten von Gut und Böse heilen zu können.[5]

Solch "identitäres" Denken ist gegenwärtig auf kleine Gruppen beschränkt. Es findet jedoch größere Resonanz, wenn die Lebensformen unterschiedlicher Gruppen unvereinbar erscheinen. Ungelöste oder unbearbeitete Einzelkonflikte bringen dann spektakuläre Ereignisse hervor, die wiederum den Bedrohungsglauben auf beiden Seiten verstärken. Auf diese Weise werden Irritationen, die weit verbreitet, aber nicht notwendig aggressiv sind, in ein Freund-Feindverhältnis überführt, das keinen Kompromiss mehr zulässt und zum Kampf motiviert. So kann eine institutionalisierte Paranoia entstehen: heute sind es zum Beispiel antiislamische "Pro"-Aktivisten und Salafisten, die sich wechselseitig in ihrem Selbst- und Feindbild bestätigen. Das kann weitreichende Handlungskonsequenzen haben. Manche Mitglieder solcher Gruppen fühlen sich verpflichtet, die "Feinde", die "Verräter" und notfalls sich selbst zu opfern: dem "Überleben" der Gemeinschaft, der sie sich zugehörig fühlen. Politische Gewalt kann dann für sie die höchste Stufe des Altruismus sein.

Nun führt nicht jede dichotome und polarisierte Weltanschauung zur Gewalt. Die meisten fundamentalistischen Bewegungen sind nicht gewalttätig[6] und schließen sich lediglich möglichst eindeutig von der Außenwelt ab. Umgekehrt können aber Gewaltdrohung und Gewaltanwendung kleinster weltanschaulicher oder ethnischer Gruppen die Radikalisierung größerer Bevölkerungsteile vorantreiben – und haben dies zumeist zum Ziel. Wie von Rassisten oft gesagt wird: Gewalttaten sollen den Volks- oder Rassenkrieg auslösen.[7] In den radikalisierten Gemeinschaften herrscht ein Wettbewerb um moralische Überlegenheit, der schließlich über Einsatzbereitschaft und Opfermut entschieden wird. Einzelne und kleine Gruppen beglaubigen ihre Radikalität durch Gewalttaten, mit denen sie – beabsichtigt oder unbeabsichtigt – die Brücken hinter sich abbrechen.

Fußnoten

1.
Vgl. Benedict Anderson, Die Erfindung der Nation, Frankfurt/M. 1988.
2.
Clark McCauley/Sophia Moskalenko, Mechanisms of political radicalization: Pathways toward terrorism, in: Terrorism and Political Violence, 20 (2008) 3, S. 415–433; siehe auch Roland Eckert, Die Dynamik der Radikalisierung – Über Konfliktregulierung, Demokratie und die Logik der Gewalt, Weinheim-Basel 2012.
3.
Vgl. Duško Sekulić et al., Ethnic intolerance and ethnic conflict in the dissolution of Yugoslavia, in: Ethnic and Racial Studies, 29 (2006) 5, S. 797–827.
4.
Vgl. Mirjana Morokvasic-Müller, Interethnische Ehe in Zeiten von Nationalismus und Gewalt: Das Beispiel des ehemaligen Jugoslawien, in: Judith Schlehe (Hrsg.), Interkulturelle Geschlechterforschung, Frankfurt/M. 2001.
5.
Vgl. Saskia Lützinger, Die Sicht der Anderen – Eine qualitative Studie zu Biographien von Extremisten und Terroristen, Köln 2010.
6.
Vgl. Martin E. Marty/R. Scott Appleby, Conclusion: An Interim Report on a Hypothetical Family, in: dies. (eds.), Fundamentalisms observed, Chicago 1991.
7.
Vgl. Roland Eckert, Rechtsterrorismus und Sicherheitsbehörden, in: Verdikt, 12 (2013) 1, S. 4–11.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Roland Eckert für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Linker und rechter Extremismus
Übersichtsseite

Extremismus

Extremismus hat viele Gesichter: Rechtsextremismus, Linksextremismus, Antisemitismus und Islamismus beschreiben Ideologien, die den demokratischen Verfassungsstaat ablehnen.

Mehr lesen

Publikation zum Thema

Coverbild APuZ - Jahresband 2013

APuZ - Jahresband 2013

Der APuZ-Jahresband 2013: Sämtliche Ausgaben der Zeitschrift “Aus Politik und Zeitgeschichte” aus dem Jahr 2013. Weiter...

Zum Shop