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9.7.2013 | Von:
Guido Steinberg

Jihadistische Radikalisierung im Internet und mögliche Gegenmaßnahmen

Der islamistische Terrorismus scheint sich in den vergangenen Jahren verändert zu haben. Dominierten bis ungefähr 2010/2011 große Organisationen wie al-Qaida das Geschehen, entsteht zumindest in der westlichen Welt der Eindruck einer Entwicklung hin zu terroristischen Aktivitäten jihadistischer Einzeltäter und Kleingruppen. Die Hinweise darauf verdichteten sich im Frühjahr 2013, als in mehreren europäischen und nordamerikanischen Ländern junge Jihadisten Anschläge organisierten. Der öffentliche Mord an einem britischen Soldaten in London am 23. Mai war der bisherige Höhepunkt dieser Entwicklung: Zwei nigerianischstämmige Briten fuhren den Mann zunächst mit einem Auto an und töteten ihn anschließend mit Stichwaffen. Nur etwa einen Monat früher, am 15. April 2013, hatten zwei tschetschenischstämmige Brüder selbstgebastelte Bomben nahe des Zieleinlaufs des Boston-Marathons platziert. Die Detonationen töteten drei Menschen und verletzten mehr als zweihundert. In Deutschland wurden kurz zuvor vier Männer mehrheitlich deutscher Herkunft verhaftet, weil sie laut Bundesanwaltschaft einen Mordanschlag auf den Vorsitzenden der rechtspopulistischen Pro-NRW-Partei geplant hatten. Zumindest einer der vier soll auch an einem vereitelten Bombenanschlag auf den Bonner Hauptbahnhof im Dezember 2012 beteiligt gewesen sein. Damals hatten Unbekannte eine Reisetasche auf einem belebten Bahnsteig abgestellt, die darin versteckte Bombe zündete jedoch nicht. In all diesen Fällen scheinen die Täter keine Hilfe von großen terroristischen Organisationen wie al-Qaida, der Islamischen Bewegung Usbekistans oder der Lashkar-e Tayyiba in Anspruch genommen zu haben.

Seit 2004 bereits gab es in Europa Anschläge ähnlicher Machart, bei denen die Urheberschaft der al-Qaida oder anderer Gruppierungen nicht nachgewiesen werden konnte. Hierzu gehörten vor allem die Ermordung des niederländischen Filmemachers Theo van Gogh im November 2004 und der gescheiterte Anschlag der "Kofferbomber" in Nordrhein-Westfalen im Juli 2006. Im Frühjahr 2013 jedoch schien es so, als ob die Zahl von Anschlagsversuchen und auch von erfolgreichen Attentaten von Einzeltätern zunehme. Bei der Suche nach den Gründen für diese Entwicklung wurden meist das Internet und die zunehmende Reichweite der Propaganda genannt. Tatsächlich nutzen al-Qaida und ihre Verbündeten das Internet seit mehr als einem Jahrzehnt, um ihre Unterstützer und Sympathisanten zu mobilisieren. Video- und Audiobotschaften und andere Texte werden vermehrt in europäische Sprachen übersetzt und haben zu einer Radikalisierung junger Muslime in Europa und Nordamerika beigetragen. Die sozialen Medien schließlich beschleunigten die Verbreitung des Materials zusätzlich.

Was für dramatische Folgen diese Art des virtuellen Einwirkens auf junge Sympathisanten haben kann, zeigte sich am Beispiel des in Deutschland aufgewachsenen Kosovaren Arid Uka (geb. 1990). Am 2. März 2011 verübte dieser den ersten erfolgreichen jihadistischen Anschlag in Deutschland, als er zwei amerikanische Soldaten am Flughafen Frankfurt/Main erschoss und zwei weitere schwer verletzte. Uka radikalisierte sich fast ausschließlich über das Internet. Zum Zeitpunkt der Tat hatte er bereits seit mindestens vier Jahren auf jihadistischen Webseiten gesurft, jedoch erst kurz vor der Tat über entsprechende Aktivitäten nachgedacht. In der Nacht vor dem Anschlag hatte er sich einen Propagandafilm der Islamischen Bewegung Usbekistans (IBU) angesehen, den er im Internet gefunden hatte. Der Film zeigte angeblich dokumentarische Videos von sexuellen Übergriffen amerikanischer Soldaten gegen irakische und afghanische Frauen. Vor diesem Hintergrund rief der deutsch-marokkanische Sprecher des Videos, Yassin Chouka alias Abu Ibrahim al-Almani dazu auf, die Frauen im Irak und in Afghanistan vor amerikanischen Vergewaltigern zu schützen. Dieses Videos veranlasste Uka, am nächsten Morgen zum Flughafen zu fahren und amerikanische Soldaten, die auf dem Weg nach Afghanistan waren, zu töten.[1] Dass es der IBU allein durch ein besonders eindrucksvolles Internetvideo und den eindringlichen Appell eines ihrer Propagandisten gelungen war, einen jungen Mann in Deutschland zu einem Anschlag zu verleiten, rückte die Bedeutung des Internets für die Radikalisierung junger Muslime ins Zentrum des Interesses. Die Frage nach geeigneten Gegenmaßnahmen wurde zu einem der wichtigsten Themen in der westlichen Terrorismusbekämpfung.

Wachsender Einfluss der Internetradikalisierung

Der Fall Uka war der vorläufige Höhepunkt in einer langen Entwicklung des jihadistischen Internets, die zwischen den späten 1990er Jahren und 2013 in drei Phasen verlief. Die jihadistische Netzpropaganda weitete sich so schnell aus, dass westliche Regierungen und ihre Sicherheitsbehörden große Schwierigkeiten hatten, den Entwicklungen zu folgen. Dabei nutzten die Jihadisten das Internet als eine Art Krückstock in Krisenzeiten: Al-Qaida und andere Organisationen intensivierten ihre Öffentlichkeitsarbeit vor allem dann, wenn sie unter dem Verfolgungsdruck der USA und ihrer Verbündeten besonders stark litten. Die zunehmende Bedeutung des Internets seit 2010/2011 ebenso wie das Auftreten von Einzeltätern und unabhängigen Kleingruppen sind deshalb ein Indiz für die Schwäche der großen Organisationen und vor allem für die von al-Qaida.

Vereinzelte Webseiten (bis 2001): In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre entstanden die ersten Webseiten mit jihadistischen Inhalten. Es waren zunächst einzelne Aktivisten in der Diaspora, die die Öffentlichkeitsarbeit für die sich formierende jihadistische Bewegung übernahmen. Die wohl einflussreichste Webseite war azzam.com, die 1996 eingerichtet wurde und auf Englisch publizierte. Sie war nach dem Palästinenser Abdallah Azzam (1941–1989) benannt, dem vielleicht wichtigsten Gründervater der Bewegung. Sie lieferte vor allem Bilder und Informationen zum Kampf in Tschetschenien, dem seinerzeit wichtigsten Anliegen der Jihadisten.[2] Noch wichtiger als azzam.com wurde die um 1998 eingerichtete Webseite alneda.com.[3] Sie war arabischsprachig und das Sprachrohr der 1997 gegründeten al-Qaida, die die Seite in erster Linie zur Verbreitung von ideologischem Material in einem kleinen Kreis von Eingeweihten nutzte.

Ausweitung der Netzpräsenz und (audiovisuelle) Professionalisierung (2002–2007): Ab 2002/2003 gründeten jihadistische Organisationen eigene Medienproduktionsfirmen, die ihre Produkte fortan durch inhaltliche und formale Merkmale wie zum Beispiel Logos authentifizierten. Die erste Medienstelle war as-Sahab (die Wolken), die von al-Qaida in Pakistan betrieben wird. Sie ist auch die mit Abstand bedeutsamste, weil sie sämtliche Video- und Audiobotschaften der al-Qaida-Führung seit 2001 produziert hat. Bemerkenswert ist vor allem, dass sie ihre Aktivitäten in einer Phase ausweitete, als die al-Qaida-Zentrale nach dem Verlust ihrer Basis in Afghanistan unter besonders großem Druck stand. Dank der Arbeit von as-Sahab konnte al-Qaida trotz ihrer Schwäche den Eindruck erwecken, als stelle sie weiterhin eine gefährliche Bedrohung für die USA und ihre Verbündeten dar.

Die arabischen Organisationen verzichteten schon früh in dieser Phase auf eigene Webseiten. Vielmehr nutzten sie eine Vielzahl vorwiegend arabischsprachiger, von Unterstützern gegründete Webforen, die ihren Nutzern im Gegensatz zu herkömmlichen Webseiten die Möglichkeit bieten, miteinander in Kontakt zu treten und zu diskutieren. Diese Foren wurden zum mit Abstand wichtigsten Mittel der transnationalen Vernetzung und des Ideologietransfers. Ein gravierendes Problem der Anfangszeit scheint der sichere Kontakt zwischen den Medienstellen und den Foren gewesen zu sein. Der Standort der Medienstellen befindet sich in der Regel in geografischer Nähe der Organisationen. Die Foren hingegen werden mehrheitlich in Europa und in der arabischen Welt betrieben. Da zunächst keine direkte Verbindung zu den Medienstellen bestand, bauten murasil (Korrespondent) genannte Vertreter dieser Stellen den Kontakt zu zuverlässigen Administratoren der Foren auf. 2004 schufen sie mit al-Fajr (Morgendämmerung) eine gemeinsame virtuelle Plattform, die die Materialverteilung organisierte.

Der Irakkrieg und seine Folgen prägten in dieser Phase die Internetpropaganda der Jihadisten. Für den Aufstand gegen die amerikanischen Truppen und den neuen irakischen Staat wurden Tausende junge Männer aus der arabischen Welt und Europa mobilisiert. Die jihadistische Propaganda erfuhr einen ungeheuren Schub. Die weit überwiegende Mehrzahl der in diesen Jahren publizierten Materialien hatte Ereignisse im Irak zum Thema. Die irakischen Jihadisten profitierten dabei von technischen Neuerungen, die vor allem die audiovisuelle Propaganda begünstigten. Seit 2003 war auch im Irak Breitbandinternet verfügbar, preiswerte digitale Kameras und einfach zu bedienende Videoschnittprogramme erleichterten die Produktion.[4] In den folgenden Jahren wurden Videos immer wichtiger für die jihadistische Propaganda.

Ein weiterer Entwicklungsschritt war die Übersetzung jihadistischen Propagandamaterials – das bis dato meist nur in Arabisch vorlag – in immer mehr Sprachen. Einzelne Aktivisten und größere Zusammenschlüsse begannen damit, vermehrt Material in europäische Sprachen und ins Türkische zu übersetzen. Parallel dazu entstanden zahlreiche neue Webseiten und Foren, die in der westlichen Welt und der Türkei eingerichtet und verwaltet wurden. Infolgedessen verbreitete sich jihadistisches Gedankengut insbesondere ab 2003 weltweit.

Verschärfter Verfolgungsdruck, Misstrauen und neue soziale Medien (ab 2008): Die Foren bilden bis heute den Kernbereich des jihadistischen Internets und sind immer noch der wichtigste Ort, an dem Materialien an die Öffentlichkeit lanciert, Informationen ausgetauscht und Diskussionen geführt werden. Doch machte sich seit 2007 in der Internetszene großes Misstrauen breit, weil westliche Sicherheitsbehörden einzelne Foren unterwandert hatten.

Zum ersten großen Blackout kam es am sechsten Jahrestag der Anschläge vom 11. September 2001. Im Juli 2007 taten sich Netzaktivisten in den USA zusammen und wandten sich an Provider, die daraufhin erreichbare jihadistische Seiten vom Netz nahmen. Anschließend dauerte es Monate, bis die wichtigsten Foren wieder geöffnet waren. Die Aktion schien die Nutzer stark verunsichert zu haben.[5] 2008 gelang westlichen Sicherheitsbehörden ein ähnlicher Coup, indem sie am 10. September zwei Server in Malaysia lahmlegten. Al-Qaida hatte geplant, über diese zum Jahrestag der Anschläge von New York und Washington ein wichtiges Video ins Netz zu stellen. Dies gelang erst erheblich später.[6] In den nächsten Jahren wurden wichtige Foren mehrfach vom Netz genommen. Das Misstrauen in der Internetszene wurde zusehends größer. Denn wenn es westlichen und arabischen Sicherheitsbehörden gelingen konnte, die wichtigsten Foren durch Hackerangriffe zu schließen, bestand auch die Gefahr, dass neu eingerichtete Foren von eben diesen Behörden betrieben wurden, um Sympathisanten und Unterstützer zu bewegen, Informationen preiszugeben. Und solche Seiten, die im Jargon der Nachrichtendienste honey pots (Honigtöpfe) genannt werden, existierten tatsächlich.[7]

Heute existieren deutlich weniger Foren als noch 2007, und auch die Inhalte haben an Qualität eingebüßt. Es wird nicht mehr so offen diskutiert wie noch vor wenigen Jahren. Prominente Diskussionsteilnehmer wie ehemals Humam al-Balawi (auch bekannt unter dem Namen Abu Dujana al-Khorasani), der spätere al-Qaida-Kommandeur Atiyatallah Abu Abdarrahman oder auch der al-Qaida-Funktionär Adnan Shukrijuma sind nicht mehr im Netz aktiv. Viele bekannte Internetaktivisten sind tot, verhaftet oder meiden die Foren aus Sicherheitsgründen. Insgesamt lässt deshalb auch das Interesse der Sympathisanten nach, was sich nicht zuletzt in der verringerten Frequenz von Beiträgen niederschlägt.

Seit 2008 hat sich die jihadistische Präsenz im Internet infolge der technischen Entwicklung weiter diversifiziert und multimedial angereichert. Dies zeigt sich vor allem in der Nutzung von sozialen Medien wie Facebook und Twitter und von Videoplattformen wie Youtube. Diese Medien erlauben es den Jihadisten einerseits, Propagandamaterial sehr viel weiter zu verbreiten und größere Zielgruppen zu erreichen als bisher. Außerdem bietet die Interaktivität dieser Medien den Jihadisten die Möglichkeit, Individuen und Gruppen im Netz gezielt anzusprechen statt darauf zu warten, dass Internetnutzer auf ihre Webseiten zugreifen.[8] Andererseits ist es kaum möglich, Plattformen wie Facebook zu nutzen, ohne wichtige Informationen über sich preiszugeben, womit sich extremistische Nutzer der potenziellen Verfolgung durch Sicherheitsbehörden aussetzen. Infolgedessen meiden aktive Terroristen und die wichtigen Propagandisten Facebook, die neuen Medien sind daher vornehmlich ein Tummelplatz der Sympathisanten und Unterstützer. Auch die verstärkte Nutzung von Youtube führte zu einer weiteren Verbreitung vieler Videos. Doch setzte sich damit lediglich ein Trend fort, der bereits um 2003/2004 begonnen hatte: Videos sind seit dieser Zeit als Träger jihadistischer Propaganda immer wichtiger geworden und waren ein bedeutsames Element aller einschlägigen Foren.

Fußnoten

1.
Zum Fall Uka im Detail vgl. Guido Steinberg, German Jihad. On the Internationalization of Islamist Terrorism, New York 2013, S. 3–7.
2.
Vgl. Yassin Musharbash, Die neue Al-Qaida. Innenansichten eines lernenden Terrornetzwerks, Köln 2006, S. 102ff.
3.
Arabisch nida – der Ruf, Aufruf, gemeint ist der Aufruf zum Jihad.
4.
Vgl. Asiem El Difraoui, jihad.de. Jihadistische Online-Propaganda: Empfehlungen für Gegenmaßnahmen in Deutschland, SWP-Studie 5/2012, S. 12.
5.
Vgl. Yassin Musharbash, Bin Ladens Truppen beklagen Blackout im Cyber-Space, 23.9.2007, http://www.spiegel.de/politik/ausland/logbuch-al-qaida-bin-ladens-truppen-beklagen-blackout-im-cyber-space-a-506744.html« (13.6.2013).
6.
Vgl. ders., Bin Ladens Intranet, in: Der Spiegel, Nr. 39 vom 22.9.2008, S. 127.
7.
Vgl. Ellen Nakashima, Dismantling of Saudi-CIA Web Site Illustrates Need for Clearer Cyberwar Policies, in: Washington Post vom 19.3.2010.
8.
Vgl. Gabriel Weimann, Terrorist Facebook: Terrorists and Online Social Networking, in: Mark Last/Abraham Kandel (eds.), Web Intelligence and Security. Advances in Data and Text Mining Techniques for Detecting and Preventing Terrorist Activities on the Web, Amsterdam u.a. 2010, S. 19–29.
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Autor: Guido Steinberg für bpb.de
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