Hinweisschild - Wende - in der Nähe von Neunkirchen-Seelscheid ( Rhein-Sieg-Kreis ) am Sonntag, 27. Mai 2012.

9.7.2013 | Von:
Judy Korn
PD Dr. Harald Weilnböck

Der lange Abschied von Hass und Gewalt

Wir warn ein paar Kumpels. Wussten nich, wat wa noch machen sollten den Abend. Alle hatten schon was getrunken außer mir. Ick bin denn gefahren. Naja, und dann standen wa da vor dem Asylantenheim." Wenn jugendliche Gewalttäter über ihre Taten berichten sollen, haben sie oft große Schwierigkeiten, diese überhaupt in Worte zu fassen. Zumeist tun sie das Geschehene in zwei, drei Sätzen ab. "Ick hab eigentlich gar nüscht gemacht. Ick bin ja nur gefahrn." Die Konsequenzen ihrer Tat blenden sie aus. Dass René[1] gemeinsam mit Freunden ein Asylbewerberheim in Brandenburg in Brand steckte, in dessen Folge ein Wachmann sein Leben verlor, lässt er geflissentlich weg.

Verbrechen, die aus Rassenhass oder gruppenbezogenen Ressentiments begangen werden (Hassdelikte) sind die stärkste Form antisozialen Verhaltens, die das Gefüge demokratischer Staaten zu zerstören drohen. Verbale und körperliche Attacken auf ausgewählte Gruppen, motiviert durch menschenverachtende Weltanschauungen mit politischem oder religiösem Hintergrund, untergraben die bürgerlichen Rechtsgrundsätze, auf die sich liberale und gewaltfreie Gesellschaften geeinigt haben. Im Gegensatz zu sexuellen Delikten und häuslicher Gewalt, die Wissenschaftler weitgehend erforscht haben und zu denen bereits Interventionsmaßnahmen entwickelt wurden, steckt die Auseinandersetzung mit gruppenbezogenen Hassdelikten bedauerlicherweise noch in den Kinderschuhen. Bisher wissen wir nicht sehr viel darüber, wie die Entwicklung von Feindbildern und Extremismuskarrieren bei gefährdeten Jugendlichen verhindert werden und wie ihren Neigungen, die von Diskriminierung über Schikane bis hin zu Gewalt und Terror reichen, entschärfend begegnet werden kann. Aus diesem Grund gestaltet es sich als schwierig, die lähmenden und gefährdenden Auswirkungen intoleranter Ideologien auf das soziale Gemeinwesen und den Staat abzuwenden.[2]

Trotz dieser empirisch noch sehr mageren Lage gibt es in der Praxis eine immer größer werdende Anzahl von Organisationen und Einzelpersonen, die andere erfolgreich dabei unterstützen, sich von Gewalt und Hass zu verabschieden, einen neuen Weg zu beschreiten, ihr Handeln und Denken zu hinterfragen und menschenverachtende Ideologien abzulegen. Aus diesen Praxiserfahrungen lassen sich Standards ableiten, die ein Gelingen deradikalisierender Interventionen wahrscheinlich machen.

Verantwortungspädagogik – Ansatz und Vernetzung

Violence Prevention Network ist ein Verbund erfahrener Fachkräfte, die seit Jahren mit Erfolg in der Extremismusprävention und Deradikalisierung extremistisch motivierter Gewalttäter tätig sind. Das Team von Violence Prevention Network arbeitet seit 2001 im Bereich der Verringerung von ideologisch motivierten schweren und schwersten Gewalttaten von Jugendlichen und Erwachsenen. Das in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung entwickelte Programm "Verantwortung übernehmen – Abschied von Hass und Gewalt" wendet sich sowohl an fundamentalistisch als auch an rechtsextremistisch gefährdete Gewalttäter im Strafvollzug. In einem Stabilisierungscoaching können die Teilnehmer auch nach der Entlassung bis zu einem Jahr weiter in ihrem Ausstiegsprozess begleitet werden.

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Programmbausteine "Verantwortung übernehmen – Abschied von Hass und Gewalt"

Die Kernstücke des Programms stellen die rund fünf-monatigen Trainingseinheiten dar, die von je zwei Trainern in einer Gruppe mit maximal acht Teilnehmern umgesetzt werden. Es umfasst in der Regel 23 Trainingseinheiten und findet wöchentlich innerhalb der Haftanstalt statt.

Ein Kriterium für die Teilnahme ist die Freiwilligkeit, ein weiteres die Bereitschaft, in der Gruppe offen über sein Leben und die begangene Straftat zu sprechen und die innerhalb der Gruppe verabredeten Regeln einzuhalten. Alles, was in der Gruppe gesagt und besprochen wird, unterliegt der Vertraulichkeit.

Die Lernziele der Teilnehmer bestehen darin, ihr Gewaltverhalten zu verstehen und zu verändern, das Grundrecht auf Menschenwürde und Unversehrtheit jedes Menschen zu akzeptieren, Konflikte gewaltfrei zu lösen, Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen, Distanz gegenüber Extremismus und menschenverachtenden Ideologien zu entwickeln und ihre Zukunftsplanung eigenverantwortlich zu gestalten.

Die Aufarbeitung von Tat und Motivation, das Hinterfragen der Rechtfertigungsmuster, verlässliche Beziehungsarbeit, wertschätzende Akzeptanz der Person bei zeitgleicher Kritik des schädigenden Verhaltens und die ständige Bereitschaft zur Auseinandersetzung erzeugen einen persönlichen Erkenntnisgewinn, der im Gegensatz zu klassischen Methoden der Konditionierung eine nachhaltige Veränderung im Verhalten befördert und Distanzierungsprozesse auslöst.

Durch das (Wieder-)Herstellen von fünf wesentlichen Kompetenzen (Beziehungsfähigkeit, Empathievermögen, Selbstreflexion, Verantwortungsbewusstsein, Stärkung des Selbstwertgefühls) werden die Teilnehmer in ihrem Veränderungsprozess unterstützt.

Durch seine Arbeit mit extremistisch gefährdeten Jugendlichen hat sich das Team von Violence Prevention Network über Jahre eine bundesweit anerkannte Expertise im Bereich der Arbeit mit extremistisch motivierten Straftätern erworben. Mit der Methode der Verantwortungspädagogik hat das Netzwerk einen demütigungsfreien Weg der Ansprache von Menschen gefunden, die sich antidemokratischen Strukturen angeschlossen haben, und kann ihnen so die Rückkehr in das demokratische Gemeinwesen ermöglichen. Seit 2001 haben über 700 jugendliche, extremistisch gefährdete Gewalttäter am Programm "Verantwortung übernehmen – Abschied von Hass und Gewalt" teilgenommen. Ihre Re-Inhaftierungsquote liegt bei 13,3 Prozent, fast 70 Prozent unter dem bundesdeutschen Durchschnitt.

Aufgrund seiner Expertise und Erfahrung auf dem Gebiet der Deradikalisierung gehört Violence Prevention Network dem Steering Committee des Radicalisation Awareness Network (RAN) an, das von der EU-Kommissarin für Innenpolitik, Cecilia Malmström, als Antwort auf die steigende Anzahl extremistischer und terroristischer Akte in der Europäischen Union gegründet wurde. Seit 2012 leitet Violence Prevention Network gemeinsam mit EXIT Schweden die Working Group "Deradicalisation" bei RAN. Ebenfalls 2012 beauftragte die Europäische Kommission Violence Prevention Network mit der Gründung des European Network of Deradicalisation (ENOD),[3] einer Plattform, die Nichtregierungsorganisationen (NGOs) im Feld der Deradikalsierungsarbeit die Möglichkeit gibt, ihre europäische Best-Practice-Ansätze zu bündeln und einem breiten Kreis von Praktikern zur Verfügung zu stellen.

Grundlage dieses Kooperationsgedankens ist die Annahme, dass es vor allem die erfahrenen Praxisfachleute sind, die bei der Umsetzung von pädagogischen Interventionen für extremistisch und auf Gewalt orientierte junge Menschen eine tragende Rolle übernehmen sollten, ebenso bei der Aufklärung der Öffentlichkeit und der Schulung von Personal der staatlichen Organe. Den Praktikern und Praktikerinnen aus dem Nichtregierungsbereich fällt es in der Regel leichter als den öffentlich Bediensteten, zu den schwer erreichbaren Milieus mit hohem Risikopotenzial Zugang zu finden, mit Sprache, Verhaltensweisen und kulturellen Narrativen von radikalisierten Personen umzugehen und in überzeugender Weise Diskretion zuzusichern. Zudem haben sie zum Teil einen ähnlichen biografischen Hintergrund wie ihre "Klienten". Dies unterstützt den Aufbau einer vertrauens- und wirkungsvollen Arbeitsbeziehung – eine unverzichtbare Bedingung, wenn die Entschärfung extremistischer Gewaltpotenziale überhaupt möglich werden soll.[4] Diese Grundannahme wurde unter anderem bereits 2009 im sogenannten Stockholm-Programm der EU-Kommission formuliert.[5]

Hervorgehend aus zahlreichen Tagungen, Gesprächen und Konferenzen auf europäischer Ebene sowie neuesten Forschungsergebnissen entstanden die sogenannten "Good Practice Guidelines and Principles", die für die Deradikalisierung und Extremismusprävention richtungsweisend sind. Violence Prevention Network sowie viele NGOs im europäischen Raum verstehen diese Richtlinien bereits jetzt als Grundlage ihrer Arbeit oder sind dabei, sie in ihrer Arbeit zu implementieren.[6]

Fußnoten

1.
René ist ein Teilnehmer des im Folgenden beschriebenen Deradikalisierungsprogramms.
2.
Einige Abschnitte dieses Artikels wurden übernommen aus: Harald Weilnböck, Das narrative Prinzip: "Good Practice"-Interventionen im Kontext des Radicalisation Awareness Network (RAN), in: Friedrich Ebert Stiftung (Hrsg.), Rechtsextremismus in Europa. Länderanalysen, Gegenstrategien und arbeitsmarktorientierte Ausstiegsarbeit, Berlin 2013.
3.
http://www.enod.eu« (24.6.2013).
4.
Vgl. H. Weilnböck (Anm. 2), S. 399.
5.
Vgl. The Stockholm Programme – An open and secure Europe serving and protecting citizens (2010/C 115/01).
6.
Vgl. H. Weilnböck (Anm. 2), S. 402–411.
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Autoren: Judy Korn, PD Dr. Harald Weilnböck für bpb.de
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