Hinweisschild - Wende - in der Nähe von Neunkirchen-Seelscheid ( Rhein-Sieg-Kreis ) am Sonntag, 27. Mai 2012.
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9.7.2013 | Von:
Judy Korn
PD Dr. Harald Weilnböck

Der lange Abschied von Hass und Gewalt

Wir warn ein paar Kumpels. Wussten nich, wat wa noch machen sollten den Abend. Alle hatten schon was getrunken außer mir. Ick bin denn gefahren. Naja, und dann standen wa da vor dem Asylantenheim." Wenn jugendliche Gewalttäter über ihre Taten berichten sollen, haben sie oft große Schwierigkeiten, diese überhaupt in Worte zu fassen. Zumeist tun sie das Geschehene in zwei, drei Sätzen ab. "Ick hab eigentlich gar nüscht gemacht. Ick bin ja nur gefahrn." Die Konsequenzen ihrer Tat blenden sie aus. Dass René[1] gemeinsam mit Freunden ein Asylbewerberheim in Brandenburg in Brand steckte, in dessen Folge ein Wachmann sein Leben verlor, lässt er geflissentlich weg.

Verbrechen, die aus Rassenhass oder gruppenbezogenen Ressentiments begangen werden (Hassdelikte) sind die stärkste Form antisozialen Verhaltens, die das Gefüge demokratischer Staaten zu zerstören drohen. Verbale und körperliche Attacken auf ausgewählte Gruppen, motiviert durch menschenverachtende Weltanschauungen mit politischem oder religiösem Hintergrund, untergraben die bürgerlichen Rechtsgrundsätze, auf die sich liberale und gewaltfreie Gesellschaften geeinigt haben. Im Gegensatz zu sexuellen Delikten und häuslicher Gewalt, die Wissenschaftler weitgehend erforscht haben und zu denen bereits Interventionsmaßnahmen entwickelt wurden, steckt die Auseinandersetzung mit gruppenbezogenen Hassdelikten bedauerlicherweise noch in den Kinderschuhen. Bisher wissen wir nicht sehr viel darüber, wie die Entwicklung von Feindbildern und Extremismuskarrieren bei gefährdeten Jugendlichen verhindert werden und wie ihren Neigungen, die von Diskriminierung über Schikane bis hin zu Gewalt und Terror reichen, entschärfend begegnet werden kann. Aus diesem Grund gestaltet es sich als schwierig, die lähmenden und gefährdenden Auswirkungen intoleranter Ideologien auf das soziale Gemeinwesen und den Staat abzuwenden.[2]

Trotz dieser empirisch noch sehr mageren Lage gibt es in der Praxis eine immer größer werdende Anzahl von Organisationen und Einzelpersonen, die andere erfolgreich dabei unterstützen, sich von Gewalt und Hass zu verabschieden, einen neuen Weg zu beschreiten, ihr Handeln und Denken zu hinterfragen und menschenverachtende Ideologien abzulegen. Aus diesen Praxiserfahrungen lassen sich Standards ableiten, die ein Gelingen deradikalisierender Interventionen wahrscheinlich machen.

Verantwortungspädagogik – Ansatz und Vernetzung

Violence Prevention Network ist ein Verbund erfahrener Fachkräfte, die seit Jahren mit Erfolg in der Extremismusprävention und Deradikalisierung extremistisch motivierter Gewalttäter tätig sind. Das Team von Violence Prevention Network arbeitet seit 2001 im Bereich der Verringerung von ideologisch motivierten schweren und schwersten Gewalttaten von Jugendlichen und Erwachsenen. Das in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung entwickelte Programm "Verantwortung übernehmen – Abschied von Hass und Gewalt" wendet sich sowohl an fundamentalistisch als auch an rechtsextremistisch gefährdete Gewalttäter im Strafvollzug. In einem Stabilisierungscoaching können die Teilnehmer auch nach der Entlassung bis zu einem Jahr weiter in ihrem Ausstiegsprozess begleitet werden.

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Programmbausteine "Verantwortung übernehmen – Abschied von Hass und Gewalt"

Die Kernstücke des Programms stellen die rund fünf-monatigen Trainingseinheiten dar, die von je zwei Trainern in einer Gruppe mit maximal acht Teilnehmern umgesetzt werden. Es umfasst in der Regel 23 Trainingseinheiten und findet wöchentlich innerhalb der Haftanstalt statt.

Ein Kriterium für die Teilnahme ist die Freiwilligkeit, ein weiteres die Bereitschaft, in der Gruppe offen über sein Leben und die begangene Straftat zu sprechen und die innerhalb der Gruppe verabredeten Regeln einzuhalten. Alles, was in der Gruppe gesagt und besprochen wird, unterliegt der Vertraulichkeit.

Die Lernziele der Teilnehmer bestehen darin, ihr Gewaltverhalten zu verstehen und zu verändern, das Grundrecht auf Menschenwürde und Unversehrtheit jedes Menschen zu akzeptieren, Konflikte gewaltfrei zu lösen, Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen, Distanz gegenüber Extremismus und menschenverachtenden Ideologien zu entwickeln und ihre Zukunftsplanung eigenverantwortlich zu gestalten.

Die Aufarbeitung von Tat und Motivation, das Hinterfragen der Rechtfertigungsmuster, verlässliche Beziehungsarbeit, wertschätzende Akzeptanz der Person bei zeitgleicher Kritik des schädigenden Verhaltens und die ständige Bereitschaft zur Auseinandersetzung erzeugen einen persönlichen Erkenntnisgewinn, der im Gegensatz zu klassischen Methoden der Konditionierung eine nachhaltige Veränderung im Verhalten befördert und Distanzierungsprozesse auslöst.

Durch das (Wieder-)Herstellen von fünf wesentlichen Kompetenzen (Beziehungsfähigkeit, Empathievermögen, Selbstreflexion, Verantwortungsbewusstsein, Stärkung des Selbstwertgefühls) werden die Teilnehmer in ihrem Veränderungsprozess unterstützt.


Durch seine Arbeit mit extremistisch gefährdeten Jugendlichen hat sich das Team von Violence Prevention Network über Jahre eine bundesweit anerkannte Expertise im Bereich der Arbeit mit extremistisch motivierten Straftätern erworben. Mit der Methode der Verantwortungspädagogik hat das Netzwerk einen demütigungsfreien Weg der Ansprache von Menschen gefunden, die sich antidemokratischen Strukturen angeschlossen haben, und kann ihnen so die Rückkehr in das demokratische Gemeinwesen ermöglichen. Seit 2001 haben über 700 jugendliche, extremistisch gefährdete Gewalttäter am Programm "Verantwortung übernehmen – Abschied von Hass und Gewalt" teilgenommen. Ihre Re-Inhaftierungsquote liegt bei 13,3 Prozent, fast 70 Prozent unter dem bundesdeutschen Durchschnitt.

Aufgrund seiner Expertise und Erfahrung auf dem Gebiet der Deradikalisierung gehört Violence Prevention Network dem Steering Committee des Radicalisation Awareness Network (RAN) an, das von der EU-Kommissarin für Innenpolitik, Cecilia Malmström, als Antwort auf die steigende Anzahl extremistischer und terroristischer Akte in der Europäischen Union gegründet wurde. Seit 2012 leitet Violence Prevention Network gemeinsam mit EXIT Schweden die Working Group "Deradicalisation" bei RAN. Ebenfalls 2012 beauftragte die Europäische Kommission Violence Prevention Network mit der Gründung des European Network of Deradicalisation (ENOD),[3] einer Plattform, die Nichtregierungsorganisationen (NGOs) im Feld der Deradikalsierungsarbeit die Möglichkeit gibt, ihre europäische Best-Practice-Ansätze zu bündeln und einem breiten Kreis von Praktikern zur Verfügung zu stellen.

Grundlage dieses Kooperationsgedankens ist die Annahme, dass es vor allem die erfahrenen Praxisfachleute sind, die bei der Umsetzung von pädagogischen Interventionen für extremistisch und auf Gewalt orientierte junge Menschen eine tragende Rolle übernehmen sollten, ebenso bei der Aufklärung der Öffentlichkeit und der Schulung von Personal der staatlichen Organe. Den Praktikern und Praktikerinnen aus dem Nichtregierungsbereich fällt es in der Regel leichter als den öffentlich Bediensteten, zu den schwer erreichbaren Milieus mit hohem Risikopotenzial Zugang zu finden, mit Sprache, Verhaltensweisen und kulturellen Narrativen von radikalisierten Personen umzugehen und in überzeugender Weise Diskretion zuzusichern. Zudem haben sie zum Teil einen ähnlichen biografischen Hintergrund wie ihre "Klienten". Dies unterstützt den Aufbau einer vertrauens- und wirkungsvollen Arbeitsbeziehung – eine unverzichtbare Bedingung, wenn die Entschärfung extremistischer Gewaltpotenziale überhaupt möglich werden soll.[4] Diese Grundannahme wurde unter anderem bereits 2009 im sogenannten Stockholm-Programm der EU-Kommission formuliert.[5]

Hervorgehend aus zahlreichen Tagungen, Gesprächen und Konferenzen auf europäischer Ebene sowie neuesten Forschungsergebnissen entstanden die sogenannten "Good Practice Guidelines and Principles", die für die Deradikalisierung und Extremismusprävention richtungsweisend sind. Violence Prevention Network sowie viele NGOs im europäischen Raum verstehen diese Richtlinien bereits jetzt als Grundlage ihrer Arbeit oder sind dabei, sie in ihrer Arbeit zu implementieren.[6]

Good Practice Guidelines and Principles

Aufbau von Vertrauen und Beziehungen: Interventionen, die sich in der empirischen Forschung als nachhaltig wirkungsvoll, das heißt als "Bewährte Praxis" (good practice) erwiesen haben, beruhen wesentlich auf einer intensiven, respektvollen und vertraulichen Arbeitsbeziehung. Nur auf dieser Grundlage können die tief verinnerlichten Überzeugungen und Identitätsanteile einer Person in Frage gestellt und ein möglicher Einstellungswandel eingeleitet werden. Diese Interventionsverfahren bieten einen geschützten und diskreten Raum, um sowohl zwischen Klienten und Fachkräften als auch unter den Klienten als eigenständige Gruppe einen tragfähigen persönlichen Austausch herzustellen. Die Herstellung einer solchen Vertrauensbasis stellt eine überaus anspruchsvolle Aufgabe dar, da es gilt, einen Personentyp für sich zu gewinnen, der sich von der Gesellschaft und den staatlichen Organen häufig hochgradig entfremdet hat und aus diesem Grund überaus misstrauisch und unberechenbar sein kann. Der Aufbau persönlichen Vertrauens, der wesentlich auch auf wirksam zugesicherter Vertraulichkeit beruht, ist eine unabdingbare Voraussetzung für jede Herangehensweise der "bewährten Praxis", um durch Hass und Extremismus bedingte Verbrechen und auch Terrorismus in kleinem und großem Rahmen zu verhindern, beziehungsweise aufzuarbeiten. Eine vertrauensvolle Arbeitsbeziehung unterscheidet sich erheblich von der fraternisierenden Kameradschaft, die unter "Kumpels", Gefährten oder Gangmitgliedern herrscht und sich zuweilen auch zwischen Sozialarbeitern und ihren Klienten entwickeln kann, oft mit kontraproduktiven Folgen. Demgegenüber gründet sich eine stabile persönliche Arbeitsbeziehung immer sowohl auf Unterstützung und Respekt, als auch auf Konfrontation und Kritik. Darüber hinaus sind solche Arbeitsbeziehungen konkret auf gemeinsam vereinbarte Ziele bezogen, die in Zukunft erarbeitet werden sollen (zum Beispiel die Entwicklung verschiedener gewünschter Kompetenzen des Klienten). An dieser Stelle sollte nicht unerwähnt bleiben, dass die Fähigkeit, eine solche vertrauensvolle Arbeitsbeziehung mit den nicht leicht erreichbaren Klienten herzustellen, gleichermaßen auf dem persönlichen Talent der Fachkräfte beruht, wie sie auch durch intensive Weiterbildung befestigt und erhalten werden muss. Violence Prevention Network legt daher größten Wert auf die Ausbildung der eingesetzten Trainerinnen und Trainer und die ständige Weiterbildung im Rahmen von mehrmals jährlich stattfindenden Veranstaltungen.

Narratives Verfahren und Lebenswelt als Schwerpunkte: Die Praktiker und Praktikerinnen aus der "bewährten Praxis" richten ihren Schwerpunkt, im Gegensatz zur argumentativen oder ideologischen Diskussion, generell darauf aus, einen narrativen Austausch zu ermöglichen. "Narrativer Austausch" meint hierbei, dass in Gesprächen zwischen Klient und Fachkraft persönlich durchlebte Erfahrungen, Ereignisse und Begegnungen geteilt werden, die subjektiv betrachtete autobiografische Erinnerungen umfassen und eine emotionale Bedeutung in sich tragen. Worum es dabei besonders geht, ist die Entstehung eines Dialogs zwischen zwei Lebenswelten, der in die Entwicklung eines persönlichen Arbeitsbezugs mündet. An dieser Stelle greifen der narrative Austausch und die Schaffung von Vertrauen ineinander.

Wirklich erfolgreich praktizierende Fachkräfte im Bereich der Deradikalisierung sind deshalb in der Lage, bei ihren Klienten die Bereitschaft zu einem narrativen Austausch zu wecken und emotional maßgebliche Erinnerungen oder Beobachtungen auszutauschen, denen auch zwischenmenschliche und/oder soziale Konflikte innewohnen.

Dieser Schwerpunkt auf vertrauensbasiertem Erzählen kann sowohl Gefühle von Verlegenheit, Scham, Unsicherheit, Furcht oder Hilflosigkeit zutage fördern, als auch Aggressivität oder Feindseligkeit hervorrufen. Natürlich sind genau diese Emotionen häufig Auslöser für Akte von Hass und Gewalt gewesen, weshalb äußerst behutsam mit ihnen umgegangen werden muss. Der Fokus auf das Narrative wird somit einerseits Erfahrungen von persönlicher Zwiespältigkeit, Widersprüchlichkeit und innerem Konflikt ans Licht bringen, aber zugleich ebenso Einsichten befördern, die einen Kompromiss erleichtern können. Wichtig ist die gleichberechtigte Wahrnehmung und Anerkennung all dieser Impulse.

Gerade diese Widersprüchlichkeit erklärt, warum modularisiertere Konzepte oder kognitive Trainingsansätze weit schneller Anhänger finden, als das hier beschriebene Prinzip. Die Widersprüchlichkeit der Emotionen zu handhaben und daraus einen fruchtbaren Lernprozess für den Klienten zu gestalten, erfordert ein hohes Maß an Flexibilität und eigenverantwortlichem Gestalten des Prozesses. Ein festgelegtes Abarbeiten von vorab ausgearbeiteten Lerneinheiten ist nicht umsetzbar.

Hierbei ist ausdrücklich zu unterstreichen, dass den viel beschworenen "extremistischen Narrativen"[7] im Grunde gar keine narrative Qualität eigen ist. Sie umfassen also kaum subjektive Erfahrungen des Erzählenden aus erster Hand. Extremisten vermeiden instinktiv, in subjektive Erzählungen zu geraten, sondern bevorzugen stattdessen Argumentatives und Wortgefechte – denn gerade dies stabilisiert ihre feindliche Ideologie, und sie können der persönlichen Ebene des Austauschs ausweichen. Aus ebendiesem Grund sind die Verfahrensweisen der "bewährten Praxis" so bestrebt, alles Meinungshafte und alle Streitfragen in einen narrativen Austausch zu überführen, um so auch die Bereiche der persönlichen Erfahrung zu ergründen. Denn die Stärkung und Förderung der narrativen Fähigkeiten ist geeignet, den persönlichen Wandel, die Entwicklung und daraus folgend die Deradikalisierung des Klienten zu befördern.

Emotionale Intelligenz: Deradikalisierende Interventionen auf Grundlage von "bewährter Praxis" fördern das emotionale Lernen und die emotionale Intelligenz. Genauer gesagt, streben sie nach der Förderung dessen, was als "Konflikt-Intelligenz" bezeichnet werden könnte: die Fähigkeit, auf produktive Weise mit Konflikten umzugehen. Folglich legen solche Interventionen keinen Wert auf reine Bildungsthemen oder intellektuelle Fragestellungen. Im Mittelpunkt stehen vielmehr der subjektive – und zumeist konfliktträchtige – Aspekt eines Themas und zudem Fragen der Identität. Emotionales Lernen steht hierbei im Vordergrund, da Vorurteile und Feindseligkeiten, die häufig Konflikte und Hassdelikte zur Folge haben, primär von Affekten geleitet sind, auch wenn sie sich zuweilen hinter einer kognitiven oder ideologischen Maske verstecken.

Freiwillige Teilnahme und stufenweise Kooperation: Die Teilnahme an Interventionsprogrammen auf Grundlage von "bewährter Praxis", die bei der Deradikalisierung und gegen Hassdelikte angewandt werden, erfolgt ausschließlich auf freiwilliger Basis. Die Programme funktionieren am besten, wenn die Teilnehmer ernsthaft persönlich motiviert sind. Daher ist es unverzichtbar, dass sie aus freiem Willen kommen, es wird ihnen nicht auferlegt, nichts ist erzwungen oder angeordnet. Scheidet der Klient aus, dürfen ihm deswegen keine Vorhaltungen gemacht, noch darf es in der Akte vermerkt werden. Werden diese Grundregeln konsequent beachtet, ist die Rate der Abbrecher minimal und bewegt sich normalerweise zwischen drei bis fünf Prozent (bei Violence Prevention Network bei null bis zwei Prozent). Aus demselben Grund sollten den potenziellen Teilnehmern – wenn überhaupt – nur moderate Anreize gegeben werden. Gleichwohl schließt das Prinzip der freiwilligen Teilnahme niemals ein persönliches Motivationsgespräch und ein Mentoring aus. Sobald ein mögliches Interesse bekundet wurde, unterstützen solche Formen der Förderung den Klienten dabei, sich für die Teilnahme an einem Deradikalisierungsprogramm zu entscheiden und einen persönlichen Wandel einzuleiten.

Gruppenbasierte Interventionen: Bei einigen Interventionen aus "bewährter Praxis" finden die wichtigsten Arbeitsphasen in und mit der Gruppe statt. Hierbei richtet sich das Augenmerk auf die Gruppendynamik und die Beziehungen, die die Teilnehmer untereinander entwickeln. Grundsätzlich kann gesagt werden, dass Gruppenarbeit stets einen effektiven und tiefgreifenden Einfluss auf die Deradikalisierung der Teilnehmer hat. Es muss dennoch stets sichergestellt werden, dass eine bestimmte Intensität nicht überschritten wird. Sollte die Notwendigkeit bestehen, ist es Aufgabe der professionellen Prozessbegleiter und Prozessbegleiterinnen, ausgleichend zu wirken und ein ausgewogenes Maß an Gruppenarbeit, pädagogischen Übungen und ergänzenden Gesprächen unter vier Augen herzustellen. Diese Vorgehensweise ist insbesondere dann wichtig, wenn ein Klient die Institution wechselt oder einen bestimmten Lebensabschnitt hinter sich lässt (beispielsweise Haft, Bewährungszeit, Lebensgemeinschaft, Schule, Beschäftigung).

Prozessoffene und partizipative Ansätze – sowie methodologische Flexibilität: Die Herangehensweisen der "bewährten Praxis" basieren auf einer prozessoffenen Interaktion. Dieser Ansatz verwendet die Anliegen und Reaktionen der Teilnehmer, die sich im Laufe der Gruppenarbeit ergeben, als Arbeitsgrundlage und ergründet sie schrittweise weiter, während die Prozessbegleiter und Prozessbegleiterinnen sich darauf beschränken, gegebenenfalls Vorschläge einzubringen. Es gibt keinen strikten Lehrplan, keinen festen Stundenplan und nie dieselben Instrumentarien, um die Interventionen zu steuern; sie sind vielmehr von methodologischer Flexibilität und Eklektizismus geprägt. Um in Gruppen mit schwer zugänglichen Klienten eine Atmosphäre von Vertrauen, Respekt und persönlichem Engagement zu entwickeln, ist eine Interaktion mit offenen Prozessen, allseitiger Partizipation und Selbsterforschungscharakter unverzichtbar.

Klienten, die aus Subkulturen kommen, in denen gewalttätiger Extremismus und Hass gegenüber Anderen und Anderem die Norm sind, werden ihre Gesinnung und ihr Verhalten kaum ändern, weil sie durch einen moralischen Appell dazu angehalten wurden oder ein kognitives Verhaltenstraining mit einer festgelegten Modulstruktur absolviert haben. Im Gegensatz dazu ist es sinnvoller, dass sich die Teilnehmer mit den Fragen und Themen auseinandersetzen, die aufgrund ihres Verhaltens und ihrer Vergehen entstanden sind, obwohl und gerade weil sie es nicht gewöhnt sind. Typischerweise schließt das auch Themen wie Vorurteile, Extremismus und Schikane ein, die sich überwiegend aus den persönlichen Lebensgeschichten der Klienten ergeben. Es geht darum, sie zu eigenverantwortlichen Veränderungsschritten zu ermutigen, weniger um Überredungskünste und Belehrungen.

Mögliche Themen und Fragen prozessorientierter Deradikalisierungsarbeit

Wenn die zuvor erläuterten methodologischen Prinzipien der narrativen Gruppenarbeit erfolgreich umgesetzt wurden und die Gruppenmitglieder sich mehr und mehr auf den Prozess einlassen, kommen in der Gruppenarbeit häufig folgende Themen und Anliegen zur Sprache beziehungsweise können von den Prozessbegleitern und Prozessbegleiterinnen vorgeschlagen werden:
  • Gemeinsame oder individuelle Probleme in der Biografie sowie mit den sozialen Lebensumständen.
  • Erfahrungen mit instabilen familiären Verhältnissen, funktionsgestörtem elterlichem Verhalten und chronischem häuslichen Beziehungsstress (der den Klienten häufig nicht bewusst ist). Diese Phänomene umfassen oftmals Vernachlässigung, Erniedrigung und mit Gewalt verbundene Schikane, auch wenn die Klienten dazu neigen, den Einfluss solcher Erfahrungen zu schmälern oder abzustreiten. Häufig berichten Klienten auch von Alkohol- und Drogenmissbrauch als dysfunktionale Bewältigungsstrategien in ihren Familien.
  • Die eigenen Verhaltensmuster in der Gruppe: Es ist davon auszugehen, dass einige Klienten versuchen, Macht auszuüben, ihre vermeintliche Überlegenheit zu demonstrieren, andere Gruppenmitglieder zu verunglimpfen oder zu unterdrücken.
  • Ereignisse oder Erfahrungen in einer Clique von Gleichaltrigen, die als Ersatzfamilie dient und zu der die Klienten in hohem Maße eine Abhängigkeit entwickeln können.
  • Erfahrungen mit persönlicher Rekrutierung durch radikale Organisationen.
  • Freundschaft und Loyalität kontra Abhängigkeit und Unterwerfung.
  • Gender-Themen wie Männlichkeit, Kategorien der sexuellen Attraktivität, Homosexualität und anderes mehr.
  • Politische oder religiöse Themen, in deren Kontext die Teilnehmer ihr Engagement und ihren Glauben diskutieren und reflektieren. Möglicherweise müssen sie sich hier mit den vereinfachten Denkmustern und pseudologischen Erklärungen auseinandersetzen, die ihrem Verhalten zugrunde liegen. Darüber hinaus können in den Gruppengesprächen auch geopolitische Konflikte, wie sie in den Medien dargestellt werden, zur Sprache kommen.
Besonders wichtig ist die Auseinandersetzung mit dem Gewaltakt (Gewaltsitzung). Hier erzählt der Klient von einer Lebenssituation, in der er in der Rolle des Täters war und Delikte von Hass, Verunglimpfung oder Gewalt gegenüber anderen verübt hat. Gruppensitzungen, die sich mit den begangenen Gewaltakten auseinandersetzen, sind, im erzählerischen wie emotionalen Sinn, besonders intensiv. Zudem werden sie manchmal mit ihrem mutmaßlichen Gegenteil verknüpft: eigene Erfahrungen von Schikane und Verunglimpfung. Erfahrungen in Forschung und Praxis zeigen deutlich, dass diese Vorfälle in einem offenen, ins Detail gehenden, emotional ehrlichen Austausch aufgearbeitet und geklärt werden müssen.

Im Gegensatz dazu sind kognitive Programme für Verhaltenstraining mit Modulstruktur nicht dazu geeignet, persönliche Fähigkeiten für die gewaltfreie Interaktion zu entwickeln – zumindest nicht in der Form, wie solche Programme derzeit in vielen Bereichen der Interventionsarbeit umgesetzt werden. Kognitive Verhaltensansätze versetzen Vermittler und Klienten sogar dazu in die Lage, direkte narrative Interaktionen gänzlich zu meiden. Sie bewirken Folgsamkeit anstatt, vonseiten des Klienten, eine persönliche Wandlung einzuleiten.

Politische Bildung: Debatte über wahrgenommene und tatsächliche Ungerechtigkeiten

In den Ansätzen der "bewährten Praxis" überwiegt der narrative, emotionale, an der Lebenswelt der Klienten orientierte Austausch zu Recht. Dennoch sind Inhalte der politischen Bildung und politischen Debatte elementarer Bestandteil, auch wenn es erfahrungsgemäß problematisch ist, mit Klienten, die fundamentalistische oder extremistische Neigungen haben, über Ideologie und Moral zu sprechen. Grund dafür ist, dass ihr antisoziales Verhalten ursprünglich weder durch ideologische Gesinnungen noch moralische Bedenken motiviert war. Diese Komponenten wurden vielmehr häufig als Rechtfertigung für das eigene Verhalten wie eine neue Schicht über eine bereits vorhandene gewalttätige und extremistische Disposition gelegt. Personen mit extremistischer Disposition haben die ideologischen Gesinnungen und die damit verbundenen vereinfachten Einstellungen und Meinungen bereits verinnerlicht. Die Prozessbegleiter und Prozessbegleiterinnen müssen ergründen, wie tief solche Gesinnungen in der persönlichen Lebensgeschichte einer Person verwurzelt sind und wie gründlich die emotionale Verstrickung ist. Anstelle eines Diskussions-"Gewinns", sollte der Prozessbegleiter oder die Prozessbegleiterin auf der Ebene von Erkenntnis und Haltung höchstens danach streben, "Samen des Zweifels" zu säen. In dieser Klientengruppe gelten weder Zweifel, Fragen noch Zwiespältigkeit im Allgemeinen als akzeptierbare Bewusstseinshaltungen. Sollten in den Gesprächen von den Teilnehmern gefühlte Ungerechtigkeiten – ob real oder eingebildet sei erst einmal dahingestellt – zum Ausdruck gebracht werden, sind diese mit besonderer Aufmerksamkeit zu behandeln.

Begleitend gibt die ideologische Haltung der Prozessbegleiter und Prozessbegleiterinnen zudem oftmals Anlass zum Gespräch. Sie ist zugleich Möglichkeit der Reibung für den Klienten und vermag die angesprochenen Zweifel zu säen. Durch eine bis dahin entwickelte Beziehung zu dem Klienten sieht sich dieser nun mit einer ihm nahestehenden, wertvollen Person konfrontiert, die "anders denkt". Dieser Umstand der Irritation gibt oftmals mehr Anlass zu beginnender Selbstreflexion als das Thema der Irritation selbst.

Pädagogische Übungen

Es gibt eine Reihe traditioneller Methoden, die im Rahmen pädagogischer Gruppenarbeit hilfreich sind, die Bedeutung von Demokratie und Menschenrechten in der Praxis zu beleuchten. "Diversity Training", "Anti-Bias-Work" und ähnliche Herangehensweisen – so sie nicht verordnet oder übertrieben werden – können Mitglieder einer Gruppe dazu befähigen, ihre rassistischen Neigungen, die andere Menschen ausgrenzen und herabsetzen, aufzuarbeiten. Diese Ansätze können den Klienten dabei unterstützen, ein Wertesystem zu vermitteln, das mit den Ansprüchen einer liberalen Gesellschaft vereinbar ist, wobei die Klienten gleichzeitig ihre Chancen auf eine verantwortungsbewusste Staatsbürgerschaft erhöhen.

Geschichte und Biografie

"Bewährte Praktiken" gegen Extremismus und Hassdelikte haben immer auch eine (lebens-)geschichtliche Dimension, auch wenn diese hier sicherlich viel unmittelbarer ist, als dies in einer lehrplangemäßen "Geschichtsstunde" gewöhnlich erreichbar ist. Geschichte (im weiteren Sinn, wie in den Interventionen vorgesehen) legt nahe, dass Dinge sich in einer gewissen Zeit entwickeln und ihre Ergebnisse von bestimmten prägenden Umständen der realen Welt abhängen. In unserem speziellen Kontext lehrt Geschichte jedoch vor allem, dass das Leben und seine Ergebnisse, zumindest prinzipiell, ge- und verändert werden können. Folglich ist entscheidend, dass die Biografien der einzelnen Klienten und ihre Verankerung in den jeweiligen Familiengeschichten den Ausgangspunkt der Interventionen bilden. Sind diese speziellen individuellen Geschichten einmal aufgeklärt worden, können die Prozessbegleiter und Prozessbegleiterinnen die Aufmerksamkeit auf einen weiter gefassten, sozialpolitischen Sinn von Geschichte lenken.

Epilog

Zurück zu René, dem Protagonisten aus dem Deradikalisierungstraining, der seit acht Wochen am Training teilnimmt. Er wird durch die Teilnahme keine Hafterleichterungen oder -verkürzungen bekommen, aber das Training ist eine willkommene Abwechslung im Haftalltag. Nach anfänglicher Skepsis hat er Vertrauen zu den beiden Trainern gefasst. Thomas und Peter kommen nicht wie die üblichen Sozialpädagogen daher, die er schon von einem früheren Gefängnisaufenthalt kennt. In Einzelgesprächen haben sie ihn zu seinem Leben befragt, und ihr Interesse an seiner Person hat dazu geführt, dass er sich öffnen konnte. Heute ist es für René nun soweit. Seine Gewalttat wird aufgearbeitet. Minutiös und vor den sieben Mithäftlingen, die mit ihm in der Gruppe sind.

Nachdem René ein paar Sätze gesagt hat, weiß er nicht mehr weiter. Peter hilft ihm. "Na, was haste denn genau gemacht? Wo standest Du, als der Wachmann verprügelt wurde? Wer hat den Benzinkanister geholt?" Anhand dieser Fragen werden die Trainer den Tathergang im weiteren Verlauf der Gruppensitzung zusammen mit René und der Gruppe rekonstruieren. Die Gruppe übernimmt dabei die Rolle der "kritischen Experten", sind doch alle aus ähnlichen Gründen im Gefängnis gelandet wie René. Hält René sich anfänglich noch für unschuldig, wird er im Verlauf der Sitzung zunehmend nachdenklicher. Auch die anderen Teilnehmer stellen Fragen, wollen genau wissen, was René gemacht hat. "Woher kam der Schlagring?" Aber auch "Wer rief den Krankenwagen?" Nach und nach ergibt sich ein Bild des Nachmittags an dem ein Wachmann starb und acht Asylbewerber durch den Brand schwere Rauchverletzungen davontrugen. Nach drei Stunden haben sie gemeinsam herausgearbeitet, dass René selbstverständlich Verantwortung für das trägt, was dort in der Nähe von Dörrwalde passiert ist. Auch wenn er nicht selbst das Feuer gelegt hat, hat er den Kanister zur Verfügung gestellt. Und auch, wenn er sich an dem Gewaltakt gegen den Wachmann nicht aktiv beteiligt hat, war das Tatwerkzeug seins. Und nicht zuletzt, weil er das Fluchtauto fuhr, in dem er und seine Freunde schließlich entkamen, trägt er eine Mitverantwortung. Positiv angerechnet wird ihm von der Gruppe, dass er noch von unterwegs einen Krankenwagen angerufen hat. Unterm Strich bleibt aber die Erkenntnis, dass er keineswegs unschuldig ist und sich jetzt Gedanken machen kann, wie er in Zukunft reagiert, wenn seine Freunde ihn an der Bushaltestelle in Dörrwalde fragen, ob er wieder "Ausländer klatschen" gehen will.[8]
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Fußnoten

1.
René ist ein Teilnehmer des im Folgenden beschriebenen Deradikalisierungsprogramms.
2.
Einige Abschnitte dieses Artikels wurden übernommen aus: Harald Weilnböck, Das narrative Prinzip: "Good Practice"-Interventionen im Kontext des Radicalisation Awareness Network (RAN), in: Friedrich Ebert Stiftung (Hrsg.), Rechtsextremismus in Europa. Länderanalysen, Gegenstrategien und arbeitsmarktorientierte Ausstiegsarbeit, Berlin 2013.
3.
http://www.enod.eu« (24.6.2013).
4.
Vgl. H. Weilnböck (Anm. 2), S. 399.
5.
Vgl. The Stockholm Programme – An open and secure Europe serving and protecting citizens (2010/C 115/01).
6.
Vgl. H. Weilnböck (Anm. 2), S. 402–411.
7.
Siehe auch den Beitrag von Ulrich Dovermann in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
8.
René ist inzwischen entlassen. Einer seiner Trainer hat ihn ein Jahr lang nachbetreut und ihm geholfen eine Ausbildung zum Fernfahrer zu machen. Seit er das Training absolviert hat, versteht er sich auch wieder besser mit seinem Vater. Seine Freundin erwartet ihr gemeinsames erstes Kind.
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Autoren: Judy Korn, PD Dr. Harald Weilnböck für bpb.de
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