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9.7.2013 | Von:
Ulrich Dovermann

Narrative und Gegen-Narrative im Prozess von Radikalisierung und Deradikalisierung

In einem Rollenspiel als Teil eines Argumentationstrainings gegen Rechtsextremismus wird ein Teilnehmer gebeten, die Rolle eines "Nazis" zu übernehmen. Es geht in der Szene um ein Jugendzentrum, das geschlossen werden soll, weil es dort immer wieder zu Vandalismus und Gruppengewalt kommt. In diesem Szenario diskutieren die Teilnehmer als Bürgermeister, Vertreter der Elternschaft, Vertreter der Jugendlichen, Vertreter der Leitung des Jugendzentrums, als Journalist und eben rechtsextremistisch beeinflusste Bürger oder entsprechende Bürgerin. Das Gespräch findet – so die Spielanweisung – in einer Kneipe statt: offene Atmosphäre, Stammtisch-Ambiente, keine institutionellen Zwänge, keine Gesprächsmoderation.[1]

Das Gespräch nimmt fast immer – und es wurde unter meiner Begleitung öfter als 200 mal geführt –[2] einen sehr ähnlichen Verlauf: Der "Nazi" übernimmt schnell die "Stammtischhoheit", er legt die Themen und Unterthemen fest und setzt sie mit Körpersprache, Lautstärke und auch mit schlichter Bedrohung durch. In der Regel hat er den höchsten Redeanteil. Die Gegenwehr der anderen Stammtischteilnehmer ist im ersten Anschein eher schwächlich. Selbst wenn ein beherzter Teilnehmer am Tisch versucht, den Rechtsextremisten rhetorisch oder argumentativ in die Schranken zu weisen oder auf das eigentliche Thema – das Jugendzentrum – zu verweisen, wird er nur selten unterstützt. Und so bleibt am Ende bei den Teilnehmenden, wie auch bei den Beobachtenden, der Eindruck, dass der "Nazi" solche Situationen beherrscht und die Auseinandersetzung "gewinnt".

Die Sicherheit und die fast einheitliche Linie, mit der die "Nazis" ihre Rolle im beschriebenen Sinne und mit den beschriebenen Mitteln spielen und ausgestalten, fällt auf. Und im gleichen Maße muss festgestellt werden, dass die übrigen Teilnehmenden zumeist ihre Situation hinnehmen. Wohlgemerkt: Der "Nazi" wird nicht auf seine Rolle vorbereitet oder mit Regieanweisungen versehen. Es wird zwar grundsätzlich darauf geachtet, dass die Rolle möglichst von einem redegewandten und extrovertierten Spieler oder einer entsprechenden Spielerin übernommen wird, die Übernahme der Rolle erfolgt jedoch immer freiwillig und spontan und ist in der Ausgestaltung offen.

Analysiert man gemeinsam mit den Gruppen die so beschriebenen Spielverläufe, bekommt man erste Aussagen darüber, dass sie das beschriebene Verhalten des Rechtsextremisten erwarten und zum Teil auch schon real erlebt haben. Und man erfährt, wie die Trainingsteilnehmerinnen und -teilnehmer ihre eigenen mangelnden Möglichkeiten bewerten, gegen ein solches radikalisiertes Verhalten anzukommen. Denn sie kennen direkt oder indirekt die Situationen, in denen Täter menschenverachtende Äußerungen aggressiv in eine Diskussion einbringen, die Gesprächsverläufe beherrschen, und ihre Behauptungen mit manchmal überraschenden Versatzstücken begründen. Und das betrifft keineswegs nur junge Menschen. Lehrerinnen und Lehrer, Menschen aus Führungspositionen in der Wirtschaft oder Journalistinnen und Journalisten zeigen durchaus ähnliche Verhaltensweisen und Erfahrungen wie Schülerinnen und Schüler.

Analysiert man dann, was so schwierig an der spezifischen Situation ist, warum einem denn so gar nichts Richtiges einfällt, um den "Nazi" in die Schranken zu weisen, dann kommt man auf zwei wesentliche Faktoren, mit denen es Probleme gibt: zum einen die Affektivität, mit der vorgegangen wird, und zum anderen die wiederkehrenden Narrative.

Affekte und Narrative

Erstens ist da die untergründige Wut, die Ballung von Affekten, die hinter den Aussagen des "Nazis" zu liegen scheinen oder häufig auch tatsächlich liegen und durch Gestik, Sprache, Bildhaftigkeit und Gewaltsymbolik zu Tage treten. Je nach Diskussionsverlauf – im Rollenspiel ebenso wie in realen Situationen – steigert sich dieses Gewaltpotenzial noch. Der Extremist lädt sich durch das Gespräch zusätzlich affektiv auf, entweder weil er angezweifelt wird, oder – und das ist wohl noch öfter der Fall – weil ihn die Passivität der anderen Beteiligten noch zu pushen scheint. Mit dieser latenten Gewalt umzugehen, trauen sich die Teilnehmenden meist nicht zu.[3]

Zweitens fallen merkwürdige Versatzstücke und Behauptungen auf, auf die die Teilnehmer kaum geeignete Reaktionsformen finden. Dem "Nazi" fällt es hingegen selten schwer, seine Forderung nach ethnisch "reinen" Jugendzentren zu begründen, die vorgebliche Gewalt "der Migranten" gegen "die Deutschen" als Ausdruck von Überfremdung und der Gefahr des arischen Untergangs zu deuten oder frühere Zeiten als Vorbild und soldatisches Verhalten als politisch tugendhaft zu bezeichnen. Sein Verlangen nach Parteilichkeit im Interesse der deutschen Jugendlichen und Führungsstärke gegen "weichliche Kompromisse" kommt ihm leicht über die Lippen. Die Trainingsgruppen sind immer wieder überrascht und nicht unmittelbar in der Lage, diesen – offenbar doch bekannten – Narrativen der Rechtsextremisten strategisch, situativ und inhaltlich entgegen zu treten.

Was hier aus den Trainingsgruppen berichtet wurde, kann man ebenso auch in Situationen erleben, in denen ganz real rechtsextreme Haltungen und Meinungen zu Tage treten. Die an vielen Stellen beschworene Familiensituation, in der ein Großvater oder älterer Onkel eine Feier mit nationalsozialistischen Behauptungen aufmischt, die von niemandem so recht eingefangen werden können, ist ein Beispiel. Der Jugendliche, der einen anderen als "Opfer" oder gar pejorativ als "Juden" bezeichnet und ihm eine Vergasung in Aussicht stellt, weil er fremd aussieht oder sich fremdartig verhält, ist ein anderes. Beide Angriffe finden mit hoher Selbstgewissheit, elementarer Gewalt- und Risikobereitschaft und klarem Vorsatz statt, und beiden Angriffen haben die Umstehenden in der Regel wenig entgegenzusetzen. Diese und ähnliche Anfeindungen erfolgen nicht über hochpolitische Abstraktionen oder Parolen. Es sind kurze, prägnante Statements, die allerdings über große Reichweiten im Politischen wie auch im Persönlichen verfügen.

Den skizzenhaft beschriebenen Diskussionsbeiträgen in ihren jeweiligen sozialen Zusammenhängen ist es gemeinsam, dass sie zwar keine Ideologie im Sinne allgemeiner Wahrheitsbehauptungen ausdrücken, aber doch über konkrete Einzelfeststellungen deutlich hinausgehen. Sie sind auch keine eigentlichen Argumente, die sich auf bestimmte Probleme oder den Diskurs beziehen, sondern Versatzstücke einer rechtsextremistischen Weltsicht. Die Frage nach der Schließung des Jugendzentrums wird vom "Nazi" gekontert mit Hinweisen auf Arbeitslager, in denen man früher Disziplin vermittelte, auf überfremdete Gesellschaften, in denen Ausländer den Ton angeben, oder darauf, dass der Leiter des Jugendheims möglicherweise homosexuell sei. Die beschriebenen Versatzstücke einer Weltsicht werden in Anlehnung an den angloamerikanischen Sprachraum als "Narrative" bezeichnet.

Es macht Sinn, wenn man eine gewisse Hierarchie zwischen den verschiedenen Formen extremistischer Statements konstatiert: Diese Hierarchie beginnt bei rein persönlichen Aussagen über bestimmte Menschen oder Ereignisse und endet bei politischen, ideologischen oder dogmatischen Generalbehauptungen. Zwischen diesen Endpunkten findet sich eine breite Palette der unterschiedlichsten Aussageformen in denen sich die ideologischen Grundlagen und Behauptungen erkennen lassen, die aber dennoch auf konkrete Bezüge orientiert bleiben. Hierbei handelt es sich um Narrative, in denen Erlebtes oder Gehörtes zu scheinbaren Zusammenhängen verwoben worden ist. Narrative sind Fragmente, deren Bedeutung und Herkunft sich dem Zuhörer nicht unmittelbar eröffnen. Sie finden sich in unterschiedlichen extremistischen Ausprägungen.

Fußnoten

1.
Vom Fachbereich Extremismus der Bundeszentrale für politische Bildung wurde in den vergangenen zehn Jahren ein Argumentationstraining erprobt und umgesetzt. Teilnehmer sind in der Regel Schülerinnen und Schüler. Eine Verschriftlichung des Konzepts, des Programms und der Erfahrungen ist in Vorbereitung.
2.
Die hohe Zahl resultiert daraus, dass das Training auch in großen Veranstaltungen mit bis zu 25 Gruppen gleichzeitig veranstaltet wird.
3.
Die enorme Wut, der Zorn, das ganze aufgeladene Gefühlsleben der Rechtsextremisten, wird zwar einerseits auf Plakaten, Bildern und in Liedtexten immer wieder als Wesensmerkmal dieser Richtung dargeboten – eine wissenschaftliche Beschäftigung mit den Facetten des Rechtsextremismus jenseits der politischen Radikalisierung aber findet nur selten statt. Dabei ist es europäischer Standard, neben deradikalisation auch disengagement, also die Demobilisierung als gleichrangiges Ziel der demokratischen Politik zu setzen. Siehe hierzu auch den Beitrag von Peter Neumann (Anm. der Red.).
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Autor: Ulrich Dovermann für bpb.de
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