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9.7.2013 | Von:
Ulrich Dovermann

Narrative und Gegen-Narrative im Prozess von Radikalisierung und Deradikalisierung

In einem Rollenspiel als Teil eines Argumentationstrainings gegen Rechtsextremismus wird ein Teilnehmer gebeten, die Rolle eines "Nazis" zu übernehmen. Es geht in der Szene um ein Jugendzentrum, das geschlossen werden soll, weil es dort immer wieder zu Vandalismus und Gruppengewalt kommt. In diesem Szenario diskutieren die Teilnehmer als Bürgermeister, Vertreter der Elternschaft, Vertreter der Jugendlichen, Vertreter der Leitung des Jugendzentrums, als Journalist und eben rechtsextremistisch beeinflusste Bürger oder entsprechende Bürgerin. Das Gespräch findet – so die Spielanweisung – in einer Kneipe statt: offene Atmosphäre, Stammtisch-Ambiente, keine institutionellen Zwänge, keine Gesprächsmoderation.[1]

Das Gespräch nimmt fast immer – und es wurde unter meiner Begleitung öfter als 200 mal geführt –[2] einen sehr ähnlichen Verlauf: Der "Nazi" übernimmt schnell die "Stammtischhoheit", er legt die Themen und Unterthemen fest und setzt sie mit Körpersprache, Lautstärke und auch mit schlichter Bedrohung durch. In der Regel hat er den höchsten Redeanteil. Die Gegenwehr der anderen Stammtischteilnehmer ist im ersten Anschein eher schwächlich. Selbst wenn ein beherzter Teilnehmer am Tisch versucht, den Rechtsextremisten rhetorisch oder argumentativ in die Schranken zu weisen oder auf das eigentliche Thema – das Jugendzentrum – zu verweisen, wird er nur selten unterstützt. Und so bleibt am Ende bei den Teilnehmenden, wie auch bei den Beobachtenden, der Eindruck, dass der "Nazi" solche Situationen beherrscht und die Auseinandersetzung "gewinnt".

Die Sicherheit und die fast einheitliche Linie, mit der die "Nazis" ihre Rolle im beschriebenen Sinne und mit den beschriebenen Mitteln spielen und ausgestalten, fällt auf. Und im gleichen Maße muss festgestellt werden, dass die übrigen Teilnehmenden zumeist ihre Situation hinnehmen. Wohlgemerkt: Der "Nazi" wird nicht auf seine Rolle vorbereitet oder mit Regieanweisungen versehen. Es wird zwar grundsätzlich darauf geachtet, dass die Rolle möglichst von einem redegewandten und extrovertierten Spieler oder einer entsprechenden Spielerin übernommen wird, die Übernahme der Rolle erfolgt jedoch immer freiwillig und spontan und ist in der Ausgestaltung offen.

Analysiert man gemeinsam mit den Gruppen die so beschriebenen Spielverläufe, bekommt man erste Aussagen darüber, dass sie das beschriebene Verhalten des Rechtsextremisten erwarten und zum Teil auch schon real erlebt haben. Und man erfährt, wie die Trainingsteilnehmerinnen und -teilnehmer ihre eigenen mangelnden Möglichkeiten bewerten, gegen ein solches radikalisiertes Verhalten anzukommen. Denn sie kennen direkt oder indirekt die Situationen, in denen Täter menschenverachtende Äußerungen aggressiv in eine Diskussion einbringen, die Gesprächsverläufe beherrschen, und ihre Behauptungen mit manchmal überraschenden Versatzstücken begründen. Und das betrifft keineswegs nur junge Menschen. Lehrerinnen und Lehrer, Menschen aus Führungspositionen in der Wirtschaft oder Journalistinnen und Journalisten zeigen durchaus ähnliche Verhaltensweisen und Erfahrungen wie Schülerinnen und Schüler.

Analysiert man dann, was so schwierig an der spezifischen Situation ist, warum einem denn so gar nichts Richtiges einfällt, um den "Nazi" in die Schranken zu weisen, dann kommt man auf zwei wesentliche Faktoren, mit denen es Probleme gibt: zum einen die Affektivität, mit der vorgegangen wird, und zum anderen die wiederkehrenden Narrative.

Affekte und Narrative

Erstens ist da die untergründige Wut, die Ballung von Affekten, die hinter den Aussagen des "Nazis" zu liegen scheinen oder häufig auch tatsächlich liegen und durch Gestik, Sprache, Bildhaftigkeit und Gewaltsymbolik zu Tage treten. Je nach Diskussionsverlauf – im Rollenspiel ebenso wie in realen Situationen – steigert sich dieses Gewaltpotenzial noch. Der Extremist lädt sich durch das Gespräch zusätzlich affektiv auf, entweder weil er angezweifelt wird, oder – und das ist wohl noch öfter der Fall – weil ihn die Passivität der anderen Beteiligten noch zu pushen scheint. Mit dieser latenten Gewalt umzugehen, trauen sich die Teilnehmenden meist nicht zu.[3]

Zweitens fallen merkwürdige Versatzstücke und Behauptungen auf, auf die die Teilnehmer kaum geeignete Reaktionsformen finden. Dem "Nazi" fällt es hingegen selten schwer, seine Forderung nach ethnisch "reinen" Jugendzentren zu begründen, die vorgebliche Gewalt "der Migranten" gegen "die Deutschen" als Ausdruck von Überfremdung und der Gefahr des arischen Untergangs zu deuten oder frühere Zeiten als Vorbild und soldatisches Verhalten als politisch tugendhaft zu bezeichnen. Sein Verlangen nach Parteilichkeit im Interesse der deutschen Jugendlichen und Führungsstärke gegen "weichliche Kompromisse" kommt ihm leicht über die Lippen. Die Trainingsgruppen sind immer wieder überrascht und nicht unmittelbar in der Lage, diesen – offenbar doch bekannten – Narrativen der Rechtsextremisten strategisch, situativ und inhaltlich entgegen zu treten.

Was hier aus den Trainingsgruppen berichtet wurde, kann man ebenso auch in Situationen erleben, in denen ganz real rechtsextreme Haltungen und Meinungen zu Tage treten. Die an vielen Stellen beschworene Familiensituation, in der ein Großvater oder älterer Onkel eine Feier mit nationalsozialistischen Behauptungen aufmischt, die von niemandem so recht eingefangen werden können, ist ein Beispiel. Der Jugendliche, der einen anderen als "Opfer" oder gar pejorativ als "Juden" bezeichnet und ihm eine Vergasung in Aussicht stellt, weil er fremd aussieht oder sich fremdartig verhält, ist ein anderes. Beide Angriffe finden mit hoher Selbstgewissheit, elementarer Gewalt- und Risikobereitschaft und klarem Vorsatz statt, und beiden Angriffen haben die Umstehenden in der Regel wenig entgegenzusetzen. Diese und ähnliche Anfeindungen erfolgen nicht über hochpolitische Abstraktionen oder Parolen. Es sind kurze, prägnante Statements, die allerdings über große Reichweiten im Politischen wie auch im Persönlichen verfügen.

Den skizzenhaft beschriebenen Diskussionsbeiträgen in ihren jeweiligen sozialen Zusammenhängen ist es gemeinsam, dass sie zwar keine Ideologie im Sinne allgemeiner Wahrheitsbehauptungen ausdrücken, aber doch über konkrete Einzelfeststellungen deutlich hinausgehen. Sie sind auch keine eigentlichen Argumente, die sich auf bestimmte Probleme oder den Diskurs beziehen, sondern Versatzstücke einer rechtsextremistischen Weltsicht. Die Frage nach der Schließung des Jugendzentrums wird vom "Nazi" gekontert mit Hinweisen auf Arbeitslager, in denen man früher Disziplin vermittelte, auf überfremdete Gesellschaften, in denen Ausländer den Ton angeben, oder darauf, dass der Leiter des Jugendheims möglicherweise homosexuell sei. Die beschriebenen Versatzstücke einer Weltsicht werden in Anlehnung an den angloamerikanischen Sprachraum als "Narrative" bezeichnet.

Es macht Sinn, wenn man eine gewisse Hierarchie zwischen den verschiedenen Formen extremistischer Statements konstatiert: Diese Hierarchie beginnt bei rein persönlichen Aussagen über bestimmte Menschen oder Ereignisse und endet bei politischen, ideologischen oder dogmatischen Generalbehauptungen. Zwischen diesen Endpunkten findet sich eine breite Palette der unterschiedlichsten Aussageformen in denen sich die ideologischen Grundlagen und Behauptungen erkennen lassen, die aber dennoch auf konkrete Bezüge orientiert bleiben. Hierbei handelt es sich um Narrative, in denen Erlebtes oder Gehörtes zu scheinbaren Zusammenhängen verwoben worden ist. Narrative sind Fragmente, deren Bedeutung und Herkunft sich dem Zuhörer nicht unmittelbar eröffnen. Sie finden sich in unterschiedlichen extremistischen Ausprägungen.

Islamistische Narrative

Im Bereich des Islamismus ist diese Hierarchie der unterschiedlichen Mitteilungsformen von Extremismus mit den Narrativen im Bereich zwischen Dogmatik und persönlicher Meinung seit Längerem Gegenstand intensiven Interesses und genauen Hinsehens. Auch wenn der Begriff "Narrativ" mit einigen Problemen belastet ist und er derzeit in den entsprechenden Diskursen der Fachleute schon wieder an Aufmerksamkeit zu verlieren scheint, hat er doch einigen Nutzen, und ich möchte ihn im Folgenden ohne Grundsatzdebatte verwenden.

Ein Narrativ des Islamismus ist beispielsweise die Behauptung, "die westliche Demokratie" sei eine Religion und "der Muslim" dürfe sich ihr nicht unterordnen, weil es kein Gott außer Allah gebe und keine Religion außer dem Islam gelte. Schon die Unterordnung unter die Verfassungen sei verboten und politische Parteien seien Ausdruck einer im Islam streng verbotenen Vielgötterei. Da im Übrigen die Scharia alle Dinge ausreichend regele, benötige man auch keine gewählten Parlamente, um Gesetze zu schaffen.[4]

Ein anderes Narrativ mit hoher Anerkennung unter den Islamisten betrifft die Gleichberechtigung der Geschlechter, die unter Hinweis auf die Scharia abgelehnt wird. Gewalt gegen Frauen sei in der Ehe als letztes Mittel erlaubt, und es sei feindselig gegen den Islam, wenn sich die Frau nicht verschleiere.

Wo diese Narrative gewissermaßen zur Orientierung in einer von westlichen Werten mitgestalteten Welt dienen sollen, sind die folgenden eher Gewalt begründender Art:

Wer den militanten Jihad nicht persönlich ausübe, – so ein weiteres Narrativ, – sei kein wahrer Muslim. Vielmehr sei der Terror gegen die Ungläubigen erlaubt und von Gott unterstützt. Islam und Nicht-Islam befänden sich demnach in einem kontinuierlichen und sehr alten Konflikt und nur der kampfbereite Muslim erfülle seine daraus resultierende geschichtliche Aufgabe.

Im Übrigen sei die Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts eine Geschichte der Ausbeutung und der Erniedrigung der muslimischen Länder und deren Bewohner. Es sei deshalb eine Frage der Notwehr und der Wiederherstellung der muslimischen Würde, wenn die Muslime sich gewaltsam wehrten.

Der Kampf der Muslime richte sich – so ein weiteres Narrativ Gewalt begründender Art – vor allem gegen die Beherrschung muslimischer Staaten durch nicht-islamische Regime, durch nicht-islamische Personen oder – schlimmer noch – durch muslimische Verräter, also Muslime in staatlichen Führungspositionen, die nicht nach den Regeln des Islams regieren.

Die Liste ließe sich verlängern, aber der Grundgedanke dessen, was hier gezeigt werden soll, wird bereits deutlich: Die Narrative entwickeln sich aus dem muslimischen Glauben, aber sie sind keine unmittelbaren Glaubenssätze, selbst wenn jihadistische Autoren das behaupten. Sie können und dürfen diskutiert werden und sie werden auch diskutiert. Sie sollen Gemeinschaft herstellen, indem sie strittige Frage in bestimmter – islamistischer – Richtung abklären. Doch die Klärung ist nur scheinbar: Im Effekt machen sie auch die ideologischen Bruchlinien deutlich, sie zeigen die Zweifel an den Glaubensgewissheiten der Extremisten, und dem Diskurs wird Tür und Tor geöffnet.

Schon seit vielen Jahren und besonders seit dem 11. September 2001 bemühen sich Menschen, die auf den interkulturellen, besonders aber auf den interreligiösen Austausch bedacht sind, darum, eben solche Narrative mit hohem Grad an Verbreitung und Relevanz zu finden und mit Gegen-Narrativen zu verdeutlichen, dass es sich eben nicht um religiöse – also ideologische – Aussagen handelt, sondern um menschliche Interpretationen des Religiösen mit einer gewissen Fehlerwahrscheinlichkeit. Mehr noch: Ein Gegen-Narrativ kann auch selbst die Funktion eines Narrativs beanspruchen und behaupten, wahr zu sein, wo das Narrativ falsch ist.

Wo Islamisten behaupten, die Demokratie sei eine Religion, sollten nun islamische Gegenstimmen zitiert werden, die die Demokratie als System und Wissenschaft bezeichnen, die nichts mit dem religiösen Glauben zu tun haben. Im Übrigen wird darauf hingewiesen, dass in der Gelehrtenwelt des Islam die Meinung, Demokratie sei eine Religion, nur von einer Minderheit vertreten wird.

Wo behauptet wird, dass jeder, der sich nicht am Jihad beteilige, kein wahrer Muslim sei, sagen nun andere, dass es nicht von Menschen zu entscheiden sei, wo jihadistische Gewalt angewendet werden dürfe, und dass es anmaßend sei, hier stellvertretend für Gott zu handeln.

Es ist nun zu analysieren, was hintergründig mit dem Diskurs zum Islam und zur islamistischen Gewalt geschieht, wenn Narrative die Diskussionen beherrschen und wenn dann – wie gezeigt wurde – von einflussreichen Stimmen Gegen-Narrative positioniert werden. Wie wirkt sich das auf Radikalisierungen aus – ist das Gegen-Narrativ ein geeignetes Mittel zu deradikalisieren, Prävention zu gestalten?

Extremistische Muslime haben neben dem Islam, den sie nur in Ausnahmefällen umfassend kennen, mit den Narrativen nach innen eine eigentümliche, verstehbare und gemeinsame Handlungs- und Begründungswelt für ihre politischen Ambitionen. Sie schaffen mit den Narrativen untereinander notwendige Verbindlichkeiten, die aber vor allem auf alltägliche und real-weltliche Fragestellungen ausgerichtet sind. Die Narrative richten sich nach außen an das religiöse und kulturelle Umfeld mit der Forderung nach Gehorsam – schaffen aber gleichzeitig auch Öffentlichkeit für die Meinungen, die in ihrem Umfeld zur Diskussion, also im Streit stehen.

Für die Muslime, die nicht extremistisch sind und auch nicht sein wollen, haben die Narrative die Bedeutung, nicht allgemein-verbindlich zu sein aber gleichzeitig doch der islamischen Gedanken- und Glaubenswelt zu entstammen und also "verstehbar" zu sein. Das birgt die Gefahr, dass einige sich den Glaubenskämpfern anschließen oder zumindest deren Positionen in ihren Zirkeln vertreten, aber auch die Chance, dass in Glaubensdiskussionen offensiv und mit Erfolg Gegenpositionen – Gegen-Narrative – vertreten werden können.

Für die europäischen nicht-muslimischen Aufnahmegesellschaften schließlich sind die Narrative und Gegen-Narrative dann von Bedeutung und eine Chance auf dem Weg zu einem friedlichen Miteinander, wenn sie im Sinne einer interkulturellen und interreligiösen Didaktik genutzt werden, Diskussionskompetenzen auszutauschen. Wenn Muslime gewissermaßen für die Nicht-Muslime den Diskurs mit jihadistischem Gedankengut führen, dieses im besten Fall entkräften und dabei von nicht-muslimischen Mitstreitern unterstützt werden, hat das auf die Formen des Zusammenlebens in Integrationsgesellschaften positive Wirkungen.

Die Frage ist allerdings, ob die muslimischen Gruppierungen in größerer Zahl ein Eigeninteresse daran erkennen, sich in dieses doch sehr schwierige Feld hinein zu begeben. Die Sicherheitskräfte, die Bildungssysteme und alle Sozialarbeit, die mit diesen interreligiösen Feldern konfrontiert sind, sind auf jeden Fall interessiert und engagiert.

Rechtsextreme Narrative

Wie die islamistischen liegen auch die rechtsextremen Narrative offen zu Tage. Da ist von der "Volksgemeinschaft" die Rede und davon, dass diese für "den Deutschen" der höchstmögliche Wert ist. Da wird behauptet, die Demokratie sei eine "dem Deutschen" nicht angemessene Form der politischen Organisation – vielmehr sei es dem Wesen "des Deutschen" angemessen, ein autoritäres Führungssystem zu haben. Die Geschichte Deutschlands sei vorgeblich eine Geschichte des Siegens und der Überlegenheiten – allerdings hätten die Alliierten die beiden Weltkriege dazu genutzt, den Deutschen ihre Geschichte zu rauben und ihnen dadurch jegliche Kraft und jeglichen Stolz zu nehmen.

Der angeblichen Überlegenheit werden auch negative Narrative gegenübergestellt. Deutschland sei gedemütigt vom "US-Imperialismus" und seinen "jüdischen Helfern", ausgeraubt von Generationen der Fremden, die die Deutschen aus ihrer Heimat verdrängen, moralisch zu Boden gedrückt von "Schwulen", Verfall und Entsittlichung, schamlos nur noch auf Genuss und Gewinn orientiert, wo es doch um Ehre und Zukunft gehen müsse. So vegetierten die einst so stolzen Deutschen vor sich hin – man muss nur die einschlägigen Zeitungen und Internetauftritte durchgehen, die Narrative springen ins Auge. Und zwischen beiden Ansätzen ein trotziges "Sie werden auferstehen, sie werden auferstehen", wie es in der Liedzeile einer einschlägigen Rechtsrock-Band heißt.

Die Produktion von eigentümlichen und spezifischen Narrativen des Rechtsextremismus ist so intensiv, dass man sie nicht so leicht zusammenfassen kann, wie das bei islamistischen Narrativen möglich ist. Über den unübersehbar vielen Symbolen und Legenden, Behauptungen und ideologieähnlichen Versatzstücken, müsste eine zusätzliche Ebene eingezogen werden, in der die Bedeutungszusammenhänge der Narrative erkennbar gemacht werden. Da gibt es zum Beispiel:
  • Narrative der Notwehr gegen Tod, Entwürdigung, Identitäts- und Geschichtsverlust,
  • Narrative der kulturellen Verödung,
  • Narrative der Entfremdung im eigenen Land,
  • Narrative von einer möglichen Befreiung,
  • Narrative vom deutschen Wesen,
  • Narrative vom Feind des Deutschen,
  • das Narrativ vom "System" in Deutschland,
  • das Narrativ von einer deutschen (heidnischen) Religion.
Aber die Narrative taugen nicht dazu, einen Diskurs, eine Kommunikation zwischen Rechtsextremisten und Nicht-Rechtsextremisten herbeizuführen. Wo islamistische Forderungen an Muslime gestellt werden, sollten sie abgelehnt werden, aber ihr Ursprung, der Islam aus dem sie – wenn auch verfälscht – abgeleitet werden, verdient Respekt. Wo aber rechtsextreme Narrative in Erscheinung treten, sind sie sofort, zumindest nach außen und schon wegen ihrer rechtsextremistischen Herkunft abzulehnen.

Es gibt bislang wenig wissenschaftliche Beschäftigung mit den rechtsextremen Narrativen. Rechtsextremismus ist im Wissenschaftsdiskurs Deutschlands mit einer gewissen Notwendigkeit und Ausschließlichkeit "Ideologie". Wie ein Rechtsextremist denkt und mit welchen Bildern er im politischen Diskurs unterwegs ist, welche Argumentationsformen er verwendet und wie er sich konkrete politische Vorgänge zu erklären versucht, all das tritt zurück hinter der Auseinandersetzung mit der rechtsextremistischen Ideologie. Moderner politischer Extremismus – ganz allgemein – verfügt dem Politikwissenschaftler Hans-Gerd Jaschke zufolge über eine Reihe gemeinsamer Merkmale. "Hierzu gehören Absolutheitsansprüche der eigenen Auffassungen, Dogmatismus, die Unterteilung der Welt in Freund und Feind, ebenso Verschwörungstheorien und Fanatismus. Extremistische Ideologien sind geschlossene Denkgebäude, die von ihren Anhängern angewandt oder ausgelegt, nicht aber reflektiert und fortentwickelt werden. Sie haben einen quasi-religiösen Status, sie werden nicht diskutiert sondern "geglaubt". Politik besteht aus dieser Warte nicht aus einer Programmatik, Politik ist vielmehr "Weltanschauung", die alle Lebensbereiche regelt. Sie gilt als ewig gültig oder von Natur aus wahr."[5]

Ganz gleich, ob man nun eher demokratietheoretischen Fragestellungen oder sozialwissenschaftlichen Ambitionen in der Extremismusdiskussion nachgeht – für Narrative ist da nur wenig Platz. Es geht um Ideologie, es geht um Beschreibung, es geht um Gefährdung des Staates oder der Menschen. Aber da ist eine eigentümliche Distanz zwischen dem ideologisch abgesicherten Extremisten, wie er von Hans-Gerd Jaschke beschrieben wird, und jenem rechtsextremistischen Diskussionsteilnehmer an einem Stammtisch, der sich mit kommunalpolitischen Themen – zum Beispiel dem Jugendzentrum – befasst. Beide sind sich ihrer Sache angeblich sicher, beide sind im Diskurs, beide fußen auf den gleichen Grundlagen. Und dennoch sind sie für die politische Auseinandersetzung zwei völlig verschiedene Gesprächspartner. Der Ideologe ist – so meine ich – die Ausnahme. Aber vom Großvater auf der Familienfeier, über den Stammtischbruder bis hin zum fremdenfeindlichen Straßenbahnnutzer, der Ausländern den Sitzplatz verweigert: Sie alle setzen narrative, alltägliche, lebensweltliche Akzente des Rechtsextremismus und werden nur in Ausnahmefällen dafür kritisiert. Zwischen Rechtsextremisten und ihren Gegnern herrscht Sprachlosigkeit, Gegen-Narrative scheinen nicht möglich.

Narrativ und Deradikalisierung

In den Argumentationstrainings, von denen zu Beginn die Rede war, wird die Situation zunächst einmal sehr ausführlich und in vielen Fällen bis an den Rand des Erträglichen gespielt. Es kommt darauf an, dass man die eigene Sprachlosigkeit gegenüber den Narrativen des Rechtsextremisten wirklich begreift und akzeptiert. Selbstverständlich können die Teilnehmerinnen und Teilnehmer (fast) alles ausprobieren, um dem "Nazi" seine Dominanz zu nehmen, und manchen fällt auch einiges dazu ein. Nur hilft es in der Regel nicht. Die Dominanz bleibt, die Aggressivität bleibt, die missliche, frustrierende Situation bleibt. Ja – es kommt sogar zu Radikalisierungen. Manchmal auch bei den "Nicht-Nazis". Die Sprache wird brutaler, die Bilder werden hässlicher, die Bereitschaft, andere zu verletzen, steigt. Beim "Nazi" ohnehin, denn er bemerkt seine Bedeutung und spielt sie aus.

Das Problem liegt vermutlich – wie bereits angedeutet – in der Natur des Gegen-Narrativs. Es kann nur wirken, wenn es aus der gleichen kulturellen Herkunft kommt wie das Narrativ selbst. Was für die islamistischen Narrative gezeigt werden konnte, gilt bei den Rechtsextremisten nicht. Es gibt keine gute Auslegung des Antisemitismus oder des Sozialdarwinismus. Man mag ja dem rechtsextremen Chauvinismus mit einem positiven Verfassungspatriotismus entgegenzu treten versuchen, aber alle Erfahrungen zeigen, dass das nicht funktioniert.

Und wo die Gegen-Narrative nicht greifen, da kann man zunächst einmal auch keine Gegenargumente liefern, und seien diese auch noch so richtig, so durchdacht und so zutreffend. Sie werden am Extremisten und seinem Narrativ scheitern. Und wo in unserer Gesellschaft rechtsextreme Narrative sich hegemoniale Stellungen erobern konnten oder können, da werden sie auch nicht mehr im präventiven oder argumentativen Sinne vertrieben werden.

Für die Bearbeitung islamistischer Narrative im Sinne einer Deradikalisierung – so wäre also zusammenzufassen – benötigt man neben religiösem Wissen und entsprechender Autorität vor allem gute Vermittlungssituationen und gute didaktische Konzepte. Die Gegen-Narrative liegen auf dem Tisch. Es wird sich zeigen, ob sie in der Praxis deradikalisieren können.

Im Bereich des Rechtsextremismus hingegen versagt dieser Ansatz, denn es wird hier keine gemeinsame kulturelle Herkunft von Narrativ und Gegen-Narrativ geben können. Und wo sich die konkurrierenden Parteien gegenseitig und von vorn herein die Legitimation, die kulturelle Gemeinschaft verweigern, werden Narrativ und Gegen-Narrativ zueinander keine Beziehung finden und damit keine Wirkung entfalten können. Das sollte aber nicht zu dem Schluss führen, man könne nichts tun.

An unseren Rollenspiel-Stammtisch entwickeln wir zum Beispiel keine neuen Argumente oder Appelle, auch keine Gegen-Narrative. Wir versuchen uns auch zunächst einmal nicht in irgendwelchen Verunsicherungsstrategien gegenüber dem "Nazi". Wir lernen vielmehr, dass es so nicht geht und dass das nicht an unseren Argumenten, auch nicht an den Narrativen des Extremisten, sondern an Verständigungsstrukturen innerhalb unseres Kreises liegt. Wir bewerten die Erfahrungen mit dem Rechtsextremisten als Erfahrungen von Macht. Er versucht – meist mit Erfolg –, die Macht am Tisch zu erobern. Er versucht, die Themen und die Form ihrer Bearbeitung festzusetzen. Er beansprucht Redezeit, wie er sie benötigt. Er beansprucht ein hohes Maß an Toleranz gegenüber seinen Denk-und Sprachfiguren. Und die anderen lassen sich auf diese Ansprüche ein. Anstatt das Gespräch am Thema "Schließung des Jugendheims" zu halten, verteidigen sie sich und ihr Weltbild und geraten dabei mit dem Rücken an die Wand. Das liegt nicht an der Schwäche des Weltbildes, sondern an dessen Komplexität, die einfach nicht so schlicht und brutal formuliert werden kann, wie rechtsextreme Narrative.

Dies scheint mir der alles entscheidende strategische Schritt zu sein: Wir müssen, wenn wir uns auf eine Auseinandersetzung mit extremistischen Weltbildern – Narrativen eben – einlassen, Machtstrukturen gestalten, in denen der Rechtsextremist keine Hegemonie erringen kann. Wir vereinbaren Redezeiten, Moderation und einen "Kodex", in dem verankert ist, dass menschenverachtende Aussagen mit Raumverweis geahndet werden können. Wir stärken die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die eine solche Machtstruktur herbeiführen und bewahren können. Diese Vorgehensweise lässt sich von der Laborsituation des Rollenspiels auch in die Praxis übertragen.

Dem Narrativ des Rechtsextremisten wird so keine narrative Antwort gegeben sondern die Forderung nach einer funktionierenden, demokratischen und geregelten Diskussion. Es ist noch fast nie eine Gruppe von allein darauf gekommen, aber zum Ende des Trainings funktioniert das Verfahren eigentlich immer. Und erstaunlicherweise haben sich auch Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit deutlichen Neigungen zum Rechtsextremen mit dieser Konfliktlösung anfreunden können.
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Fußnoten

1.
Vom Fachbereich Extremismus der Bundeszentrale für politische Bildung wurde in den vergangenen zehn Jahren ein Argumentationstraining erprobt und umgesetzt. Teilnehmer sind in der Regel Schülerinnen und Schüler. Eine Verschriftlichung des Konzepts, des Programms und der Erfahrungen ist in Vorbereitung.
2.
Die hohe Zahl resultiert daraus, dass das Training auch in großen Veranstaltungen mit bis zu 25 Gruppen gleichzeitig veranstaltet wird.
3.
Die enorme Wut, der Zorn, das ganze aufgeladene Gefühlsleben der Rechtsextremisten, wird zwar einerseits auf Plakaten, Bildern und in Liedtexten immer wieder als Wesensmerkmal dieser Richtung dargeboten – eine wissenschaftliche Beschäftigung mit den Facetten des Rechtsextremismus jenseits der politischen Radikalisierung aber findet nur selten statt. Dabei ist es europäischer Standard, neben deradikalisation auch disengagement, also die Demobilisierung als gleichrangiges Ziel der demokratischen Politik zu setzen. Siehe hierzu auch den Beitrag von Peter Neumann (Anm. der Red.).
4.
Die hier folgenden Beispiele von Narrativen und Gegen-Narrativen sind zum großen Teil aus folgender Broschüre entnommen: Senatsverwaltung für Inneres und Sport, Zerrbilder von Islam und Demokratie, Argumente gegen extremistische Interpretationen von Islam und Demokratie, Berlin 2010.
5.
Hans-Gerd Jaschke, Politischer Extremismus, Bonn 2007, S. 31.
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Autor: Ulrich Dovermann für bpb.de
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