Der Bruderkuss (Foto vom 23.10.2009) zwischen Erich Honecker und Leonid Breschnew von Künstler Dmitri Wrubel gehört zu den bekanntesten Motiven der East Side Gallery in Berlin. 1990 bemalten Künstler aus aller Welt dieses längste erhaltene Stück Mauer mit überdimensionalen Wandbildern. Pünktlich zum Jahrestag des Mauerfalls erstrahlt nach Restaurierung die Open-Air-Ausstellung nun in neuem Glanz.

30.7.2013 | Von:
Johannes Piepenbrink

Editorial

In Wahlkampfzeiten wird es besonders deutlich: Es ist nicht allein die Ratio, es sind auch Emotionen, die in der Politik eine Rolle spielen. Die Kandidatinnen und Kandidaten, denen es gelingt, die Gefühle der Bürgerinnen und Bürger anzusprechen, haben mutmaßlich bessere Chancen, gewählt zu werden, als jene, die uns "kalt" lassen. Zugleich sind auch die Gefühle von Politikerinnen und Politikern selbst relevant: Wer es wagt, öffentlich "echte" und "große" Gefühle zu zeigen, gilt im besten Fall als besonders authentisch, ehrlich und "menschlich", droht aber ebenso rasch als "hysterisch", "dünnhäutig" oder "weinerlich" abgestempelt zu werden.

Emotionen spielen aber nicht nur beim "Verkaufen" von Politik eine Rolle, sondern auch im politischen Prozess selbst. Die Verbreitung bestimmter Gefühle begünstigt politische Weichenstellungen – etwa die Angst vor Terroranschlägen die Ausweitung von Sicherheitsmaßnahmen. Andersherum gilt ebenso: Politische Entscheidungen wirken sich auch emotional aus und bestimmen das "Lebensgefühl" zahlreicher Menschen mit – was in Gesetzgebungsprozessen bislang jedoch kaum Beachtung findet. Und ein Gefühl ist in einer demokratisch verfassten Gesellschaft geradezu von systemrelevanter Wichtigkeit: Vertrauen. Ohne das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger darauf, dass ihre Grundrechte geschützt werden, dass Demokratie und Rechtsstaat funktionieren, fehlt dem Staat seine wichtigste legitimatorische Grundlage.

Seit einiger Zeit sind Emotionen auch verstärkt in den Blick der Geschichtswissenschaft geraten. Was löste zu welchen Zeiten welche Gefühle aus? Sind Emotionen zeitlos und universell? Wie hat sich etwa die Vorstellung von "Glück" verändert? Diese Herangehensweise ermöglicht nicht nur neue Erkenntnisse über frühere Gesellschaften, sie regt auch zu in die Zukunft gerichteten Fragen an, die schon heute zur Selbstreflexion ermuntern: Welche Emotionen werden die Erinnerung prägen? Was werden Begriffe wie "Wutbürger" und Buchtitel wie "Empört Euch!" kommenden Generationen über unsere Zeit erzählen?

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Autor: Johannes Piepenbrink für bpb.de
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