Skulptur "Non-Violence" des schwedischen Künstlers Carl Fredrik Reuterswärd vor dem Gebäude der Vereinten Nationen in New York.

2.9.2013 | Von:
Margret Thalwitz

Hunger und globale Sicherheit

Nahrungsmittelkrisen sind kein Vergangenheitsthema. Etwa 900 Millionen Menschen leiden an Unterernährung, und sie trifft Kinder am härtesten. Sie sterben früh oder leiden lebenslang an schwacher Gesundheit und beeinträchtigten Leistungen. Über schwere Gesundheitsfolgen und stark reduzierte Lebenserwartungen hinaus bedeutet Hunger ein Risiko, das nationale, regionale und internationale Konflikte in sich birgt, verschärft durch Erderwärmung und Klimaveränderung. Jedoch hat erst die Finanz- und Agrarpreiskrise 2007/2008 die Frage nach den Perspektiven einer stabileren globalen Ernährungsversorgung in den Mittelpunkt öffentlicher Diskussion gerückt. In nur 35 Jahren möchten neun Milliarden Menschen gesund ernährt werden.

Dieser Anforderung stehen heute fallende Zuwachsraten in Erträgen der wichtigsten Grundnahrungsmittel gegenüber, ein nur langsamer Zuwachs an landwirtschaftlichen Flächen verglichen mit steigenden Bevölkerungszahlen, sich verschiebende Konsumentenpräferenzen, die Verwendung von Agrarprodukten als Quellen alternativer Energie sowie zunehmende Wasserknappheit, besonders in den Ländern rund um das Mittelmeer und südlich der Sahara. Dort, wo Erträge schon heute unter dem Weltdurchschnitt liegen, wird der Druck auf Boden und Wasser sich am schnellsten verschärfen.

Die Sicherheit der Welternährung ist eine globale Herausforderung, die sich auf kleinstem lokalem Gebiet abspielt, weil landwirtschaftliche Produktion vorrangig in Dörfern und Kleinbetrieben stattfindet. Unterernährung ist ein Armutsproblem, das bekämpft werden kann. Unzählige Studien zeigen, dass Kleinbauern hohe Produktivitätsreserven haben, ihnen jedoch oft die elementarsten Strukturen fehlen, die zu Erfolg und Nachhaltigkeit verhelfen würden, wie etwa ländliche Infrastruktur, vor allem Straßen und Verkehrsanschlüsse, Zugang zu wichtigen Produktionsmitteln wie Saatgut und Düngemittel, verlässliche Kredit- und Versicherungssysteme, Lagerhaltung und Zugang zu erstklassigen Beraterdiensten.

In Wissenschaft und Ökonomie herrscht weitgehend Konsens, dass das Nahrungsmittelproblem langfristig lösbar ist. Hunger ist keine zwingende Konsequenz steigender Preise und sich verändernder Weltnachfrage nach Nahrungsmitteln. Einigkeit herrscht auch darüber, dass business as usual den ökologisch und ökonomisch notwendigen Gestaltungsmöglichkeiten landwirtschaftlicher Produktion weit hinterherhinkt und Nahrungsmittelsicherheit nicht garantieren kann. Gefragt ist eine aktive Landwirtschaftspolitik, die besser auf die internationalen Bedürfnisse und Möglichkeiten abgestimmt ist. Es bedarf eines reformierten globalen Politikansatzes, der fünf kritischen Bedingungen Rechnung tragen sollte: 1) Forschung in Technologie und ihre Umsetzung, 2) Ausbau der ländlichen Infrastruktur, 3) Aufbau eines effizienten und effektiven Finanzsystems, 4) Ausbildung und Beratung sowie 5) fairer Welthandel mit landwirtschaftlichen Gütern.

Entwicklungsländer haben einen hohen Investitions- und Finanzierungsbedarf für die ersten vier Punkte. Dort liegen ihre größten institutionellen und fiskalpolitischen Defizite. Ländliche Produktion und Dienstleistungen anzukurbeln sind Aufgabe nationaler Politik; die Landwirtschaft, mittelbar oder unmittelbar, kann dabei eine zentrale Multiplikatorenrolle spielen. Forschung und Handel dagegen stellen hohe Anforderungen an kollektives globales Handeln. Private und öffentliche Forschungseinrichtungen operieren weltweit. Die Ergebnisse, die sie erzielen, benötigen Kooperation und Daten lokaler Partner. Das neugewonnene Wissen aus Forschung und Entwicklung sollte daher auch in vollem Umfang den Ländern zugänglich sein, die Produktivitätssteigerungen am meisten brauchen. Handel spielt in der Nahrungssicherung eine bedeutende Rolle, da die ärmsten Länder zunehmend auf Nahrungsmittelimporte angewiesen sein werden. Neueste Schätzungen gehen davon aus, dass Afrika südlich der Sahara unter heutigen Bedingungen im Jahr 2050 nur 13 Prozent der Nahrungsmittelnachfrage des Kontinents aus eigener Produktion befriedigen könnte. Auch bei großen Eigenanstrengungen werden afrikanische Länder von stabilen Weltmärkten abhängig bleiben.

98 Prozent der unterernährten Bevölkerung lebt in Entwicklungsländern, die vor der komplexen Aufgabe stehen, Einkommenswachstum und Überwindung des Hungers für alle zu erzielen, in Städten wie auf dem Land. Die Anforderungen an nationale Politik und internationale Kooperation sind hoch. Die Alternativen – unberechenbare Preisfluktuationen, Protektionismus, Konflikt um Wasser und Land, stetig wachsende Migrationszahlen und Hungersnöte – bergen in sich ein Stabilitätsrisiko, dessen Ausmaß unermesslich ist.

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Autor: Margret Thalwitz für bpb.de
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