Skulptur "Non-Violence" des schwedischen Künstlers Carl Fredrik Reuterswärd vor dem Gebäude der Vereinten Nationen in New York.
1 | 2 Pfeil rechts

Verbreitung von unbemannten Flugzeugen für den militärischen Gebrauch


2.9.2013
Im Mai 2013 ließ das Bundesverteidigungsministerium verlautbaren, dass bei der Anschaffung des unbemannten Überwachungsflugzeugs Euro Hawk "die Reißleine" gezogen werde. Die Bundeswehr werde nicht, wie ursprünglich vorgesehen, fünf der unbemannten Luftfahrzeuge erhalten, mithilfe derer Gebiete großflächig überwacht werden können. Das Zulassungsverfahren zur Eingliederung des Euro Hawks in den zivilen Luftverkehr habe sich als zu teuer und zu aufwendig herausgestellt. Die Probleme um den Euro Hawk haben die Drohnendebatte in Deutschland neu befeuert. Bereits Mitte 2012 hatte sich der Verteidigungsminister für den Kauf von bewaffneten Drohnen ausgesprochen. Die Entscheidung hierüber wurde nun – auch aufgrund kontroverser Debatten in der Öffentlichkeit – auf die nächste Legislaturperiode verschoben.

Nicht nur in Deutschland wird die Anschaffung von unbemannten Luftfahrzeugen (Unmanned Aerial Vehicles, UAV) für militärische Zwecke diskutiert. Etwa 70 Länder verfügen bereits über die Technologie, viele andere investieren in entsprechende Forschungsprojekte oder planen, unbemannte Systeme zu kaufen. Es scheint kein Zweifel daran zu bestehen, dass die Zukunft der Kriegsführung von UAV beeinflusst, wenn nicht gar dominiert werden wird.[1] Doch inwiefern sollte die Verbreitung von Drohnen Anlass zur Sorge geben? Welchen Einfluss hat der zunehmende UAV-Einsatz auf die internationale Sicherheit?

UAV sind unbemannte Flugzeuge, die vom Boden aus gelenkt werden oder deren Flugroute vor Beginn des Fluges programmiert wird. Sie sind in der Regel wiederverwendbar – eine Eigenschaft, die UAV von Marschflugkörpern oder ballistischen Raketen unterscheidet. Auch wenn die Bezeichnung "Drohne" eigentlich eine spezielle Untergruppe von unbemannten Flugzeugen beschreibt, wird sie heute in der Regel als Synonym für UAV gebraucht. Derzeit sind Hunderte verschiedener militärischer Drohnenmodelle in den unterschiedlichsten Größen und Designs erhältlich. Das Spektrum reicht von der Black Hornet, welche nur 12cm lang ist und von der britischen Armee in Afghanistan für Überwachungsmissionen eingesetzt wird, bis zur Global Hawk des US-amerikanischen Northrop Grumman Konzerns, die eine Spannweite von fast 40 Metern hat und bis zu 30 Stunden in der Luft bleiben kann. Auch wenn das besondere Interesse der Medien an bewaffneten Drohnen den gegenteiligen Eindruck erwecken könnte, sind gegenwärtig nur wenige UAV-Modelle bewaffnet.[2] Die US-amerikanische Reaper-Drohne ist das derzeit hochgerüstetste System, es kann mit bis zu 14 Hellfire-Raketen oder einer Kombination von Raketen und lasergelenkten Bomben ausgerüstet werden. Andere waffenfähige UAV tragen in der Regel eine geringere Anzahl an Waffen.

Die Idee, unbemannte Ballons oder Flugzeuge für Aufklärungszwecke zu nutzen, ist älter als die Idee der bemannten Luftfahrt. Die ersten modernen Überwachungsdrohnen wurden in den 1950er Jahren entwickelt. Sie basierten auf Geschossen, die zum Flugabwehrtraining genutzt wurden. Derartige Drohnen wurden für US-Überwachungsmissionen im Vietnam-Krieg eingesetzt.[3] Die Einsatzmöglichkeiten dieser Fluggeräte waren allerdings lange Zeit begrenzt. Erst die technologischen Entwicklungen seit den 1980er Jahren – wie bessere und leichtere Kameratechnologie, Ausbau des globalen Navigationssatellitensystems (GPS), schnellere und verbesserte Datenverbindung, -verarbeitung und -speicherung – ermöglichten die Entwicklung der heutigen UAV.

Ein entscheidender Moment war der Einsatz von Drohnen durch die israelischen Streitkräfte im ersten Libanon-Krieg 1982. Israel war lange Zeit Vorreiter in der UAV-Nutzung und gründete bereits 1971 eine eigene UAV-Staffel. 1982 schließlich verwendete das israelische Militär Drohnen unter anderem als Köder – sie wurden ausgesendet, um den Beschuss durch Flugabwehrraketen zu provozieren. Deren Abschussgeräte konnten daraufhin mithilfe von Raketen zerstört werden. Israelische Drohnen wurden zudem für Aufklärungszwecke eingesetzt. Die erfolgreiche Nutzung von UAV belebte das Interesse an der Technologie in den USA und läutete die Ära der modernen UAV ein.

Im Kosovo-Krieg 1999 spielten unbemannte Flugzeuge schließlich eine nie da gewesene Rolle. Die USA, Deutschland, Frankreich sowie Großbritannien setzten Drohnen für Aufklärungsmissionen ein; sie wurden insbesondere in Situationen gebraucht, in denen aufgrund schwieriger Sichtverhältnisse und serbischer Abwehrraketen bemannte Missionen zu gefährlich waren.[4] Die Terroranschläge des 11. Septembers 2001 und der darauffolgende "Krieg gegen den Terror" gaben der Technologie einen zusätzlichen Schub: 2001 wurden Luft-Boden-Raketen das erste Mal von einer Predator-Drohne abgefeuert; 2002 starb der erste Mensch durch ein bewaffnetes UAV.

Weltweite Proliferation



Im vergangenen Jahrzehnt hat eine rasante Proliferation von UAV-Technologie stattgefunden. Im Jahr 2000 verfügten laut Angaben des International Institute for Strategic Studies (IISS) lediglich 17 Länder über unbemannte Flugzeuge.[5] Kein lateinamerikanischer und nur ein afrikanischer Staat, Südafrika, nutzten Drohnen. 2008 war die Anzahl der UAV-Nutzer auf 38 angestiegen, Drohnen fanden sich nun auf jedem Kontinent. Heute setzen zwischen 55 und 78 Staaten UAV für militärische Zwecke ein. Noch spektakulärer ist der Zuwachs in UAV-Stückzahlen: Allein die US-Streitkräfte verwenden heute über 7000 UAV. Auch die Bundeswehr verfügt über mehrere Hundert, viele davon sind in Afghanistan im Einsatz. Vor diesem Hintergrund erstaunt es nicht, dass im vergangenen Jahrzehnt der unbemannte Sektor das dynamischste Wachstumssegment der Luftfahrtindustrie war. Eine Studie der Teal Group Corporation, ein militärisches Forschungs- und Beratungsunternehmen, kommt zu dem Ergebnis, dass der globale Markt für militärische und zivile UAV sich bis zum Ende des nächsten Jahrzehnts mehr als verdoppeln wird.[6]

Verlässliche Daten darüber, welche Länder UAV nutzen, gibt es nicht. Viele Staaten veröffentlichen keine Angaben über ihre militärische Ausstattung, andere wiederum brüsten sich mit Angaben über Hightech-Ausrüstung, die nicht zweifelsfrei überprüft werden können. Nach frei zugänglichen Informationen, die im Zuge mehrmonatiger Forschungsarbeiten, unter anderem am IISS, gesammelt wurden, gibt es aktuell 55 Staaten, die militärische UAV haben;[7] 23 weitere Länder halten aller Wahrscheinlichkeit nach ebenfalls UAV oder werden in unmittelbarer Zukunft über sie verfügen.[8] Es bestehen allerdings große Unterschiede in Bezug auf Umfang und technische Entwicklung der UAV-Ausstattungen. So besitzen einige Staaten nur kleine Drohnenkontingente; Länder wie Uganda und Burundi beispielsweise haben nur wenige handgeführte, taktische Drohnen. Auch halten bisher lediglich drei Staaten bewaffnete Drohnen: Israel, Großbritannien und die USA. Zwei weitere – China und Iran – verfügen aller Wahrscheinlichkeit nach über einsatzfähige bewaffnete UAV.

Die US-amerikanischen Streitkräfte sind die wichtigsten UAV-Nutzer weltweit. Laut Schätzungen der Teal Group Corporation werden in den kommenden Jahren 65 Prozent der Forschungs- und Entwicklungsausgaben im Bereich der UAV sowie 51 Prozent der UAV-Beschaffungskosten allein auf die USA entfallen. Israel – in absoluten Zahlen ein deutlich kleinerer Markt – ist die globale Nummer zwei und wichtigster Drohnenexporteur. Europäische Länder, allen voran Großbritannien, nutzen verschiedene UAV-Modelle aus eigener Produktion oder Importe aus den USA und Israel. Darüber hinaus diskutieren mehrere europäische Länder die Anschaffung bewaffneter UAV: Frankreich bemüht sich um ein US-amerikanisches Modell, und Italien möchte seine bisher unbewaffneten Predator- und Reaper-Drohnen mit Waffen ausstatten. Frankreich und Großbritannien unterzeichneten jüngst ein Abkommen über die Zusammenarbeit bei der Entwicklung eines bewaffneten UAV-Systems. Die Bundeswehr nutzt laut offiziellen Angaben fünf (unbewaffnete) UAV-Modelle; vier deutsche Systeme – MIKADO, LUNA, KZO, ALADIN – sowie das von Israel geleaste Heron-I-System. Auch wenn Deutschland bisher keine bewaffneten Drohnen hat, profitiert die Bundeswehr in Afghanistan laut Medienberichten von den bewaffneten UAV der US-Streitkräfte, die sie bei Bedarf anfordern kann.[9] Deutsche Firmen exportieren UAV-Technologie auch ins Ausland, so wird beispielsweise das von der bayrischen Firma EMT Penzberg hergestellte LUNA-Drohnensystem unter anderem von den niederländischen, norwegischen, pakistanischen und saudi-arabischen Streitkräften verwendet.


Fußnoten

1.
Vgl. Jon Lake, The unmanned future, in: Combat Aircraft Monthly, Oktober 2012, S. 58–63.
2.
Vgl. zur medialen Darstellung: Ulrike Franke, The Five Most Common Media Misrepresentations of UAVs, März 2013, http://www.rusi.org/downloads/assets/Hitting_the_Target.pdf« (23.7.2013).
3.
Vgl. zur Geschichte der Drohnenentwicklung: Stephen Zaloga, Unmanned Aerial Vehicles, Robotic Air Warfare 1917–2007, Oxford 2008.
4.
Vgl. Anthony Cordesman, The Lessons and Non-Lessons of the Air and Missile Campaign in Kosovo, 17.9.2003, http://csis.org/files/media/csis/pubs/kosovolessons-full.pdf« (5.8.2013).
5.
Vgl. IISS (ed.), The Military Balance 2000, London 2000.
6.
Vgl. The Teal Group Corporation (ed.), World Unmanned Aerial Vehicle Systems Market Profile and Forecast 2013, Executive overview, https://dl.dropboxusercontent.com/u/1665888/TGCTOC/DL/2013UAV_TOC_EO.pdf« (5.8.2013).
7.
Dazu gehören Ägypten, Algerien, Argentinien, Aserbaidschan, Australien, Belgien, Botswana, Brasilien, Burundi, Chile, China, Dänemark, Deutschland, Ecuador, Estland, Finnland, Frankreich, Georgien, Griechenland, Indien, Iran, Irak, Irland, Israel, Italien, Japan, Jordanien, Kanada, Kolumbien, Libanon, Malaysia, Marokko, Mexiko, Neuseeland, Niederland, Norwegen, Pakistan, Polen, Rumänien, Russland, Schweden, Schweiz, Singapur, Südafrika, Südkorea, Spanien, Sri Lanka, Thailand, Tschechische Republik, Türkei, UK, USA, Uganda, Ungarn und die Vereinigten Arabischen Emirate.
8.
Dazu gehören Angola, Armenien, Äthiopien, Bulgarien, Indonesien, Kasachstan, Kenia, Kroatien, Libyen, Nigeria, Nordkorea, Panama, Peru, Philippinen, Serbien, Slowakei, Sudan, Syrien, Taiwan, Uruguay, Venezuela, Weißrussland und Zypern.
9.
Vgl. Spiegel Online vom 9.3.2010, http://www.spiegel.de/politik/ausland/bundeswehr-und-drohnen-der-finger-gottes-a-680580.html« (21.7.2013).
Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Ulrike Esther Franke für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.