1-Euro-Münze
1 | 2 | 3 Pfeil rechts

Cybercrime: Lukratives Geschäft für die Organisierte Kriminalität


12.9.2013
Society prepares the crime, the criminal commits it.

Henry Thomas Buckle

Wie schnell die Digitalisierung der Gesellschaft weltweit voranschreitet, machen die nachfolgenden Zahlen deutlich, die, beispielhaft für viele Lebensbereiche, die Entwicklung des Internets eindrucksvoll belegen. So verdreifachte sich zwischen 2009 und 2011 die Zahl der Personen in Europa, die Waren und Dienstleistungen mit ihrem Mobiltelefon bezahlten, von 5,5 Millionen auf 18,2 Millionen. In Afrika stieg die Zahl der Internetnutzer im selben Zeitraum gar von 16,6 auf 45,5 Millionen.[1] Die Digitalisierung beeinflusst inzwischen nahezu alle Lebensbereiche, neue Geschäftsmodelle entstehen, alte verlieren an Bedeutung oder brechen ein. Immer preiswertere Kommunikationsdienste, hohe Rechnerleistungen und Bandbreiten, individuelle und sofort verfügbare Produkte sowie eine zunehmende Vernetzung und eine immer schnellere Innovationsgeschwindigkeit tragen zu dieser Entwicklung bei. Doch durch die steigende Vernetzung und scheinbar unendlichen Möglichkeiten des Internets nehmen auch die Angriffsflächen für Kriminelle zu. Nicht nur wir sind online präsent – das Verbrechen ist es auch.

Während vor 30 Jahren noch der globale Drogenmarkt expandierte und die Ära internationaler Schmugglerringe währte, geschieht organisiertes Verbrechen heute zunehmend digital. Verbrechen geschehen nicht mehr nur im Rahmen mafiöser Strukturen, sondern auch im World Wide Web – und damit überall. Die Zahlen sprechen dafür: Schätzungen gehen seit einer halben Dekade davon aus, dass mit Cybercrime schon mehr Geld zu verdienen sei als mit Drogen.[2] Genaue Angaben für beide Bereiche gibt es aufgrund einer hohen Dunkelziffer zwar nicht, doch ausgehend von aktuellen Entwicklungen wird die Bedeutung der Internetkriminalität weiter zunehmen. Die Spezialisierung und Vernetzung von Programmierern und Hackern trägt zu ihrer Effizienz bei.

Bedenken wir außerdem: Heute sind etwa ein Drittel aller Menschen online, mehr als 60 Prozent stammen aus sogenannten Entwicklungsländern, fast die Hälfte ist jünger als 25 Jahre.[3] Gleichzeitig findet eine zunehmende Digitalisierung aller Lebensbereiche statt: Smartphones sind inzwischen keine Besonderheit mehr – allein in Deutschland besitzen etwa 40 Prozent aller Bundesbürger ein solches mobiles Endgerät,[4] kaum jemand geht noch persönlich in eine Bankfiliale, um eine Überweisung zu tätigen, sondern erledigt dies online. Von der Wasserversorgung unserer Wohnungen bis hin zur Buchung eines Zugtickets ist nunmehr alles durch informationstechnische Infrastrukturen unterstützt. Die weite Verbreitung dieser Systeme macht aber auch deutlich, wie angewiesen wir auf eine funktionierende IT sind. Und wie verletzbar uns diese Abhängigkeit macht. Durch wenige Klicks gelingt es Hackern, diese Systeme zu stören, zu manipulieren oder gar zum Kollaps zu bringen. In einigen Fällen werden Straftaten im Netz vorbereitet, bevor sie in der realen Welt umgesetzt werden können. Ein bekanntes Beispiel für ein derartiges "Hybridverbrechen" ist der im Frühjahr 2013 bekannt gewordene Cyberbankenraub. Nachdem Hacker in die Systeme von Kreditkarten-Abwicklern eingedrungen waren, manipulierten sie die Limits von Kreditkarten, um mit eigens angefertigten Duplikaten schließlich in aller Welt Geld abzuheben; insgesamt erbeuteten sie 34 Millionen Euro. Auch in Deutschland schlug die Bande zu und hob insgesamt mehr als 1,8 Millionen Euro ab.[5]

Auf die Frage, warum sich Cyberstraftaten derart häufen, liegen die Antworten auf der Hand: Sie sind profitabel, verlangen nur wenig Infrastruktur und das Internet selbst bietet Hacking-Werkzeuge, die sofort appliziert werden können. Das Netz ist anonym, was eine Trennung von "realer" und "digitaler" Identität ermöglicht. Und: Es ermöglicht die Vernetzung krimineller Banden über Ländergrenzen hinweg – kosten- und zeiteffizient.

Definitionen und Schnittstellen



Bevor es um die genaue Abgrenzung und Darstellung von Cybercrime gehen kann, werden im Folgenden zuvorderst die generellen Merkmale der Organisierten Kriminalität ins Gedächtnis gerufen: Bei Organisierter Kriminalität handelt es sich um Straftaten, die dem Gewinn- oder Machtstreben dienen und von erheblicher Bedeutung sind. Diese Straftaten erfolgen arbeitsteilig unter der Beteiligung von mehr als zwei Akteuren und auf längere Dauer bestimmt. Zudem werden Verbrechen der Organisierten Kriminalität immer planmäßig begangen.[6] Im Rahmen des Übereinkommens des Europarates über Computerkriminalität, werden die mit Cybercrime zusammenhängenden Straftaten in vier grundsätzliche Kategorien unterteilt:
  1. Straftaten gegen die Vertraulichkeit, Unversehrtheit und Verfügbarkeit von Computerdaten und -systemen (hierzu zählt etwa auch das Abfangen von oder Eingreifen in Daten),
  2. Computerbezogene Straftaten (wie Fälschungen, Identitätsdiebstahl oder Computerbetrug),
  3. Inhaltsbezogene Straftaten (wie Straftaten, die Hassreden involvieren oder einen Bezug zu Kinderpornografie aufweisen),
  4. Straftaten in Zusammenhang mit Verletzungen des Urheberrechts und verwandter Schutzrechte.[7]
Darüber hinaus gibt es jedoch keine umfassende und allgemeingültige Definition des Begriffes Cybercrime. Allgemein gefasst bezieht sich der Term auf computerbezogene beziehungsweise -gestützte Straftaten, hinter denen sich oftmals eine finanzielle Motivation verbirgt.[8] Auch Cyberkriminelle agieren in Gruppen, jedoch ist die Kollaboration über kürzere Zeiträume hinweg angelegt und die Gruppenstruktur weniger hierarchisch, als man sie der allgemeinen Organisierten Kriminalität zuordnen würde. So ist es keine Seltenheit, dass für Computerkriminalität Menschen kooperieren, die sich nur aus der virtuellen Welt kennen, sich aber im realen Leben nie gesehen haben. Kriminelle treten, virtuell wie real, häufig nicht als Einzelkämpfer auf. Es gibt Absprachen und regelrechte Verabredungen zu Straftaten, wie den Trend des sogenannten flashrobs.[9] So werden Straftaten bezeichnet, zu denen sich einander unbekannte Personen im Internet verabreden, um gemeinsam ein Geschäft zu überfallen und zu plündern.


Fußnoten

1.
Vgl. Brand Eins 07/2012: Digitale Zahlen, http://www.brandeins.de/uploads/tx_b4/061_b1_07_12_digitale_zahlen.pdf« (12.8.2013).
2.
Vgl. Christian Rentrop, Cybercrime lukrativer als Drogenhandel, 4.12.2005, http://www.netzwelt.de/news/73085-cybercrime-lukrativer-drogenhandel.html« (12.8.2013).
3.
Vgl. United Nations Office of Drugs and Crime, Comprehensive Study on Cybercrime, Wien 2013, S. xvii.
4.
Im Vergleich zu einem Anteil von 34 Prozent im Vorjahr. Schätzungen zufolge soll der Anteil "normaler" Mobiltelefone, die 2013 verkauft werden, weiter schrumpfen und in diesem Jahr bei etwa 20 Prozent liegen. Vgl. Auch Ältere steigen auf Smartphones um, 9.6.2013, http://www.bitkom.org/de/presse/8477_76387.aspx« (12.8.2013).
5.
Vgl. Cyber-Bankräuber erbeuteten 1,8 Millionen Euro, 10.5.2013, http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/auswirkungen-auch-in-deutschland-cyber-bankraeuber-erbeuteten-1-8-millionen-euro-12178785.html« (12.8.2013).
6.
Vgl. Bundeskriminalamt (BKA), Bundeslagebild Organisierte Kriminalität 2011, Wiesbaden 2012, online: http://www.bka.de/DE/ThemenABisZ/Deliktsbereiche/OrganisierteKriminalitaet/ok__node.html?__nnn=true« (12.8.2013). Siehe auch den Beitrag von Klaus von Lampe in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
7.
Vgl. Convention Committee on Cybercrime, Übereinkommen über die Computerkriminalität, Budapest Convention, http://www.conventions.coe.int/Treaty/GER/Treaties/Html/185.htm« (12.8.2013).
8.
An dieser Stelle ist eine klare Abgrenzung zu "Cyberwar" notwendig, der zwar ebenfalls computer- beziehungsweise internetgestützt verläuft und ähnliche Tools und Methoden verwendet, aber eine grundverschiedene Motivation hat. Während sich Cybercrime gegen einzelne Personen oder Unternehmen richtet, hat der Cyberwar das Potenzial, eine ganze Nation zu gefährden. Vgl. Arne Schönbohm, Deutschlands Sicherheit: Cybercrime und Cyberwar, Münster 2011, sowie zur allgemeinen Sicherheitsarchitektur in Deutschland in: Deutschlands Sicherheit, Münster 2010.
9.
Entlehnt den Wörtern flash mob und robbery, also ein Raub im Rahmen eines spontanen Menschenauflaufs.
Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Arne Schönbohm für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.