1-Euro-Münze

12.9.2013 | Von:
Alessandra Dino,

Frauen in den italienischen Mafias

Lange haben sich Überlegungen und Analysen zum Thema Mafia nur am Rande mit Frauen beschäftigt und zudem schwer damit getan, die Existenz einer spezifisch weiblichen Realität in den mafiösen kriminellen Lebenswelten anzuerkennen. Es handelt sich um eine ignorierte Wirklichkeit, einerseits aufgrund von hartnäckigen geschlechterspezifischen Vorurteilen, andererseits aufgrund mangelnder Kenntnisse des Phänomens, was auch in die Bereiche Fahndung, Ermittlung und Justiz hineinwirkt. Von den Mitgliedern der Mafia ist diese weibliche Realität verdunkelt und verfälscht worden, doch hat sie eine zentrale Bedeutung. Aus der verbreiteten Unterschätzung der Rolle von Frauen in ihren Kreisen haben die Mafiosi in Momenten, in denen sie sich massivem Druck durch die Justizbehörden ausgesetzt sahen, beträchtliche Vorteile gezogen. So zum Beispiel indem Frauen die Kontrolle über das Territorium und die Leitung der illegalen Geschäfte übertragen wurde, im Vertrauen darauf, dass ihnen Straffreiheit garantiert würde.[1]

Durch den männlichen Blick gefiltert hat das Bild der Frauen in Mafias deformierte Züge angenommen und somit Gemeinplätze und falsche Mythen genährt, wodurch ihnen eine marginale Rolle und die Stellung des Opfers zugedacht oder dämonische Eigenschaften angedichtet wurden. Studien über die Rolle von Frauen in den Mafias setzen in Italien erst Anfang der 1990er Jahre ein. Und als handele es sich um eine reine Genderproblematik, sind es fast immer Wissenschaftlerinnen, die das Thema aufgreifen und gleiche Berücksichtigung von weiblichen Figuren fordern, sowohl wenn es darum geht, die Gewalt anzuklagen, der sie zum Opfer fielen, als auch bei der Aufdeckung ihrer Komplizenschaft in den Machenschaften der Organisationen.[2]

In der Tat, die Dynamiken von Inklusion und Exklusion von Frauen innerhalb der Mafia unterscheiden sich kaum von denen, die sich außerhalb der mafiösen Kontexte finden. Es ist daher notwendig, das Phänomen vor diesem Hintergrund zu betrachten, um Gettoisierung und Vorurteile zu vermeiden. Heute können wir sagen, dass – bei allen Unterschieden, die den spezifischen Eigenheiten der kriminellen Gruppen geschuldet sind – Frauen in den mafiösen Kontexten in vergleichbarer Form ausgeschlossen werden, wie es in der Gesellschaft insgesamt zu beobachten ist: Auch hier werden sie in den Schaltstellen der Macht und in der öffentlichen Sphäre oft an den Rand gedrängt und sind in der Minderheit.[3]

Zwischen Fremdheit und Inklusion

Das Stereotyp, dem zufolge Frauen in den organisierten Gruppen der mafiösen Kriminalität keinen Raum hätten, hat weite Verbreitung gefunden. So ist selbst in Situationen, in denen die Fakten auf Strafbarkeit hinwiesen, oft vermieden worden, ein Strafverfahren einzuleiten, weil man meinte, Frauen seien unfähig, verantwortlich und autonom zu handeln.[4] Bis in die 1990er Jahre wurden viele von Frauen begangenen Vergehen, die den mafiösen Straftaten zuzuordnen wären, zurückgestuft in die Kategorie persönlicher Vorteilsnahme – ein Verbrechen, das gemäß Artikel 384 des italienischen Strafgesetzbuchs nicht verfolgbar ist, sofern es durch einen Verwandten begangen wird – oder sie wurden als psychische Pathologien klassifiziert.[5] Diese Herangehensweise hat dazu geführt, dass der weibliche Beitrag zu den Aktivitäten der mafiösen Familien in falschen Dimensionen dargestellt wurde. Weiterhin wurde hierdurch eine zweigleisige Bewertung gerechtfertigt, die typisch mafiöse, jedoch von Frauen verübte Vergehen mit größerer Milde behandelt. Die Ergebnisse der Untersuchungen zum Thema haben gezeigt, dass diese sozio-juridische Rekonstruktion der Prüfung problematisch ist, da sie zu einer unterschiedlichen Bewertung der strafrechtlichen Verantwortlichkeit von Frauen im Fall von mafiösen Straftaten führte. In der Folge kam es in Italien nach 1990/91 zu einem bedeutenden Anstieg der Fälle, in denen gegen Frauen wegen Zugehörigkeit zu einer kriminellen Vereinigung nach Art der Mafia Strafanzeige erhoben wurde.

Richtet man den Blick auf das Innere des mafiösen Universums, so stellen wir fest, dass Frauen oft als fremde Figuren betrachtet werden. Die weibliche Andersartigkeit ist eine beunruhigende; Frauen führen eine Grenzexistenz, die es ihnen schwer macht, sich einen Raum und Ausdruck zu verschaffen. Ihre Geschichten sind voller Schweigen. In zweitklassige Rollen verbannt, werden ihre Befugnisse als minderwertige betrachtet. Allerdings wird vergessen, dass es in Machtstrukturen wie den kriminellen mafiösen Vereinigungen nur wenige Spitzenfiguren geben kann, und dass es "normal" ist, dass darunter nur wenige Frauen sind. Dagegen gibt es viele Mitläufer und Unterstützer; die, ohne selbst zu schießen, der Organisation erlauben, zu existieren. Unter anderem indem sie flüchtigen Verbrechern Unterstützung bieten, Nachrichten überbringen, den pizzo, das Schutzgeld, abkassieren. All diese Aktivitäten, werden häufig von Frauen ausgeführt.

Die vielfältigen Bereiche, in denen "weibliche" Pflichten innerhalb der Mafia liegen, sind, wenn auch nicht alle auf die Sphäre der Kriminalität zurückzuführen, doch von zentraler Bedeutung für die Organisation: Durch Zwangsverheiratung wird die Bande zwischen den mafiösen Familien gestärkt, Frauen erziehen die Kinder im Sinne und nach den Regeln der Organisation, pflegen die religiösen Beziehungen und üben eine strategische Rolle in den kommunikativen Prozessen aus. Frauen sind das Vehikel für ein Bild von Normalität, das Zustimmung im Umfeld der Mafia herstellt. In Momenten der Not erfüllen sie Aufgaben von hoher Verantwortung (angefangen von der Sammlung von Lösegeldern bis zur Führung des Clans), wobei sie die Kontrollen der Polizeikräfte sowie die Repressionen der Justiz umgehen; sie sind symbolische Instrumente und Opfer von Racheakten.

Fußnoten

1.
Vgl. Teresa Principato/Alessandra Dino, Mafia donna. Le vestali del sacro e dell’onore, Palermo 1997; Giovanni Fiandaca (Hrsg.), Women and the Mafia, New York 2007.
2.
Vgl. Renate Siebert, Le donne, la mafia, Mailand 1994; Anna Puglisi, Donne, mafia e antimafia, Palermo 1998.
3.
Vgl. Renate Siebert, Donne in terra di mafia: i riflessi del processo di emancipazione femminile, in: Il Mulino, 48 (1998) 1, S. 53–62; Alessandra Dino, Women and transnational organized crime: the ambiguous case of the italian Mafias, in: Felia Allum/Stan Gilmour (eds.), Routledge Handbook of Transnational Organized Crime, London – New York 2012.
4.
Vgl. Giovanni Fiandaca, La discriminante sessuale tra paradigmi giudiziari e paradigmi culturali, in: Segno, 13 (1997) 183, S. 19–28; Marina Graziosi, Infirmitas sexus. La donna nell’immaginario penalistico, in: Democrazia e Diritto, 33 (1993) 2, S. 99–143.
5.
Vgl. Tamar Pitch, Le differenze di genere, in: Marzio Barbagli/Uberto Gatti (Hrsg.), La criminalità in Italia, Bologna 2002.
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Autor: Alessandra Dino, für bpb.de
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