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12.9.2013 | Von:
Tanja Weber

Living in the Moral Never Never Land – Organisiertes Verbrechen in Film und Serie

Die Welt des organisierten Verbrechens war schon immer eng verzahnt mit den Massenmedien. Die "Gewaltindustrie"[1] liefert der Unterhaltungsindustrie Vorbilder, Phantasmen und Mythen für intrigenreiche und melodramatische Stoffe voller Action und Gewalt, Erotik und Liebe. Im Falle der Mafia auf Sizilien kommen noch regionale Zuschreibungen hinzu. So bediente sich beispielsweise Pietro Mascagni in seiner Oper Cavalleria rusticana dieser Mythen und erzählte zu klangvollen und eingängigen Melodien eine im sizilianischen Bauernmilieu angesiedelte Geschichte von Ehre, Stolz, Eifersucht, Rache und "bäuerlicher Ritterlichkeit"[2] – Eigenschaften, die im Charakter der Sizilianer begründet sein sollen. Die Opernpremiere am 17. Mai 1890 im Teatro Constanzi in Rom war überaus erfolgreich, die Cavalleria wurde ein internationaler Hit und der 26-jährige Mascagni über Nacht reich.[3] Obwohl die Cavalleria sich gar nicht mit der Mafia beschäftigt, etabliert sie einen Mythos, zu dem sich nachfolgend alle Repräsentationen des organisierten Verbrechens positionieren müssen. Mit dieser geo-biologisch-kulturellen "Erklärung" wird die Organisation negiert oder zumindest in den Hintergrund gedrängt, und die Mafiosi werden für ihre Taten quasi entschuldigt, ihre Motive und Ausmaße wiederum verharmlost. Stellvertretend für die Faszination und Reichweite des Mythos (und natürlich der Musik) steht der dritte Teil der Godfather-Trilogie von Francis Ford Coppola aus dem Jahr 1990, der nicht nur immer wieder die Musik leitmotivisch einsetzt, sondern sogar die Aufführung der Oper in Palermo zu einer Schlüsselszene erhebt.

Die Faszination für das organisierte Verbrechen verläuft aber nicht als Einbahnstraße, sondern muss vielmehr als reziproker Prozess angesehen werden. Denn auch die Unterhaltungsindustrie liefert mit ihren Darstellungen vom organisierten Verbrechen wiederum Vorbilder und Techniken, die von Delinquenten in die reale Welt übernommen werden. Gemäß einem langjährigen Mitarbeiter der Spurensicherung in Neapel eifern die Killer den Filmfiguren nach: "Nach Tarantino haben sie aufgehört, ordentlich zu schießen. Sie halten den Lauf nicht mehr gerade, sondern schräg und flach."[4]

In diesem Artikel werden unterschiedliche Positionierungen von Filmen und Serien zum Mythos Mafia als einer speziellen Form des organisierten Verbrechens anhand von exemplarischen Beispielen aus Italien und den USA und deren Bezüge zueinander untersucht. Im Vordergrund stehen dabei die Positionierung der Kriminellen und der Erzählmodus. Die US-amerikanischen Gangsterfilme der 1930er Jahre und The Godfather als der Mafiafilm in drei Teilen dienen mit ihrer zentralen Stellung des Gangsters als Referenzpunkte für weitere Vergleiche. Da The Godfather breit rezipiert wird und wurde, werden hier aus Platzgründen nur einige Schlagworte in Erinnerung gerufen.[5]

Im Gegensatz zu den US-Filmen rücken die italienischen Filme und Serien zunächst bis auf wenige Ausnahmen die Gegner der Mafia in den Mittelpunkt.[6] In nome della legge von 1949 stellt die Folie dar, die nachfolgende italienische Filme in ihren Mafiarepräsentationen aufgreifen, weshalb der Film ausführlich betrachtet wird. Wie sich die Tradition fortschreibt, wird anhand der erfolgreichen Kassenschlager der 1960er und 1970er Jahre skizziert.

Aktuelle Auseinandersetzungen mit dem Thema schreiben einerseits etablierte Strukturen fort, suchen aber andererseits auch nach innovativen Formen für die Repräsentationen der Mafia. Diese Entwicklung ist sowohl in Italien als auch in den USA zu beobachten, wobei die Strategien im Umgang mit dem Erbe der visuellen Mythen wechselseitige Bezüge aufweisen. Als Anschauungsbeispiele dienen unter anderem die Serien The Sopranos (HBO 1999–2007) und Romanzo Criminale (Sky Italia 2008–2010).

Der Pate der Mafiafilme

The Godfather basiert auf dem gleichnamigen Roman von Mario Puzo und repräsentiert die Mafia als Familienunternehmen in der narrativen Struktur des rise-and-fall der Gangsterfilme der 1930er Jahre. Prototypische Filme für den sogenannten klassischen Gangsterfilm sind Little Caesar (1930), Public Enemy (1931) und Scarface (1932). Zeitlich gesehen stehen diese Filme unter dem Einfluss des "National Prohibition Act" (1919 bis 1933) und der Großen Depression und schreiben eine Transformation des amerikanischen Mythos vom Tellerwäscher zum Millionär fort.[7] Der Gangster ist nach Hans Magnus Enzensberger eine der wenigen mythischen Figuren, die das 20. Jahrhundert hervorgebracht hat, und damit eine sehr gewichtige. Der Prototyp des Gangsters ist Al Capone.[8] Sein Erfolg bemisst sich an Luxusgütern, was zu einer Genrekonvention wird. So leistet sich beispielsweise der Italo-Amerikaner Tony Montana aus Scarface nicht nur maßgeschneiderte seidene Anzüge und Schmuck, sondern mit Poppy auch eine teure Frau, die zuvor die Frau seines Bosses war. Die Filme betonen die Ethnie der Gangster und schaffen damit Figuren, die gleichzeitig Teil und nicht Teil der amerikanischen Gesellschaft sind, und zeigen mit den sogenannten Bindestrich-Amerikanern eine konkurrierende Identität neben den sogenannten true americans.[9]

The Godfather übernimmt und transformiert die Strukturen der Gangsterfilme. Auch hier wird die amerikanische Rise-and-fall-Geschichte einer italienischen Immigrantenfamilie erzählt, wobei der Zuschauer durch die semiotische Komplexität zur fortlaufenden Rekonstruktion der Geschichte animiert wird.[10] Die Familie Corleone ist gleichzeitig auch das Mafiaunternehmen, die Treffen der Gangsterbosse sind auch Geschäftsmeetings, geschäftliche Angebote, die man nicht ablehnen kann, sind zugleich eiskalte Morddrohungen. Dies gilt auch für die genretypischen ikonografischen Zeichen, die ebenfalls mehrdeutig lesbar sind. Vito Corleone wird visuell durch seine Kleidung und auditiv über seine Sprache als "immigrant grandfather"[11] markiert, der für die "alte" Mafia steht, während Michael über seine Krawatten die verschiedenen Rollen der "neuen" Mafia (der Businessmann, der Totengräber, etc.) visualisiert.

Die Erzählhaltung ist durch die Perspektive der Mafia als Familiendrama von einer Narration und Ästhetik des nostalgischen Romantizismus geprägt. The Godfather ist als "not simply a film; it is an original myth"[12] zu bewerten und ist damit nicht nur aufgrund seiner Ikonografie, Narration und Thema ein prototypischer Film, sondern auch aufgrund seiner Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte.[13]

Fußnoten

1.
John Dickie, Cosa Nostra. Die Geschichte der Mafia, Frankfurt/M. 2006, S. 77.
2.
Ebd. S. 77.
3.
Vgl. ebd., S. 14.
4.
Zit. nach: Roberto Saviano, Gomorrha. Reise in das Reich der Camorra, München 2007, S. 303.
5.
Für eine intensivere Auseinandersetzungen mit der Trilogie bietet sich beispielsweise folgender Sammelband an: Nick Browne (Hrsg.), Francis Ford Coppola’s Godfather Trilogy, Cambridge 2000.
6.
Eine der Ausnahmen ist Salvatore Giuliano von Francesco Rosi aus dem Jahr 1961, der in einer Art reenactment und in dokumentarischer Haltung über Banditen und Opfer berichtet. Il Mafioso von Alberto Lattuada aus dem Jahr 1962 fokussiert einen Familienvater, der aus Mailand in seine sizilianische Heimat reist und sich seiner früheren Verbindungen nicht erwehren kann und schließlich einen Mann im Auftrag der Mafia ermorden muss.
7.
Vgl. Jonathan Munby, Public Enemies, Public Heroes. Screening the Gangster from Little Caesar to Touch of Evil, Chicago – London 1999, S. 2ff.
8.
Vgl. Hans Magnus Enzensberger, Politik und Verbrechen. Neun Beiträge, Frankfurt/M. 1964, S. 100.
9.
Vgl. J. Munby (Anm. 7), S. 26.
10.
Vgl. Anthony Julian Tamburri, Michael Corleone’s Tie: Francis Ford Coppola’s The Godfather, in: Dana Renga (Hrsg.), Mafia Movies. A Reader, Toronto 2011, S. 95.
11.
Ebd., S. 96.
12.
David Pattie (2003), zit. nach: George S. Larke-Walsh, Screening the Mafia. Masculinity, Ethnicity and Mobsters from The Godfather to The Sopranos, North Carolina – London 2010, S. 58.
13.
Vgl. ebd., S. 59.
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Autor: Tanja Weber für bpb.de
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