Ottendorf-Okrilla (Sachsen): Metallrestaurator Uwe Ostmann untersucht am 29.01.2002 in der Fuchs+Girke Bau+Denkmalpflege GmbH Sachsen in Ottendorf-Okrilla den kupfernen Leib des "Goldenen Reiters". Dresdens bekanntestes Denkmal war am 29.11.2001 aufgrund von Schäden im Stützgerüst vom Sockel gehoben worden. Für 130.000 Euro soll das vergoldete Reiterstandbild des sächsischen Kurfürsten bis zum Sommer restauriert werden. (DRE40-290102)

8.10.2013 | Von:
Bodo von Borries

Zurück zu den Quellen? Plädoyer für die Narrationsprüfung - Essay

Die "Instrumentalisierung von Historie", also die Indienstnahme von Geschichtsschreibung für politische, kulturelle oder wirtschaftliche Zwecke, ist kein neues Phänomen. Um ein Beispiel für viele zu bringen: Im Schloss Wilhelmstal bei Kassel gibt es eine wunderschöne Rokoko-Fayence: Klio, die Muse der Geschichte, sitzt nackt und mit verbundenen Augen auf dem Schoß des Kriegsgottes Mars und schreibt mit ihrer Feder nach dessen Diktat. Das kann – vor fast 300 Jahren – nur halb ironisch, halb zynisch gemeint gewesen sein. Geschichte ist nie zweckfrei, nie neutral. Sie erklärt immer – durch Erzählung über angeblich relevante Geschehnisse und Wandlungen in der Vergangenheit – die Gegenwart und eröffnet dadurch Zukunft. Aber wie?

Dieser Mechanismus schließt ein, dass der Geschichtsschreiber, ob er will oder nicht (und offen oder verdeckt), eine Absicht und ein Interesse verfolgt, eine Position und Perspektive einnimmt, eine Folgerung und Orientierung für die Gegenwart bietet. Gaius Julius Caesar hat seine Kommentare zum "Gallischen Krieg" und zum "Bürgerkrieg" gleich selbst verfasst, damit keine "falschen" oder "unerwünschten" Deutungen aufkommen konnten, Octavianus Augustus ließ seinen "Tatenbericht" in den Provinzen auf großen Steintafeln einmeißeln. Geschichte, um das mindeste zu sagen, wird von den Siegern geschrieben; andere reden von den "Mördern". Damnatio memoriae, das Verbot der Erinnerung an überwundene Gegner, auch die Vernichtung ihrer Denkmäler und Schriftstücke, ist zu allen Zeiten eine übliche Praxis gewesen. Ebenso häufig allerdings versucht man, das Bild des Besiegten tiefschwarz einzufärben, wozu man als überlegener und überlebender Sieger zahlreiche Möglichkeiten hat. Die herrschende Geschichte ist stets die Geschichte der Herrschenden gewesen.

Statt Geschichte als Instrument kann man auch Nutzung oder Gebrauch von Geschichte sagen – oder Erinnerungskultur. Das macht die Unentrinnbarkeit ganz deutlich. Nicht der kommunikativ ausgetragene Streit über Geschichte ("umkämpfte Geschichte") ist ein Problem. Das ist ganz normal. Schlimmer ist etwaige Uniformität, wie sie in traditional hierarchischen Gesellschaften einerseits und modernen Diktaturen andererseits gewünscht und (teilweise) erzeugt wird. Da findet eine Debatte über Geschichte nur im Geheimen statt. Es ist also wohlfeil und unfruchtbar, wieder einmal festzustellen, dass irgendjemand Historie zu instrumentalisieren versuche. Das ist unvermeidbar. Was sollte er oder sie sonst tun? Eine andere Frage ist, wie weit wissenschaftliche Historie, wie es sie seit der späten Aufklärung gibt, Garantien gegen (illegitime, aggressive, vorurteilhafte, verfälschende) Instrumentalisierung entwickeln kann. Es gibt Methodenstandards der äußeren und inneren Quellenkritik, des interkulturellen und internationalen Austausches zwischen zu Partnern gewordenen ehemaligen Gegnern und schließlich eine Forschungsethik des Geltenlassens von (echten) Gegen-Quellen und (begründbaren) Gegen-Interpretationen.

Aber gravierende Risiken des absichtlichen Betrugs und des vielfach unabsichtlichen Selbstbetrugs sind damit noch lange nicht vom Tisch. Gezielte Täuschung anderer ist nicht nur im Nationalsozialismus und Bolschewismus vielfach betrieben worden, corriger l’histoire war auch in Weimar üblich. Vor allem da, wo es gar nicht um Herstellung falscher Daten, sondern um Durchsetzung günstiger Deutungen geht, bleibt das ein übliches Geschäft auch ehrenwerter demokratischer Historikerinnen und Historiker. Aber Selbsttäuschung stellt das größere Problem dar. Auch Geschichtsschreiber bleiben manchmal in den eigenen Vorurteilen und Weltsichten gefangen, können sich andere Betrachtungsweisen gar nicht vorstellen.

Methodensorgfalt statt Moralpredigt

Natürlich ist es berechtigt, Instrumentalisierungen von Geschichte anzuprangern, wenn sie intellektuellen und normativen Standards nicht entsprechen. Aber das Risiko unfruchtbarer gegenseitiger Vorwürfe ist groß. Moralisieren bringt wenig. Stattdessen kommt es darauf an, die methodischen Fähigkeiten so zu entwickeln, dass man Manipulationen anderer nicht aufsitzt, sich auch vor Autosuggestionen schützt und schließlich offensiv Dritten bei der Entdeckung und Unschädlichmachung illegitimer Instrumentalisierungen helfen kann. Das darf man "Aufklärung durch methodisch reflexiv abgesicherte Historiografie" nennen.[1]

Es hilft also nichts; man muss an theoretische Vorbedingungen dessen heran, was Historie überhaupt ist und liefert und wie man sie relativ sicher gegen platte und fälschende Instrumentalisierungen machen kann. Und dafür sind die jüngsten nationalen Kontroversen, etwa über die perfekte NS-Gleichschaltung (?) oder relative NS-Widerständigkeit (?) des Auswärtigen Amtes (sowie die Nachgeschichte nach 1945), über die Verharmlosung (?) oder Verteufelung (?) der DDR-Geschichte sowie über die Produktivität (?) oder Negativität (?) der 68er-Bewegung in Westdeutschland, nicht die besten Beispiele. Scheinbar weiter entfernte Geschichtsthemen (Kolonialgeschichte, Geschlechterbeziehungen, Umweltverwüstungen) lassen einen gelasseneren Umgang zu – und erweisen sich häufig als mindestens ebenso identitäts- und zukunftsrelevant (aber nicht so modisch).

Eine klassische Frage eines Kindes könnte etwa sein: "Warum sind die Österreicher eigentlich keine Deutschen, obwohl sie doch Deutsch sprechen?" Die Antwort kann nur in einer Geschichte über vergangene Prozesse bestehen – und zwar in narrativer Struktur. Dabei wird es ganz verschiedene Geschichtsversionen geben, zum Beispiel deutsche und österreichische, ungarische und französische Varianten, aber nicht nur die eine richtige bei lauter anderen tendenziell oder grob falschen. Es gelten nämlich nicht für alle Individuen beziehungsweise Gruppen dieselben Geschichten in gleichen Versionen. Das hat man "Identitätskonkretheit" genannt. Aber Identitätskonkretheit von Geschichte schließt Triftigkeit, also den Anspruch auf Richtigkeit und Plausibilität ("Wahrheit"), nicht aus, sondern verlangt sie. Denn wir leben in Netzwerken und nicht nur in einer Identität. Jede(r) hat nicht nur eine nationale Zugehörigkeit und Selbstdefinition, sondern auch eine altersgruppen-, schicht-, bildungs- und geschlechtsspezifische, eine regionale, europäische und universale historische Identität.

Es ergeben sich dabei verständlicherweise auch Konflikte und Kontroversen. "Umkämpfte Geschichte" statt "gemeinsamer Geschichte" (beides wird – in zweierlei Bedeutung – auch "geteilte Geschichte" genannt) ist in pluralistisch-heterogenen Gesellschaften ganz normal und nicht zu skandalisieren. Spannend – und eine Frage der "demokratischen Kultur" – ist erst, wie damit umgegangen wird, nämlich abwehrend und feindselig herabsetzend oder kommunikativ und neugierig suchend. Eben dazu müssen Methodenstandards eingehalten werden, und zwar kognitiv wie human. Es geht – nicht nur, aber besonders in kulturell gemischten Lerngruppen – nicht an, die eigenen Interessen oder Vorurteile unumwunden für den Nabel der Welt zu erklären und keineswegs mehr in Frage stellen zu lassen. Statt dessen gilt: Audiatur et altera pars! Fachdidaktisch und unterrichtspraktisch heißt das: "verhandeln statt anordnen".

Dabei ist es nicht so, dass alle historische Erkenntnis mit Quellenfindung, Quellenbeurteilung und Quellenauswertung beginnt. Der Einzelne – wie auch eine Gruppe oder eine Schulklasse – kann auch über eine provokative Deutung oder eine umstrittene Schlussfolgerung in historisches Lernen einsteigen (Verunsicherung). Oft wird das sogar motivierender und lebensnäher sein. Entscheidend ist, dass die Prüfung auf Kontraste und die Prüfung auf Triftigkeiten eng zusammengehören. Wer gar nicht wahrnimmt, dass verschiedene Quellen, abweichende Darstellungen und gegensätzliche Botschaften zu gleichen historischen Phänomenen vorliegen, hat die Logik historischen Denkens, die Chance zu Fremdverstehen und Selbsteinsicht, noch nicht begriffen. Wer umgekehrt nicht mehr nach der besten – aber nicht einzigen – Version (meist muss sie hoch-inklusiv ausfallen) fragt und sucht, kann seine historische Orientierung, sein Welt- und Selbstverständnis, seine Handlungsoptionen nicht durch historisches Lernen optimieren und revidieren.

Fußnoten

1.
Die Forschungsgruppe "FUER Geschichtsbewusstsein" hat dafür den Terminus "(methoden-) reflektiert und (selbst-) reflexiv" eingeführt. Vgl. Waltraud Schreiber et al., Historisches Denken. Ein Kompetenz-Strukturmodell, Neuried 2006.
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Autor: Bodo von Borries für bpb.de
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