Ottendorf-Okrilla (Sachsen): Metallrestaurator Uwe Ostmann untersucht am 29.01.2002 in der Fuchs+Girke Bau+Denkmalpflege GmbH Sachsen in Ottendorf-Okrilla den kupfernen Leib des "Goldenen Reiters". Dresdens bekanntestes Denkmal war am 29.11.2001 aufgrund von Schäden im Stützgerüst vom Sockel gehoben worden. Für 130.000 Euro soll das vergoldete Reiterstandbild des sächsischen Kurfürsten bis zum Sommer restauriert werden. (DRE40-290102)

8.10.2013 | Von:
Thomas Großbölting

Geschichtskonstruktion zwischen Wissenschaft und Populärkultur - Essay

Erinnerungswandel durch Medienwandel

All diese Veränderungsprozesse wurden und werden angestoßen wie auch beschleunigt durch einen rasanten Medienwandel, dessen tiefgreifende Wirkungen bislang wohl kaum abschließend abzuschätzen sind: Die beschleunigte und immaterielle Kommunikation des Internets und der sozialen Netzwerke erweitert die Möglichkeiten des Umgangs mit der Vergangenheit ungemein. Im Bereich der Erinnerungskultur fungieren laut Erik Meyer insbesondere die sozialen Netzwerke als ein "Assoziationsraum", in dem die rezipierten Inhalte seitens der Nutzerinnen und Nutzer gesammelt und verteilt werden und sich Motive verdichten. Damit ist die Dezentrierung wie auch die Pluralisierung von Geschichtsbildern unausweichlich. Die herkömmlichen Plattformen und Medien für die Diskussion von Geschichte verlieren an Einfluss, ohne aber ganz in der Bedeutungslosigkeit zu versinken: Nach wie vor, so zeigen erste Untersuchungen zur Geschichtsthematisierung im Internet, werden die Themen meist anderswo gesetzt: Geschichte im Film und in dokumentarischen Formaten, in Büchern, zum Teil auch im Geschichtsunterricht. Die dort angestoßenen Debatten werden dann im Netz fortgesetzt und vertieft.[8]

Die informationstechnische Entwicklung bedeutet somit sicher nicht das Ende, vielleicht nicht einmal eine Krise des Erinnerns, wohl aber eine tiefgreifende Veränderung ihrer Formen und Funktionen. Wo Erinnerungskulturen heute meist zivilgesellschaftlich und dezidiert politisch begründet werden, so werden sie in Zukunft eher kommerziell motiviert sein; wo sie heute eher noch auf Nachhaltigkeit angelegt sind, werden sie morgen eher episodenhaft und kampagnenförmig sein; sind sie heute noch vergegenständlicht und diskursiv, so werden sie morgen visualisiert und virtuell sein; bewegen sie sich heute noch im nationalstaatlichen Deutungsrahmen, werden sie zukünftig eher global ausgerichtet sein.[9] Die Globalisierung des Holocaustgedenkens ist das vermutlich treffendste Beispiel dafür.

Diesen angedeuteten Trend im Umgang mit der Vergangenheit hat der österreichische Historiker Valentin Groebner jüngst als einen besonderen Bruch beschrieben, den er zeitlich mit dem Ende des 20. Jahrhunderts verortet: Antike, Mittelalter, Aufklärung, ja auch das 19. Jahrhundert hätten sich seitdem "in eine Art historische Tiefsee verwandelt, pittoresk, materialreich, aber distanziert; eine Zone, in der alles Vergangene gleich weit weg ist, so fremd und weit entfernt, dass es nicht mehr in direkter Referenz auf die Gegenwart gebraucht werden kann und keine direkt wirksamen Ursprungs- und Identifikationsangebote mehr enthält". Wie andere Autoren nimmt Groebner nur die Geschichte und die Vorgeschichte des Nationalsozialismus von dieser Diagnose aus. Allein diese werde in der öffentlichen Inszenierung weithin selbstverständlich als "eigene" und damit als "unmittelbar wirkmächtige und identitätspolitisch genutzte Geschichte (angesehen), mit der man in der richtigen, angemessenen Weise umzugehen hat". Richtig an der Beobachtung scheint mir, dass die Geschichte der NS-Diktatur in besonderer Weise als "moralisch und identitätspolitisch aufgeladene Nahvergangenheit" gilt.[10] In abgeschwächter Weise können wir diesen Trend auch für die Thematisierung der DDR-Vergangenheit im Kontext der kommunistischen Diktaturen Osteuropas beobachten. Trotz dieser besonderen Stellung aber sind auch NS- und DDR-Vergangenheit von den grundlegenden Veränderungen in der Erinnerung nicht ausgenommen.

"Er ist wieder da": Hitler in der deutschen Erinnerung

Neben der Verfolgung und der Ermordung der Juden in Europa gibt es ein weiteres Erinnerungsmoment, das nicht nur, aber wohl vor allem die Deutschen seit 1945 in besonderer Weise ebenso fasziniert wie abgestoßen hat: die Person Adolf Hitler. Zum Teil angeleitet durch die alliierten Besatzungsmächte, zum Teil aus der Dynamik eines wohl vor allem sozialpsychologisch zu erklärenden Prozesses schlug bereits in den ersten Nachkriegsjahren der "Mythos Hitler" und die in den letzten Kriegsjahren zwar bröckelnde, aber doch tief wurzelnde Faszination für den Diktator in ihr Gegenteil um. Aus dem "Führer" wurde eine Unperson: Im Sprachgebrauch des Westens avancierte er zum "Teufel" oder "Dämon", im Osten galt er als "faschistische Bestie".[11]

Hitler blieb auch in den Folgejahren immer Garant für ein großes Interesse. Dabei war es nicht die Historikerschaft, die diesen Trend forcierte. Hier setzte man laut Norbert Frei auf eine "Entpersonalisierung des historischen Narrativs", teils um sich damit dezidiert von der voyeuristischen "Kammerdienerperspektive" einer an privaten Details interessierten Illustriertenpresse abzusetzen, teils um dem öffentlichen Bild von den vermeintlich überragenden Fähigkeiten Hitlers entgegenzusteuern. Die gesellschaftliche Thematisierung Hitlers außerhalb der Wissenschaft kannte diese Zurückhaltung nicht: "Hitler sells". Den Anfang machte der Journalist Joachim Fest – und damit ein akademischer Außenseiter – mit der erfolgreichsten Biografie der Nachkriegszeit: Sein Buch "Hitler" verkaufte sich seit 1973 in verschiedenen Ausgaben und Auflagen rund 800000 Mal.[12] Das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" erreichte und erreicht mit seinen NS-Titelgeschichten herausragende Verkaufszahlen, Guido Knopps ZDF-History-Redaktion war in vielem ganz um die Person Hitlers und ihre Weiterungen herum konzipiert.[13] Angesichts des großen Kassenerfolgs von Bernd Eichingers Film "Der Untergang" über die letzten Tage im "Führerbunker" fragte der Journalist Jens Jessen bereits 2004 in der Wochenzeitung "Die Zeit", was Hitler "so unwiderstehlich" mache. Das mit Hitler verbundene Erregungspotenzial sei von keiner anderen lebenden oder toten Gestalt zu übertreffen, so Jessen.[14]

Schon bei einer sporadischen Sichtung verdichtet sich der Eindruck, dass die Figur Adolf Hitler besonders während der zurückliegenden zehn Jahre in der Populärkultur verstärkt in Erscheinung getreten ist. Das reicht von Kabarettnummern (etwa vom Duo Pigor & Eichhorn) über Comics (Walter Moers) bis zu TV-Produktionen und diversen Kinofilmen. Die Dämonisierung der frühen postnationalsozialistischen Jahre ist dabei einer popkulturellen Verwendung gewichen. "Inzwischen dient Hitler als Gruselgröße einer globalisierten Medienwelt, die sich seiner in allen möglichen und unmöglichen Zusammenhängen bedient – längst nicht mehr nur zum Zweck der historischen Aufklärung."[15] In den Medien und speziell in der Unterhaltungsindustrie genügen heute wenige Anspielungen, um "die härteste aller Drogen, die Aufmerksamkeit produzieren", zu verabreichen.[16] Zwei Finger waagerecht unter die Nase gehalten, ein etwas rollendes R, ein stierer Blick – schon scheint die Imitation perfekt und die Anspielung allgemein wahrnehmbar zu sein. Und die Verfilmung des Moers-Comics wird mit dem Slogan beworben: "Adolf, die Nazi-Sau, ist nun einmal der größte Popstar, den wir Deutschen je hervorgebracht haben."[17]

Das jüngste Beispiel für diese Entwicklung ist die Erstveröffentlichung des Journalisten Timur Vermes. "Die Polit-Satire 'Er ist wieder da' (…) hat die Bestseller-Listen erobert. An der Qualität des Romans kann das nicht liegen", ätzte im Januar 2013 die "Süddeutsche Zeitung" gegen das im Herbst 2012 erschienene Buch.[18] Nicht die Publikation selbst, sondern seine Rezeption hatte diese Besprechung bewirkt. Vermes hatte mit einem höchst ungewöhnlichen Buch die Aufmerksamkeit vieler Leserinnen und Leser geweckt. Bis zum Sommer 2013 verkaufte sich "Er ist wieder da" über 700000 Mal, hinzu kamen 150000 Hörbücher. Übersetzungen in 27 Sprachen sind ebenso angekündigt wie die Verfilmung des Buches – ein "Überraschungserfolg", den viele nicht für möglich gehalten hatten. Es war sicher nicht die Prominenz des Autors, die den Erfolg zu erklären hilft: Als Journalist hatte Vermes in unterschiedlichen Zusammenhängen gearbeitet, sich aber eher in der zweiten Reihe und als Ghostwriter profiliert. Die veröffentlichten Reaktionen helfen ebenfalls nicht, den Senkrechtstart des Buches zu erklären, denn die Kritik ignorierte das Buch. Selbst nachdem sich "Er ist wieder da" auf den Bestsellerlisten eingeschrieben hatte, hielten sich die professionellen Kommentatoren zurück oder kritisierten das Buch als geschmacklos oder politisch naiv, ohne aber dem Erfolg Abbruch zu tun.

Also war es offenbar doch das Thema, welches dem Buch so viel Popularität bescherte. Das Cover mit dem stilisierten Seitenscheitel und dem charakteristischen Minischnauzer lässt keinen Zweifel. Derjenige, der im Roman wieder da ist, ist Adolf Hitler: Nach 66 Jahren im Nirgendwo wacht der aus der Zeit gefallene Diktator 2011 in einer Berliner Baulücke auf. Er trifft auf ein modernes, aber dann auch vom wieder aufgetauchten "Führer" fasziniertes Deutschland. Natürlich ist es nicht mehr die Rolle des Diktators, die Hitler einnehmen kann. Aber schon bald bietet sich ihm die Chance zu einer zweiten Karriere: An einem Kiosk trifft er auf Produzenten eines Privatsenders, die ihn alsbald zum sidekick eines Comedian machen, der in seiner Darbietung vor allem mit seiner türkischen Herkunft spielt. Gegen den Widerstand von "Bild" und sonstiger Presse wird Hitler zum Medienstar, vor allem im sogenannten "Internetz" avanciert er zum Klickkönig. Zum Schluss winkt ihm gar der Grimme-Preis.

Der (gelegentliche) Witz entsteht dadurch, dass Hitler vor allem aus seiner eigenen Führer-, Reichskanzler- und Diktatorenperspektive heraus agiert und versucht, das für ihn Neue zu erklären. Seine Umgebung hält ihn hingegen für einen begnadeten Kabarettisten, der niemals aus der Rolle fällt. Es sind eine Unzahl von Zeitreisescherzen, die den breit verwendeten Nazijargon etwas abmildern. Manchmal ist das komisch, manchmal auch nicht: Hitler lässt seinen von Brennspiritus verunreinigten Uniformmantel von der "Blitzreinigung Yilmaz" säubern und wird vom jugendlichen Sohn des Besitzers gleich mit einem fernsehbekannten Hitlerimitator verwechselt; bei der "Bild" bekämpft ihn der dortige "Schriftleiter" Diekmann zunächst – um ihn dann frenetisch zu feiern; während Hitler selbst den NPD-Chef Holger Apfel als "unvorstellbare Witzfigur" abqualifiziert, steht die deutsche Politprominenz bei ihm Schlange, um ihn für den Eintritt in die jeweilige Partei zu werben.

Beklemmend ist das Buch dort, wo es über den Klamauk hinausreicht. Folgt man den Interviews mit dem Autor, dann ging es Vermes um mehr als um ein paar Scherze. Motivation für sein Buch sei gewesen, dass es zu viel vom immer gleichen Hitler in Deutschland gebe: "Vielen ist mein Hitler zu menschlich, was im Umkehrschluss bedeutet, dass sie ihn gerne 24 Stunden am Tag unmenschlich hätten. Aber so kann’s ja nicht gewesen sein, mit einem Nonstopmonster arbeitet doch keiner zusammen. Seine Politik war unmenschlich, aber er selbst?", so fragt Vermes.[19] Allem Anschein nach war es sein Ziel, eine gewisse Attraktivität Hitlers nachvollziehbar zu machen. Warum haben ihn so viele gewählt? Was haben sie in ihm gesehen? Und: Was wäre, wenn er heute tatsächlich wiederkäme? Um das zu erreichen, lässt Vermes seinen Leserinnen und Lesern Einlass in Hitlers Kopf: Sie lesen, was dieser denkt, und wissen, was dieser fühlt. Und auf diese Weise gerät Hitler zum "Typen von nebenan", der zwar reichlich verschroben daherkommt, dem die Leserin oder der Leser aber eine Reihe von sympathischen Seiten abgewinnen kann. In vielen Passagen gibt Hitler den Anwalt der kleinen Leute: Er stellt sich ebenso gegen rasende und am Steuer telefonierende Autofahrer wie gegen die heutigen Lebensmittelskandale. Er spricht die Tabus an, die andere angeblich nicht thematisieren mögen. Für den Hitler, den Vermes hier vorführt, gilt in besonderer Weise, was der Journalist Daniel Erk schon vor Erscheinen des Buches geschrieben hatte: "Dieser Hitler, der heute durch die Gazetten und Fernsehkommentare geistert, ist ein Abziehbild (…), ein medialer Wiedergänger, dem jede Widersprüchlichkeit genommen wurde."[20]

Schaut man genauer auf die Wirkweise von "Er ist wieder da", dann kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass einige der oftmals gegen populäre Geschichtsthematisierung vorgetragenen Bedenken tatsächlich zutreffen. Das Buch fällt hinter viele auch populäre Darstellungen Hitlers zurück und sagt damit viel darüber, welche Funktion ein solches Hitler-Bild vor allem für die heutigen Leserinnen und Leser hat: Die Person Hitlers wird gerade dadurch, dass sie so simpel in gängige Personalisierungsmuster aufgelöst wird, in vielfacher Hinsicht trivialisiert und verflacht. Das Buch ist daher vielleicht eine satirische Skizze des heutigen Medienbetriebs. Es erklärt aber weder die Person Hitler, noch seine nicht allein, aber durchaus auch charismatische Herrschaft oder die Faszination, die ihm viele Deutsche entgegengebracht haben.

Fußnoten

8.
Vgl. Dörte Hein, Virtuelles Erinnern, in: APuZ, (2010) 25–26, S. 23–29, hier: S. 27.
9.
Vgl. Claus Leggewie/Erik Meyer (Hrsg.), Erinnerungskultur 2.0. Kommemorative Kommunikation in digitalen Medien, Frankfurt/M. 2008.
10.
Valentin Groebner, Touristischer Geschichtsgebrauch. Über einige Merkmale neuer Vergangenheiten im 20. und 21. Jahrhundert, in: Historische Zeitschrift, (2013) 296, S. 408–428, hier: S. 411f. Ähnlich argumentiert Paul Nolte, Die Macht der Abbilder. Geschichte zwischen Repräsentation, Realität und Präsenz, in: Merkur, 59 (2005) 677–678, S. 889–898, hier: S. 893.
11.
Vgl. Norbert Frei, Führerbilderwechsel. Hitler und die Deutschen nach 1945, in: Hans-Ulrich Thamer/Simone Erpel (Hrsg.), Hitler und die Deutschen. Volksgemeinschaft und Verbrechen, Dresden 2010, S. 142–147, hier: S. 144.
12.
Vgl. Buchreport vom 25.3.2010.
13.
Vgl. Simone Erpel, Hitler entdämonisiert. Die mediale Präsenz des Diktators nach 1945 in Presse und Internet, in: H.-U. Thamer/dies. (Anm. 11), S. 154–160.
14.
Jens Jessen, Braune Schatten: Was macht Hitler so unwiderstehlich?, in: Die Zeit vom 23.9.2004, online: http://www.zeit.de/2004/40/01_leit_1_40« (1.10.2013).
15.
N. Frei (Anm. 11), S. 147.
16.
Vgl. ebd; Zitat von J. Jessen (Anm. 14).
17.
Vgl. http://www.adolf-online.com« (1.10.2013).
18.
Cornelia Fiedler, Ha, ha, Hitler, in: Süddeutsche Zeitung vom 9.1.2013, online: http://www.sueddeutsche.de/kultur/-1.1568685« (1.10.2013).
19.
Wolfgang Molitor/Simon Riling, "Wir lachen mit Hitler". Interview mit Timur Vermes, in: Stuttgarter Nachrichten vom 1.2.2013, online: http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.timur-vermes-wir-lachen-mit-hitler.d2f1fcc9-112d-4372-bba1-617f6f222ca2.html« (1.10.2013).
20.
Vgl. Daniel Erk, Hitler ist nicht totzukriegen, 6.1.2012, http://www.zeit.de/kultur/literatur/2012-01/erk-hitler-vorab« (1.10.2013).
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