Ottendorf-Okrilla (Sachsen): Metallrestaurator Uwe Ostmann untersucht am 29.01.2002 in der Fuchs+Girke Bau+Denkmalpflege GmbH Sachsen in Ottendorf-Okrilla den kupfernen Leib des "Goldenen Reiters". Dresdens bekanntestes Denkmal war am 29.11.2001 aufgrund von Schäden im Stützgerüst vom Sockel gehoben worden. Für 130.000 Euro soll das vergoldete Reiterstandbild des sächsischen Kurfürsten bis zum Sommer restauriert werden. (DRE40-290102)
1|2|3 Auf einer Seite lesen
8.10.2013 | Von:
Thomas Großbölting

Geschichtskonstruktion zwischen Wissenschaft und Populärkultur - Essay

Erinnerung, Gedächtnis, Repräsentation – diese Begriffe, die mit ihnen verbundenen Konzepte wie Forschungen haben Konjunktur. Aus der öffentlichen Thematisierung von Vergangenheit, aber auch aus kulturellen Selbstbeschreibungen sind sie nicht mehr wegzudenken. Auch wenn wissenschaftliche Impulse den Raum geöffnet haben für die (Weiter-)Entwicklung der Geschichte zweiten Grades, so ist die Erinnerungswelle selbst aber wesentlich von der öffentlichen Thematisierung der Vergangenheit getragen: Es sind und waren politische Anstöße, zivilgesellschaftliche Bewegungen und Einzelinitiativen, die Aspekte der Vergangenheit thematisierten, mit inhaltlicher und zeitlicher Kohärenz versahen und damit zur öffentlichen Geschichte machten, die dann auf die Gegenwart projiziert wurde und für die Zukunft orientieren sollte. Schon oft wurde auf die besonderen Voraussetzungen für diese Art des "Geschichtsgebrauchs" in Deutschland hingewiesen. Insbesondere im geteilten wie auch im wiedervereinigten Deutschland scheint doch die Herleitung von Identität aus der Vergangenheit eine besondere Bedeutung zu haben. Es waren vor allem zwei Brüche im 20. Jahrhundert, die dieses besondere politisch-kollektive wie auch individuelle Interesse an der Vergangenheit hervorriefen: jener mit der NS-Diktatur 1945, aber auch der mit der Zwangsherrschaft der SED des Jahres 1989. Die jeweils spezifische Art des öffentlich praktizierten Rückgriffs auf die Geschichte hat funktional meist weniger mit der Vergangenheit zu tun, sondern erklärt sich vor allem aus dem gegenwärtigen Orientierungsbedürfnis für zukünftige Handlungen.[1]

Will man die davon ausgehende Entwicklung von "Erinnerung" charakterisieren, dann muss man sich kategorial an den jeweiligen Gegenwartsfunktionen orientieren, die diese Form der Vergangenheitsthematisierung gesellschaftlich hatte. Folgt man dieser Prämisse, deuten sich klare Veränderungen im Umgang mit der deutschen Vergangenheit an. Die "Zukunft der Erinnerung" wird anders sein als der Modus der "Vergangenheitsbewältigung" im Umgang mit der NS-Diktatur wie auch der der "Aufarbeitung" der SED-Diktatur.

"Bewältigung" und "Aufarbeitung"

Im Vordergrund des bundesdeutschen Projekts NS-"Vergangenheitsbewältigung", so die charakteristische Selbstbezeichnung, standen die Thematisierung und "Bearbeitung" von Leid und Unrecht, von Täterschaft und Opferstatus. Das Ziel dieses Projekts war es, die Anerkennung und die Aufarbeitung der Vergangenheit gegen diejenigen gesellschaftlichen und politischen Kräfte zu erkämpfen, die an der Haltung des "Davon haben wir nichts gewusst" festhielten. Erinnerung war in dieser Konstellation nicht zuletzt Mittel zum Zweck, um die ideologischen Kontinuitäten mit der NS-Vergangenheit zu überwinden. Die frühen Jahre der Bundesrepublik boten genügend Anlass wie auch viel Angriffsfläche für ein solches Vorhaben: Starke Elitenkontinuitäten in Staat, Wirtschaft und Wissenschaft entsprachen einer allgemeinen Abwehrhaltung gegenüber einer Thematisierung der Vergangenheit.

Das idealtypische Medium für dieses Projekt "Vergangenheitsbewältigung" ist die Gedenkstätte, wie Volkhard Knigge, als Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora einer der führenden Protagonisten dieser Art von Geschichtsthematisierung, herausgearbeitet hat.[2] Eine Gedenkstätte einzurichten und ihre Existenz zu sichern hieß auch, diese als Ort der Dokumentation sowohl zur Erinnerung an die Opfer als auch zu Beweiszwecken gegen die Leugnung der Verbrechen zu bewahren. In dem Maße, in dem die bundesdeutsche Gesellschaft sich von der postnationalsozialistischen zu einer demokratisch-pluralen hin wandelte, veränderte sich auch der Impuls dieser Art der "Vergangenheitsbewältigung": Die dezidiert politische Funktion des Imperativs "Du darfst nicht vergessen" veränderte sich, "sakralisierte" sich in den Folgejahren zunehmend und gewann immer stärker eine moralisch-sinnstiftende Konnotation, die weit über den politischen Kontext des Kampfes um die Anerkennung von Schuld sowie entsprechender Verpflichtungen hinausging.[3] In der Bundesrepublik war es auf diese Weise gelungen, ein "negatives Gedächtnis als staatlich geförderte, öffentliche Aufgabe zu etablieren und zu einer Ressource für demokratische Kultur und diese fundierende Lern- und Bildungsprozesse zu machen".[4]

Die Wiedervereinigung, so ließe sich die Entwicklung weiterschreiben, gab dem Projekt "Vergangenheitsbewältigung" noch einen weiteren Schub, wenn sich auch das Etikett zu "Aufarbeitung" änderte. Allen Unterschieden zum Trotz gab es doch auch wesentliche Parallelen: Mit Übernahme der nationalen NS-Gedenkstätten der DDR schuf ein vom Bund getragenes Programm auch für die Institutionen im Westen eine neue Grundlage. Das Generationenprojekt wurde fortgeführt. Auch inhaltlich-methodisch orientierte sich die Aufarbeitung der SED-Diktatur zunächst an den altbundesrepublikanischen Praktiken und Formen, die man in Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus entwickelt hatte. In der Forschung fand dieser Weg seine Entsprechung in der kurzen und wenig fruchtbaren Renaissance der Totalitarismustheorie. Insbesondere ausländische Beobachter wie zum Beispiel der Deutschlandforscher James McAdams erklärten die Intensität wie auch die auf Delegitimierung zielende Form der "Aufarbeitung", mit der sich das wiedervereinigte Deutschland der kommunistischen diktatorischen Vergangenheit annahm, mit dem "Lerneffekt" der NS-Thematisierung.[5]

Die Zukunft der Erinnerung ist dieser besondere Modus wohl nicht, und das gleich in mindestens doppelter Hinsicht: "Geschichtskultur", "Erinnerungspolitik" respektive "Geschichtspolitik", "Erinnerungskultur" – schon allein die Austauschbarkeit der einzelnen Wortbestandteile zeigt, dass das entsprechende Vokabular zwar feuilletonistisch anschlussfähig ist, aber keinesfalls präzise definiert. So charakterisierte der amerikanische Soziologie Jeffrey K. Olick die Erinnerungsmetaphorik als einen "broad, sensitizing umbrella", der hoch verschiedene Sachverhalte und Prozesse eher unbestimmt überspannt.[6] Nicht nur Kritiker, sondern auch Protagonisten des Forschungsfeldes beklagen eine semantische und normative Überladung der Begriffe, die oftmals mit methodischer Unschärfe Hand in Hand geht, sodass eine konzeptionelle Weiterentwicklung angemahnt wird.

Aber nicht aus dem Feld der wissenschaftlich-theoretischen Durchdringung, sondern aus der Praxis historisch-politischen Lernens und dessen Reflexion kommt die gravierendste Kritik. Insbesondere Autoren wie Volkhard Knigge, Jan Philipp Reemtsma, Harald Welzer oder auch der Althistoriker Christian Meier haben ihre Bedenken scharf herausgearbeitet. Im öffentlichen "Gedenkwesen", so schreibt beispielsweise Meier, sei das an eine Generation gebundene Projekt "Historisches Lernen qua Erinnerung" zur kontraproduktiven Pathosformel verkommen. Dem pflichtet Volkhard Knigge bei: "Eine zumeist von Älteren angemahnte Auseinandersetzung mit der Vergangenheit tritt ihnen (den Jüngeren, Anm. TG) überwiegend als Erinnerungsimperativ (…) entgegen und begegnet ihnen in Gestalt massenmedialer oder öffentlich habitualisierter Redundanzen und Kümmerformen wie etwa Gedenkstättenpflichtbesuchen, rhetorischen Codes, visuellen Klischees oder vordergründiger Symbolpolitik."[7]

Die Beschränkungen und Grenzen des Projekts "Vergangenheitsbewältigung"/"Aufarbeitung" treten besonders mit Blick auf die Nachgeschichte der zweiten Diktatur in Deutschland zutage: Wo es hinsichtlich des Nationalsozialismus gelang, zumindest oberflächlich eine breite gesellschaftliche Verständigung über dessen historische Bewertung zu etablieren, da blieb mit Blick auf die SED-Diktatur der vielfach erhoffte Effekt aus: Ein breiter Konsens, welchen Ort der deutsche Staatssozialismus sowjetischen Typs in der Gedenk- und Erinnerungskultur der Bundesrepublik einnehmen soll, ist nicht in Sicht und wird als Zielperspektive selbst zunehmend problematisiert. Muss es, kann es oder darf es eine einheitliche Deutung der DDR-Vergangenheit geben? Die verschiedenen Phasen des deutsch-deutschen Selbstverständigungsdialogs (Vereinigungskrise, Ostalgiedebatte, Trotzidentität und andere Stichworte sind hier zu nennen) sind mittlerweile beschrieben, wenn auch noch nicht analysiert. Die Vergangenheitsthematisierung hatte dabei meist eher spaltende als integrierende Wirkung. Bis heute ist diese Debatte um die DDR-Geschichte von verschiedenen Spannungslinien durchzogen, die exemplarisch auch die Veränderungen im Feld der Erinnerung allgemein anzeigen:

Erstens sehen sich geschichtspolitische Forderungen nach einem "verbindlichen" und in der Regel delegitimierenden Umgang mit der DDR-Geschichte, wie sie in Teilen der historisch-politischen Bildung formuliert werden, mit heterogenen, konträren und teils DDR-affirmativen Deutungen im geschichtskulturellen Diskursfeld konfrontiert.

Zweitens – folgt man entsprechenden Umfragen – scheint die aus anderen zeitgeschichtlichen Diskursen bereits bekannte Diskrepanz zwischen kulturellem und kommunikativem Gedächtnis mit Blick auf die Erfahrungs-, aber keineswegs homogene Erinnerungsgemeinschaft der Ostdeutschen evident und wird als Problem des mentalen Einigungsprozesses markiert.

Drittens differenzieren sich die mit der Beschäftigung mit Vergangenheit verbundenen Funktionen deutlich aus: Der "klassisch" didaktische Anspruch der historisch-politischen Bildung verband sich oftmals mit einer praktischen "Nutzung", die an nationalstaatliche, zum Teil parteipolitische oder religiöse Identifizierungsmechanismen gebunden war. An deren Stelle treten zum Teil neue geschichtskulturelle Formate wie Musik- und Filmproduktionen oder auch private Museen. Diese verstehen sich als Dienstleister oder als Elemente der Unterhaltungsindustrie, so dass ihnen verstärkt auch ein ökonomisches Interesse eigen ist. Spezifische Unterhaltungs- und Sinnstiftungsmodi dieser Formen zielen in neuer Weise auf antizipierte Adressatenerwartungen und sind in der Konsequenz mit einer selektiven Hinwendung zur Diktaturgeschichte in Deutschland verbunden.

Erinnerungswandel durch Medienwandel

All diese Veränderungsprozesse wurden und werden angestoßen wie auch beschleunigt durch einen rasanten Medienwandel, dessen tiefgreifende Wirkungen bislang wohl kaum abschließend abzuschätzen sind: Die beschleunigte und immaterielle Kommunikation des Internets und der sozialen Netzwerke erweitert die Möglichkeiten des Umgangs mit der Vergangenheit ungemein. Im Bereich der Erinnerungskultur fungieren laut Erik Meyer insbesondere die sozialen Netzwerke als ein "Assoziationsraum", in dem die rezipierten Inhalte seitens der Nutzerinnen und Nutzer gesammelt und verteilt werden und sich Motive verdichten. Damit ist die Dezentrierung wie auch die Pluralisierung von Geschichtsbildern unausweichlich. Die herkömmlichen Plattformen und Medien für die Diskussion von Geschichte verlieren an Einfluss, ohne aber ganz in der Bedeutungslosigkeit zu versinken: Nach wie vor, so zeigen erste Untersuchungen zur Geschichtsthematisierung im Internet, werden die Themen meist anderswo gesetzt: Geschichte im Film und in dokumentarischen Formaten, in Büchern, zum Teil auch im Geschichtsunterricht. Die dort angestoßenen Debatten werden dann im Netz fortgesetzt und vertieft.[8]

Die informationstechnische Entwicklung bedeutet somit sicher nicht das Ende, vielleicht nicht einmal eine Krise des Erinnerns, wohl aber eine tiefgreifende Veränderung ihrer Formen und Funktionen. Wo Erinnerungskulturen heute meist zivilgesellschaftlich und dezidiert politisch begründet werden, so werden sie in Zukunft eher kommerziell motiviert sein; wo sie heute eher noch auf Nachhaltigkeit angelegt sind, werden sie morgen eher episodenhaft und kampagnenförmig sein; sind sie heute noch vergegenständlicht und diskursiv, so werden sie morgen visualisiert und virtuell sein; bewegen sie sich heute noch im nationalstaatlichen Deutungsrahmen, werden sie zukünftig eher global ausgerichtet sein.[9] Die Globalisierung des Holocaustgedenkens ist das vermutlich treffendste Beispiel dafür.

Diesen angedeuteten Trend im Umgang mit der Vergangenheit hat der österreichische Historiker Valentin Groebner jüngst als einen besonderen Bruch beschrieben, den er zeitlich mit dem Ende des 20. Jahrhunderts verortet: Antike, Mittelalter, Aufklärung, ja auch das 19. Jahrhundert hätten sich seitdem "in eine Art historische Tiefsee verwandelt, pittoresk, materialreich, aber distanziert; eine Zone, in der alles Vergangene gleich weit weg ist, so fremd und weit entfernt, dass es nicht mehr in direkter Referenz auf die Gegenwart gebraucht werden kann und keine direkt wirksamen Ursprungs- und Identifikationsangebote mehr enthält". Wie andere Autoren nimmt Groebner nur die Geschichte und die Vorgeschichte des Nationalsozialismus von dieser Diagnose aus. Allein diese werde in der öffentlichen Inszenierung weithin selbstverständlich als "eigene" und damit als "unmittelbar wirkmächtige und identitätspolitisch genutzte Geschichte (angesehen), mit der man in der richtigen, angemessenen Weise umzugehen hat". Richtig an der Beobachtung scheint mir, dass die Geschichte der NS-Diktatur in besonderer Weise als "moralisch und identitätspolitisch aufgeladene Nahvergangenheit" gilt.[10] In abgeschwächter Weise können wir diesen Trend auch für die Thematisierung der DDR-Vergangenheit im Kontext der kommunistischen Diktaturen Osteuropas beobachten. Trotz dieser besonderen Stellung aber sind auch NS- und DDR-Vergangenheit von den grundlegenden Veränderungen in der Erinnerung nicht ausgenommen.

"Er ist wieder da": Hitler in der deutschen Erinnerung

Neben der Verfolgung und der Ermordung der Juden in Europa gibt es ein weiteres Erinnerungsmoment, das nicht nur, aber wohl vor allem die Deutschen seit 1945 in besonderer Weise ebenso fasziniert wie abgestoßen hat: die Person Adolf Hitler. Zum Teil angeleitet durch die alliierten Besatzungsmächte, zum Teil aus der Dynamik eines wohl vor allem sozialpsychologisch zu erklärenden Prozesses schlug bereits in den ersten Nachkriegsjahren der "Mythos Hitler" und die in den letzten Kriegsjahren zwar bröckelnde, aber doch tief wurzelnde Faszination für den Diktator in ihr Gegenteil um. Aus dem "Führer" wurde eine Unperson: Im Sprachgebrauch des Westens avancierte er zum "Teufel" oder "Dämon", im Osten galt er als "faschistische Bestie".[11]

Hitler blieb auch in den Folgejahren immer Garant für ein großes Interesse. Dabei war es nicht die Historikerschaft, die diesen Trend forcierte. Hier setzte man laut Norbert Frei auf eine "Entpersonalisierung des historischen Narrativs", teils um sich damit dezidiert von der voyeuristischen "Kammerdienerperspektive" einer an privaten Details interessierten Illustriertenpresse abzusetzen, teils um dem öffentlichen Bild von den vermeintlich überragenden Fähigkeiten Hitlers entgegenzusteuern. Die gesellschaftliche Thematisierung Hitlers außerhalb der Wissenschaft kannte diese Zurückhaltung nicht: "Hitler sells". Den Anfang machte der Journalist Joachim Fest – und damit ein akademischer Außenseiter – mit der erfolgreichsten Biografie der Nachkriegszeit: Sein Buch "Hitler" verkaufte sich seit 1973 in verschiedenen Ausgaben und Auflagen rund 800000 Mal.[12] Das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" erreichte und erreicht mit seinen NS-Titelgeschichten herausragende Verkaufszahlen, Guido Knopps ZDF-History-Redaktion war in vielem ganz um die Person Hitlers und ihre Weiterungen herum konzipiert.[13] Angesichts des großen Kassenerfolgs von Bernd Eichingers Film "Der Untergang" über die letzten Tage im "Führerbunker" fragte der Journalist Jens Jessen bereits 2004 in der Wochenzeitung "Die Zeit", was Hitler "so unwiderstehlich" mache. Das mit Hitler verbundene Erregungspotenzial sei von keiner anderen lebenden oder toten Gestalt zu übertreffen, so Jessen.[14]

Schon bei einer sporadischen Sichtung verdichtet sich der Eindruck, dass die Figur Adolf Hitler besonders während der zurückliegenden zehn Jahre in der Populärkultur verstärkt in Erscheinung getreten ist. Das reicht von Kabarettnummern (etwa vom Duo Pigor & Eichhorn) über Comics (Walter Moers) bis zu TV-Produktionen und diversen Kinofilmen. Die Dämonisierung der frühen postnationalsozialistischen Jahre ist dabei einer popkulturellen Verwendung gewichen. "Inzwischen dient Hitler als Gruselgröße einer globalisierten Medienwelt, die sich seiner in allen möglichen und unmöglichen Zusammenhängen bedient – längst nicht mehr nur zum Zweck der historischen Aufklärung."[15] In den Medien und speziell in der Unterhaltungsindustrie genügen heute wenige Anspielungen, um "die härteste aller Drogen, die Aufmerksamkeit produzieren", zu verabreichen.[16] Zwei Finger waagerecht unter die Nase gehalten, ein etwas rollendes R, ein stierer Blick – schon scheint die Imitation perfekt und die Anspielung allgemein wahrnehmbar zu sein. Und die Verfilmung des Moers-Comics wird mit dem Slogan beworben: "Adolf, die Nazi-Sau, ist nun einmal der größte Popstar, den wir Deutschen je hervorgebracht haben."[17]

Das jüngste Beispiel für diese Entwicklung ist die Erstveröffentlichung des Journalisten Timur Vermes. "Die Polit-Satire 'Er ist wieder da' (…) hat die Bestseller-Listen erobert. An der Qualität des Romans kann das nicht liegen", ätzte im Januar 2013 die "Süddeutsche Zeitung" gegen das im Herbst 2012 erschienene Buch.[18] Nicht die Publikation selbst, sondern seine Rezeption hatte diese Besprechung bewirkt. Vermes hatte mit einem höchst ungewöhnlichen Buch die Aufmerksamkeit vieler Leserinnen und Leser geweckt. Bis zum Sommer 2013 verkaufte sich "Er ist wieder da" über 700000 Mal, hinzu kamen 150000 Hörbücher. Übersetzungen in 27 Sprachen sind ebenso angekündigt wie die Verfilmung des Buches – ein "Überraschungserfolg", den viele nicht für möglich gehalten hatten. Es war sicher nicht die Prominenz des Autors, die den Erfolg zu erklären hilft: Als Journalist hatte Vermes in unterschiedlichen Zusammenhängen gearbeitet, sich aber eher in der zweiten Reihe und als Ghostwriter profiliert. Die veröffentlichten Reaktionen helfen ebenfalls nicht, den Senkrechtstart des Buches zu erklären, denn die Kritik ignorierte das Buch. Selbst nachdem sich "Er ist wieder da" auf den Bestsellerlisten eingeschrieben hatte, hielten sich die professionellen Kommentatoren zurück oder kritisierten das Buch als geschmacklos