Ottendorf-Okrilla (Sachsen): Metallrestaurator Uwe Ostmann untersucht am 29.01.2002 in der Fuchs+Girke Bau+Denkmalpflege GmbH Sachsen in Ottendorf-Okrilla den kupfernen Leib des "Goldenen Reiters". Dresdens bekanntestes Denkmal war am 29.11.2001 aufgrund von Schäden im Stützgerüst vom Sockel gehoben worden. Für 130.000 Euro soll das vergoldete Reiterstandbild des sächsischen Kurfürsten bis zum Sommer restauriert werden. (DRE40-290102)

8.10.2013 | Von:
Marion Klein

Trauerimperativ: Jugendliche und ihr Umgang mit dem Holocaust (-Denkmal)

Seit seiner Eröffnung am 10. Mai 2005 haben schätzungsweise 15 Millionen Menschen das Stelenfeld des Denkmals für die ermordeten Juden Europas und etwa 3,7 Millionen Besucherinnen und Besucher den darunter gelegenen Ort der Information aufgesucht.[1] Ein Großteil davon sind Schülerinnen und Schüler, die im Rahmen einer Exkursion oder Klassenreise zum Denkmal kommen. Was "sehen" beziehungsweise welche Erfahrungen machen die Jugendlichen an, in und mit dieser kulturellen Repräsentation; (wie) setzen sie sich am Beispiel des Denkmals mit dem Holocaust auseinander? Diese Fragen standen im Zentrum einer qualitativen Studie, deren zentrale Ergebnisse im Folgenden vorgestellt werden.

Ausgewiesen als "die zentrale Holocaust-Gedenkstätte Deutschlands"[2] stellt das Denkmal zunächst einen Bruch mit der gesamten Tradition staatlichen Gedenkens dar: "Anders als staatliche oder staatlich geförderte, jeweils an sich selbst gerichtete Denkmäler von Opfernationen und -völkern wie Polen, Holland oder Israel sind solche in Deutschland notwendigerweise diejenigen des Verfolgers in Erinnerung an seine Opfer."[3] Der Kulturwissenschaftler Jan Assmann hat zu Recht darauf hingewiesen, dass es für eine solche "Erweiterung des Bindungsgedächtnisses (…) in der Geschichte keine Vorbilder (gibt)".[4]

Während die Erinnerung an den Holocaust in Deutschland bisher mehrheitlich an die historischen Orte, insbesondere die KZ-Gedenkstätten, geknüpft war, hat man mit der Realisierung des überarbeiteten Entwurfs von Peter Eisenman ein Denkmal gebaut, das die Gräuel symbolisiert und abstrahiert. Mit ihrem "Mahnmal als Erfahrung"[5] haben Eisenman und der Bildhauer Richard Serra, der das Konzept des Stelenfeldes entscheidend mitprägte, "die erste Manifestation eines poststrukturalistischen Mahnmals"[6] geschaffen. In der Tradition der "Gegen- oder Antidenkmäler" stehend, ist es für seine "Gedenkfunktionen (…) völlig auf den Betrachter angewiesen", der allein "die Leerräume des Denkmals auffüllen"[7] kann. Einen ganz anderen Zugang eröffnet der Ort der Information, indem er auf die "Personalisierung und Individualisierung des mit der Ermordung der europäischen Juden verbundenen Schreckens"[8] setzt.

Jugendliche der "Vierten Generation"

Die Erinnerung an den Holocaust in Deutschland findet unter sich verändernden Gesichtspunkten in einer sich wandelnden, inzwischen "multikulturellen" Gesellschaft statt. Sie ist zum einen geprägt durch die Tatsache, dass ein "beachtlicher Teil der heute in Deutschland lebenden jungen Menschen (…) über Familien- und Kollektivgeschichten sowie über tradierte historisch-politische Erfahrungen (verfügt), die sich von den ‚deutschen‘ unterscheiden";[9] zum anderen befindet sich die Erinnerung an den Holocaust an einem kritischen Übergangspunkt. Im Zuge der Debatte um den Bau des Denkmals wies die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann darauf hin, dass wir es mit einer "Verschärfung des Gedächtnisproblems" zu tun haben: "Wir erleben gegenwärtig einen Generationswechsel, bei dem die lebendigen Erinnerungen an den Holocaust mit den Zeugen und Zeitgenossen aussterben. Unsere Kinder werden in einer Welt leben, die keinen lebendigen Kontakt zu den Ereignissen des nationalsozialistischen Massenmordes mehr hat."[10]

Für die Schülerinnen und Schüler, die für diese Studie befragt wurden, trifft dies (im überwiegenden Fall) bereits zu. Sie sind Angehörige der "Vierten Generation"[11] und als solche zunehmend auf Medien angewiesen, mit denen der "Übergang aus dem kommunikativen Gedächtnis ins kulturelle Gedächtnis (…) gewährleistet"[12] werden soll. Der Bau des Holocaust-Denkmals ist damit auch ein Versuch, ein medial vermitteltes Gedächtnis zu etablieren, das heißt, die Erinnerung an den Holocaust über "kulturelle Formung"[13] an die nächste Generation weiterzugeben.

Der Frage, inwiefern das Denkmal seine Funktion als "Erinnerungsträger" erfüllt, wurde aus der Sicht der Jugendlichen nachgegangen. "You get, what you see" sagte Peter Eisenman wenige Tage vor der Eröffnung des Denkmals.[14] Was also "sehen" die befragten Schülerinnen und Schüler – Berliner Gymnasiasten und Hauptschüler sowie Auszubildende im Alter zwischen 14 und 24? In der Untersuchung ging es nicht im engeren Sinne um die Wirkung von Denkmälern und Kunstwerken, sondern darum, das Denkmal als Auslöser zu nehmen, um etwas über den Umgang mit dem Thema Holocaust zu erfahren. Hierbei stellte dessen Besuch einen "Grundreiz"[15] dar, bei dem eine konkrete, vor Kurzem erlebte Situation einem allgemeinen Reden über den Holocaust vorgezogen werden sollte.

Für die Studie wurden 24 Gruppendiskussionen mit zwei beziehungsweise drei bis sieben Teilnehmerinnen und Teilnehmern geführt. Die Jugendlichen erhielten im Anschluss an eine schulische Exkursion zum Denkmal die Gelegenheit, sich über ihre nicht nur dort, sondern auch an anderen Gedenkorten gesammelten Erfahrungen auszutauschen. Der Erzählstimulus der Gruppendiskussionen wurde etwa folgendermaßen formuliert: "Ihr wart ja gerade beim Holocaust-Denkmal. Ich würde Euch bitten, mir zu erzählen, wie Ihr den Besuch dort erlebt habt. Wie ging es Euch, was habt Ihr gesehen, was habt Ihr gemacht, als ihr durchgelaufen seid?" Die Gruppendiskussionen wurden mit der dokumentarischen Methode der Interpretation ausgewertet.[16] Ziel dieser Methode ist die Rekonstruktion impliziten Erfahrungswissens, das der Handlungspraxis zugrunde liegt.

Trauerimperativ

Die empirische Analyse der Gruppendiskussionen ergab eine gemeinsame Orientierung, die sich als durchgehendes Muster erwies: Alle Gruppen nehmen (reflektiert oder unreflektiert) den Anspruch wahr, Gefühle der Trauer, der Betroffenheit (und teilweise Schuld) mit dem Thema zu verbinden, wie etwa die folgenden Zitate zeigen:[17]

"Und dann, als wir nach Auschwitz gekommen sind, dachte ich die ganze Zeit, du müsstest an diesem Ort irgendwie trauriger sein, als du’s bist irgendwie." (Michael)

"Ich hab’ letztens ‚Schindlers Liste‘ geseh’n, dann bin ich rausgegangen hinterher (…) und hab’ gedacht, müsstest du jetzt nicht irgendwie erschreckt sein oder traurig sein oder irgendwelche Anteilnahme empfinden? (…) Es wird einem irgendwann denn unangenehm; weil man denkt, es sollte einen eigentlich erschrecken; aber es tut’s nicht mehr." (Hannes)

Für die beiden vorgestellten männlichen Jugendlichen stimmen Sein und Sollen nicht (mehr) überein. Angesichts der Auseinandersetzung mit dem Holocaust "müsste(n)" beziehungsweise "sollte(n)" sie "trauriger" sein, "Anteilnahme empfinden", "erschreckt sein". Es ist ihnen "unangenehm", dass sich diese Empfindungen bei ihnen nicht (mehr) einstellen. Mit keinem anderen geschichtlichen Thema vergleichbar, sehen sich die Jugendlichen mit dem Erwartungshorizont, Gefühle der Trauer mit dem Thema zu verbinden, konfrontiert. "Auschwitz" – so Jan Assmann – "hat längst die Dimensionen einer ‚normativen Vergangenheit‘ angenommen, die unter keinen Umständen in Vergessenheit geraten kann und darf"[18] – und, könnte man hinzufügen, vor deren Hintergrund sich die Jugendlichen zu Gefühlen der Trauer und der Anteilnahme aufgefordert sehen. Dieser normative Anspruch ist Teil des kollektiven Bindungsgedächtnisses (das auch als politisches oder nationales Gedächtnis bezeichnet wird). Es ist – im Gegensatz zum naturwüchsigen kommunikativen Gedächtnis – die Gedächtnisform, in die eine Gesellschaft sich mit ihren Normen und Werten einschreibt und auf die sie ihre Mitglieder verpflichtet.[19]

Fußnoten

1.
Nach Auskunft der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas verzeichnete der Ort der Information bis Ende Juni 2013 insgesamt 3763500 Besucherinnen und Besucher. Da das Stelenfeld rund um die Uhr frei zugänglich ist und nicht über einen festen Ein- beziehungsweise Ausgang verfügt, können die Besucher dort nicht zahlenmäßig erfasst, sondern nur grob geschätzt werden.
2.
Vgl. den Internetauftritt der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas unter http://www.stiftung-denkmal.de« (1.10.2013).
3.
James E. Young, Der Widerspruch der Künstler, in: Der Tagesspiegel vom 10.4.1997, dokumentiert in: Ute Heimrod et al. (Hrsg.), Der Denkmalstreit – das Denkmal? Die Debatte um das "Denkmal für die ermordeten Juden Europas", Berlin 1999, S. 519.
4.
Jan Assmann, Religion und kulturelles Gedächtnis. Zehn Studien, München 2000, S. 36.
5.
Dem eigenen Unbewussten ins Gesicht schauen. Verena Lueken im Gespräch mit Peter Eisenman, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 22.9.1998, dokumentiert in: Michael Jeismann (Hrsg.), Mahnmal Mitte. Eine Kontroverse, Köln 1999, S. 275.
6.
Peter Eisenman, zit. nach: Robert von Rimscha, "Ich will einen Kunden", in: Der Tagesspiegel vom 14.6.1998, dokumentiert in: U. Heimrod et al. (Anm. 3), S. 1061.
7.
James E. Young, Die Zeitgeschichte der Gedenkstätten und Denkmäler des Holocausts, in: ders. (Hrsg.), Mahnmale des Holocaust. Motive, Rituale und Stätten des Gedenkens, München–New York 1994, S. 39.
8.
Sibylle Quack, Auf dem Weg zur Realisierung. Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas und der Ort der Information, Architektur und historisches Konzept, Stuttgart–München 2002, S. 250.
9.
Viola B. Georgi, Entliehene Erinnerung. Geschichtsbilder junger Migranten in Deutschland, Hamburg 2003, S. 9.
10.
Aleida Assmann, Zwischen Pflicht und Alibi, in: Die Tageszeitung (taz) vom 20.3.1996, dokumentiert in: U. Heimrod et al. (Anm. 3), S. 503.
11.
Diese Zählung entspricht einem familialen, nicht einem sozial-historischen Generationenbegriff. Sie ist zudem umstritten, da der Begriff der "Ersten Generation" ursprünglich für die Opfer des Holocaust entstand, die durch diesen vorherige Generationen verloren hatten. Vgl. Isidor J. Kaminer, "On razors edge" – Vom Weiterleben nach dem Überleben, in: Fritz Bauer Institut (Hrsg.), Auschwitz. Geschichte, Rezeption und Wirkung, Frankfurt/M. 1996, S. 156f., Fn. 31; Michael Kohlstruck, Zwischen Erinnerung und Geschichte. Der Nationalsozialismus und die jungen Deutschen, Berlin 1997, S. 76; Aleida Assmann, Geschichte im Gedächtnis. Von der individuellen Erfahrung zur öffentlichen Inszenierung, München 2007, S. 58ff.
12.
Aleida Assmann/Jan Assmann, Das Gestern im Heute. Medien und soziales Gedächtnis, in: Klaus Merten et al. (Hrsg.), Die Wirklichkeit der Medien. Eine Einführung in die Kommunikationswissenschaft, Opladen 1994, S. 120.
13.
Jan Assmann, Kollektives und kulturelles Gedächtnis. Zur Phänomenologie und Funktion von Gegen-Erinnerung, in: Ulrich Borsdorf/Heinrich Theodor Grütter (Hrsg.), Orte der Erinnerung. Denkmal, Gedenkstätte, Museum, Frankfurt/M.–New York 1999, S. 32.
14.
Zit. nach: "Ich will geliebt werden", Interview mit Peter Eisenman in: Der Tagesspiegel vom 24.4.2005, S. S1.
15.
Friedrich Pollock, Gruppenexperiment. Ein Studienbericht, Frankfurt/M. 1955, S. 41.
16.
Vgl. Ralf Bohnsack, Rekonstruktive Sozialforschung. Einführung in qualitative Methoden, Opladen 20035.
17.
Zur Verbesserung der Lesbarkeit wurden sämtliche Zitate redaktionell leicht bearbeitet. Die wissenschaftliche Transkription findet sich in: Marion Klein, Schülerinnen und Schüler am Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Eine empirisch-rekonstruktive Studie, Wiesbaden 2012.
18.
J. Assmann (Anm. 4), S. 36.
19.
Vgl. zu den Begriffen exemplarisch Jan Assmann, Kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität, in: Jan Assmann/Tonio Hölscher (Hrsg.), Kultur und Gedächtnis, Frankfurt/M. 1988, S. 9–19; Aleida Assmann, Vier Formen des Gedächtnisses, in: Erwägen, Wissen, Ethik, 13 (2002) 2, S. 183–190.
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Autor: Marion Klein für bpb.de
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