Ermordung von John F. Kennedy
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Attentate in der Weltgeschichte: Was haben sie bewirkt?


28.10.2013
Mitten im Ehrenhof des Berliner Bendlerblocks steht die überlebensgroße Statue eines nackten Jünglings. Der muskulöse, athletische Körper wirkt energiegeladen, der Gesichtsausdruck verrät Willenskraft und Entschlossenheit. Um die Handgelenke sind Fesseln angedeutet, der Ellenbogen des angewinkelten rechten Arms weist, wie zur Abwehr einer Bedrohung, nach vorne. Das Standbild, ein Werk des Bildhauers Richard Scheibe (1879–1964), wurde 1953 in einem feierlichen Akt enthüllt. Es ehrt, angesichts des Standorts kaum überraschend, die Verschwörer des 20. Juli 1944. Im Übrigen ist es, fast bis zur Beliebigkeit, offen für Interpretationen: Trägt die Figur die Züge des Hitler-Attentäters Claus Schenk Graf von Stauffenberg? Symbolisieren die Fesseln die Befreiung vom Joch der Diktatur? Oder doch das tragische Scheitern des deutschen Widerstands?

Die Weigerung des Bildhauers, nach außen ein klares Bekenntnis abzugeben, erscheint heute schwer verständlich, ergab aber 1953 unmittelbar Sinn. Knapp zehn Jahre nach dem Attentat war der 20. Juli noch nicht Symboldatum für den Freiheitswillen des "besseren" Deutschland, sondern ein Politikum, an dem sich die Geister schieden. "Attentat" – das deutsche Wort wird bei uns fast zwangsläufig in einem Atemzug mit den Verschwörern um Stauffenberg genannt. Zurück geht der Begriff, der im Deutschen zuerst im 16. Jahrhundert auftaucht, über den Umweg des Französischen auf ein lateinisches Wort: attemptare bedeutet "versuchen"; in der Sprache der römischen Juristen meint attemptatio oder attentatio die versuchte Ausführung eines Rechtsbruchs.[1] Mit der dem Attentat zugrunde liegenden "Tat" ist das Wort also nicht verwandt. Andere Assoziationen weckt das englische assassination: Hier führt die Etymologie zu den "Assassinen" zurück, den im muslimischen Vorderasien des Mittelalters beheimateten Nizariten, die durch Marco Polo im Westen als ständig Haschisch rauchende – daher der Name – Berufskiller bekannt wurden.[2]

Im Auge des Betrachters



Die zeitgenössische Diskussion im Nachkriegsdeutschland um den Stauffenberg-Anschlag rührt an ein Problem, vor dem alle Attentäter früher oder später stehen und das auch die Verschwörer des 20. Juli nicht losließ, so lange sie ihre Tat planten: Wann darf man einen Menschen töten, wann ist ein Mord legitim?

Die Verschwörer selbst und das demokratische Deutschland nach 1945 fanden nach einigem Überlegen jeweils zur gleichen Lösung: Wenn ein Machthaber seine Stellung missbraucht, wenn er verantwortlich ist für millionenfaches Sterben, für den Ruin nicht nur eines Landes, sondern eines ganzen Kontinents, dann ist sein Tod von der Hand eines Attentäters nicht nur hinzunehmen, sondern ethisch geradezu geboten.

Ähnlich hatte schon Friedrich Schiller in seinem "Wilhelm Tell" (1804) die Legitimitätsfrage beantwortet: Tell entschließt sich erst zum Mord an Gessler, nachdem sich der kaiserliche Vogt in vier langen Akten immer wieder als grausamer Despot erwiesen hatte. Als Johann, Herzog von Österreich und wegen des Mordes an seinem Onkel König Albrecht I. (1308) Parricida (Verwandtenmörder) genannt, im Gespräch mit Tell die Bluttaten auf eine Stufe stellen will, antwortet ihm der Schweizer: "Darfst du der Ehrsucht blut’ge Schuld vermengen/Mit der gerechten Notwehr eines Vaters?/Hast du der Kinder liebes Haupt verteidigt?", und er folgert: "Nichts theil’ ich mit dir – Gemordet/Hast du, ich hab mein Teuerstes verteidigt."[3]

Der gerecht handelnde Tyrannenmörder ist nicht nur ein Typus der Literatur, sondern der Weltgeschichte. Seine Urbilder sind die Freunde Hermodios und Aristogeiton, die im Juli 514 v. Chr. einen Mordanschlag auf die Athener Tyrannen Hippias und Hipparchos verübten. Tyrannos war für die Griechen keine negativ behaftete Vokabel für einen Gewaltherrscher, sondern bezeichnete ganz nüchtern einen Mann aus vornehmer Familie, der es geschafft hatte, den inneraristokratischen Machtkampf, der im 6. Jahrhundert v. Chr. in vielen griechischen Poleis tobte, für sich zu entscheiden. So hatte sich Peisistratos, Hippias’ und Hipparchos’ Vater, nach mehreren Anläufen um 545 v. Chr. gegen seine Konkurrenten durchgesetzt; 527 v. Chr. waren ihm seine Söhne in der Herrschaft nachgefolgt. Während des Panathenäenfestes 514 v. Chr. fiel der jüngere von ihnen, Hipparchos, dem Attentat des Freundespaars zum Opfer. Hippias überlebte, doch wenige Jahre später, 510 v. Chr., stürzte die Tyrannis, und Kleisthenes gab Athen eine neue Verfassung.[4] Kaum ein Jahr später errichteten ihre Familien Hermodios und Aristogeiton, die ihre Tat nicht lange überlebt hatten, ein bronzenes Standbild, das später die Perser wegschafften, als sie Athen eroberten. Für Ersatz sorgten 477/476 v. Chr. die Bildhauer Kritios und Nesiotes, deren Statuengruppe einen Ehrenplatz auf der Athener Agora erhielt, dem politischen Zentrum der Polis und öffentlichsten aller öffentlichen Räume. Die in einer römischen Kopie erhaltene Plastik zeigt die Tyrannenmörder, wie sie mit ihren Schwertern zum Schlag ausholen.[5] Dargestellt ist also der Wille zur Tat, nicht ihr Resultat. Als erste Skulptur überhaupt diente das Werk nicht kultischen Zwecken, sondern dem Gedenken zweier Menschen aus Fleisch und Blut – und ihrer blutigen Tat, welche die sich allmählich formierende attische Demokratie prompt für sich vereinnahmte. Kritios und Nesiotes schufen so das erste politische Denkmal der Geschichte: Sinnbild für die Überwindung der Tyrannis und den unbedingten Willen der Bürger zur Freiheit.

Die künstlerischen Fernwirkungen des Werks im sogenannten Strengen Stil reichen bis ins 20. Jahrhundert – genauer: Bis zur Plastik, die Richard Scheibe für den Innenhof des Bendlerblocks schuf. Beiden Standbildern gemein sind die idealisierende Nacktheit, das energische Voranschreiten der Körper und die Betonung der Tat vor ihrem Ergebnis. Wie die athenischen Bildhauer auch, setzte Scheibe der inneren Einstellung seiner Figur ein Denkmal – und er schreckt nicht davor zurück, das große Vorbild zu zitieren. Bei aller scheinbaren Beliebigkeit strahlt der nackte Jüngling im Bendlerblock eine überaus subtile Botschaft aus: Was zählt, ist die Entschlossenheit zum ethisch richtigen Tun, auch wenn es den Ausführenden zum Mörder macht, und auch wenn er scheitert.[6]

Paradoxerweise eigneten sich Hermodios und Aristogeiton wohl weder als Helden der Attischen Demokratie noch als Vorbilder der Verschwörer um Stauffenberg.[7] Erstens hatten die Mörder ja nicht die Tyrannis aus der Welt geschafft – sie hatten Hipparchos getötet; Hippias aber war am Leben geblieben und hatte die Daumenschrauben der Tyrannis weiter angezogen. Erst darüber, dass er den Bogen überspannt hatte, stürzte der ältere der Brüder schließlich. Zweitens war es wohl kein politisches Motiv, das den Attentätern das Schwert führte. Der athenische Geschichtsschreiber Thukydides berichtet nämlich, Aristogeiton habe sich zu dem Anschlag auf Hipparchos und zum Sturz der Tyrannis entschlossen, nachdem dieser seinen jugendlichen Liebhaber Harmodios heftig umworben habe. Der Mord nicht als Aufstand des Gewissens, sondern als schnödes Eifersuchtsdrama – so entlarvt Thukydides den Mythos, den die junge Attische Demokratie um das Attentat gewoben hatte.[8]

Zwei Lehren lassen sich aus der Episode für die historische Bewertung politischer Morde ziehen: Sie sind nicht immer das, was sie zu sein vorgeben, und die Mörder bewirken nicht immer das, was sie bezwecken. Das blutige Beiseiteschaffen von Machthabern gehört zu den bevorzugten Themen politischer Instrumentalisierung, je nach Standpunkt als Dämonisierung oder Glorifizierung: Zwei Attentate auf Wilhelm I. 1878 lieferten Reichskanzler Otto von Bismarck den Vorwand für die Sozialistengesetze, der Mordanschlag auf August von Kotzebue 1819 zog unmittelbar die Karlsbader Beschlüsse nach sich; umgekehrt hängen interessierte Kreise politischen Mördern immer wieder die Gloriole des Tyrannentöter- oder gar Märtyrertums um, vor allem wenn religiöse oder ideologische Motive die Täter leiten, wie bei den RAF-Anschlägen oder jüngst dem islamistischen Terrorismus. Stets also polarisiert die Tat und wird so zum Spielball politischer Interessenlagen. Als was sie in die Geschichte eingeht, hängt maßgeblich davon ab, wer die Deutungshoheit über die Vergangenheit hat. Man stelle sich vor, nicht die Volksherrschaft hätte in Athen obsiegt, sondern Hippias und seine Familie wären an den Schalthebeln der Macht geblieben. Welche Spuren hätten dann wohl Harmodios und Aristogeiton im kollektiven Gedächtnis der Polis hinterlassen?


Fußnoten

1.
Vgl. Alexander Demandt, Das Attentat als Ereignis, in: ders. (Hrsg.), Das Attentat in der Geschichte, Köln 1996, S. 449–462, hier: S. 449.
2.
Vgl. Bernard Lewis, Die Assassinen. Zur Tradition des religiösen Mordes im radikalen Islam, München 1993.
3.
Friedrich Schiller, Wilhelm Tell. Schauspiel, Tübingen 18042, S. 232f. Vgl. Walter Müller-Seidel, Friedrich Schiller und die Politik, München 2009, S. 34–59.
4.
Hierzu und zum Folgenden vgl. Charles William Fornara, The "tradition" about the murder of Hipparchus, in: Historia, 17 (1968), S. 400–424; Astrid Möller, Hipparchos, Juli 514 v. Chr., in: Michael Sommer (Hrsg.), Politische Morde. Vom Altertum bis zur Gegenwart, Darmstadt 2005, S. 29–36. Zur Tyrannis vgl. Helmut Berve, Die Tyrannis bei den Griechen, München 1967; Loretana De Libero, Die archaische Tyrannis, Stuttgart 1996.
5.
Zum Denkmal und zum Kult vgl. Fernande Hölscher, Die Tyrannenmörder. Ein Denkmal der Demokratie, in: Elke Stein-Hölkeskamp/Karl-Joachim Hölkeskamp (Hrsg.), Die griechische Welt. Erinnerungsorte der Antike, München 2010, S. 244–258; Anthony J. Podlecki, The political significance of the Athenian "Tyrannicide"-cult, in: Historia, 15 (1966), S. 129–141; Beat Schweizer, Harmodios und Aristogeiton. Die sog. Tyrannenmörder im 5. Jh. v. Chr., in: Natascha Kreutz/ders. (Hrsg.), Tekmeria. Archäologische Zeugnisse in ihrer kunsthistorischen und politischen Dimension, Münster 2006, S. 291–314.
6.
Vgl. Alexander Rubel, Demokratie, Mythos und Erinnerung. Die "Tyrannenmörder" in Athen und der militärische Widerstand gegen Hitler, in: Antike und Abendland, 56 (2010), S. 72–96, hier: S. 85f.
7.
Stauffenberg hatte sich schon als Schüler am humanistischen Eberhard-Ludwigs-Gymnasium und später als Mitglied im George-Kreis mit der literarischen Überlieferung auseinandergesetzt. Peter Hoffmann berichtet, Stauffenbergs Bruder, der Althistoriker Alexander von Stauffenberg, habe im Juli 1944 abends beim Wein in Attika die Verse des Scholions auf Harmodios und Aristogeiton auf den Tisch geklopft. Vgl. Peter Hoffmann, Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Die Biographie, München 2007, S. 425.
8.
Thukydides, Der Peloponnesische Krieg, 6, 54. Vgl. A. Möller (Anm. 4), S. 33f.; Christoph Schneider, Information und Absicht bei Thukydides. Untersuchung zur Motivation des Handelns (Hypomnemata, Bd. 41), Göttingen 1974, S. 87f.
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Autor: Michael Sommer für bpb.de
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