Ermordung von John F. Kennedy
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22. November 1963: Ein Tag, der die Welt veränderte? - Essay


28.10.2013
Im Bewusstsein der meisten Amerikaner gehört der Mord an John F. Kennedy zu den drei schlimmsten Tragödien ihrer neuesten Geschichte, neben dem Angriff auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941 und dem Angriff auf New York und Washington am 11. September 2001. Doch während die welthistorischen Folgen von Pearl Harbor und "9/11" offensichtlich sind, sind sie beim 22. November 1963 keineswegs so klar. Der japanische Überfall zog die USA in den Zweiten Weltkrieg hinein und besiegelte die Niederlage der Achsenmächte. Der Überfall al-Qaidas zog die USA in einen "Krieg gegen Terror", der noch andauert und dessen Folgen noch nicht abzusehen sind. Hat der Mord an JFK eine Bedeutung jenseits der persönlichen Tragödie und der wuchernden Verschwörungstheorien?

Sarajevo 1914 – Dallas 1963



Dass ein politisches Attentat überhaupt welthistorische Auswirkungen haben könnte, wird von vielen Historikern grundsätzlich in Frage gestellt. Entscheidend seien ja nicht Personen, sondern objektiv wirkende Kräfte: Nationen und ihre Interessen etwa, Machtblöcke, Bündniskonstellationen und historische Trends. So weiß zwar jeder historisch interessierte Mensch, dass der Erste Weltkrieg seinen Ausgang nahm mit der Ermordung des österreichischen Thronfolgers in Sarajevo am 28. Juni 1914. Aber relativ wenige Menschen wüssten auf Anhieb zu sagen, von wem Erzherzog Franz Ferdinand und seine Frau Sophie Chotek getötet wurden und warum, und wieso dieses Attentat zu jener "Urkatastrophe" führen konnte, bei der 20 Millionen Menschen starben, drei Reiche untergingen und die Grundlagen gelegt wurden für die weiteren Katastrophen Europas im 20. Jahrhundert. Generationen von Historikern hat die Schuldfrage bewegt; die Schüsse von Sarajevo schienen wie der zufällige Auslöser jener Katastrophe, die auch ohne diesen Anlass früher oder später Europa verschlingen musste. Erst jetzt hat der Historiker Christopher Clark die Aufmerksamkeit wieder auf die Verschwörer, die Vorgeschichte und Umstände des Attentats gelenkt; seinen eigenen Blick hat, wie er selbst schreibt, die weltgeschichtliche Wirkung der Verschwörer von "9/11" geschärft.[1]

Dass der Mord an John F. Kennedy eine ähnliche Wirkung haben könnte wie das Attentat von Sarajevo, ja, sogar eine schlimmere, stand Kennedys Nachfolger Lyndon B. Johnson freilich klar vor Augen. Der kurz nach dem Attentat festgenommene und zwei Tage später seinerseits ermordete Täter Lee Harvey Oswald war 1959 in die Sowjetunion ausgewandert und erst 1962 in die USA zurückgekehrt, wo er eine pro-kubanische politische Tätigkeit entfaltet hatte. War er während seiner Zeit in Moskau und Minsk vom sowjetischen Geheimdienst "umgedreht" worden? War er ein "Schläfer", der nur auf das Signal zum Losschlagen wartete? War die Ermordung Kennedys die Rache für die Demütigung des russischen Führers Nikita Chruschtschow bei der Raketenkrise um Kuba 1962? Oder hatten die Kubaner Oswald rekrutiert? War das Attentat von Dallas die Antwort auf die Landung CIA-geführter Exilkubaner in der Schweinebucht 1961, mit deren Hilfe Kennedy Kubas Máximo Líder Fidel Castro stürzen wollte? Oder war es eine Reaktion auf den seitdem von der CIA unter Führung Robert Kennedys betriebenen "schmutzigen Krieg" gegen Kuba, einschließlich Attentatsversuche gegen Castro?

Wenn es auch nur einen starken Verdacht in diese Richtung gab, musste Johnson handeln. Stand die Sowjetunion hinter dem Mord, musste es zum Krieg kommen. Waren es die Kubaner, war eine Invasion der Insel zum regime change und zur Bestrafung der Schuldigen unausweichlich. Castros sowjetische Verbündete wiederum würden kaum untätig zusehen können, wie ihr karibischer Klient von den Yanquis abserviert wird, ohne innerhalb des kommunistischen Blocks einen totalen Gesichts- und Autoritätsverlust zu erleiden. Auch unter diesen Umständen also würde es höchstwahrscheinlich zum Krieg zwischen den Supermächten kommen.

Und was der bedeutete, hatte Kennedy anlässlich der Berlin-Krise von 1961, die durch den Mauerbau beendet wurde, ausrechnen lassen: Der von den Militärs schon unter der Vorgängerregierung aufgestellte Plan "SIOP 62" sah vor, 3432 Atombomben gegen "militärische und städtisch-industrielle Ziele" in der Sowjetunion einzusetzen. Nach dieser Planung würden 54 Prozent der sowjetischen Bevölkerung innerhalb der ersten 72 Stunden getötet werden: 100 Millionen Menschen. Die Militärs rechneten mit sowjetischen Gegenschlägen, die zwischen fünf und zehn Millionen Amerikaner töten würden. In diese Berechnungen waren die unzähligen Verwundeten gar nicht erst eingegangen, von den Toten durch atomare Kampfhandlungen in Mittel- und Westeuropa, den Folgen der enormen Mengen freigesetzter Radioaktivität und des Zusammenbruchs von Landwirtschaft, Industrie, Handel und Verkehr ganz zu schweigen. Der "atomare Holocaust", wie er damals genannt wurde, hätte mit Sicherheit das Ende der europäischen Zivilisation, vielleicht sogar der Menschheit bedeutet.[2] Mit anderen Worten: Hätte der Mord an John F. Kennedy eine dem Attentat an Franz Ferdinand vergleichbare welthistorische Bedeutung gehabt, wären wir heute vermutlich nicht da, um darüber zu spekulieren.

John F. Kennedy als popkulturelle Ikone



Stattdessen umweht John F. Kennedy fünfzig Jahre nach seinem Tod die fast schon unwirkliche Aura der jung verstorbenen Stars seiner Epoche: James Dean, Marilyn Monroe, Buddy Holly. Kennedy und seine Frau Jacqueline – "Jack und Jackie" – sind längst der Tagespolitik, ja auch der Historie entrückt und zu Stilikonen geworden. Dazu gehört, so zynisch es klingt, der frühe Tod. James Dean wird nie altern. Hätte Elvis Presley ein ähnlich früher Tod ereilt, wäre er nie zur Karikatur seiner selbst geworden. Jack Kennedy bleibt der strahlende Held, der an jenem sonnigen Herbsttag in Dallas aus dem Hinterhalt ermordet wurde. Er bleibt die Verkörperung der Frage: "Was wäre gewesen, wenn?"

Die Aura des Unwirklichen wird dadurch verstärkt, dass die Umstände, die Kennedys Weltsicht und Politik formten, heute wie fernste Vergangenheit wirken. In gewisser Weise ist uns der Erste Weltkrieg gegenwärtiger als der Kalte Krieg, der in Kennedys Amtszeit mit dem Bau der Mauer in Berlin und der Raketenkrise um Kuba seine extremsten Zuspitzungen erreichte. Dass der Kalte Krieg glücklich mit einem Sieg des Westens endete, ohne dass ein Schuss gefeuert wurde, dass sich der Spuk des Kommunismus fast über Nacht in nichts auflöste, lässt die ganze Epoche im Nachhinein – zumindest im Westen – wie einen bösen Traum wirken. Jene Jahre der ständigen Angst und gelegentlichen Hysterie im Schatten atomarer Vernichtung erscheinen selbst den Menschen, die sie durchlebten, kaum noch wirklich. Wer heute eine Biografie Kennedys schreiben will, bemerkt, dass er Begriffe erst erklären muss, die noch vor 25 Jahren jedem Leser geläufig waren: Sowjetunion, KPdSU, Warschauer Pakt, Osten und Westen, atomarer Wettlauf, deutsche Teilung.

Auch die Gesellschaften des Westens haben sich verändert. Zwischen Kennedy und uns liegt die soziale und kulturelle Revolution der 1960er Jahre. Das Apartheidsystem, das zu Kennedys Lebzeiten die Südstaaten der USA prägte, ist ebenso überwunden wie der europäische Kolonialismus. (Als Kennedy gewählt wurde, war etwa Algerien noch – als französisches Departement – Teil der EWG, der Vorläuferorganisation der Europäischen Union!) Europa ist multikulturell geworden; der Präsident der USA ist ein Afroamerikaner. Nicht einmal Martin Luther King hat es gewagt, davon zu träumen.


Fußnoten

1.
Vgl. Christopher Clark, The Sleepwalkers. How Europe Went to War in 1914, London 2012, S. 12ff.
2.
Vgl. Alan Posener, John F. Kennedy. Biographie, Reinbek 2013, S. 124.
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Autor: Alan Posener für bpb.de
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