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28. Juni 1914: Beginn des Ersten Weltkrieges?


28.10.2013
Sarajevo und Franz Ferdinand: Untrennbar sind diese beiden Namen mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges verbunden; Dokumentarfilme, Handbücher und Ausstellungen über den Krieg beginnen an diesem Ort und mit dem tödlichen Attentat auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger. Wir sehen grobkörnige Fotos, uniformierte Männer in einem offenen Automobil, eine Dame mit einem breitkrempigen Hut und Sonnenschirm, ein Handgemenge und dann: Porträts sehr junger Männer, die ernst in die Kamera blicken, zu weite Jacken über schmächtigen Schultern tragen.

Das Attentat von Sarajevo, Darstellung in "Le Petit Journal", 12. Juli 1914Das Attentat von Sarajevo, Darstellung in "Le Petit Journal", 12. Juli 1914 (© picture-alliance/maxppp)
Der Moment des Attentats ist unter anderem in einer farbigen Zeichnung festgehalten: Ein schwarz gekleideter Mann, den Hut tief im Gesicht, aus dem Revolver dringt weißer Qualm, der Erzherzog sinkt sterbend in die Arme seiner Frau, die in Sekunden selbst getroffen sein wird. Schon diese zeitgenössische Tatortzeichnung stellt die Ereignisse verändert dar: Denn Sophie, die Gattin des Erzherzogs, starb als erste, sie fiel verwundet auf den Schoß ihres Mannes, beide saßen im Automobil. Das Bild der den Gatten umfangenden Ehefrau, eines bis in den Tod verbundenen Paares, ist Teil einer unmittelbar einsetzenden Legendenbildung und politischen Instrumentalisierung des Mordes. Begann an diesem Tag also der Erste Weltkrieg?

Am 28. Juni 1914 besuchte der österreichisch-ungarische Thronfolger Franz Ferdinand mit seiner Frau Sophie, der Herzogin von Hohenburg, Sarajevo, die Hauptstadt der Provinzen Bosnien und Herzegowina. Der Erzherzog hatte zuvor auf Einladung von General Oskar Potiorek, dem Landeschef der beiden Provinzen, zwei Tage an einem Manöver teilgenommen. Die Planungen liefen seit September des Vorjahres, und in der Presse waren bereits Details des Besuchs veröffentlicht worden, denn möglichst viele Zuschauer sollten am Straßenrand dem Konvoi zujubeln. Ziel der Reise war es, das Ansehen des Herrscherhauses aufzupolieren.[1] Seit der Annexion der beiden Provinzen durch Österreich-Ungarn im Jahr 1908 hatte sich das Image der Habsburger verschlechtert; viele in Bosnien lebende Serben träumten von einem unabhängigen, mit Serbien geeinten Staat.[2] Im Rückblick der Forschung scheint die österreichische Verwaltung durchaus kompetent gewesen zu sein – wenn auch eigene strategische Ziele eine wesentliche Rolle spielten. So wurde zum Beispiel nicht nur in Straßen und Wasserleitungen investiert, sondern auch in den Bau großer Kasernen.[3] Aber in der Wahrnehmung der nach einem geeinten und selbstständigen Reich für die Südslawen strebenden Männer und Frauen traten diese Aspekte in den Hintergrund.

Für Franz Ferdinand, seit dem Selbstmord seines Cousins Rudolf 1889 Thronfolger, war die Reise bislang erfreulich verlaufen. Am Vortag hatten er und seine Frau den Bazar in Sarajevo besucht, und die Bürger begegneten ihnen freundlich.[4] Der 28. Juni war ein besonderes Datum: Für den Erzherzog jährte sich der Tag, an dem er, um Sophie Chotek von Chotkowa und Wognin heiraten zu können, im Jahr 1900 für ihre gemeinsamen Kinder auf die Thronfolge verzichtet hatte. Geheiratet hatten Franz Ferdinand und Sophie wenige Tage später, am 1. Juli 1900. Die morganatische Ehe, die nach Ansicht der Biografen in Liebe geschlossen worden war, hatte zu einem tiefen Zerwürfnis mit Kaiser Franz Joseph I. geführt. Das mehr als kühle Verhältnis sollte später die Trauerfeier nach dem Attentat deutlich widerspiegeln.[5]

Zudem ist der 28. Juni der Sankt-Veits-Tag (Vidovdan) – und damit auch für viele Serben ein spezielles Datum, nämlich ein Tag der nationalen Trauer, des Opfers und der Erinnerung an den Kampf gegen die osmanische Fremdherrschaft. In die zahlreichen Freudenfeuer, die – ursprünglich für den Sankt-Veits-Tag vorbereitet – am Abend entzündet wurden, mischte sich der Jubel über den vermeintlichen Tyrannenmord. Die Wahl des Tages für den Besuch war jedoch Zufall – und damit zugleich Ausdruck einer gewissen Unwissenheit und Ignoranz des Herrscherhauses in Bezug auf die Lage vor Ort.

Die tödlichen Schüsse



Das Attentat beschäftigt die Menschen bis heute auch deshalb, weil es zu einer fast unglaublichen Aneinanderreihung von Missgeschicken und Zufällen kam. Sieben unmittelbare Attentatshelfer waren in Sarajevo: Sechs hatten sich entlang der vorgesehenen Route postiert, der siebte, Danilo Ilić, hielt den Kontakt zwischen den sechs jungen Männern aufrecht. Alle waren mit Pistolen oder Bomben bewaffnet – und mit Gift, um sich nach dem erfolgreichen Attentat das Leben zu nehmen.

Was dann geschah, kann sehr knapp erzählt werden: Die ersten beiden Mitglieder des Kommandos hatten entweder nicht den Mut, Skrupel oder nicht die Gelegenheit, den Mord zu begehen. Der dritte, Nedeljko Čabrinović, zündete eine kleine Bombe und warf sie in Richtung des Automobils, in dem Franz Ferdinand, Sophie, General Potiorek und Franz Graf von Harrach saßen. Harrach war der Besitzer des schmucken Doppelphaetons, der heute in Wien im Heeresgeschichtlichen Museum ausgestellt wird. Die Bombe prallte ab und explodierte unter dem nachfolgenden Fahrzeug. Neben einigen Passanten wurde auch Oberst Erik von Merizzi, Potioreks Adjutant, leicht verletzt. Nachdem er sich überzeugt hatte, dass es keine Schwerverletzten gab, entschied Franz Ferdinand, die Fahrt zum Rathaus fortzusetzen.

Nach dem Empfang durch den Bürgermeister änderten der Erzherzog und seine Ehefrau jedoch ihren Plan: Zunächst sollte der verletzte Merizzi im Krankenhaus besucht werden.[6] Da die Chauffeure nichts von der Änderung der Route erfahren hatten, nahmen die Wagen zunächst die ursprüngliche Route wieder auf – und wurden von Potiorek zurückgerufen. Während die Fahrer rangierten, kam der Wagen, in dem Franz Ferdinand, seine Frau und General Potiorek saßen, direkt vor Gavrilo Princip, einem weiteren Attentäter, zum Stehen.[7] Harrach, der einen weiteren Anschlag befürchtet hatte, stand auf dem Trittbrett, um den Thronfolger zu schützen. Doch er stand auf der dem Attentäter entfernten Seite des Automobils. Princip trat einen Schritt vor und tötete mit zwei Schüssen Sophie und Franz Ferdinand.


Fußnoten

1.
Vgl. die bereits ältere, aber nach wie vor ergiebige Dissertation des Historikers Joachim Remak, Sarajevo. The Story of a Political Murder, New York 1959, S. 29, http://www.archive.org/details/sarajevothestory010489mbp« (17.10.2013). Viele spätere Publikationen beziehen sich mehr oder weniger eindeutig auf Remak, weshalb ich in diesem Artikel Remaks Schilderung der Ereignisse folge. Auch die neueste Forschung stellt seine Ergebnisse nicht infrage: Vgl. etwa Christopher Clark, Die Schlafwandler. Wie Europa in den Krieg zog, München 2013. Diejenigen Autoren – vor allem populärwissenschaftlicher oder journalistischer Texte –, die eine gewisse Sympathie für die bosnische Seite haben (und keine Beteiligung der serbischen Regierung am Attentat erkennen), beziehen sich in der Regel auf den kommunistischen Historiker und engen Vertrauten Titos, Vladimir Dedijer, Die Zeitbombe. Sarajevo 1914, Wien–Frankfurt/M.–Zürich 1967.
2.
Vgl. J. Remak (Anm. 1), S. 31f.
3.
Vgl. ebd., S. 33.
4.
Vgl. ebd., S. 103.
5.
Vgl. ebd., S. 158ff.
6.
Vgl. ebd., S. 132.
7.
Vgl. ebd., S. 136.
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Autor: Susanne Brandt für bpb.de
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