Ermordung von John F. Kennedy

28.10.2013 | Von:
Sylvia Schraut

"Zwitterhafte Wesen … aus der Hölle gespien" oder: Wer sind Attentäter(innen)?

Männer und Frauen, die Anschläge mit politischen Motiven legitimierten, gab es schon in biblischen Zeiten. Bekannt ist die Erzählung von der Hebräerin Judith, die ihr Volk von dem Belagerer Holofernes befreite. Die selbstverständlich schöne, wohlhabende und gottesfürchtige Witwe ging reich geschmückt in das Lager des assyrischen Oberfeldherrn, erregte sein Interesse und schlug dem Betrunkenen nach einem Festmahl in trauter Zweisamkeit kurzerhand den Kopf ab. In den Wirren im Gefolge der Bluttat bekämpften die Hebräer erfolgreich das assyrische Heer. Wie die Attentäterin in ihrem Lobgesang rühmte, fiel der Feind "nicht durch die Kraft junger Männer, nicht Söhne von Riesen erschlugen ihn, noch traten ihm hohe Recken entgegen. Nein, Judit, Meraris Tochter, bannte seine Macht mit dem Reiz ihrer Schönheit."[1] Das Alte Testament weiß weiter zu berichten, dass viele die nun "hochgerühmte" Frau gerne geheiratet hätten. Aber seit dem Tod ihres Ehemannes "durfte kein Mann sie mehr berühren ihr Leben lang".[2] Sie sei in hohem Alter gestorben, sieben Tage vom Haus Israel betrauert. Judiths "Heldentat" gehört nicht zum jüdischen Kanon. Die katholische Kirche begreift sie als Teil des Alten Testaments, Martin Luther verbannte sie schließlich in die Apokryphen im Anhang seiner Bibel. Jenseits solcher theologischen Bewertungsfragen avancierte die Legende von Judith zu einem der beliebtesten Stoffe der abendländischen Kunst. Im Katechismus der Frühen Neuzeit hatten die Kinder zu lernen, dass Keuschheit und Gottesvertrauen selbst ein "blödes Weibsbild" zu einer mutigen Gewalttat befähigten. Erst im Zuge des bürgerlichen Projekts "Aufklärung" verlor Judith allmählich ihren religiösen Vorbildcharakter. In Kunst und Kultur ist die aus politischen Gründen gewaltbereite Hebräerin nach wie vor präsent.

Gemälde "Judith und Holofernes" (Franz von Stuck, 1926)Gemälde "Judith und Holofernes" (Franz von Stuck, 1926) (© picture-alliance/akg-images)
Die Erzählung von Judith liefert über das geschilderte Geschehen hinaus einige Informationen über die Bewertung politischer Attentäter im Allgemeinen und mordender Frauen im Besonderen, die anscheinend bis heute Nachwirkungen zeigt: Erstens, ob eine politisch motivierte Gewalttat als niederes Verbrechen oder als Heldentat zu bewerten ist, entscheidet das Publikum. Hierauf verweist der vielzitierte Aphorismus "one man’s terrorist is another man’s freedom fighter", als dessen Urheber der britische Journalist Gerald Seymour, Autor zahlreicher bekannter Romane über politische Gewalttaten, gilt. Zweitens: Greift eine Frau zu politischer Gewalt, so bedarf dies in Hinsicht auf ihre Geschlechterrolle spezifischer Rechtfertigungen. Judith, so lässt sich vermuten, konnte nur als Heldin begriffen werden, weil sie als Witwe nicht mehr mit den üblichen Frauenaufgaben – Kinder, Küche, Kirche und der Versorgung ihres Mannes – befasst war. Nachdem sie die ihrem Geschlecht in Sachen Politikfähigkeit und Gewalt gesetzten Schranken überschritten hatte, blieb ihr auch nach der Gewalttat nur das (allerdings hochgerühmte) Leben als keusche alleinstehende Frau.

Zweifel am Willen oder Vermögen politischer Attentäterinnen, die "eigentlich" ihrem Geschlecht zugewiesenen Aufgaben zu erfüllen, kennt nicht nur die Bibel. Sie durchziehen die Auseinandersetzungen über Attentäterinnen, Anhängerinnen von Befreiungsbewegungen und Terroristinnen bis in die Diskussionen der 1970er Jahre über den RAF-Terrorismus oder aktuell über den islamistischen Terrorismus. Analog lassen sich Fantasien über den alltagsuntauglichen männlichen Terroristen belegen. Die Gegner interpretieren ihn nicht selten als "geschwächten" Mann, während seine Anhänger ihn als Heros und damit halbgottartigen oder doch zumindest gottnahen Märtyrer und heldenmutigen Widerständigen feiern. Will man heutige Debatten über die Geschlechtscharaktere gewaltbereiter Terrorist(inn)en analysieren, so ist jedoch vorab zu klären, ob eine Unterscheidung von Attentat und Terrorismus sinnvoll, wenn nicht gar notwendig ist.

Attentate, unterschiedlich motivierte Anschläge einzelner Personen auf Angehörige der politischen und wirtschaftlichen Eliten, durchziehen die Geschichte. Ihre Analyse bringt verschiedenartigste Zeitumstände, soziale Bedingungen, Beweggründe und Folgen zutage. Die Versuche, Gemeinsamkeiten in den Täter(innen)profilen erarbeiten zu wollen, gehen häufig über vage trivialpsychologische, vor allem auch geschlechtsspezifische Zuschreibungen nicht hinaus. Es ergibt Sinn, die politischen Rahmenbedingungen und die Gewaltformen einzugrenzen, will man die jeweiligen zeitgenössischen Debatten um die Täter(innen) in den Blick nehmen. Die aktuelle Herausforderung in Sachen politisch motivierter nichtstaatlicher Gewalt wird als Terrorismus charakterisiert. Um Täter(innen) im Terrorismus soll es daher im Folgenden gehen.

Was ist Terrorismus?

Der Begriff entstammt der Französischen Revolution und der Herrschaftstheorie Robespierres. Terreur bezeichnete ursprünglich staatliche Gewaltakte, um den Gehorsam der eigenen Bevölkerung zu erzwingen. Im Zuge des Kalten Krieges diente (Staats-)Terror oder Terrorismus vorrangig als Bezeichnung zur Charakterisierung staatlich verordneter Gewaltmaßnahmen in der Sowjetunion. Erst in den 1970er Jahren begannen südamerikanische Befreiungsbewegungen gewaltsame Aktionen gegen die Obrigkeit als Terrorismus zu bezeichnen. Von hier aus trat der auf den Kopf gestellte Begriff seinen Siegeszug in den linken Protestbewegungen Europas und Nordamerikas an. In aller Munde ist das Phänomen seit den Anschlägen in New York und Washington vom 11. September 2001.

Auf eine präzise inhaltliche Charakterisierung terroristischer Kampfmaßnahmen und Strategien konnten sich Politik und Wissenschaft bislang jedoch nicht einigen. In ihrem Kern betonen die meisten Definitionsversuche das Folgende: Bei Terrorismus handelt es sich um die Strategie kleiner, eigentlich einflussschwacher politischer Gruppierungen, die mit Hilfe von Gewalt Angst und Schrecken verbreiten wollen. Es geht ihnen darum, die Legitimität des bestehenden politischen Systems infrage zu stellen, Aufmerksamkeit für ihre Ziele und neue Anhänger zu gewinnen.

Die aktuelle Forschung betont insbesondere die kommunikativen Aspekte des Terrorismus. Demnach besitzen die Gewalttaten einen doppelten beziehungsweise symbolischen Charakter. Die von Terror betroffenen Personen stellen in der Regel nicht das eigentliche Ziel der Anschläge dar. Die gewaltsamen Aktionen dienen vor allem als Botschaftsträger. Sie sollen die mediale Öffentlichkeit herstellen, in der über die Ziele der Terroristen, die Legitimität ihrer Taten und staatlicher Gegenmaßnahmen debattiert werden kann.[3] "Nie und nirgends ist einem Anarchisten eingefallen, sich einzubilden, dass durch Vernichtung einzelner Personen vorläufig an und für sich wesentliches im Sinne der sozialen Revolution gewonnen werden könnte." Man müsse sich zu Nutzen machen, "daß Aktionen der angedeuteten Art augenblicklich in der ganzen Welt zur Kenntniß kommen und damit allgemein zu Diskussionen inclusive Agitationen führen", so 1887 ein Artikel in der vom Anarchisten Johann Most herausgegebenen Zeitung "Freiheit".[4]

Aus historischer Perspektive ist anzumerken, dass eine gewaltbereite Strategie, die auf eine öffentliche Debatte über die Ziele der Attentäter und den angezweifelten legitimen Charakter des Systems zielt, spezifische gesellschaftliche Gegebenheiten voraussetzt. Notwendig sind zum einen eine bürgerliche Öffentlichkeit, Orte und Medien, in denen über Anschläge, Attentäter und staatliche Gegenmaßnahmen überhaupt diskutiert werden darf. Weiter ist ein gesellschaftliches System Vorbedingung, das auf die Akzeptanz der Mehrheit der Bevölkerung angewiesen ist und das diese Zustimmung auch verlieren kann. Beide Vorbedingungen gewaltsamer, auf Öffentlichkeit zielender Aktionen verweisen auf die Epoche der Französischen Revolution. Sie stellt in Europa und Nordamerika gleichermaßen den Startpunkt dar für die Entwicklung bürgerlicher demokratischer Gesellschaften, des Terreur und terroristischer gegen Staatsmacht gerichtete Gewalt.

Fußnoten

1.
Buch Judit, 16, 6, in: Die Bibel in der Einheitsübersetzung, http://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/bibel/jdt16.html« (14.10.2013).
2.
Ebd., 16, 22.
3.
Siehe hierzu auch den Beitrag von Charlotte Klonk in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
4.
N.N. (Johann Most), Die Propaganda der That, in: Freiheit vom 16.4.1887.
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Autor: Sylvia Schraut für bpb.de
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