Ermordung von John F. Kennedy

28.10.2013 | Von:
Sylvia Schraut

"Zwitterhafte Wesen … aus der Hölle gespien" oder: Wer sind Attentäter(innen)?

Terroristische Akteure in Europa seit der Französischen Revolution

Politisch motivierte Anschläge, die mit heutigen Terrorismusdefinitionen charakterisiert werden können, durchziehen die europäische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Erste Vorläufer lassen sich in der Ära der Französischen Revolution entdecken und in den Jahrzehnten nach dem Wiener Kongress 1814/1815, der Europa im restaurativen Sinn neu ordnete. Berühmt und vielfach rezipiert sind beispielsweise die Anschläge der Girondistin Charlotte Corday auf den Jakobiner Jean Paul Marat (1793) oder des deutschen Burschenschaftlers Karl Ludwig Sand auf den konservativen Autor August von Kotzebue (1819). Im Vormärz waren es vor allem Liberale, die eine gewisse Sympathie für gewaltsame Aktionen gegen die Obrigkeit hegten. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts entstand eine Reihe von Geheimzirkeln mit terroristischem Programm im Umkreis frühsozialistischer Bewegungen. Aus dieser Epoche stammt auch die Schrift des Radikaldemokraten Karl Heinzen über den politischen Mord, nach Walter Laqueur "der wichtigste ideologische Text über den frühen Terrorismus".[5]

Eine europäische Hochphase erlebten terroristische Aktionen im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Anarchistische Bewegungen vor allem in Russland, aber auch in Deutschland, Frankreich und anderen europäischen Ländern sowie Nordamerika verübten zahlreiche Anschläge, die sie als Propagandaträger und Wegbereiter für die angestrebte sozialistische Revolution begriffen. Mit der Wende zum 20. Jahrhundert ging die Staffel vom Anarchismus allmählich zu nationalen (Befreiungs-)Bewegungen als terroristischen Akteuren über. In der Zwischenkriegszeit waren vor allem rechte Organisationen Träger terroristischer Aktionen, während in den 1970er Jahren weltweit linksgerichteter Terror von sich reden machte. Heute steht der islamistische Terrorismus im Zentrum der Wahrnehmung; in Deutschland gewinnt aktuell rechte terroristische Gewalt wieder an Aufmerksamkeit.

Terrorismus begleitet, so lässt sich schließen, Europa und die Vereinigten Staaten in der Moderne. Insbesondere im Zuge antikolonialer Kämpfe scheinen terroristische Kampfformen die europäischen Grenzen überschritten zu haben, um anschließend wieder nach Europa zurückzukehren. Doch was wissen wir über die Attentäter(innen)?

Attentäter(innen) – Projektionsflächen gesellschaftlicher Deutungsversuche?

Politische Gruppierungen, die sich terroristischer Methoden bedienen, agieren üblicherweise im Untergrund und Illegitimen, kurz: im Geheimen. Keine Untergrundbewegung hat jemals die Protokolle ihrer klandestinen Treffen veröffentlicht, kein Attentatsplan wurde und wird von seinen Urhebern den staatlichen Archiven zur Dokumentation der Geschichte der Organisation übergeben. Und auch vor Gericht sagten und sagen Angehörige terroristischer Zirkel in der Regel nur das aus, was ohnehin bekannt ist. Wer wird schon freiwillig seinen Anklägern Material für höhere Strafen liefern oder unbekannte Mitglieder der eigenen Gruppe der Strafverfolgung aussetzen? Selbst die publizierten Autobiografien der vormaligen Angehörigen entsprechender Untergrundbewegungen sind unter dem Gesichtspunkt der "Wahrheitsfindung" aus den genannten Gründen mit Vorsicht zu genießen. Üblicherweise gaben und geben aktive terroristische Akteure auch keine Interviews über ihre frühkindlichen Erfahrungen und Persönlichkeitsmerkmale. Als Quellen für die Geschichte terroristischer Aktionen des 19. und 20. Jahrhunderts und ihrer Urheber stehen daher in der Regel nur beziehungsweise vor allem die an die Archive abgelieferten Akten der Strafverfolgungsbehörden zur Verfügung.

Die aktuellen Debatten um den NSU ("Nationalsozialistischer Untergrund") verdeutlichen überdies, dass nicht alles Material des Verfassungsschutzes oder der sonstigen polizeilichen Überwachungsbehörden in den Archiven landete und landet. Es muss daher nicht verwundern, dass das Wissen über terroristische Vereinigungen in der Geschichte recht begrenzt ist. Schon die Frage, wie viele Mitglieder eine Terrororganisation hatte, ist selten exakt zu beantworten. Die Aussagen, wer zum harten Kern gehörte, wie viele Unterstützerinnen und Unterstützer eigentlich dazu gerechnet werden müssten, kommen über Mutmaßungen häufig nicht hinaus. So werden die Anhänger des gewaltbereiten Anarchismus im Deutschland in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts auf etwa 200 bis 300 Mitglieder in 50 Zellen mit höchstens 1.000 bis 2.000 Sympathisanten geschätzt. Genaueres lässt sich nicht aussagen. Vage Angaben zum russischen Anarchismus vermuten ohne echten Nachweis rund 1.000 Akteure. Für die 1959 gegründete baskische ETA werden derzeit 50 bis 100 gewaltbereite Mitglieder veranschlagt. Es sollen aber auch schon 250 oder 300 gewesen sein. Nach Zeitungsberichten haben sie 800 bis 900 politische Morde zu verantworten.

Auch die Aussagen über die geschlechtsspezifische Zusammensetzung terroristisch agierender Gruppierungen bleiben in der Regel im Ungefähren. Der deutsche Anarchismus des späten 19. Jahrhundert gilt als männliche Arena. Andererseits berichten Protagonisten der Bewegung von ihren (nicht immer positiven) Erfahrungen im Untergrund mit den Ehefrauen ihrer Unterstützer. Wurden Unterschlupf gewährende Frauen nicht als Sympathisantinnen gezählt, nur weil es sich um Ehefrauen handelte? Die weibliche Mitgliedschaft im zeitgleichen russischen Anarchismus wird auf etwa 25 Prozent geschätzt. Rund ein Drittel der RAF-Mitglieder und ihrer Nachfolgeorganisationen sollen Frauen gewesen sein. Auf insgesamt zehn Prozent weiblichen Anteil kamen 1977 Charles Russel und Bowman Miller in einer Analyse eines Samples von 350 bekannten Terroristen aus 18 Organisationen, die in den 1970er Jahren im städtischen Umfeld aktiv waren. Ihrer Analyse zufolge war der typische Terrorist jung, männlich und gut gebildet. Das waren freilich viele andere Zeitgenossen der Attentäter auch, ohne zu Gewalt zu greifen. Heute gewinnen islamistische Attentäterinnen zunehmend an Aufmerksamkeit. Es hängt von der Einstellung des jeweiligen Autors über die Politik(un)fähigkeit des weiblichen Geschlechts ab, ob er dessen vermuteten Anteil als überraschend hoch bewertet.

Kritischer noch als Aussagen über die zahlenmäßige, geschlechtsspezifische oder gar soziale Zusammensetzung von Terrorgruppen ist der gesicherte Gehalt terroristischer Täter(innen)profile zu bewerten. Wolf Middendorff, der sich in der Epoche des RAF-Terrorismus als kriminologischer Experte häufig zu Wort meldete, stellt daher auch einer historischen Analyse des russischen Terrorismus in der Regierungszeit des Zaren Alexander II. (1855–1881) die Feststellung voran, dass man eigentlich nichts Exaktes über die Persönlichkeiten von Terroristen aussagen könne, denn der Kriminologe habe "es mit Menschen zu tun, die keine mathematische Größe darstellen, man kann sie nicht wie irgendwelche Sachen zusammenzählen und dann daraus einen Mittelwert ziehen", dazu seien die Fallzahlen zu gering und die Informationen zu karg.[6]

Auch der Soziologe Peter Waldmann, der 1998 eine sozialwissenschaftliche Studie über Terrorismus als "Provokation der Macht" vorlegte, kam zum Ergebnis, dass es weder den erkennbaren Durchschnittsterroristen, noch die zum Terrorismus disponierte Persönlichkeit gebe. Die gängige Charakterisierung von politischen Gewalttätern als geistig krank oder Fanatiker "sage eher etwas über gesellschaftliche Verdrängungseffekte und Abwehrbedürfnisse im Umgang mit Terroristen als über diese selbst aus".[7] Und Waldmann kommentiert zutreffend auch die besondere Aufmerksamkeit, die Terroristinnen in den Medien fanden und finden: "wahrscheinlich weil es mit dem üblichen Verständnis von Weiblichkeit schwer vereinbar erscheint, dass Frauen zur kaltblütigen Durchführung extremer Gewalttaten fähig sein sollen".[8]

Wenn also kaum gesichertes Wissen über terroristische Geheimorganisationen existiert und wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen, dass unsere Kenntnisse für profunde Einschätzungen von Terrorist(inn)enpersönlichkeiten zu gering sind, dann ist davon auszugehen, dass mediale Debatten um die Persönlichkeitsmerkmale von Terrorist(inn)en mehr über die Vorstellungen der Autoren über gewaltbereite Akteure, über ihre Fantasien und Projektionen, aussagen als über die Attentäter(innen) selbst.

Fußnoten

5.
Walter Laqueur (Hrsg.), Zeugnisse politischer Gewalt. Dokumente zur Geschichte des Terrorismus, Kronberg 1978, S. 39.
6.
Wolf Middendorff, Die Persönlichkeit des Terroristen in historischer und kriminologischer Sicht, in: Heiner Geißler (Hrsg.), Der Weg in die Gewalt. Geistige und gesellschaftliche Ursachen des Terrorismus und seine Folgen, München–Wien 1978, S. 175–189, hier: S. 182.
7.
Peter Waldmann, Terrorismus. Provokation der Macht, München 1998, S. 153.
8.
Ebd., S. 150.
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Autor: Sylvia Schraut für bpb.de
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