Ermordung von John F. Kennedy

28.10.2013 | Von:
Sylvia Schraut

"Zwitterhafte Wesen … aus der Hölle gespien" oder: Wer sind Attentäter(innen)?

Mediale Bilder der Terrorist(inn)en: Attentäter(innen) und Geschlecht

Die politischen Attentäter(innen) des 19. und 20. Jahrhunderts, die sich symbolischer Gewalt als Botschaftsträger bedienten, haben in der Regel ihre politischen Ziele nicht erreicht. Doch die Öffentlichkeit, die sie als Plattform für ihre Propaganda und die Delegitimation des bestehenden politischen Systems anstrebten, wurde ihnen in großem Maße zuteil. Schon die Attentate der Epoche der Französischen Revolution, die als Vorläufer des modernen Terrorismus gelten können, erlangten eine ungeheure mediale Präsenz. Die Reaktionen waren umso überraschender als sie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts trotz politischer Zensur eher vorsichtig bis nachdrücklich zustimmend als ablehnend ausfielen.

Jenseits der Frage, ob die Autoren Attentate als angemessene politische Aktionsformen interpretierten oder nicht, ist eines besonders auffällig: Die journalistische oder literarische Beschäftigung mit politischer Gewalt provozierte schon damals schillernde Fantasien über die Täter(innen)persönlichkeiten. Die Deutungsversuche weisen vor allem zwei Merkmale auf: Mangels konkreter Informationen bedienten sich viele Interpretationen der Anleihe an tradierten mythischen, religiösen oder literarischen Mustern beziehungsweise Stereotypen. Charakteristisch ist ferner eine deutliche Irritation über den Geschlechtscharakter der Akteure. Dies ist besonders auffällig im Falle weiblicher Gewaltbereitschaft. Traditionell war in der christlichen Kultur dem weiblichen Geschlecht ein sanfteres und friedvolleres Wesen als dem männlichen Geschlecht zugeschrieben worden. Als sich der Dritte Stand während der Französischen Revolution selbst zur Nation kürte, entschied er auch über die Stellung der Frauen im zukünftigen Nationalstaat. Den französischen Revolutionären zufolge war der Platz des weiblichen Geschlechts nicht an der Wahlurne und am politischen Rednerpult. Frauen sollten gute Republikaner erziehen, ihren kämpfenden Männern Entspannung im friedvollen Heim bereiten und sich aus der öffentlichen politischen Sphäre weitgehend heraushalten. Eine Frau, die aus politischen Gründen mordete, konnte angesichts vorausgesetzter weiblicher Friedfertigkeit und Politikferne eigentlich keine richtige Frau sein.

Schon der Marquis de Sade brachte es 1793 anlässlich der Gedenkfeier für Jean Paul Marat auf den Punkt: Bei einer Gewalttäterin wie Charlotte Corday, der Mörderin Marats, konnte es sich nur um eines "jener zwitterhaften Wesen" handeln, "denen man kein Geschlecht zuerkennen kann, sie wurde zur Verzweiflung beider Geschlechter aus der Hölle gespien und gehört selbst keinem von ihnen an".[9] Auch die Bewunderer der Mörderin konnten in ihr keine weltliche Frau aus Fleisch und Blut sehen. Jean Paul charakterisierte sie als eine der "Heldinnen der Freiheit", als "jungfräulichen Würgeengel", "Opferpriesterin", gar als "glänzende Göttin", die "durch die Ehrenpforte der Unsterblichkeit eindrang". "Nur die Jungfrau (…) stirbt für Welt und Vaterland, die Mutter bloß für Kinder und Mann", legte er einem Bewunderer der Attentäterin in seiner Erzählung "über Charlotte Corday" in "Katzenbergers Badereise" in den Mund.[10] Corday avancierte, zwischen bedrohlichem Mannweib und gottnaher Heldin in der Tradition der hebräischen Judith oszillierend, zur vielbeschworenen Urmutter politischer Gewalttäterinnen im langen 19. Jahrhundert. Das tradierte Corday-Bild wirkte "stilbildend" auf die Wahrnehmung und das Selbstbild russischer Anarchistinnen und die Überlegungen der Kriminologen, die weiblichen Terrorismus zu erklären versuchten.

Schließlich bedienten sich auch Gewaltanalysen aus feministischer Sicht des tradierten Corday-Bildes. Schon Carry Brachvogel (1864–1942), viel gelesene feministische jüdische Autorin der Weimarer Republik, 1942 in Theresienstadt umgekommen und heute weitgehend in Vergessenheit geraten, schrieb 1920: "Politische Mörderinnen sind seltene Erscheinungen. (…) Man muss schon in sagenhafte Zeiten zurückgehen, bis zur Judith, die in der Brautnacht den Holofernes tötete, um eine richtige politische Mörderin aufzuspüren. Allerdings hat Judith in modernsten Tagen Nachfolgerinnen gefunden, in den russischen Nihilistinnen, die immer wieder, hauptsächlich aber vor dreißig, fünfunddreißig Jahren, mit Bomben und Revolver gegen die Bedrücker ihres Vaterlandes losgingen. Zwischen der hebräischen Judith und der russischen Nihilistin steht einsam Charlotte Corday, das Mädchen aus Caen, die ungewöhnliche Tochter einer ungewöhnlichen Zeit."[11]

Auch in der medialen Auseinandersetzung mit dem RAF-Terrorismus der 1970er Jahre wurde nicht selten die beschriebene mythische und historische Traditionslinie bemüht. So setzte sich beispielsweise der Psychologe Peter Hofstätter in einem 1978 von Heiner Geißler publizierten Bändchen über den "Weg in die Gewalt" gleichermaßen mit Terroristinnen und linken Intellektuellen wie Heinrich Böll kritisch auseinander. "Damit wird auf einmal klar", kommentierte er eine Romanfigur Heinrich Bölls, "wo wir das Vorbild der Katharina Blum zu suchen haben: Charlotte Corday, das 25jährige Mädchen aus der Normandie, das am 13. Juli 1793 den Jakobiner Marat ermordet." Dem Autor war die Verehrung, die Charlotte Corday im Liberalismus des 19. Jahrhunderts genoss, "etwas unheimlich, weil sich daraus so leicht eine äußerst bedenklich Rechtfertigung für Untaten ergibt, z.B. die der Katharina Blum bei Heinrich Böll oder der Ulrike Meinhof im realen Leben. Keineswegs ausgeschlossen ist es offenbar, daß sich Menschen, darunter auch Dichter, mit dem Archetypus der rächenden Frau, der biblischen Judith z.B., identifizieren",[12] lautete sein Fazit.

Historisch fantasievolle Traditionslinien über den Geschlechtscharakter des männlichen Terrorprotagonisten lassen sich auch für das moderne Terroristenbild aufzeigen. "Stilbildend" waren die medialen Auseinandersetzungen über den Burschenschaftler und politischen Mörder Karl Ludwig Sand.

Dieser galt seinen Verteidigern im Sinne des romantischen Männlichkeitsentwurfs als sensibler Jüngling, Heros und leidenschaftlicher Verteidiger der Freiheit, als Brutus, der dem ungerechtfertigten Machtanspruch der konservativen Obrigkeit mit dem Dolch begegnete. Seine Gegner bewerteten ihn als schwächlichen Wirrkopf und Fanatiker. Sands "Ansichten, Träume und schwärmerische Gesinnungen" hätten anlässlich der auf dem Wartburgfest (1817) gehaltenen schwülstigen und gefühlvollen Reden eine konkrete Zielrichtung gefunden. Hier sei sein Entschluss gereift, "sein Leben selbst, für das Wohl seines geliebten Vaterlandes durch Bekämpfung eines Feindes hinzugeben. Die äußeren Feinde waren besiegt; es konnte also nur ein innerer seyn, an dem Sand zum Brutus werden wollte", so das Neue Rheinische Conversations-Lexicon 1835.[13]

In ähnlicher Weise argumentierte 1980 der Jurist Joachim Wagner am Beispiel der Lebensläufe deutscher Terroristen im Kaiserreich. Der typische Anarchist der wilhelminischen Ära war seiner Meinung nach männlich. Er hatte entweder eine zu enge oder traumatisch gestörte Bindung an die Mutter, in jedem Fall aber eine gestörte kindliche Sozialisation und später Probleme mit der Identitätsfindung. Wagner meinte drei Persönlichkeitstypen ausmachen zu können: "einen narzißtischen, einen Möchte-Gern-Held, der durch terroristische Gewalt die Aufmerksamkeit der Welt auf sich lenken will, einen autistischen, der aus seiner Beziehungs- und Kontaktlosigkeit in unrealistische Machtträume flieht und einen depressiven, der sich aus Verzweiflung über die Ungerechtigkeit der Welt der Gewalt zuwendet", insgesamt Personen, "die auf der Grenze zwischen Gesundheit und Krankheit stehen".[14]

Mit der zunehmenden Etablierung von Demokratien in Europa in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und deren Konzept rationaler vernunftbestimmter wie gewaltfreier politischer Partizipation hatte das Bild des halbgottartigen Heros oder edlen Brutus endgültig dem Image des Terroristen als wahnkranken, seinen Affekten ausgelieferten (und damit unmännlichen) Akteur zu weichen. Aber, wie schon Peter Waldmann in seiner Suche nach der Terroristenpersönlichkeit feststellte: "So wenig es nur eine den Terrorismus begünstigende gesellschaftliche Konstellation, nur einen Strukturtypus der terroristischen Organisation und nur einen Weg in den Terrorismus gibt, so wenig sinnvoll ist es anzunehmen, nur ein bestimmter Personentypus sei für diese extreme Form der Gewaltanwendung geeignet und ansprechbar."[15]

Fußnoten

9.
Donatien Alphonse François Marquis de Sade, Ausgewählte Werke, hrsg. von Marion Luckow, Bd. 2, Frankfurt/M. 1978, S. 81.
10.
Jean Paul, Über Charlotte Corday. Ein Halbgespräch am 17. Juli, in: Petra Nettelbeck/Uwe Nettelbeck (Hrsg.), Charlotte Corday, Frankfurt/M. 1977, S. 146–157, hier: S. 152f.
11.
Carry Brachvogel, Eva in der Politik, Leipzig 1920, S. 64f.
12.
Peter Hofstätter, Wie Gewalt entsteht und wohin sie führen kann, in: H. Geißler (Anm. 6), S. 163–174, hier: S. 166.
13.
Neues Rheinisches Conversations-Lexicon, Bd. 10, Köln 18353, S. 386.
14.
Joachim Wagner, Missionare der Gewalt. Lebensläufe deutscher Terroristen im Kaiserreich, Heidelberg 1980, S. 136f.
15.
P. Waldmann (Anm. 7), S. 155.
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Autor: Sylvia Schraut für bpb.de
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