Ermordung von John F. Kennedy
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28.10.2013 | Von:
Sylvia Schraut

"Zwitterhafte Wesen … aus der Hölle gespien" oder: Wer sind Attentäter(innen)?

Männer und Frauen, die Anschläge mit politischen Motiven legitimierten, gab es schon in biblischen Zeiten. Bekannt ist die Erzählung von der Hebräerin Judith, die ihr Volk von dem Belagerer Holofernes befreite. Die selbstverständlich schöne, wohlhabende und gottesfürchtige Witwe ging reich geschmückt in das Lager des assyrischen Oberfeldherrn, erregte sein Interesse und schlug dem Betrunkenen nach einem Festmahl in trauter Zweisamkeit kurzerhand den Kopf ab. In den Wirren im Gefolge der Bluttat bekämpften die Hebräer erfolgreich das assyrische Heer. Wie die Attentäterin in ihrem Lobgesang rühmte, fiel der Feind "nicht durch die Kraft junger Männer, nicht Söhne von Riesen erschlugen ihn, noch traten ihm hohe Recken entgegen. Nein, Judit, Meraris Tochter, bannte seine Macht mit dem Reiz ihrer Schönheit."[1] Das Alte Testament weiß weiter zu berichten, dass viele die nun "hochgerühmte" Frau gerne geheiratet hätten. Aber seit dem Tod ihres Ehemannes "durfte kein Mann sie mehr berühren ihr Leben lang".[2] Sie sei in hohem Alter gestorben, sieben Tage vom Haus Israel betrauert. Judiths "Heldentat" gehört nicht zum jüdischen Kanon. Die katholische Kirche begreift sie als Teil des Alten Testaments, Martin Luther verbannte sie schließlich in die Apokryphen im Anhang seiner Bibel. Jenseits solcher theologischen Bewertungsfragen avancierte die Legende von Judith zu einem der beliebtesten Stoffe der abendländischen Kunst. Im Katechismus der Frühen Neuzeit hatten die Kinder zu lernen, dass Keuschheit und Gottesvertrauen selbst ein "blödes Weibsbild" zu einer mutigen Gewalttat befähigten. Erst im Zuge des bürgerlichen Projekts "Aufklärung" verlor Judith allmählich ihren religiösen Vorbildcharakter. In Kunst und Kultur ist die aus politischen Gründen gewaltbereite Hebräerin nach wie vor präsent.

Gemälde "Judith und Holofernes" (Franz von Stuck, 1926)Gemälde "Judith und Holofernes" (Franz von Stuck, 1926) (© picture-alliance/akg-images)
Die Erzählung von Judith liefert über das geschilderte Geschehen hinaus einige Informationen über die Bewertung politischer Attentäter im Allgemeinen und mordender Frauen im Besonderen, die anscheinend bis heute Nachwirkungen zeigt: Erstens, ob eine politisch motivierte Gewalttat als niederes Verbrechen oder als Heldentat zu bewerten ist, entscheidet das Publikum. Hierauf verweist der vielzitierte Aphorismus "one man’s terrorist is another man’s freedom fighter", als dessen Urheber der britische Journalist Gerald Seymour, Autor zahlreicher bekannter Romane über politische Gewalttaten, gilt. Zweitens: Greift eine Frau zu politischer Gewalt, so bedarf dies in Hinsicht auf ihre Geschlechterrolle spezifischer Rechtfertigungen. Judith, so lässt sich vermuten, konnte nur als Heldin begriffen werden, weil sie als Witwe nicht mehr mit den üblichen Frauenaufgaben – Kinder, Küche, Kirche und der Versorgung ihres Mannes – befasst war. Nachdem sie die ihrem Geschlecht in Sachen Politikfähigkeit und Gewalt gesetzten Schranken überschritten hatte, blieb ihr auch nach der Gewalttat nur das (allerdings hochgerühmte) Leben als keusche alleinstehende Frau.

Zweifel am Willen oder Vermögen politischer Attentäterinnen, die "eigentlich" ihrem Geschlecht zugewiesenen Aufgaben zu erfüllen, kennt nicht nur die Bibel. Sie durchziehen die Auseinandersetzungen über Attentäterinnen, Anhängerinnen von Befreiungsbewegungen und Terroristinnen bis in die Diskussionen der 1970er Jahre über den RAF-Terrorismus oder aktuell über den islamistischen Terrorismus. Analog lassen sich Fantasien über den alltagsuntauglichen männlichen Terroristen belegen. Die Gegner interpretieren ihn nicht selten als "geschwächten" Mann, während seine Anhänger ihn als Heros und damit halbgottartigen oder doch zumindest gottnahen Märtyrer und heldenmutigen Widerständigen feiern. Will man heutige Debatten über die Geschlechtscharaktere gewaltbereiter Terrorist(inn)en analysieren, so ist jedoch vorab zu klären, ob eine Unterscheidung von Attentat und Terrorismus sinnvoll, wenn nicht gar notwendig ist.

Attentate, unterschiedlich motivierte Anschläge einzelner Personen auf Angehörige der politischen und wirtschaftlichen Eliten, durchziehen die Geschichte. Ihre Analyse bringt verschiedenartigste Zeitumstände, soziale Bedingungen, Beweggründe und Folgen zutage. Die Versuche, Gemeinsamkeiten in den Täter(innen)profilen erarbeiten zu wollen, gehen häufig über vage trivialpsychologische, vor allem auch geschlechtsspezifische Zuschreibungen nicht hinaus. Es ergibt Sinn, die politischen Rahmenbedingungen und die Gewaltformen einzugrenzen, will man die jeweiligen zeitgenössischen Debatten um die Täter(innen) in den Blick nehmen. Die aktuelle Herausforderung in Sachen politisch motivierter nichtstaatlicher Gewalt wird als Terrorismus charakterisiert. Um Täter(innen) im Terrorismus soll es daher im Folgenden gehen.

Was ist Terrorismus?

Der Begriff entstammt der Französischen Revolution und der Herrschaftstheorie Robespierres. Terreur bezeichnete ursprünglich staatliche Gewaltakte, um den Gehorsam der eigenen Bevölkerung zu erzwingen. Im Zuge des Kalten Krieges diente (Staats-)Terror oder Terrorismus vorrangig als Bezeichnung zur Charakterisierung staatlich verordneter Gewaltmaßnahmen in der Sowjetunion. Erst in den 1970er Jahren begannen südamerikanische Befreiungsbewegungen gewaltsame Aktionen gegen die Obrigkeit als Terrorismus zu bezeichnen. Von hier aus trat der auf den Kopf gestellte Begriff seinen Siegeszug in den linken Protestbewegungen Europas und Nordamerikas an. In aller Munde ist das Phänomen seit den Anschlägen in New York und Washington vom 11. September 2001.

Auf eine präzise inhaltliche Charakterisierung terroristischer Kampfmaßnahmen und Strategien konnten sich Politik und Wissenschaft bislang jedoch nicht einigen. In ihrem Kern betonen die meisten Definitionsversuche das Folgende: Bei Terrorismus handelt es sich um die Strategie kleiner, eigentlich einflussschwacher politischer Gruppierungen, die mit Hilfe von Gewalt Angst und Schrecken verbreiten wollen. Es geht ihnen darum, die Legitimität des bestehenden politischen Systems infrage zu stellen, Aufmerksamkeit für ihre Ziele und neue Anhänger zu gewinnen.

Die aktuelle Forschung betont insbesondere die kommunikativen Aspekte des Terrorismus. Demnach besitzen die Gewalttaten einen doppelten beziehungsweise symbolischen Charakter. Die von Terror betroffenen Personen stellen in der Regel nicht das eigentliche Ziel der Anschläge dar. Die gewaltsamen Aktionen dienen vor allem als Botschaftsträger. Sie sollen die mediale Öffentlichkeit herstellen, in der über die Ziele der Terroristen, die Legitimität ihrer Taten und staatlicher Gegenmaßnahmen debattiert werden kann.[3] "Nie und nirgends ist einem Anarchisten eingefallen, sich einzubilden, dass durch Vernichtung einzelner Personen vorläufig an und für sich wesentliches im Sinne der sozialen Revolution gewonnen werden könnte." Man müsse sich zu Nutzen machen, "daß Aktionen der angedeuteten Art augenblicklich in der ganzen Welt zur Kenntniß kommen und damit allgemein zu Diskussionen inclusive Agitationen führen", so 1887 ein Artikel in der vom Anarchisten Johann Most herausgegebenen Zeitung "Freiheit".[4]

Aus historischer Perspektive ist anzumerken, dass eine gewaltbereite Strategie, die auf eine öffentliche Debatte über die Ziele der Attentäter und den angezweifelten legitimen Charakter des Systems zielt, spezifische gesellschaftliche Gegebenheiten voraussetzt. Notwendig sind zum einen eine bürgerliche Öffentlichkeit, Orte und Medien, in denen über Anschläge, Attentäter und staatliche Gegenmaßnahmen überhaupt diskutiert werden darf. Weiter ist ein gesellschaftliches System Vorbedingung, das auf die Akzeptanz der Mehrheit der Bevölkerung angewiesen ist und das diese Zustimmung auch verlieren kann. Beide Vorbedingungen gewaltsamer, auf Öffentlichkeit zielender Aktionen verweisen auf die Epoche der Französischen Revolution. Sie stellt in Europa und Nordamerika gleichermaßen den Startpunkt dar für die Entwicklung bürgerlicher demokratischer Gesellschaften, des Terreur und terroristischer gegen Staatsmacht gerichtete Gewalt.

Terroristische Akteure in Europa seit der Französischen Revolution

Politisch motivierte Anschläge, die mit heutigen Terrorismusdefinitionen charakterisiert werden können, durchziehen die europäische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Erste Vorläufer lassen sich in der Ära der Französischen Revolution entdecken und in den Jahrzehnten nach dem Wiener Kongress 1814/1815, der Europa im restaurativen Sinn neu ordnete. Berühmt und vielfach rezipiert sind beispielsweise die Anschläge der Girondistin Charlotte Corday auf den Jakobiner Jean Paul Marat (1793) oder des deutschen Burschenschaftlers Karl Ludwig Sand auf den konservativen Autor August von Kotzebue (1819). Im Vormärz waren es vor allem Liberale, die eine gewisse Sympathie für gewaltsame Aktionen gegen die Obrigkeit hegten. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts entstand eine Reihe von Geheimzirkeln mit terroristischem Programm im Umkreis frühsozialistischer Bewegungen. Aus dieser Epoche stammt auch die Schrift des Radikaldemokraten Karl Heinzen über den politischen Mord, nach Walter Laqueur "der wichtigste ideologische Text über den frühen Terrorismus".[5]

Eine europäische Hochphase erlebten terroristische Aktionen im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Anarchistische Bewegungen vor allem in Russland, aber auch in Deutschland, Frankreich und anderen europäischen Ländern sowie Nordamerika verübten zahlreiche Anschläge, die sie als Propagandaträger und Wegbereiter für die angestrebte sozialistische Revolution begriffen. Mit der Wende zum 20. Jahrhundert ging die Staffel vom Anarchismus allmählich zu nationalen (Befreiungs-)Bewegungen als terroristischen Akteuren über. In der Zwischenkriegszeit waren vor allem rechte Organisationen Träger terroristischer Aktionen, während in den 1970er Jahren weltweit linksgerichteter Terror von sich reden machte. Heute steht der islamistische Terrorismus im Zentrum der Wahrnehmung; in Deutschland gewinnt aktuell rechte terroristische Gewalt wieder an Aufmerksamkeit.

Terrorismus begleitet, so lässt sich schließen, Europa und die Vereinigten Staaten in der Moderne. Insbesondere im Zuge antikolonialer Kämpfe scheinen terroristische Kampfformen die europäischen Grenzen überschritten zu haben, um anschließend wieder nach Europa zurückzukehren. Doch was wissen wir über die Attentäter(innen)?

Attentäter(innen) – Projektionsflächen gesellschaftlicher Deutungsversuche?

Politische Gruppierungen, die sich terroristischer Methoden bedienen, agieren üblicherweise im Untergrund und Illegitimen, kurz: im Geheimen. Keine Untergrundbewegung hat jemals die Protokolle ihrer klandestinen Treffen veröffentlicht, kein Attentatsplan wurde und wird von seinen Urhebern den staatlichen Archiven zur Dokumentation der Geschichte der Organisation übergeben. Und auch vor Gericht sagten und sagen Angehörige terroristischer Zirkel in der Regel nur das aus, was ohnehin bekannt ist. Wer wird schon freiwillig seinen Anklägern Material für höhere Strafen liefern oder unbekannte Mitglieder der eigenen Gruppe der Strafverfolgung aussetzen? Selbst die publizierten Autobiografien der vormaligen Angehörigen entsprechender Untergrundbewegungen sind unter dem Gesichtspunkt der "Wahrheitsfindung" aus den genannten Gründen mit Vorsicht zu genießen. Üblicherweise gaben und geben aktive terroristische Akteure auch keine Interviews über ihre frühkindlichen Erfahrungen und Persönlichkeitsmerkmale. Als Quellen für die Geschichte terroristischer Aktionen des 19. und 20. Jahrhunderts und ihrer Urheber stehen daher in der Regel nur beziehungsweise vor allem die an die Archive abgelieferten Akten der Strafverfolgungsbehörden zur Verfügung.

Die aktuellen Debatten um den NSU ("Nationalsozialistischer Untergrund") verdeutlichen überdies, dass nicht alles Material des Verfassungsschutzes oder der sonstigen polizeilichen Überwachungsbehörden in den Archiven landete und landet. Es muss daher nicht verwundern, dass das Wissen über terroristische Vereinigungen in der Geschichte recht begrenzt ist. Schon die Frage, wie viele Mitglieder eine Terrororganisation hatte, ist selten exakt zu beantworten. Die Aussagen, wer zum harten Kern gehörte, wie viele Unterstützerinnen und Unterstützer eigentlich dazu gerechnet werden müssten, kommen über Mutmaßungen häufig nicht hinaus. So werden die Anhänger des gewaltbereiten Anarchismus im Deutschland in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts auf etwa 200 bis 300 Mitglieder in 50 Zellen mit höchstens 1.000 bis 2.000 Sympathisanten geschätzt. Genaueres lässt sich nicht aussagen. Vage Angaben zum russischen Anarchismus vermuten ohne echten Nachweis rund 1.000 Akteure. Für die 1959 gegründete baskische ETA werden derzeit 50 bis 100 gewaltbereite Mitglieder veranschlagt. Es sollen aber auch schon 250 oder 300 gewesen sein. Nach Zeitungsberichten haben sie 800 bis 900 politische Morde zu verantworten.

Auch die Aussagen über die geschlechtsspezifische Zusammensetzung terroristisch agierender Gruppierungen bleiben in der Regel im Ungefähren. Der deutsche Anarchismus des späten 19. Jahrhundert gilt als männliche Arena. Andererseits berichten Protagonisten der Bewegung von ihren (nicht immer positiven) Erfahrungen im Untergrund mit den Ehefrauen ihrer Unterstützer. Wurden Unterschlupf gewährende Frauen nicht als Sympathisantinnen gezählt, nur weil es sich um Ehefrauen handelte? Die weibliche Mitgliedschaft im zeitgleichen russischen Anarchismus wird auf etwa 25 Prozent geschätzt. Rund ein Drittel der RAF-Mitglieder und ihrer Nachfolgeorganisationen sollen Frauen gewesen sein. Auf insgesamt zehn Prozent weiblichen Anteil kamen 1977 Charles Russel und Bowman Miller in einer Analyse eines Samples von 350 bekannten Terroristen aus 18 Organisationen, die in den 1970er Jahren im städtischen Umfeld aktiv waren. Ihrer Analyse zufolge war der typische Terrorist jung, männlich und gut gebildet. Das waren freilich viele andere Zeitgenossen der Attentäter auch, ohne zu Gewalt zu greifen. Heute gewinnen islamistische Attentäterinnen zunehmend an Aufmerksamkeit. Es hängt von der Einstellung des jeweiligen Autors über die Politik(un)fähigkeit des weiblichen Geschlechts ab, ob er dessen vermuteten Anteil als überraschend hoch bewertet.

Kritischer noch als Aussagen über die zahlenmäßige, geschlechtsspezifische oder gar soziale Zusammensetzung von Terrorgruppen ist der gesicherte Gehalt terroristischer Täter(innen)profile zu bewerten. Wolf Middendorff, der sich in der Epoche des RAF-Terrorismus als kriminologischer Experte häufig zu Wort meldete, stellt daher auch einer historischen Analyse des russischen Terrorismus in der Regierungszeit des Zaren Alexander II. (1855–1881) die Feststellung voran, dass man eigentlich nichts Exaktes über die Persönlichkeiten von Terroristen aussagen könne, denn der Kriminologe habe "es mit Menschen zu tun, die keine mathematische Größe darstellen, man kann sie nicht wie irgendwelche Sachen zusammenzählen und dann daraus einen Mittelwert ziehen", dazu seien die Fallzahlen zu gering und die Informationen zu karg.[6]

Auch der Soziologe Peter Waldmann, der 1998 eine sozialwissenschaftliche Studie über Terrorismus als "Provokation der Macht" vorlegte, kam zum Ergebnis, dass es weder den erkennbaren Durchschnittsterroristen, noch die zum Terrorismus disponierte Persönlichkeit gebe. Die gängige Charakterisierung von politischen Gewalttätern als geistig krank oder Fanatiker "sage eher etwas über gesellschaftliche Verdrängungseffekte und Abwehrbedürfnisse im Umgang mit Terroristen als über diese selbst aus".[7] Und Waldmann kommentiert zutreffend auch die besondere Aufmerksamkeit, die Terroristinnen in den Medien fanden und finden: "wahrscheinlich weil es mit dem üblichen Verständnis von Weiblichkeit schwer vereinbar erscheint, dass Frauen zur kaltblütigen Durchführung extremer Gewalttaten fähig sein sollen".[8]

Wenn also kaum gesichertes Wissen über terroristische Geheimorganisationen existiert und wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen, dass unsere Kenntnisse für profunde Einschätzungen von Terrorist(inn)enpersönlichkeiten zu gering sind, dann ist davon auszugehen, dass mediale Debatten um die Persönlichkeitsmerkmale von Terrorist(inn)en mehr über die Vorstellungen der Autoren über gewaltbereite Akteure, über ihre Fantasien und Projektionen, aussagen als über die Attentäter(innen) selbst.

Mediale Bilder der Terrorist(inn)en: Attentäter(innen) und Geschlecht

Die politischen Attentäter(innen) des 19. und 20. Jahrhunderts, die sich symbolischer Gewalt als Botschaftsträger bedienten, haben in der Regel ihre politischen Ziele nicht erreicht. Doch die Öffentlichkeit, die sie als Plattform für ihre Propaganda und die Delegitimation des bestehenden politischen Systems anstrebten, wurde ihnen in großem Maße zuteil. Schon die Attentate der Epoche der Französischen Revolution, die als Vorläufer des modernen Terrorismus gelten können, erlangten eine ungeheure mediale Präsenz. Die Reaktionen waren umso überraschender als sie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts trotz politischer Zensur eher vorsichtig bis nachdrücklich zustimmend als ablehnend ausfielen.

Jenseits der Frage, ob die Autoren Attentate als angemessene politische Aktionsformen interpretierten oder nicht, ist eines besonders auffällig: Die journalistische oder literarische Beschäftigung mit politischer Gewalt provozierte schon damals schillernde Fantasien über die Täter(innen)persönlichkeiten. Die Deutungsversuche weisen vor allem zwei Merkmale auf: Mangels konkreter Informationen bedienten sich viele Interpretationen der Anleihe an tradierten mythischen, religiösen oder literarischen Mustern beziehungsweise Stereotypen. Charakteristisch ist ferner eine deutliche Irritation über den Geschlechtscharakter der Akteure. Dies ist besonders auffällig im Falle weiblicher Gewaltbereitschaft. Traditionell war in der christlichen Kultur dem weiblichen Geschlecht ein sanfteres und friedvolleres Wesen als dem männlichen Geschlecht zugeschrieben worden. Als sich der Dritte Stand während der Französischen Revolution selbst zur Nation kürte, entschied er auch über die Stellung der Frauen im zukünftigen Nationalstaat. Den französischen Revolutionären zufolge war der Platz des weiblichen Geschlechts nicht an der Wahlurne und am politischen Rednerpult. Frauen sollten gute Republikaner erziehen, ihren kämpfenden Männern Entspannung im friedvollen Heim bereiten und sich aus der öffentlichen politischen Sphäre weitgehend heraushalten. Eine Frau, die aus politischen Gründen mordete, konnte angesichts vorausgesetzter weiblicher Friedfertigkeit und Politikferne eigentlich keine richtige Frau sein.

Schon der Marquis de Sade brachte es 1793 anlässlich der Gedenkfeier für Jean Paul Marat auf den Punkt: Bei einer Gewalttäterin wie Charlotte Corday, der Mörderin Marats, konnte es sich nur um eines "jener zwitterhaften Wesen" handeln, "denen man kein Geschlecht zuerkennen kann, sie wurde zur Verzweiflung beider Geschlechter aus der Hölle gespien und gehört selbst keinem von ihnen an".[9] Auch die Bewunderer der Mörderin konnten in ihr keine weltliche Frau aus Fleisch und Blut sehen. Jean Paul charakterisierte sie als eine der "Heldinnen der Freiheit", als "jungfräulichen Würgeengel", "Opferpriesterin", gar als "glänzende Göttin", die "durch die Ehrenpforte der Unsterblichkeit eindrang". "Nur die Jungfrau (…) stirbt für Welt und Vaterland, die Mutter bloß für Kinder und Mann", legte er einem Bewunderer der Attentäterin in seiner Erzählung "über Charlotte Corday" in "Katzenbergers Badereise" in den Mund.[10] Corday avancierte, zwischen bedrohlichem Mannweib und gottnaher Heldin in der Tradition der hebräischen Judith oszillierend, zur vielbeschworenen Urmutter politischer Gewalttäterinnen im langen 19. Jahrhundert. Das tradierte Corday-Bild wirkte "stilbildend" auf die Wahrnehmung und das Selbstbild russischer Anarchistinnen und die Überlegungen der Kriminologen, die weiblichen Terrorismus zu erklären versuchten.

Schließlich bedienten sich auch Gewaltanalysen aus feministischer Sicht des tradierten Corday-Bildes. Schon Carry Brachvogel (1864–1942), viel gelesene feministische jüdische Autorin der Weimarer Republik, 1942 in Theresienstadt umgekommen und heute weitgehend in Vergessenheit geraten, schrieb 1920: "Politische Mörderinnen sind seltene Erscheinungen. (…) Man muss schon in sagenhafte Zeiten zurückgehen, bis zur Judith, die in der Brautnacht den Holofernes tötete, um eine richtige politische Mörderin aufzuspüren. Allerdings hat Judith in modernsten Tagen Nachfolgerinnen gefunden, in den russischen Nihilistinnen, die immer wieder, hauptsächlich aber vor dreißig, fünfunddreißig Jahren, mit Bomben und Revolver gegen die Bedrücker ihres Vaterlandes losgingen. Zwischen der hebräischen Judith und der russischen Nihilistin steht einsam Charlotte Corday, das Mädchen aus Caen, die ungewöhnliche Tochter einer ungewöhnlichen Zeit."[11]

Auch in der medialen Auseinandersetzung mit dem RAF-Terrorismus der 1970er Jahre wurde nicht selten die beschriebene mythische und historische Traditionslinie bemüht. So setzte sich beispielsweise der Psychologe Peter Hofstätter in einem 1978 von Heiner Geißler publizierten Bändchen über den "Weg in die Gewalt" gleichermaßen mit Terroristinnen und linken Intellektuellen wie Heinrich Böll kritisch auseinander. "Damit wird auf einmal klar", kommentierte er eine Romanfigur Heinrich Bölls, "wo wir das Vorbild der Katharina Blum zu suchen haben: Charlotte Corday, das 25jährige Mädchen aus der Normandie, das am 13. Juli 1793 den Jakobiner Marat ermordet." Dem Autor war die Verehrung, die Charlotte Corday im Liberalismus des 19. Jahrhunderts genoss, "etwas unheimlich, weil sich daraus so leicht eine äußerst bedenklich Rechtfertigung für Untaten ergibt, z.B. die der Katharina Blum bei Heinrich Böll oder der Ulrike Meinhof im realen Leben. Keineswegs ausgeschlossen ist es offenbar, daß sich Menschen, darunter auch Dichter, mit dem Archetypus der rächenden Frau, der biblischen Judith z.B., identifizieren",[12] lautete sein Fazit.

Historisch fantasievolle Traditionslinien über den Geschlechtscharakter des männlichen Terrorprotagonisten lassen sich auch für das moderne Terroristenbild aufzeigen. "Stilbildend" waren die medialen Auseinandersetzungen über den Burschenschaftler und politischen Mörder Karl Ludwig Sand.

Dieser galt seinen Verteidigern im Sinne des romantischen Männlichkeitsentwurfs als sensibler Jüngling, Heros und leidenschaftlicher Verteidiger der Freiheit, als Brutus, der dem ungerechtfertigten Machtanspruch der konservativen Obrigkeit mit dem Dolch begegnete. Seine Gegner bewerteten ihn als schwächlichen Wirrkopf und Fanatiker. Sands "Ansichten, Träume und schwärmerische Gesinnungen" hätten anlässlich der auf dem Wartburgfest (1817) gehaltenen schwülstigen und gefühlvollen Reden eine konkrete Zielrichtung gefunden. Hier sei sein Entschluss gereift, "sein Leben selbst, für das Wohl seines geliebten Vaterlandes durch Bekämpfung eines Feindes hinzugeben. Die äußeren Feinde waren besiegt; es konnte also nur ein innerer seyn, an dem Sand zum Brutus werden wollte", so das Neue Rheinische Conversations-Lexicon 1835.[13]

In ähnlicher Weise argumentierte 1980 der Jurist Joachim Wagner am Beispiel der Lebensläufe deutscher Terroristen im Kaiserreich. Der typische Anarchist der wilhelminischen Ära war seiner Meinung nach männlich. Er hatte entweder eine zu enge oder traumatisch gestörte Bindung an die Mutter, in jedem Fall aber eine gestörte kindliche Sozialisation und später Probleme mit der Identitätsfindung. Wagner meinte drei Persönlichkeitstypen ausmachen zu können: "einen narzißtischen, einen Möchte-Gern-Held, der durch terroristische Gewalt die Aufmerksamkeit der Welt auf sich lenken will, einen autistischen, der aus seiner Beziehungs- und Kontaktlosigkeit in unrealistische Machtträume flieht und einen depressiven, der sich aus Verzweiflung über die Ungerechtigkeit der Welt der Gewalt zuwendet", insgesamt Personen, "die auf der Grenze zwischen Gesundheit und Krankheit stehen".[14]

Mit der zunehmenden Etablierung von Demokratien in Europa in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und deren Konzept rationaler vernunftbestimmter wie gewaltfreier politischer Partizipation hatte das Bild des halbgottartigen Heros oder edlen Brutus endgültig dem Image des Terroristen als wahnkranken, seinen Affekten ausgelieferten (und damit unmännlichen) Akteur zu weichen. Aber, wie schon Peter Waldmann in seiner Suche nach der Terroristenpersönlichkeit feststellte: "So wenig es nur eine den Terrorismus begünstigende gesellschaftliche Konstellation, nur einen Strukturtypus der terroristischen Organisation und nur einen Weg in den Terrorismus gibt, so wenig sinnvoll ist es anzunehmen, nur ein bestimmter Personentypus sei für diese extreme Form der Gewaltanwendung geeignet und ansprechbar."[15]
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Fußnoten

1.
Buch Judit, 16, 6, in: Die Bibel in der Einheitsübersetzung, http://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/bibel/jdt16.html« (14.10.2013).
2.
Ebd., 16, 22.
3.
Siehe hierzu auch den Beitrag von Charlotte Klonk in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
4.
N.N. (Johann Most), Die Propaganda der That, in: Freiheit vom 16.4.1887.
5.
Walter Laqueur (Hrsg.), Zeugnisse politischer Gewalt. Dokumente zur Geschichte des Terrorismus, Kronberg 1978, S. 39.
6.
Wolf Middendorff, Die Persönlichkeit des Terroristen in historischer und kriminologischer Sicht, in: Heiner Geißler (Hrsg.), Der Weg in die Gewalt. Geistige und gesellschaftliche Ursachen des Terrorismus und seine Folgen, München–Wien 1978, S. 175–189, hier: S. 182.
7.
Peter Waldmann, Terrorismus. Provokation der Macht, München 1998, S. 153.
8.
Ebd., S. 150.
9.
Donatien Alphonse François Marquis de Sade, Ausgewählte Werke, hrsg. von Marion Luckow, Bd. 2, Frankfurt/M. 1978, S. 81.
10.
Jean Paul, Über Charlotte Corday. Ein Halbgespräch am 17. Juli, in: Petra Nettelbeck/Uwe Nettelbeck (Hrsg.), Charlotte Corday, Frankfurt/M. 1977, S. 146–157, hier: S. 152f.
11.
Carry Brachvogel, Eva in der Politik, Leipzig 1920, S. 64f.
12.
Peter Hofstätter, Wie Gewalt entsteht und wohin sie führen kann, in: H. Geißler (Anm. 6), S. 163–174, hier: S. 166.
13.
Neues Rheinisches Conversations-Lexicon, Bd. 10, Köln 18353, S. 386.
14.
Joachim Wagner, Missionare der Gewalt. Lebensläufe deutscher Terroristen im Kaiserreich, Heidelberg 1980, S. 136f.
15.
P. Waldmann (Anm. 7), S. 155.
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Autor: Sylvia Schraut für bpb.de
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