Kroatien, Istrien, Heckwelle einer Motoryacht
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Tendenzen der innereuropäischen Migration


11.11.2013
Deutschland ist zurzeit das wichtigste europäische Einwanderungsland. 74 Prozent der Zuwanderer kamen im Jahr 2012 aus dem EU-Ausland. Im Gegensatz zur öffentlichen Wahrnehmung, die dominiert wird durch Berichte über südeuropäische Zuwanderer, waren Polen, Rumänen, Bulgaren und Ungarn die größten Zuwanderergruppen. Erst danach folgten Griechen, Italiener und Spanier.[1] Die Zuwanderung aus Russland und anderen GUS-Staaten ist stark zurückgegangen, der Auswanderungsüberschuss in Richtung Türkei hat zwischen 2011 und 2012 zugenommen (von 1.735 auf 4.147 Personen) (vgl. Tabelle 1 in der PDF-Version). Während der Auswanderungsüberschuss in die Schweiz allgemein bekannt ist und mit Blick auf die dahin auswandernden, mit hohen Kosten ausgebildeten deutschen Ärzte auch diskutiert wird, ist die Bilanz mit der Türkei noch nicht ins öffentliche Bewusstsein eingedrungen. So wurde etwa noch im Februar 2013 die Türkei als "Ursprungsland erheblicher Wanderungsbewegung nach Deutschland" bezeichnet.[2] Das entspricht nicht den Tatsachen, denn in den vergangenen Jahrzehnten wurden sowohl die Zu- als auch die Abwanderungszahlen zwischen Deutschland und der Türkei immer kleiner. Sie machen inzwischen nur noch etwa ein Prozent der türkeistämmigen Bevölkerung in Deutschland aus.

Europa erlebt eine Re-Europäisierung der Migration, genauer gesagt eine EU-Europäisierung. Der freie europäische Migrationsraum – eine weltweit einmalige Erscheinung – entfaltet seine interne Dynamik, während die Einwanderung von außerhalb beschränkt bleibt. In allen europäischen Ländern hat das zunächst die Konsequenz, dass es bei den eigenen Staatsangehörigen einen Auswanderungsüberschuss gibt. Dies gilt auch für attraktive Einwanderungsländer wie die Schweiz und Luxemburg. In aktiven Einwanderungsländern wird dieser Auswanderungsüberschuss ausgeglichen durch verstärkte Einwanderung, vor allem aus ökonomisch schwächeren Ländern. Diese Länder stehen allerdings in der Gefahr, Bevölkerung zu verlieren und im Zusammenspiel mit dem europaweiten Geburtenrückgang in eine demografische Abwärtsspirale zu geraten. So trifft etwa in Lettland auf 28 Auswanderer nur ein Einwanderer (vgl. Tabelle 2 in der PDF-Version).

Migrationstrends und Arbeitsmarktdynamik seit 2004



Als die EU 2004 zehn neue Mitglieder aufnahm, ergab sich eine experimentelle Situation. Nur drei Länder – Schweden, Großbritannien und Irland – öffneten ihre Grenzen für Arbeitskräfte aus den neuen Mitgliedstaaten sofort. Wegen der geografischen Nähe zu Polen und dem Baltikum sowie dem hohen Pro-Kopf-Einkommen hätte man annehmen können, dass Schweden ein Hauptziel der anlaufenden Arbeitsmigration werden würde. Das Gegenteil war der Fall. Es kam zu einer starken Wanderungswelle nach Großbritannien und Irland – weit stärker, als es die britische Regierung vorausgesehen hatte. "1,5 Millionen sind seit Mai 2004 aus den neuen EU-Mitgliedsländern ins Vereinigte Königreich gekommen. (…) Sie sind jung und arbeiten für geringe Löhne im Niedriglohnbereich, auch wenn sie hoch qualifiziert sind."[3] Britische Arbeitgeber bevorzugen inzwischen polnische Arbeitskräfte wegen ihrer "Zuverlässigkeit" gegenüber Briten.[4] Diese Migration führt also zur Dequalifizierung gut ausgebildeter Arbeitskräfte und zur Freisetzung gering qualifizierter Arbeitskräfte in Großbritannien.

Die Wanderungsbewegung nach Schweden blieb dagegen gering. Sie stieg von 1.134 Personen im Jahr 2003 auf 2.521 im Jahr 2004 und schließlich auf 7.540 im Jahr 2005 und sank dann bis 2011 auf 4.399 Personen ab, Rückwanderungen sind hierin noch nicht gegengerechnet.[5] Andererseits entsprechen in Schweden die Einkommen der EU-Arbeitskräfte denen der Einheimischen. Es kam also nicht zu Billiglöhnen, zu beruflichen Herabstufungen und Verdrängungen, allerdings auch zu wenig Migration.[6]

2007 traten Rumänien und Bulgarien der EU bei und erneut entstand eine experimentelle Situation. Wieder öffnete Schweden seinen Arbeitsmarkt, außerdem auch Finnland, Norwegen, Dänemark, Italien, Portugal und Spanien.[7] Großbritannien und Irland beteiligten sich diesmal nicht. Wieder blieb die Einwanderung nach Schweden sehr begrenzt. Sie stieg von 348 Personen im Jahr 2006 auf 2457 im Jahr 2007 und ging dann bis 2011 auf 1828 zurück, Rückwanderer sind auch hier nicht gegengerechnet. Das Ausmaß der Zuwanderung blieb so gering, dass Schweden am 15. Dezember 2008 die Zuwanderung unter den gleichen Bedingungen über Europa hinaus öffnete. Seitdem können Arbeitskräfte weltweit rekrutiert werden, wenn sie zu den gleichen Bedingungen wie Einheimische beschäftigt werden – eine einmalige prinzipielle Öffnung.

Anders waren die Auswirkungen in Südeuropa. Über 900.000 Rumänen leben heute in Spanien, eine Million in Italien. In beiden Ländern sind Rumänen die größte Ausländergruppe. Männliche Einwanderer arbeiten in Spanien meist in der expandierenden Bauindustrie, Frauen vielfach in haushaltsnahen Bereichen. Noch stärker als in Großbritannien bildeten sich Beschäftigungsnischen, in denen immer mehr Migranten konzentriert waren und die Löhne tendenziell sanken. Stärker als in Großbritannien waren Migranten in Südeuropa in informellen Wirtschaftssektoren beschäftigt.[8] Diese Bereiche waren einerseits sehr aufnahmebereit und machten es Neuankömmlingen möglich, im Land Fuß zu fassen. Andererseits sind sie ihrer Natur nach unreguliert, unsicher, ungeschützt und offen für Ausbeutung. Mit dem großen Angebot an arbeitswilligen Migranten veränderte sich der Arbeitsmarkt weiter zugunsten potenzieller Arbeitgeber.

Die Migrationen folgten den unterschiedlichen Logiken der bestehenden Sozialsysteme und verstärkten die jeweiligen Merkmale und Dynamiken. Im regulierten schwedischen System konnten die Gewerkschaften nicht nur rechtlich, sondern auch faktisch durchsetzen, dass Migranten zu den gleichen Bedingungen beschäftigt wurden wie einheimische Arbeitskräfte. 90 Prozent der Beschäftigten arbeiten in Schweden im Rahmen eines Tarifvertrags, in der schwedischen Gesellschaft gibt es einen starken egalitären Konsens. Damit blieb das Arbeits- und Sozialsystem stabil, und es gab für die Unternehmen keine Anreize, qualifizierte Arbeitskräfte auf niedrigeren Qualifikationsstufen einzusetzen. Schweden verzichtete damit allerdings auf sogenannte Billigarbeit, die in vielen anderen Ländern Unternehmen und Konsumenten Extravorteile verschafft, etwa über ungesicherte Arbeitsverhältnisse im Servicesektor bis hin zu günstigen Restaurants. Schweden gilt als gut funktionierendes Beispiel für die Effektivität von Binnenkontrollen[9] nach dem Wegfall der Grenzkontrollen in der offenen EU. Das System stützt sich auf den hohen gewerkschaftlichen Organisationsgrad von etwa 70 Prozent, der hohen Tarifbindung von etwa 90 Prozent (zum Vergleich: in Deutschland sind etwa 20 Prozent der Beschäftigten Mitglied einer Gewerkschaft und 60 Prozent fallen unter den Geltungsbereich eines Tarifvertrags) und die Offenheit der skandinavischen Gesellschaften für Transparenz bis hin zur Offenlegung der Einkommen.

Seit der Wirtschaftskrise



Nach dem Einsetzen der Wirtschaftskrise 2008 in Südeuropa und auf den Britischen Inseln lag die Vermutung nahe, dass es zu großen Auswanderungswellen kommen würde. Das ist nicht der Fall. In Großbritannien und Italien gibt es nach wie vor mehr Zu- als Abwanderung. Die Netto-Einwanderung nach Großbritannien sank von 242.000 Personen im Jahr 2011 auf 153.000 im Jahr 2012. In Spanien ist die Abwanderung per saldo relativ gering, vor allem im Vergleich mit der starken Zuwanderung in den Jahren vorher. Man kann eher von Stagnation sprechen. Die diskrepanten Entwicklungen setzten sich also auch in der Wirtschaftskrise seit 2008 fort, obwohl die skandinavischen Länder kaum von der Krise betroffen waren, die südeuropäischen Länder dagegen in eine tiefe Krise stürzten. In Spanien sind inzwischen 23 Prozent der Einheimischen und 34 Prozent der Ausländer arbeitslos. Offensichtlich ist aber die Spaltung des Arbeitsmarktes so weit fortgeschritten, dass einerseits Einheimische viele Arbeitsplätze nicht mehr annehmen und andererseits Migranten in großem Ausmaß zu niedrigen Löhnen und unbefriedigenden Arbeitsbedingungen beschäftigt werden.

Die weitere Einwanderung in die Niedriglohnsektoren hat zunächst ökonomische Gründe. Die Wirtschaftskrise zwingt Unternehmen in den Aufnahmeländern zu Kostenreduzierungen und legt es damit nahe, Menschen zu beschäftigen, die niedrige Löhne in Kauf nehmen. Das sind vielfach Migranten.[10] Gleichzeitig werden die Verhältnisse in einigen Herkunftsländern kritischer, was den Auswanderungsdruck erhöht. Zudem sind die Migrationsnetzwerke inzwischen so etabliert, dass die grenzüberschreitende Arbeitssuche erleichtert wird. In Rumänien wird mit etwa drei Millionen Ausgewanderten gerechnet, die über Geldtransfers in großem Maße zur Finanzierung ihrer Verwandten zu Hause beitragen. Sie unterstützen damit die Devisenbilanz des Landes und motivieren durch ihr Beispiel zu weiteren Auswanderungen. Der Lebensstandard in Rumänien und Bulgarien ist derart unbefriedigend, die Arbeitsmöglichkeiten sind derart beschränkt, dass auch informelle Arbeit, niedrige Löhne und unbefriedigende Unterbringung in Italien oder Spanien vielfach noch als bessere Alternativen angesehen werden.

Die beschriebene Konstellation ist reizvoll für Arbeitgeber und Familien mit Service- oder Betreuungsbedarf. Es entsteht dann ein Billiglohnsektor, in dem bei offenen Grenzen mehr und mehr Migranten aus ärmeren Ländern Beschäftigung finden. Je stärker diese Effekte sind, desto mehr versuchen Einheimische und länger ansässige Migranten in andere Bereiche zu wechseln. Dadurch entstehen aber Diskrepanzen auf dem Arbeitsmarkt, vor allem in wirtschaftlichen Krisenzeiten, wenn Arbeitslosigkeit zunimmt. Spanien hat deswegen ein Rückkehrförderungsprogramm aufgelegt, mit dem Arbeitskräfte mit finanziellen Anreizen zur Rückkehr in ihr Heimatland motiviert werden sollen. Die britische Regierung bemüht sich fieberhaft, die Einwanderung einzudämmen.[11] Die starke Einwanderung aus den EU-Beitrittsstaaten wird inzwischen allgemein als Fehler betrachtet. Die oppositionelle UK Independence Party, die 2013 bei den Kommunalwahlen in England und Wales 23 Prozent der Stimmen gewann, macht sich öffentlich Gedanken über die Rückführung von EU-Bürgern nach einem eventuellen Austritt Großbritanniens aus der EU. In Italien geht die Lega Nord in aggressiver Weise gegen (EU-)Migranten vor, mit oftmals verbalen Attacken und Gewalttaten als Folge.

Wenn Einwanderer zu Niedriglöhnen arbeiten und Einheimische arbeitslos sind, entstehen Spannungen. Zudem leidet die Wettbewerbsfähigkeit, wenn Einwanderer nicht ihren Qualifikationen entsprechend eingesetzt, sondern in breitem Maße dequalifiziert werden. Für das Ziel der EU, der "wettbewerbsfähigste und dynamischste wissensgestützte Wirtschaftsraum der Welt" zu werden – so die "Lissabon-Strategie"[12] – sind diese Dynamiken abträglich, denn dadurch wird "Humankapital" systematisch abgewertet.

Einwanderung und soziale Sicherungssysteme



Italien gibt auch in der Krise eine jährliche Einwanderungsquote für Nicht-EU-Ausländer frei, mit der hauptsächlich haushaltsbezogene Arbeitskräfte ins Land kommen können. Zwischen 2011 und 2012 verzeichnete die italienische Statistik einen Zuwachs von 81.000 ausländischen Arbeitskräften (das sind 3,5 Prozent). Zwischen 2008 und 2012 gab es einen Zuwachs von 480.000 ausländischen Arbeitskräften. Gleichzeitig fiel die Zahl der Beschäftigten insgesamt um 1,04 Millionen. Im sozial- und personenbezogenen Dienstleistungssektor arbeiten zunehmend mehr Ausländer. Im Jahr 2012 waren es 28 Prozent der Beschäftigten, überwiegend Frauen. Von 2011 bis 2012 stieg die Zahl der Arbeitskräfte in diesem Sektor um 75.000, gleichzeitig gab es dort 12.000 Italiener weniger. Dabei waren auch Ausländer in Italien verstärkt von Arbeitslosigkeit betroffen: Zwischen 2011 und 2012 stieg die Zahl der Arbeitslosen mit ausländischer Staatsangehörigkeit von 264.000 auf 318.000.[13]

Die große Diskrepanz in der Einwanderung gerade im Bereich personenbezogener Dienstleistungen zwischen Mittelmeerstaaten und skandinavischen Ländern hängt mit den unterschiedlichen Charakteristika der Wohlfahrtssysteme in Süd- und Nordeuropa zusammen.[14] Während in Skandinavien öffentliche Dienstleistungen dominieren und in der Kindererziehung, im Gesundheitssystem und in Pflegeeinrichtungen Tariflöhne gezahlt werden, sind in den Mittelmeerstaaten die Familien weitgehend auf sich selbst gestellt. Dies begünstigt informelle Arbeitsverhältnisse und geringe Vergütungen, da Familien vielfach keine hohen Löhne zahlen können oder auch wollen. Da einheimische Arbeitskräfte nicht bereit sind, zu geringen Löhnen lange Arbeitszeiten und persönliche Abhängigkeiten in Kauf zu nehmen, ist die Anwerbung von Ausländern ein Ausweg. Nach den italienischen Regeln erwerben Ausländer, die im Quotensystem für Haushaltsaufgaben rekrutiert werden, nach einem Jahr das Recht, auch in andere Arbeitsverhältnisse zu wechseln.[15] Das Ergebnis ist eine ständige Rekrutierung neuer Arbeitskräfte in Beschäftigungsverhältnisse, die nur attraktiv sind, wenn man aus einem ärmeren Land kommt.

Deutschland zwischen Regulierung und Informalisierung



Deutschland nimmt in Bezug auf die EU-Mobilität eine Mittelstellung ein. Es hat zwar schon seit 1992 Saisonarbeiter aus Polen und den anderen 2004 beigetretenen Mitgliedstaaten angeworben,[16] aber seinen Arbeitsmarkt nach den EU-Erweiterungen so lange wie möglich abgeschottet. Nach wie vor sind die Kernbereiche der Industrie reguliert, und es wird ohne Unterschiede der Herkunft nach Tarifverträgen entlohnt. Die Betriebsräte werden von allen Firmenangehörigen gewählt und haben den Auftrag, für Gleichbehandlung zu sorgen.[17] Im Juni 2013 arbeiteten 347.000 Menschen aus Polen und anderen EU-Staaten in sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen, 88.000 waren geringfügig beschäftigt, 25 beziehungsweise 13 Prozent mehr als im entsprechenden Vorjahresmonat. 117.000 Rumänen und Bulgaren waren sozialversicherungspflichtig, 50.000 geringfügig beschäftigt.[18] Damit zeigt sich, dass auch die neuen EU-Migranten überwiegend tariflich abgesichert sind und dass diese Formen "guter Arbeit" mit der Stabilisierung der deutschen Wirtschaft zunehmen. Es ist zu erwarten, dass auch rumänische und bulgarische Zuwanderer mit ihrer Gleichstellung vom 1. Januar 2014 an stärker in den tariflichen Arbeitsverhältnissen sichtbar werden, wie das bei polnischen Zuwanderern 2011 der Fall war.

Mit der Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse zwischen 2003 und 2005 und der Ausweitung von Zeitarbeit, Leiharbeit, Werkverträgen und Minijobs sind allerdings die Tarifsysteme in einigen Bereichen erodiert. Zwar gelten überall gesetzliche Standards, aber faktisch können sie über komplexe Vertragskaskaden oder andere Arrangements ausgehebelt werden. In den Jahren 2012 und 2013 sind extreme Niedriglöhne, schwierige Arbeitsbedingungen und überfüllte Behausungen in vielen Wirtschaftsbereichen skandalisiert worden. Lohndumping in der Fleischverarbeitung hat sogar zu einer Klageandrohung der belgischen Regierung geführt, da belgische und andere ausländische Unternehmen ihr Fleisch in Deutschland zu Niedriglöhnen verarbeiten ließen.[19] Der Tod eines rumänischen Arbeiters in einer überfüllten Unterkunft im Juli 2013 löste Entsetzen aus. "Im Souterrain des deutschen Arbeitsmarktes haben sich unhaltbare Zustände ausgebreitet", kritisierte Erzbischof Robert Zollitsch, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz. Das System der Werkverträge, bei dem Wanderarbeiter für Billiglöhne angeheuert würden, sei "vielfach pervertiert worden". Der niedersächsische Landwirtschaftsminister Christian Meyer schätzt, dass "80 Prozent der Arbeiter in den niedersächsischen Schlachthöfen über Werkverträge eingestellt sind". Franz-Josef Möllenberg, der Vorsitzende der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten, charakterisierte die Verhältnisse als "teilweise mafiös": "Die Arbeiter etwa aus Rumänien sind schutz- und rechtlos ihren Chefs ausgeliefert."[20] Problematisch ist auch die Beschäftigung von Haushaltshilfen, die überwiegend ohne Arbeitsverträge und Sozialversicherung erfolgt. In weiten Bereichen gilt dies auch für die private häusliche Pflege, in der viele Frauen aus Polen und Rumänien arbeiten. Hier gibt es nur wenige staatliche Kontrollmaßnahmen, die einerseits einfach zu umgehen sind und andererseits aufgrund des Personalmangels in den zuständigen Behörden unzureichend ergriffen werden.

22 Prozent der Arbeitnehmer in Deutschland arbeiten zu Niedriglöhnen – mehr als in allen anderen westeuropäischen Ländern. In einigen Nischen sind extreme Niedriglohnsektoren etabliert worden, die für einheimische Arbeitskräfte wenig attraktiv sind. 1,3 Millionen Beschäftigte in Deutschland sind "Aufstocker", das heißt, sie bekommen zusätzlich zu ihren geringen Löhnen von durchschnittlich 6,20 Euro pro Stunde staatliche Leistungen. Da diese Leistungen auch EU-Bürgern zustehen, könnte in diesem Bereich auch ein Migrationskanal entstehen. Dies wäre dann nicht die viel beschworene "Einwanderung in die Sozialsysteme", sondern Einwanderung in den staatlich subventionierten Niedriglohnbereich. In Konkurrenzsituationen werden Unternehmen Niedriglöhne und Subventionen nutzen, wenn ihre Konkurrenten dies auch tun, die Branchenpreise entsprechend niedrig sind und der Gesetzgeber diese Mechanismen vorsieht.

Als Reaktion auf die öffentlichen Debatten sind inzwischen Maßnahmen ergriffen worden, um eklatante Missstände zu beseitigen. In mehreren Branchen sind Tarifverträge abgeschlossen und anschließend für allgemeinverbindlich erklärt worden, wie etwa für Steinmetze und Bildhauer im September 2013. Es gibt eine breite Diskussion über die Einführung eines Mindestlohns. Nach dem Versuch des Schlecker-Konzerns, Beschäftigte zu entlassen und als Zeitarbeiter wieder einzustellen, sind diese Möglichkeiten durch Gesetze eingeschränkt worden. Auch der intensiver werdende Wettbewerb um Arbeitskräfte, vor allem in den wirtschaftsstarken Regionen, trägt dazu bei, die Löhne steigen zu lassen.

Deutschland hat aufgrund seiner aktuellen wirtschaftlichen Stärke die Chance, diese Probleme zu lösen. Schritte dazu können eine konsequente Re-Etablierung des Tarifsystems, die Stärkung der Betriebsräte und die Einführung von Mindestlöhnen sein. Entscheidend wird aber eine Senkung der Arbeitskosten und der Belastung durch Sozialabgaben sein, damit das Normalarbeitsverhältnis ökonomisch attraktiver wird.[21] Solange starke ökonomische Anreize bestehen, teure Normalarbeitsverhältnisse durch erlaubte oder unerlaubte Mechanismen zu umgehen, werden staatliche Kontrollen und moralische Appelle dies nur unzureichend verhindern können.

Europäische Diskrepanzen in der Asylgewährung



Trotz aller Bemühungen zur Harmonisierung der Flüchtlingsregime in der EU[22] ist auch die Flüchtlingsmigration in der EU nach wie vor durch große Diskrepanzen geprägt. In der Öffentlichkeit herrscht aufgrund der spektakulären Bilder maroder Flüchtlingsboote vielfach der Eindruck vor, die Mittelmeerländer seien am stärksten belastet. Tatsächlich erreichen die meisten Flüchtlinge Europa vom Süden und Südosten her, zu einem kleineren Teil auch aus östlicher Richtung. Schon 2001 wurde detailliert nachgezeichnet, dass substanzielle Unterschiede bei den Aufnahmebedingungen und -verfahren bestehen: Während in den nördlicheren Ländern Asylverfahren eingeleitet werden und zumindest eine Basisversorgung der Flüchtlinge erfolgt, stellen die Mittelmeerstaaten wenige Leistungen zur Verfügung und nehmen wenige Anerkennungsverfahren vor. Die Konsequenz war, dass die Flüchtlinge eher in die nördlichen Länder strebten.[23] Eine spätere Studie sprach von der "funktionalen Äquivalenz des deutschen und des italienischen Einwanderungsregimes": Vergleichbare Gruppen gingen als Asylbewerber nach Deutschland und als informelle Arbeitskräfte nach Italien.[24] In Deutschland durchliefen sie das Asylverfahren, in Italien fanden sie Arbeit und bemühten sich anschließend um einen Aufenthaltsstatus, der ihnen vielfach im Zuge der großen Regularisierungen gewährt wurde. Seit der Wirtschaftskrise werden allerdings keine Amnestien mehr gewährt.

Angesichts der unterschiedlichen Aufnahmepraktiken haben Flüchtlinge in den meisten Fällen auch eine innereuropäische Migrationsgeschichte. Ihre Aufnahme folgt aber nicht so sehr der Logik der Arbeitsmärkte und der Beschäftigungssysteme, sondern ist vor allem von staatlichen Leistungen und Aufnahmeentscheidungen abhängig. Beim Vergleich der Flüchtlingsaufnahme wird im Folgenden nicht die Antragstellung, sondern die reale Aufnahme zugrunde gelegt. Grund ist die Tatsache, dass die Anerkennungszahlen stark schwanken, zwischen 0,8 Prozent in Griechenland und 45,6 Prozent in Dänemark. In einigen Ländern bedeutet die Asylregistrierung nur einen Erstkontakt, der keine Konsequenzen hat und unter Umständen die Weiterwanderung in ein anderes europäisches Land zur Folge hat.

Werden die Zahlen der aufgenommenen Flüchtlinge in Relation gesetzt zur Bevölkerungszahl der Aufnahmeländer, zeigen sich erstaunliche Differenzen, die über die Jahre relativ stabil blieben und die Migrationsrichtung der Flüchtlinge erklären können. Norwegen und Schweden nehmen pro 10.000 Einwohner etwa zehn Flüchtlinge auf, Österreich, Belgien und die Schweiz etwa fünf, Deutschland zwei, Frankreich, Großbritannien und Italien einen sowie Polen und Griechenland einen pro 100.000 Einwohner.[25]

Deutschland im europäischen Vergleich



Nicht nur geografisch, sondern auch bei der Ausgestaltung des Wohlfahrtsstaates[26] befindet sich Deutschland auf einer mittleren Position zwischen Nord- und Südeuropa. Die Zuwanderung ist nicht so strikt reguliert wie in Nordeuropa, die Einwanderer werden aber auch nicht so stark dequalifiziert wie in Großbritannien oder in Südeuropa. Die Zuwanderer aus der EU sind überwiegend im "besten" Arbeitsalter zwischen 20 und 45 Jahren. Ihre Qualifikation und ihr Beschäftigungsgrad liegen höher als bei den Einheimischen.[27] Für die deutsche Wirtschaft sind sie unbestreitbar ein Gewinn, vor allem auch wegen ihrer räumlichen und beruflichen Flexibilität. Vor diesem Hintergrund gilt es, die Migrationsdiskurse der vergangenen Jahre zu reflektieren: Die Diskussion um "Armutszuwanderung" aus Rumänien und Bulgarien in den Jahren 2012 und 2013 wies die für viele Einwanderungsdiskurse charakteristische Differenz zwischen Wahrnehmung und Realität auf. Es ging immer um wenige Beispiele, zeitweise beschäftigten sich die Medien mit einem einzelnen Mietshaus in Duisburg.

Allerdings spiegelt die Migration Charakteristika des Arbeits- und Sozialsystems des jeweiligen Aufnahmelandes wider. Dies gilt in Deutschland für die Etablierung eines Niedriglohnbereichs, für die Möglichkeit des "Aufstockens" und für die Flexibilisierung der Beschäftigungsmöglichkeiten ebenso wie für die soziale Vollversorgung in vielen Bereichen, die hohen Abgaben und das selektive Bildungssystem. Mit anderen Worten: Migranten arbeiten öfter im Niedriglohnbereich als Einheimische, sind deshalb öfter "Aufstocker" und arbeiten häufiger in unsicheren Beschäftigungsverhältnissen. Ihre Kinder gehen seltener auf Gymnasien, sie werden aber relativ gut im Gesundheitssystem versorgt. Kurzum: Die inneren Strukturen eines Landes sind für Quantität und Qualität der Einwanderung entscheidender als besondere (Anwerbe-)Maßnahmen für Migranten.

Die EU ist keine homogene Gesellschaft und wird dies auch niemals werden. Selbst innerhalb Deutschlands bestehen relevante Unterschiede, die sich auf die Migration auswirken. Beispielsweise geht die Migration überwiegend in die wirtschaftsstarken Regionen und verstärkt ihre Dynamik. So ist die Landkarte der Migration ein Abbild der Wirtschaftsstärke.

Solange die wirtschaftlichen Krisenerscheinungen und die Disproportionen zwischen EU-Ländern andauern, werden sich die beschriebenen Wanderungstendenzen fortsetzen, und Migration wird weiterhin hauptsächlich innereuropäisch stattfinden. Auf längere Sicht wird angesichts der demografischen Probleme in den meisten europäischen Ländern allerdings an Einwanderung von außerhalb Europas kein Weg vorbeiführen, es sei denn, die Europäer ändern ihr Geburtenverhalten dramatisch oder finden sich mit einer extremen Alterung der Gesellschaft ab, die dann ganz Europa in die oben angesprochene demografisch-ökonomische Abwärtsspirale führen könnte. Die Vernetzung Europas wird durch Migrationen intensiviert, auch wenn es immer wieder emotionale Befürchtungen und neue Diskurse um "Fremde" gibt.

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Fußnoten

1.
Im Folgenden werden immer Nettozahlen genannt, das heißt Ein- und Auswanderung werden direkt gegengerechnet. So entsteht ein klareres Bild. Werden nur Ein- oder nur Auswanderungszahlen genannt, können Verwirrung gestiftet und Ängste geweckt werden. Dieser Gefahr unterliegt auch der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) in seinem Jahresgutachten 2013, wenn er mit "Sorge" über die Abwanderung qualifizierter deutscher Staatsangehöriger berichtet, ohne sie mit entsprechender Zuwanderung zu vergleichen. Vgl. SVR (Hrsg.), Erfolgsfall Europa?, Berlin 2013, S. 60.
2.
Die Welt vom 7.2.2013.
3.
Madeleine Sumption/Will Somerville, The UK’s New Europeans, Manchester 2010, S. 5.
4.
Vgl. Bridget Anderson et al., Central and East European migrants in low wage employment in the UK, York 2006.
5.
Vgl. die Angaben bei Statistics Sweden, 2013, »http://www.scb.se/default____2154.aspx« (1.10.2013).
6.
Vgl. Eskil Wadensjö, EU Enlargement and Labour Immigration: The Swedish Experience, in: Karin Zelando (Hrsg.), What’s in it for us?, Borås 2012, S. 30.
7.
Vgl. hinsichtlich der Grenzregelungen anderer EU-Staaten: »http://ec.europa.eu/social/main.jsp?catId=508&langId=en« (1.10.2013).
8.
Der Anteil der Migranten ohne Arbeitserlaubnis in Großbritannien wird auf etwa zehn Prozent geschätzt, er liegt höher als in Frankreich und Deutschland. Vgl. Shamit Saggar/Will Somerville, Building a British Model of Integration in an Era of Immigration, Washington, DC 2012, S. 4.
9.
Vgl. zur Unterscheidung von externen und internen Kontrollen: Grete Brochmann/Tomas Hammar (Hrsg.), Mechanisms of Immigration Control, Oxford 1999, S. 12–17.
10.
Vgl. Giuseppe Sciortino, Immigration in Italy, in: Grete Brochmann/Elena Jurado (Hrsg.), Europe’s Immigration Challenge, London 2013, S. 77–94.
11.
Vgl. The Guardian vom 14.2.2013 und vom 29.7.2013.
12.
Vgl. »http://ec.europa.eu/education/focus/focus479_de.htm« (1.10.2013).
13.
Vgl. Caritas Italiana (Hrsg.), Caritas and Migrants, Rom 2012.
14.
Vgl. die Beiträge von Giuseppe Sciortino und Tomas Hammar in: Dietrich Thränhardt/Uwe Hunger (Hrsg.), Migration im Spannungsfeld von Globalisierung und Nationalstaat, Wiesbaden 2003.
15.
Vgl. G. Sciortino (Anm. 10).
16.
Vgl. Barbara Dietz, Gibt es eine Alternative? Zur Beschäftigung polnischer Saisonarbeitnehmer in Deutschland, München 2004.
17.
Vgl. Werner Schmidt, Kollegialität trotz Differenz, Berlin 2006.
18.
Vgl. Bundesagentur für Arbeit (Hrsg.), Hintergrundinformation: Auswirkungen der Arbeitnehmerfreizügigkeit und der EU-Schuldenkrise auf den deutschen Arbeitsmarkt, Nürnberg 2013, S. 3f.
19.
Vgl. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 15.4.2013.
20.
Alle Zitate nach: Hannoversche Allgemeine online vom 28.7.2013, »http://www.haz.de/Nachrichten/Wirtschaft/Deutschland-Welt/Erzbischof-Zollitsch-kritisiert-Werkvertraege« (1.10.2013).
21.
Vgl. zur Problematik der Belastung von Familien und Normalverdienern: Jürgen Borchert, Sozialstaatsdämmerung, München 2013.
22.
Vgl. Simon Fellner, Vergemeinschaftung von Zuwanderungspolitik in der Europäischen Union, Berlin 2013.
23.
Vgl. Denise Efionayi-Mäder et al., Asyldestination Europa, Zürich 2001.
24.
Vgl. Claudia Finotelli, Illegale Einwanderung, Flüchtlingsmigration und das Ende des Nord-Süd-Mythos, Berlin 2007.
25.
Alle Angaben berechnet nach: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Hrsg.), Das Bundesamt in Zahlen, Nürnberg 2013, S. 32; Eurostat-Statistiken, »http://epp.eurostat.ec.europa.eu/portal/page/portal/statistics/themes« (1.10.2013). Zugrunde gelegt sind Asylgewährung nach der Genfer Konvention, subsidiärer und humanitärer Schutz. Für Belgien, Frankreich und Österreich liegen keine Angaben zu humanitärem Schutz vor.
26.
Vgl. Manfred G. Schmidt, Immer noch auf dem "mittleren Weg"?, in: Roland Czada/Hellmut Wollmann (Hrsg.), Von der Bonner zur Berliner Republik, Wiesbaden 2000, S. 491–513.
27.
Vgl. SVR (Anm. 1), S. 61ff.
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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/de/ Autor: Dietrich Thränhardt für bpb.de