v.l.n.r die brasilianische Präsidentin, Dilma Rousseff, der russische Präsident, Vladmir Putin, der indische Premierminister, Manmohan Singh, der Präsident der Volksrepublik China, Hu Jintao and Präsident von Süd Afrika, Jacob Zuma

25.11.2013 | Von:
Siddharth Mallavarapu

BRICS: Hoffnung auf eine gerechte Weltordnung - Essay

BRICS als heuristisches Instrument

Von Beginn wurde der BRICS-Gruppe mit Skepsis begegnet, angefangen beim Konzept als solches. Es wurde nicht nur über die Langlebigkeit der Ländergruppe diskutiert, sondern auch über den analytischen Wert des Konzeptes für ein besseres Verständnis der laufenden Veränderungen in der internationalen politischen Kultur. Die US-amerikanische Politikwissenschaftlerin Leslie Elliott Amijo kommt bei ihrer eingehenden Überprüfung des analytischen Wertes der BRICS zu dem Schluss, dass es sich dabei in Wirklichkeit um ein "Trugbild" (mirage) handele. Gleichzeitig plädiert sie aber dafür, das Konzept zunächst beizubehalten, da es uns zur Einsicht verhelfe, wie machtpolitische Übergangsprozesse zurzeit im internationalen System stattfinden.[5]

Auf der Grundlage der Idee von polycentric governance bezeichnet der in Washington lehrende Politikwissenschaftler James H. Mittelman die BRICS als "Bastelei" (bricolage), die nicht als Ergebnis einer bewussten Gestaltung, sondern als Zufallsprodukt zu verstehen sei. Mit Bezugnahme auf Claude Lévi-Strauss und Jacques Derrida betont Mittelman, dass "der Bricolage-Ansatz (…) eine Grammatik, ein Instrument (bietet), um die Verknüpfung von Spontaneität und internationalen Gruppierungen zu untersuchen, ohne den einen oder anderen dieser beiden Faktoren einseitig hervorzuheben. Dieser Ansatz behandelt das Experimentieren als Funken für potenzielle Änderungen bei der Steuerung der globalen politischen Ökonomie."[6] Die BRICS weisen nach diesem Verständnis auf zukünftige Entwicklungen hin und sollten deshalb eingehender untersucht werden.

Der in Montreal ansässige Theodor Tudoroiu argumentiert, dass der analytische Wert der BRICS in der verführerischen "Einfachheit" des Konzeptes liegt. Es beziehe sich auf "große, bekannte Länder, die leicht auf unserer mentalen Landkarte zu verorten sind".[7] Für den in Rio de Janeiro forschenden Fabiano Mielniczuk hingegen liegt die hauptsächliche analytische Herausforderung darin, "wie eine Gruppe, bestehend aus so unterschiedlichen Ländern, als permanentes Merkmal der internationalen Beziehungen bestehen kann".[8] Aber auch er unterstützt letztendlich all die grundlegenden Orientierungen innerhalb der BRICS-Länder, welche die Mitgliedstaaten binden und ihnen ermöglichen, gemeinsame Probleme einheitlich zu lösen. Diese umfassten als Kernstück eine "auf wirtschaftliche Entwicklung fokussierte Außenpolitik", verbunden mit einer grundlegenden "entwicklungspolitisch-multipolaren" Ausrichtung.[9]

Das Interessante an all diesen Darstellungen der BRICS ist, dass in ihnen einerseits das tiefe Misstrauen zu spüren ist, das dieses Konzept – sowohl in praktischer wie in analytischer Hinsicht – umgibt; gleichzeitig tendieren die Autoren aber zu einer nuancierten Haltung, die nahelegt, dass das Konzept mehr hergibt, als man gemeinhin annehmen könnte. Keiner dieser Autoren lehnt das Konzept der BRICS-Staaten grundsätzlich ab. Im Gegenteil, sie sind eher zurückhaltend und erkennen seine heuristische Relevanz an, sowie seine Bedeutung, wenn es darum geht, etablierte Strukturen der global governance zu hinterfragen.

Normative Bedeutung der BRICS

Ein wichtiger Grund, weshalb die BRICS zunehmend die Aufmerksamkeit der traditionellen Großmächte im internationalen System auf sich ziehen, sind die "Ängste", mit denen diese den Aufstieg nicht-westlicher Mächte und die damit einhergehenden Umwälzungen in der "alten Welt" beobachten.[10] Zahlreiche Stimmen lassen implizit oder explizit solche Befürchtungen verlauten oder richten ihre Aufmerksamkeit auf diejenigen, die sich mit der aktuellen Neuordnung globaler Machtverhältnisse zu arrangieren versuchen. Zumindest teilweise beruht diese reflexartige Ablehnung gegenüber den BRICS auf einer tieferen psychologischen Abwehrhaltung und mangelnder Bereitschaft, eine Welt zu akzeptieren, in der sich der bestehende Status quo erheblich verändern könnte.

Ob die BRICS als solche allerdings die Modalitäten des aktuellen Diskurses ändern werden, ist eine andere Frage, die in kurz- und langfristiger Perspektive wohl unterschiedlich beantwortet werden muss. Solange die tiefer liegenden, strukturellen Ungleichheiten im jetzigen internationalen System bestehen bleiben, wird es nach meiner Überzeugung auch anhaltende Bemühungen darum geben, die Privilegien der Etablierten anzufechten. Das Instrument zur Artikulation solcher Gegenmeinungen könnten Gruppierungen wie die BRICS sein; morgen könnten aber auch andere Gruppierungen mit ähnlichen oder anderen Akronymen Ansprüche stellen und den verschanzten Status quo herausfordern. Dies bringt uns zur Frage nach früheren Modellen von Süd-Süd-Kooperation – und ob deren Scheitern zwangsläufig zu einem Verstummen oder Relevanzverlust der Forderungen des globalen Südens geführt hat. Ich behaupte, dass keines der Anliegen vom Tisch ist und viele Staaten und deren Bevölkerungen im globalen Süden nur auf den geeigneten Moment warten, um diese in einer Weltordnung, die von ihnen als ungleich und untragbar empfunden wird, sowohl ideell wie auch institutionell wieder einzubringen.

Die BRICS wurden in mindestens einem Bericht mit Gruppen wie der Bewegung der Blockfreien Staaten (Non-Aligned Movement, NAM) und der Organisation erdölexportierender Länder (Organisation of the Petroleum Exporting Countries, OPEC) verglichen.[11] Zwei normative Dimensionen sollten berücksichtigt werden, wenn wir über BRICS nachdenken. Die erste bezieht sich auf die Frage der "globalen Umverteilung". Die zweite bezieht sich auf die Politik der "Anerkennung". Beide Aspekte sind eng miteinander verknüpft. Der neuseeländische Politikwissenschaftler Philip Nel bringt dies im Kontext der Diskussion um Regionalmächte und IBSA (Indien, Brasilien und Südafrika) wie folgt auf den Punkt: "Das Ziel der Umverteilung setzt einen grundlegenderen, noch unvollendeten Kampf der Entwicklungsländer voraus, einen Kampf, den insbesondere Brasilien, Indien und Südafrika aufgenommen haben. Es ist der Kampf um die Anerkennung der Entwicklungsländer als volle und gleichwertige Partner in der Staatengemeinschaft, aber auch als Staaten mit eigenen Entwicklungsbedürfnissen, da letztere allzu häufig in einem vom entwickelten Norden begünstigten, eigennützigen Universalismus untergehen. Der Kampf um Anerkennung konzentriert sich auf einen inklusiven Multilateralismus und auf ‚Nicht-Gleichgültigkeit‘ gegenüber den Entwicklungsbedürfnissen des globalen Südens."[12] Vieles davon findet eine große Resonanz bei Gruppierungen wie den BRICS-Staaten. Auch die US-amerikanischen Politikwissenschaftler Cornel Ban und Mark Blyth bestätigen dieses Urteil in ihrer Untersuchung der BRICS im Zusammenhang mit dem Washington Consensus.[13] Sie stellen fest: "Das, was diese Länder verband, war, dass sie von den vorherrschenden Ideologien und institutionellen Infrastrukturen der Weltwirtschaft ausgeschlossen waren."[14]

Natürlich gibt es auch im Süden BRICS-Skeptiker. So gibt der indische Historiker Vijay Prashad zu bedenken, dass die BRICS noch immer keine ernsthafte Herausforderung für die Strukturen des globalen Kapitalismus darstellten.[15] Dafür bräuchte diese Ländergruppe eine umfassendere Institutionalisierung; außerdem biete sie keine "ideologische Alternative zum Neoliberalismus", sei nach wie vor relativ zaghaft in ihrem Bemühen, den internationalen Status quo infrage zu stellen, und auch nicht in der Lage, den USA ihre "überwältigende" militärische Dominanz streitig zu machen.[16] Ich möchte hier betonen, dass die Länder trotz alledem "die Überzeugung teilen, dass der erste Schritt ihrer gemeinsamen Strategie das Einfordern von mehr Einfluss und Entscheidungsmacht in den internationalen Wirtschafts- und Finanzinstitutionen sein sollte".[17]

In einem kürzlich erschienenen Artikel wird "eine langfristige Vision für die BRICS" entworfen. Die drei indischen Autorinnen und Autoren sehen für die nächsten Jahre eine vertiefte Kooperation in folgenden Bereichen vor: institutionelle Reform, Multilateralismus, verbesserter Marktzugang, Entwicklung sowie die Nutzbarmachung indigener Wissensformen aus all diesen Ländern, um den Ertrag von Innovation und Entwicklungskooperation neben dem Technologietransfer zu optimieren.[18] Daneben verbindet die fünf Länder auch ein wachsendes Interesse an der BRICS-Bank und der gemeinsame Argwohn gegenüber externen Interventionen wie der Responsibility-to-protect-Doktrin. Und schließlich sei noch die Möglichkeit erwähnt, dass sich das "Dialogforum, das sich auf eine reduzierte Anzahl von Themen beschränkt, Schritt für Schritt in einen umfassenden Mechanismus für strategische Interaktion zu wesentlichen politischen und wirtschaftlichen Themen entwickelt".[19]

Einer der Grundsätze guter sozialwissenschaftlicher Arbeit ist es, historisch entstehende politisch-wirtschaftliche Formationen nicht durch ein telos oder festes Endziel festzulegen. Wir sollten diesen Rat befolgen. Vielleicht sollten wir bei den BRICS einen Neubeginn wagen.

Fußnoten

5.
Vgl. Leslie Elliott Armijo, The BRICS Countries as Analytical Category: Mirage or Insight?, in: Asian Perspective, 31 (2007) 4, S. 7–42.
6.
James H. Mittelman, Global Bricolage: Emerging Market Powers and Polycentric Governance, in: Third World Quarterly, 34 (2013) 1, S. 23–37, hier: S. 34.
7.
Theodor Tudoroiu, Conceptualizing BRICS: OPEC as a Mirror, in: Asian Journal of Political Science, 20 (2012) 1, S. 23–45, hier: S. 23.
8.
F. Mielniczuk (Anm. 2), S. 1076.
9.
Ebd., S. 1080 und S. 1086f.
10.
Vgl. L. Elliott Armijo (Anm. 5), S. 16.
11.
Vgl. T. Tudoroiu (Anm. 7), S. 24.
12.
Philip Nel, Redistribution and Recognition: What Emerging Regional Powers Want, in: Review of International Studies, 36 (2010) 4, S. 951–974, Abstract S. 951.
13.
"Im Zentrum des Washington Consensus stand eine neoliberal beeinflusste Strukturanpassungspolitik, wie sie lange Zeit von IWF und Weltbank vertreten wurde." Tobias Debiel/Herbert Wolf in ihrem Beitrag in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
14.
Cornel Ban/Mark Blyth, The BRICS and the Washington Consensus: An Introduction, in: Review of International Political Economy, 20 (2013) 2, S. 241–255, hier: S. 250.
15.
Vgl. auch Adriana Erthal Abdenur/João Moura Estevão Marques da Fonseca, The North’s Growing Role in South–South Cooperation: Keeping the Foothold, in: Third World Quarterly, 34 (2013) 8, S. 1475–1491.
16.
Vgl. Vijay Prashad, The Poorer Nations: A Possible History of the Global South, Neu-Delhi 2013, S. 10–13.
17.
T. Tudoroiu (Anm. 7), S. 34.
18.
Vgl. Samir Saran/Ashok Kumar Singh/Vivian Sharan, A Long-Term Vision for BRICS, Neu-Delhi 2013, http://orfonline.org/cms/export/orfonline/modules/report/attachments/bricsvision_1376295709857.pdf« (11.11.2013).
19.
Ebd., S. 57.
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