v.l.n.r die brasilianische Präsidentin, Dilma Rousseff, der russische Präsident, Vladmir Putin, der indische Premierminister, Manmohan Singh, der Präsident der Volksrepublik China, Hu Jintao and Präsident von Süd Afrika, Jacob Zuma
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China: Aus den BRICS herausgewachsen?


25.11.2013
Als der Begriff "BRICs" im Jahr 2001 vom Goldmann-Sachs-Analysten Jim O’Neill erfunden wurde, um vier lukrative Investmentziele leicht erinnerbar zusammenzufassen, war er wohl nicht dazu gedacht, diese Länder – Brasilien, Russland, Indien und China – auch politisch zusammenzubringen oder gar als Grundlage einer eigenen Institution zu dienen. Heutzutage wird der Begriff (ergänzt um ein großes S für Südafrika) in den westlichen Medien aber oft politisch verstanden, als Sinnbild für den Beginn einer "post-amerikanischen Welt", als Organisation, die dem "Rest" der Welt eine Stimme gibt und als klare Konkurrenz zum Westen verstanden wird. Schaut man aber genauer hin, ist klar zu erkennen, dass es sich bei den BRICS keinesfalls um ein deutlich identifizierbares Gegenbild zum Westen handelt. So sind drei der Mitgliedsländer, Südafrika, Indien und Brasilien, demokratisch, Russland eine Autokratie mit demokratischem Anstrich und China eine leninistische Diktatur, wenn auch weitgehend entideologisiert und marktkonform.

Gerade China wird hierbei immer wieder entweder als treibende Kraft hinter dieser Herausforderung des Westens gesehen oder aber als Außenseiter, der eigentlich für sich alleine stehen sollte. So argumentierte der US-amerikanische Politikwissenschaftler Graham Allison im März 2013 in einem Artikel im Magazin "The Atlantic", dass China eigentlich gar nicht in die BRICS gehöre, sondern "eine Klasse für sich" sei.[1] Und wie gleich ausgeführt wird, gibt es wirklich genug Gründe, warum China eigentlich nicht mit den anderen Mitgliedstaaten vergleichbar ist. Es bleibt dann aber die Frage, warum China überhaupt noch Mitglied im BRICS-Verbund ist beziehungsweise sogar eine treibende Kraft darin? Welches Interesse hat Peking daran, sich mit scheinbar weniger wichtigen und ihm selbst teilweise skeptisch gegenüberstehenden Mächten zusammenzutun?

Nicht vergleichbar



Der auffälligste Unterschied zwischen China und den anderen BRICS-Staaten ist die wirtschaftliche Entwicklung: China ist zwischen 2008 und 2013 doppelt so schnell gewachsen wie die anderen. Da dieser Abstand schon seit Jahren zunimmt, schlägt Allison vor, China außen vor zu lassen und stattdessen die anderen vier Staaten unter der Abkürzung RIBS zusammenzufassen.[2] China hatte im Jahr 2001 noch ein genauso großes Bruttosozialprodukt wie alle RIBS zusammen. Aber in den fünf Jahren seit Beginn der globalen Finanzkrise ist der Wert der chinesischen Zuwächse allein so groß gewesen wie die gesamten Volkswirtschaften Indiens und Russlands zusammen. War China 2001 noch die sechstgrößte Volkswirtschaft der Welt, so ist es seit 2010 die Nummer Zwei und wird wohl irgendwann im nächsten Jahrzehnt die USA als größte Volkswirtschaft ablösen.[3] 2012 verbuchte China elf Prozent der globalen Exporte, etwa doppelt so viel wie der Rest der BRICS zusammen; zudem ist der Handel innerhalb der BRICS erstens relativ gering und zweitens zu 80 Prozent vom Handel mit China dominiert. Die Währungsreserven Chinas waren 2001 doppelt so groß wie die der RIBS, 2013 dreimal so groß. Und auch seine CO2-Emissionen sind mit 30 Prozent des globalen Ausstoßes mehr als doppelt so groß wie die der RIBS.[4] Daneben entwickelt sich der Chinesische Renminbi mehr und mehr zu einer ernstzunehmenden Weltwährung. Zurückgehalten wird er eigentlich nur noch von den staatlichen Regulierungen aus Peking. Langfristig ist aber zu erwarten, dass der Renminbi neben dem Japanischen Yen und dem Euro zu den wichtigsten Handelswährungen zählen wird beziehungsweise diese sogar übertrumpfen könnte.[5]

Neben den wirtschaftlichen gibt es auch gewaltige Unterschiede hinsichtlich des politischen Gewichts: So ist China als ständiges Mitglied im UN-Sicherheitsrat vertreten, was es neben Russland zu einer der traditionellen fünf Großmächte macht. 2010 begannen die USA allerdings aufgrund der enormen globalen Bedeutung Chinas, von einem "G2" zu reden und China damit von den anderen drei Sicherheitsratsmitgliedern abzuheben. Gemeint war damit, dass nur China und die USA die Fähigkeiten hätten, globale Probleme zu lösen und ohne sie beide nichts möglich wäre.[6]

In Anbetracht dessen ist zu fragen, ob die BRICS nicht viel zu unwichtig sind für diese "nächste Supermacht". So wurde schon oft angemerkt, dass den BRICS eine wirkliche globale Vision fehle und die Kooperation innerhalb des Verbunds aus mehreren Gründen stark eingeschränkt sei. Neben den starken wirtschaftlichen und politischen Unterschieden sei die starke koloniale Tradition bei drei der fünf Mitgliedstaaten ein weiterer Hemmschuh, darüber hinaus seien allen Ländern die Beziehungen zu den USA viel zu wichtig, als dass eine wirklich bedeutsame politische Kooperation zwischen den BRICS und gegen den Willen der USA möglich wäre.[7] Zudem sind die Beziehungen unter den Mitgliedstaaten nicht nur harmonisch, teilweise herrscht tiefes Misstrauen gegenüber China: Am unproblematischsten sind wahrscheinlich die Beziehungen zu Südafrika und Brasilien. Mit ihnen ist China vor allem über seine Rohstoffimporte verbunden. Aber auch in diesen beiden Ländern wird die dominierende Rolle, die China inzwischen in ihrem Außenhandel einnimmt, kritisch gesehen. So profitieren zwar beide vom Handel mit China, würden aber gerne mehr nach China verkaufen, statt nur ihre Rohstoffe gegen chinesische Billigprodukte zu tauschen.[8]

Obwohl sich die chinesisch-indischen Beziehungen in den vergangenen Jahren gewaltig verbessert haben, sind die Streitfragen, die 1962 zum Krieg führten, weiterhin virulent. Noch im Frühjahr 2013 warf Indien China eine angebliche Grenzverletzung im Himalaja vor. Außerdem unterstützt China Indiens "Erzfeind" Pakistan, Indien dagegen, aus Sicht Pekings, die "Separatisten" in Tibet. Indien sieht den Aufstieg Chinas mit großem Misstrauen und fühlt sich von dessen Aufrüstung ebenso bedroht wie von dessen guten Beziehungen zu Myanmar, Pakistan, Bangladesch und Sri Lanka, die als Einkreisung wahrgenommen werden. China hingegen sieht Indiens "Ostpolitik" als Bedrohung seiner Interessen, besonders durch die Beziehungen zu Japan und Vietnam.[9] Auch die Beziehungen zwischen Russland und China sind noch von den Erfahrungen der Grenzstreitigkeiten der 1970er Jahre und des sowjetischen Imperialismus geprägt, obgleich alle Grenzfragen längst geklärt sind. Russland ist immer wieder besorgt, dass China ihm den Rang als Weltmacht ablaufe und will mehr sein als nur ein Anbieter von Rohstoffen für die chinesische Wirtschaft. Auch Chinas Einfluss in Zentralasien und die chinesische Migration in Russlands entvölkerten Osten werden von Russland mehr als kritisch gesehen.[10] Wer also verstehen will, warum China immer noch in den BRICS ist, sollte sich die außenpolitische Situation Chinas und deren innenpolitische Basis genauer ansehen.


Fußnoten

1.
Graham Allison, China Doesn’t Belong in the BRICS – Beijing is in a Class of its Own, in: The Atlantic, 26. März 2013, http://www.theatlantic.com/china/archive/2013/03/china-doesnt-belong-in-the-brics/274363/« (4.11.2013).
2.
Vgl. ebd.
3.
Vgl. China Overtakes Japan as World’s Second-Biggest Economy, 16.8.2010, http://www.bloomberg.com/apps/news?pid=newsarchive&sid=a_84o9PPPGqk« (4.11.2013).
4.
Vgl. G. Allison (Anm. 1).
5.
Vgl. Daniel Ren/Victoria Ruan, China Takes Big Step Towards Fully Convertible Yuan, 7.5.2013, http://www.scmp.com/news/article/1231805/state-council-takes-big-step-towards-fully-convertible-yuan« (4.11.2013).
6.
Vgl. Elizabeth C. Economy/Adam Segal, The G-2 Mirage – Why the United States and China Are Not Ready to Upgrade Ties, in: Foreign Affairs, (2009) Mai–Juni, http://www.foreignaffairs.com/articles/64946/elizabeth-c-economy-and-adam-segal/the-g-2-mirage« (4.11.2013).
7.
Vgl. Michael A. Glosny, China and the BRICS: A Real (but Limited) Partnership in a Unipolar world, in: Polity, 42 (2010) 1, S. 27f., http://www.palgrave-journals.com/polity/journal/v42/n1/pdf/pol200914a.pdf« (4.11.2013).
8.
Vgl. Carlos Pereira/João Augusto de Castro Neves, Brazil and China: South-South Partnership or North-South Competition, Brookings Policy Paper 26/2011, http://www.brookings.edu/~/media/research/files/papers/2011/4/03%20brazil%20china%20pereira/03_brazil_china_pereira.pdf«, (4.11.2013); Lynley Donnelly/Chantelle Benjamin, China and SA Cement Relationship, 22.3.2013, http://mg.co.za/article/2013-03-22-00-china-and-sa-cement-relationship« (4.11.2013).
9.
Vgl. Zachary Keck, India and China Battle for Maritime Influence, 31.7.2013, http://thediplomat.com/flashpoints-blog/2013/07/31/india-and-china-battle-for-maritime-influence/« (4.11.2013).
10.
Vgl. Jeffrey Mankoff, The Wary Chinese-Russian Partnership, 11.7.2013, http://www.nytimes.com/2013/07/12/opinion/global/the-wary-chinese-russian-partnership.html« (4.11.2013).
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Autor: Daniel Krahl für bpb.de
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