APuZ Monster

16.12.2013 | Von:
Anne Seibring

Editorial

Monster begegnen uns fast täglich: in Spielfilmen und Serien, in Büchern und Zeitungen, in Comics und Computerspielen. Nicht erst seit Mary Shelleys Roman "Frankenstein oder Der moderne Prometheus" (1818) ist die Figur des Monsters präsent. Sie begleitet die menschliche Zivilisation seit jeher und erzeugt Angst und Faszination. Monströse Fabelwesen bevölkern die antike Mythenwelt, und "missgebildete", als Monstren bezeichnete Menschen und Tiere gelten im Mittelalter wahlweise als Zeichen des Teufels oder der Schöpfermacht Gottes.

In der Neuzeit erfahren "monströse" Körper eine Verwissenschaftlichung und werden zugleich zur Sensation in Freakshows und Monstrositäten-Kabinetten. In der Kriminologie des 19. Jahrhunderts taucht ein neues "Monster" auf: der Verbrecher, das monstre moral (Sittenmonster), wie der Diskurstheoretiker Michel Foucault in seiner Vorlesungsreihe "Die Anormalen" (1974/1975) formuliert. Bis heute ist die Metapher des Monströsen beliebt, wenn es um Verbrechen besonderen Ausmaßes geht. Über die mediale "Monsterfikation" der Täterinnen und Täter werden Mittel der Bekämpfung und Bestrafung wie Folter und gezielte Tötung nahegelegt, die rechtsstaatlichen Prinzipien zwar entgegenlaufen, für Monster aber angemessen erscheinen.

Als das "große Modell aller kleinen Abweichungen" bezeichnet Foucault die Figur des Monsters. Das Monster verkörpert das "Andere" und "Fremde" in zugespitzter und kumulierter Weise. Es ist ein Spiegel der jeweiligen Gesellschaft, insofern es aufzeigt, wo Tabus der äußeren Erscheinung, der sexuellen Vorlieben oder der moralischen Gesinnung liegen (sollen), kurz: was als "normal" gilt. Gleichzeitig birgt diese Gestalt ein subversives Potenzial, denn sie kann Grenzen, Unterscheidungen und Normierungen durchkreuzen und als Konstruktionen sichtbar machen. Hier liegt die Chance, unsere Vorstellungen vom "Abweichenden" zu reflektieren.