APuZ Monster

16.12.2013 | Von:
Monika Schmitz-Emans

Monster: Eine Einführung

Seit der Kinderzeit sind wir von Monstern umgeben. Sie begleiten uns in Gestalt von Plüschtieren und Plastikspielfiguren, wir sehen sie in Bilderbüchern und Computerspielen – und in späteren Jahren sorgen Unterhaltungsindustrie, Massenmedien und Kunst dafür, dass uns die Monster nie verlassen. Entsprechend viel "wissen" wir über sie. Zum Beispiel über das Krümelmonster und seine Leidenschaft für Kekse, aber auch über monströse Gewaltverbrecher, wie sie uns von Tageszeitungen und Nachrichtensendungen, Krimis und Fantasyfilmen vorgestellt werden. Aber worin gründet unser Monsterwissen?

"Monstren" zwischen Imagination und Empirie

Das Wort "Monster" selbst wurde von lateinischen Verben abgeleitet, die unter anderem "zeigen" und "warnen" bedeuten (monstrare, monere).[1] Monster sind demnach Zeichen – aber wofür? In der antiken Vorstellung haben sie vor allem den Charakter von Mahn- und Vorzeichen; höhere Instanzen teilen durch sie etwas mit. Im "Monstrum" verschmelzen schon mit Blick auf die Etymologie dieses Begriffs das Wunderbare (also das Fabelhafte, Außerordentliche, Faszinierende) und das Schreckenerregende (das böse Omen, das Unheilverheißende, Angstbesetzte) – und diese Ambiguität der Monstervorstellungen hat sich über die Zeiten erhalten.

Vor allem zwei Sorten von Wesen pflegen als Monstren etikettiert zu werden: erstens seltsam gestaltete Fabelwesen (aus aufgeklärter Sicht sind sie Produkte der Imagination) sowie zweitens Individuen im Menschen-, Tier- und Pflanzenreich, die von der als normal angesehenen körperlichen Gestalt abweichen und als miss- oder fehlgebildet gelten. Für den barocken Lexikografen Johann Heinrich Zedler sind monstra Letztere. Der Rest gehört in den Bereich haltloser Fantasien. "MONS(T)RA oder Monstrum heißt in den Rechten überhaupt alles dasjenige, was wider die Natur ist oder gebohren wird, oder welches gleichsam den wahren Ursprung seiner Geburt durch Annehmung einer fremden Gestalt verläugnet, oder verändert. (…) Als wenn z.B. von rechten natürl. Menschen Kinder mit Pferde- und Kuh-Füssen oder andern mehr dem Viehe, als Menschen ähnlichen Gliedmassen gebohren werden, oder wenn eine Wölffin junge Schaffe, eine Stutte Hasen, eine Kuh Löwen, u.d.gl. wirfft (…): so heißt und ist dieses sodenn in wahren und eigentl. Verstande ein Monstrum (…)."[2]

Lassen sich imaginierte und empirisch anschaubare Monster theoretisch auch durchaus unterscheiden, so gehen sie in der Geschichte der Monstervorstellungen selbst doch allerlei Verbindungen ein. Wichtige Quellen der teilweise bis heute noch geläufigen Vorstellungen über Monstren sind neben mythischen Überlieferungen auch antike Reisebeschreibungen und die naturalis historia des älteren Plinius (1. Jh. n. Chr.).[3] In historischen Reiseberichten über exotische Völker und fremdartige Tiere sowie in Berichten über sogenannte Missgeburten vermischen sich Empirisches und Imaginäres aufs Engste. Gleiches gilt für sagenhafte Wesen, die in antiken und mittelalterlichen Schriften zur Naturkunde beschrieben werden. Diese als real verstandenen Wesen haben die Fantasien nachfolgender Epochen beschäftigt. Um sich von den fabelhaften Monsterbeschreibungen früherer Zeiten abzugrenzen, die mit dem Begriff "Monstrum" aus historischen Gründen konnotiert waren, sprachen manche Vertreter moderner Naturwissenschaft dann, wenn sie "Missbildungen" (als seriösen Gegenstand wissenschaftlicher Forschung) meinten, auch manchmal lieber von "Monstrositäten" statt von "Monstern". Letzterer Begriff wird dabei tendenziell für imaginierte Wesen reserviert, die auf ihre Weise ja auch Gegenstand des Interesses sind, wenn auch keines naturkundlichen.

Dem Erscheinungsbild nach sind die Monstren der kollektiven und individuellen Imagination oft Misch- und Zwischenwesen: Werwölfe, Sirenen, teilanthropomorphe Tiere und Aliens, Wolfsmänner und Katzenfrauen, humanoide Roboter und riesen- oder gnomenhafte Fabelwesen, Hybridgeschöpfe wie Batman und Spiderman. Wie Michel Foucault darlegt, sind aber auch die als "Monster" etikettierten empirisch erfahrbaren Wesen Zwischenwesen, Wesen im Übergang: zwischen Tier und Mensch, zwischen Mann und Frau, zwischen Leben und Tod.[4]

Versuche, diese "Monster" naturwissenschaftlich zu begreifen, laufen darauf hinaus, das auf den ersten Blick Unnatürliche in die Ordnung der Natur zu integrieren, das vordergründig Abweichende auf eine verborgene, aber existente Gesetzlichkeit zurückzuführen, also eine geheime, aber erschließbare Ordnung der Monstren zu finden. Ein solches Interesse an einer Ordnung der Monstren, an einer Einordnung des Devianten, motiviert und prägt viele Monsterdarstellungen: Sammlungen naturkundlicher Kuriosa, Kabinette, in denen Menschen und Tiere mit Missbildungen ausgestellt wurden, aber auch naturkundliche Lehrwerke mit entsprechenden Illustrationen und Schautafeln. Gerade die Beschäftigung mit devianten Sonderphänomenen ist für neuzeitliche Naturkundler, die sich für die Gesetze natürlicher Entwicklungen (der Individuen und der Arten) interessierten, ein relevantes Untersuchungsfeld. Lässt sich doch die Abweichung alternativ als Produkt eines Entwicklungssprungs oder einer unterbrochenen normalen Entwicklung deuten, in jedem Fall aber als Phänomen, das Rückschlüsse auf individualgenetische wie auf gattungsgeschichtliche Prozesse zulässt.

Monster im Spiegel kulturwissenschaftlicher und ästhetischer Interessen

Aus kulturwissenschaftlicher und mentalitätsgeschichtlicher Perspektive besteht hinsichtlich des Themas "Monster" kein Anlass, sich auf empirisch verifizierbare Monster zu beschränken. Im Gegenteil: Aus den Imaginationen von kulturellen Gemeinschaften, einzelnen Gruppen oder Individuen über Monster lassen sich viel weitläufigere Rückschlüsse ziehen als aus dem bloßen Umgang mit "Missgeburten". Ethnologen, Psychologen, Historiker, Kulturhistoriker, Kunstwissenschaftler, Literaturwissenschaftler und Mythenforscher interessieren sich für Vorstellungen über Monster, die sich in unterschiedlichen Formen der Darstellung manifestieren – vor allem in sprachlichen und in bildlichen.

Der Germanist Hans Richard Brittnacher erörtert das Monströse mit Blick auf seine physische Gestalt, die unterschiedlichen Epochen und Kulturen als faszinierend und abstoßend zugleich gilt.[5] Als gemeinsames Merkmal der meisten monströsen Erscheinungen bestimmt Brittnacher eine "exzessive Abweichung von der Norm physischer Integrität";[6] das Erscheinungsbild des Monsters bilde das Gegenstück zu einem Idealbild des menschlichen Leibs als eines entelechischen,[7] ganzheitlichen, wohlproportionierten Körpers, in dem sich das, was als schön gilt, exemplarisch realisiere. Abweichungen von der Norm stellen diese als Norm in Frage; Idealbilder – so lässt die monströse Erscheinung ahnen – existieren allein in Vorstellungen. Das Individuum in seiner physischen Besonderheit hingegen erscheint im Vergleich mit ihnen immer schon abnorm – als monströs also, wenn auch in unterschiedlichem Maß: je individueller, desto monströser.

Das Hässliche, der monströse Körper, das Schreckerregende kann als solches jedenfalls durchaus im Zentrum ästhetischen Interesses stehen. Viele Monster erregen als Gegenstände der Vorstellung und der Darstellung schaurige Lust. Der Literaturwissenschaftler Rolf Parr spricht von verschiedenen "Faszinationstypen" des Monströsen.[8] Wo das Vergnügen über den Schauer dominiert, können Monster sogar sympathisch, ja niedlich werden. Oder es stellt sich heraus, dass einer monströsen Oberfläche ein nicht-monströses Inneres entspricht. Als Wesen mit einer Gestalt, die von vertrauten Bildern abweicht, haben Monster zumindest komische Potenziale. Dass sie neben anthropomorphen Tieren dazu dienen, Kinder (und Erwachsene) zu unterhalten, ist insofern keine Überraschung. Theorien des Komischen sind wiederholt als Theorien vom "Abweichenden" formuliert worden, sei es als Abweichung von einer Erwartung, die der Rezipient dem komischen Objekt entgegenbringt, sei es als Abweichung vom Vernünftigen, Rationalen. Ein sympathisches Monster ist etwa Shrek aus der gleichnamigen animierten Filmreihe, der alles Mögliche tut, was sich nicht gehört, keine Manieren kennt, sich mit ekelhaften Dingen befasst – und damit eine Art fröhliche Anarchie repräsentiert.

Fußnoten

1.
Das griechische Äquivalent zu monstrum ist tératon, im Plural térata; davon leitet sich der Begriff "Teratologie", die Lehre der Ursachen von Fehlbildungen, ab.
2.
Johann Heinrich Zedler, Monsra (sic) oder Monstrum, in: ders., Grosses vollständiges Universallexicon aller Wissenschafften und Künste. Bd. 21, Halle 1739, Sp. 1220f.
3.
Vgl. Werner Wunderlich, Dämonen, Monster, Fabelwesen. Eine kleine Einführung in Mythen und Typen phantastischer Geschöpfe, in: Ulrich Müller/Werner Wunderlich (Hrsg.), Dämonen, Monster, Fabelwesen, St. Gallen 1999.
4.
Vgl. Michel Foucault, Die Anormalen. Vorlesungen am Collège de France (1974–1975), Frankfurt/M. 2007, S. 86f.
5.
Die Bestimmung des Monströsen allein als körperliche Erscheinung ist freilich reduktiv; es gibt noch andere Typen von Monstern. Allerdings kann die monströse körperliche Gestalt als sinnfälliges Bild anderer Dimensionen von Monstrosität fungieren beziehungsweise gedeutet werden.
6.
Hans Richard Brittnacher, Ästhetik des Horrors, Frankfurt/M. 1994, S. 183.
7.
Entelechie ist die im Organismus liegende Kraft, die seine Entwicklung und Vollendung bewirkt.
8.
Vgl. Rolf Parr, Monströse Körper und Schwellenfiguren als Faszinations- und Narrationstypen ästhetischen Differenzgewinns, in: Achim Geisenhanslüke/Georg Mein (Hrsg.), Monströse Ordnungen. Zur Typologie und Ästhetik des Anormalen, Bielefeld 2009, S. 19ff.
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Autor: Monika Schmitz-Emans für bpb.de
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