APuZ Monster

16.12.2013 | Von:
Birgit Stammberger

Monströse Körper. Kulturwissenschaftliche Perspektiven auf historische Deutungsmuster

Gegenwärtige Konjunkturen des Monströsen

Spätestens seit den öffentlich debattierten Forschungserfolgen der synthetischen Biologie zeichnet sich gegenwärtig ein erneutes Interesse an Chimären, Körpermonstern und hybriden Wesen ab. Die Herstellung von Chimären unterliegt nun nicht mehr nur den bildnerischen Schöpfungsfantasien künstlerischer Darstellungen, sondern sie ist Teil eines auf den Naturwissenschaften beruhenden Schöpfungsaktes. 2010 berichtete der prominenteste Vertreter der synthetischen Biologie, der Unternehmer Craig Venter, von der Erschaffung lebendiger Zellen im Labor. In einer darauffolgenden Flut von Medienberichten wurden die wissenschaftlichen Entwicklungen der synthetischen Biologie und die methodischen Anstrengungen auf die griffige Formel der "Lebensherstellung" gebracht.[8] Auch Venter selbst, der auf Pressekonferenzen das Projekt der synthetischen Biologie als eine Erschaffung von lebendigen Zellen aus "vier Flaschen Chemikalien" beschrieb, sorgte medienwirksam für das Bild eines Biologen, der Gott spielt.[9]

Nehmen in den Bio- und Lebenswissenschaften der Gegenwart die fiktiven Gespinste auf bedrohliche Weise reale Gestalt an? Onkomaus, Klonschafe und Kuhhunde als exponierte Superspezies einer "neuartigen ökonomisch ausgerichteten Bio- und Sozialmacht" verkörpern die bedrohlichen Tendenzen des naturwissenschaftlichen Fortschritts.[10] Nicht die Überwindung, sondern die Übertretung natürlicher Grenzen, die Schaffung neuer Spezies, die künstliche Erzeugung von Mutanten im Labor wecken eine öffentliche und wissenschaftliche Aufmerksamkeit für Fragen nach dem Monströsen.

Tatsächlich entsprechen die Figurationen des "technomorphen Schöpfungsmythos" gerade nicht den Fantasiewelten vormoderner Zeiten, wie es beispielsweise mediale Narrative im Kontext der Wissenschaftspopularisierung nahelegen,[11] und es drängt sich die Frage nach den kommunikativen und ästhetischen Strategien naturwissenschaftlichen Wissens auf. Interessant ist, wie biotechnologische Entwicklungen mit literarischen Figuren des 19. Jahrhunderts korrespondieren: Sowohl Frankensteins Monster als mahnende Figuration fehlgeleiteter Anmaßung als auch der Homunkulus und der Golem christlich-jüdischer Schöpfungsmythen zeigen, dass und auf welche Weise wissenschaftliches Wissen erst über diese Figurationen popularisiert wird. Sie sind in epistemischer, wissenschaftspolitischer oder gesellschaftlicher Hinsicht hervorgebrachte Wesen, "unabhängig davon, ob es auf Papier und Leinwand oder auf der Folie eines leibhaftigen Lebewesens gezeichnet wird".[12]

Monströse Körper sind nicht einfach Verkörperungen eines auf wissenschaftlichen Herstellbarkeiten beruhenden Lebens, auch die biotechnologisch vom Menschen erzeugten Wesen sind keineswegs so zu deuten, als würde ein uralter Menschheitstraum verwirklicht. Die monströsen Gestalten sind immer in spezifische Konstellationen von Wissenschaft und Öffentlichkeit, Kultur und Wissen, Wahrnehmung und Diskurs eingebettet. Und diese Konstellationen sind gegenwärtig auch Kulminationspunkte zahlreicher Konflikte, die nicht allein mit wissenschaftskritischen oder kulturpessimistischen Haltungen eines natürlichen versus künstlichen Körpers zu fassen und nicht auf die Dichotomie des Erlaubten oder Verbotenen zu reduzieren sind. Folglich bedarf es einer Perspektive auf die medialen Übertragungen und Transformationen von Wissensbeständen. Im Zentrum dieser Betrachtungen stehen die Strategien der Visualisierung, die historischen Formen der wissenschaftlichen Bildproduktionen und die sprachlichen Dimensionen des Wissens.

Diskurse des monströsen Körpers

Wer nach dem Körpermonster fragt, muss sich auch mit dessen ästhetischen, kommunikativen, rhetorischen und diskursiven Elementen auseinandersetzten, mit kulturell eingeübten Wahrnehmungsmustern und mit den Metaphern, die in diesen Figurationen zum Tragen kommen. Wird also auf der einen Seite von geradliniger Verwissenschaftlichung, Rationalisierung und Objektivierung des Körpers ausgegangen, widmet man sich aber auf der anderen Seite der sprachlichen, ästhetischen und kommunikativen Dimension, so verweist das auf eine wirkmächtige erkenntnistheoretische Asymmetrie. Diese stellt ein in der Moderne erzeugtes Denkmuster dar, mit der das Wissen unterteilt wird in eine Wissenschaft der Rationalität, Faktizität und Objektivität und in eine Wissenschaft, die auf Schrift und Sprache beruht.

Wenn wir nach den monströsen Körpern fragen, so ist der empirisch-faktische Körper nicht der Ausgangspunkt der Betrachtung, weil sonst die wirkmächtige Vorstellung eines natürlichen Körpers als eine überzeitliche und damit stabile Kategorie verfestigt wird, die jedoch selbst eine politische, soziale und historische Konstruktion ist.[13] Ansätze einer body history haben gezeigt, dass die Annahme eines natürlichen Körpers auf historisch erzeugten Denkmustern beruht und die Materialität des Körpers, auch des monströsen Körpers, eine Geschichte hat, über die Ausschlüsse und Grenzziehungen erst legitimiert werden. In den vergangenen Jahren haben sich zahlreiche Arbeiten mit wissenschaftsgeschichtlichen und kulturwissenschaftlichen Ansätzen dem als monströs, falsch oder deviant bezeichneten Körper gewidmet und die vielfältige historisch-spezifische Konstellation des Monsters im Kontext von Wissenspraktiken herausgearbeitet.[14] Die Geschichte des monströsen Körpers ist eben auch eine Vielzahl von Geschichten des Wissens mit einem gemeinsamen Fluchtpunkt: die Verwissenschaftlichung des Körpers, die mithin ganz unterschiedliche und teils disparate Geschichtlichkeiten des Wissens umfasst. Vor dem Hintergrund epistemologischen Denkens ermöglichen monströse Körper eine Auseinandersetzung mit Dimensionen des Fremden, des Nicht-Passenden, des Marginalen und Verdrängten. Dabei ist spätestens seit der Moderne der Körper sowohl Instrument als auch Effekt von Wissenspraktiken und fungiert für kulturell wirkmächtige Differenzen des Eigenen und Anderen. In diesem Sinne hat er auch eine Funktion als Metapher, indem hier an den Abweichungen und Pathologien des Körpers ein Diskurs des Anderen geführt wird.

Statt den monströsen Körper aus seinen Abweichungen heraus zu definieren, um dann zu fragen, wie in bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten mit diesen Körpern im weitesten Sinn umgegangen wurde, haben diese Arbeiten gerade nicht mit Definitionen oder fest umrissenen Konzepten des Fremden, Unheimlichen oder Monströsen argumentiert, sondern galten der Sichtbarmachung, den öffentlichen Inszenierungen und gesellschaftlichen Vorstellungen sowie dem Zusammenhang eines individuellen Körpers mit den historischen Gestaltmetaphern eines kollektiven Körpers. Eine Geschichte des monströsen Körpers wird somit dann produktiv, wenn sie die Geschichte der Verwissenschaftlichung des Körpers weitererzählt, indem eine dritte Ebene ins Spiel gebracht wird. Denn in den Bereichen des Ambivalenten, des Widersprüchlichen, der Ungewissheiten, die sich dem allumfassenden wissenschaftlichen Erklärungsanspruch nicht fügen, sind der Mangel und die Unsicherheit mit dem Prozesshaften, mit dem Werden eines Wissens verknüpft, und die Geltungsbereiche eines Wissens werden als veränderbar und zeitlich begrenzt aufgezeigt. Erst so eröffnet sich der Raum für Fragen, wie und worüber kommuniziert wird, welche Auffassungen von Wissenschaft und Leben zum Tragen kommen und wie in diesen Prozessen der Übertragung und Transformation mithin eben jene Monster erscheinen, die als Figuren des Dritten das Denken in Dichotomien infrage stellen, Grenzen überschreiten, feststehende Dualismen irritieren, vielleicht sogar gewohnte Denk- und Wahrnehmungsmuster herausfordern.

Diese neu entdeckte begriffliche Unschärfe des Körpermonsters heißt nicht, dass es nicht immer schon eine Faszination am Außergewöhnlichen gegeben hat. Das Monströse ist vielleicht sogar der Ursprung von Kultur und Kult, der Religion, der Philosophie und der Ideen des Humanen, die auf bestimmten Setzungen, Idealen und Ordnungen beruhen. Um aber als monströs zu erscheinen, bedarf es eines "kollektiven Einverständnis(ses) über das Gewöhnliche; und das Auffällige hebt sich erst vor dem Hintergrund des Unauffälligen ab".[15] Wer also mit dem Körpermonster die Vorstellungen des Abartigen, Entstellten und Unvollkommenen abzubilden meint, muss auch fragen, wie diese Ordnungen selbst die Figurationen des Anderen erzeugen und wie über Dichotomien des Normalen und Pathologischen als konstituierende Ordnungsprinzipien der Moderne soziale Formen der Ausgrenzung, Differenzierungen und Hierarchisierungen erst erzeugt werden. Wie sonst können wir erkennen, dass auch etwas anderes denkbar ist als das, was wir wissen, was wir gewohnt sind, aus dem wir unsere Sicherheit schöpfen, wenn sich im Körpermonster zugleich immer auch das prekär Andere, das Nicht-Menschliche, das Tierische präsentiert, das seinen Wert als Anderes jedoch immer erst in direkter Wechselwirkung mit diesem Eigenen erhält? Was den Körper als monströs, anders, fremd und außergewöhnlich bestimmt, bedarf diskursiver Bestätigungen, der Analyse kultureller Vorstellungen und gesellschaftlich-kultureller Normen, die immer auch eine körperliche Dimension haben.

In diesem Sinne verbirgt sich im Körpermonster eine unhintergehbare Ambivalenz. Es hat einerseits eine identitätsstiftende Funktion als Negativfolie des Eigenen. Anderseits verweist das Körpermonster auch auf eine positive Tradition, die es notwendig macht, seine kritisch-subversiven Potenziale mitzudenken.

Fußnoten

8.
Vgl. Joachim Schummer, Das Gotteshandwerk. Die künstliche Herstellung von Leben im Labor, Frankfurt/M. 2011, S. 113.
9.
Ebd., S. 113.
10.
Sven Drühl, Chimärenphylogenese, in: Kunstforum International, (2001) 157, S. 112–144, hier: S. 113.
11.
J. Schummer (Anm. 8), S. 20.
12.
Roland Borgards/Christiane Holm/Günter Oesterle, Vorwort, in: dies. (Hrsg.), Monster. Zur ästhetischen Verfassung eines Grenzbewohners, Würzburg 2010, S. 9–13, S. 10.
13.
Vgl. Paula-Irene Villa/Katharina Zimmermann, Fitte Frauen – Dicke Monster? Empirische Exploration zu einem Diskurs von Gewicht, in: Henning Schmidt-Semisch/Friedrich Schorb (Hrsg.), Kreuzzug gegen Fette. Sozialwissenschaftliche Aspekte des gesellschaftlichen Umgangs mit Übergewicht und Adipositas, Wiesbaden 2008, S. 171–190, hier: S. 171f.; Maren Lorenz, Leibhaftige Vergangenheit. Einführung in die Körpergeschichte, Tübingen 2000; Paula-Irene Villa, Sexy Bodies. Eine soziologische Reise durch den Geschlechtskörper, Wiesbaden 20063.
14.
Vgl. Markus Dederich, Körper, Kultur und Behinderung. Eine Einführung in die Disability Studies, Bielefeld 2007; Torsten Junge/Imke Schmincke (Hrsg.), Marginalsierte Körper. Beiträge zur Soziologie und Geschichte des anderen Körpers, Münster 2007; Beate Ochsner, DeMONSTRAtion. Zur Repräsentation des Monsters und des Monströsen in Literatur, Fotografie und Film, Heidelberg 2010; Anna Kerchy/Andrea Zittlau (Hrsg.), Exploring the Cultural History of Continental European Freak Shows and Enfreakment, Newcastle upon Tyne 2012; Birgit Stammberger, Monster und Freaks. Eine Wissensgeschichte außergewöhnlicher Körper im 19. Jahrhundert, Bielefeld 2011; Philipp Sarasin, Reizbare Maschinen. Eine Geschichte des Körpers 1765–1914, Frankfurt/M. 2001.
15.
Thomas Macho, Ursprünge des Monströsen, in: Kirstin Breitenfellner/Charlotte Kohn-Ley (Hrsg.), Wie ein Monster entsteht. Zur Konstruktion des anderen in Rassismus und Antisemitismus, Bodenheim 1998, S. 11–42, hier: S. 32.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Birgit Stammberger für bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.