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Vampire Trouble: Gender, Sexualität und das Monströse


16.12.2013
We vampires are always in some kind of trouble", sagt der Vampir Bill in der Vampirserie "True Blood".[1] Vampirinnen und Vampire sind nicht nur selbst in Schwierigkeiten, sondern verursachen sie sogar erst. Der Titel "Vampire Trouble" spielt auf das einflussreiche Buch "Gender Trouble" der Philosophin Judith Butler an.[2] Aufbauend auf ihren Annahmen zu Gender und Sexualität wird diskutiert, wie vampirische Figuren in Fernsehserien und Filmen in diesen binären Identitätskategorien Unbehagen verbreiten und Verwirrung stiften. Vampirische Figuren sind offen für zahlreiche Interpretationen und stehen als Metaphern für eine Vielfalt von Differenzen. Vor allem die Kategorien Gender und Sexualität durchkreuzen sie auf eindrucksvolle Art und Weise.

Das "andere" Geschlecht



Vampirische Figuren werden meist als "monströs" und bedrohlich charakterisiert. Sie sind lebende Tote, Wiedergänger aus anderen Bereichen des Seins. Sie trinken Menschenblut und machen ihre Opfer willenlos. Sie können keine Kinder bekommen, vermehren sich aber trotzdem. Der vampirische Biss ist tödlich und zugleich lustbringend, bringt Unruhe in Sexualmoral und Sexualordnung. Ihre "inkohärenten Körper widersetzen sich systematischen Strukturierungen",[3] überschreiten strikte Grenzen. Vampirische Figuren lassen sich keinem Geschlecht eindeutig zuordnen, ihre Sexualität ist ambivalent, ihre Blutlust richtet sich auf Frauen und Männer gleichermaßen. Vampirische Figuren unterwerfen sich nicht der Logik von binärem Denken und nehmen viele Bedeutungen an. Und daher sind sie furchterregend.

Denken in Gegensätzen ist ein zentrales Element der westlichen Philosophie und Kultur. Gegensatzpaare sind beispielsweise gut/böse, aktiv/passiv, Körper/Geist, männlich/weiblich, homosexuell/heterosexuell. Das Problem ist jedoch: Es handelt sich bei den Gegensätzen nicht um einfache Unterscheidungen. Mit der Trennung werden zugleich Bewertungen und Hierarchisierungen vorgenommen, eine Eigenschaft wird als Abweichung betrachtet und die andere oft stillschweigend als Norm akzeptiert. Dadurch werden Machtverhältnisse etabliert und verstärkt, und es erfolgen Ausschlüsse aus hegemonialen Diskursen.

Vampirische Figuren symbolisieren solche Ausschlüsse. Als "Andere" werden sie ausgegrenzt und verdrängt, damit die hegemoniale (Geschlechter-)Ordnung aufrechterhalten wird. Zugleich ist das "Selbst" immer auf das "Andere" axngewiesen, stellt sich in der Abgrenzung erst her. In dem binären System der Genderordnung ist eine Geschlechtsidentität immer auf die jeweils entgegengesetzte Kategorie bezogen, das heißt, jemand ist genau in dem Maße "weiblich", in welchem jemand nicht "männlich" ist.[4] Diese binäre Logik lässt sich auch auf das Verhältnis zwischen Mensch und Monster übertragen: Jemand ist in dem Maße "menschlich", in welchem jemand nicht "monströs" ist. Dabei ist das "Andere" oft auch geschlechtsspezifisch codiert: Differenz wird durch geschlechtliche oder sexuelle Unterscheidungen ausgedrückt.

Die Figur Willow ruft in der Serie "Buffy the Vampire Slayer" bei der Begegnung mit ihrer vampirischen Doppelgängerin aus: "It’s horrible! That’s me as a vampire? I’m so evil and …skanky. And I think I’m kinda gay."[5] Die Begriffe, mit denen die Vampirin charakterisiert wird, verweisen auf Normbrüche in den Identitätskategorien Gender und Sexualität. Willow als Vampirin ist furchtbar und "böse", aufreizend gekleidet und lesbisch. Allerdings werden die Markierungen des "Selbst" nicht offen benannt, sondern nur die Abweichung: In der Abgrenzung zu der "Anderen" konstituiert sich Willow als Mensch als "gut", anständig gekleidet und "heterosexuell".

Am Ende der Folge wird Willow als Vampirin in ihr Paralleluniversum verbannt und damit Normalität für Willow als Mensch und die Gemeinschaft in Sunnydale, dem Handlungsort, wiederhergestellt. Hier folgt die Serie den gleichen narrativen Mustern wie der Roman "Dracula" (Bram Stoker, 1897) und Vampirfilmen wie "Nosferatu" (Friedrich Wilhelm Murnau, 1922) und "Vampyr" (Carl Theodor Dreyer, 1932): Die vampirischen Figuren werden beschworen, im Mittelteil werden sie (künstlich) am Leben erhalten, unterhalten die Zuschauenden, und am Ende werden sie vernichtet.[6] Doch ganz so einfach lassen sie sich nicht vernichten. Als Wiedergänger stören Vampirinnen und Vampire Normen und Ordnungen. Sie müssen immer wieder von Neuem, manchmal sogar in veränderter Gestalt, bekämpft werden. Dieser Wechsel zwischen Vernichtung und Wiederkehr entspricht dabei dem Prozess der "Abjektion". Die Psychoanalytikerin Julia Kristeva erfasst als "Abjekte" "radikal ausgeschlossene Objekte".[7] Und trotz der Verwerfung können die "Abjekte" nie vollständig abgespalten werden. Abjektion ist durch das verursacht, "was Identität, System, Ordnung (stört). Was keine Grenzen, Positionen, Regeln respektiert. Das Zwischending, das Vieldeutige, das Zusammengesetzte."[8] Kurzum: das Monströse.

Eine wesentliche Voraussetzung für "intelligible", das heißt sozial sinnhafte Geschlechtsidentitäten ist eine "Kohärenz und Kontinuität zwischen dem anatomischen Geschlecht (sex), der Geschlechtsidentität (gender), der sexuellen Praxis und dem Begehren".[9] Die Kategorien Gender und Sexualität fordern daher in besonderem Maße die Verwerfung von Identitäten, die nicht einheitlich, eindeutig und unveränderlich sind. Vampirische Figuren markieren hingegen in ihrer Andersartigkeit eine Form von Differenz, die "verhandelbar und potentiell unbestimmt, veränderbar und nicht essentiell" ist.[10] Damit geht eine Vieldeutigkeit einher, die "Möglichkeiten von Flucht, Widerstand und Zerstörung"[11] von binären Kategorien wie Gender und Sexualität und der Forderung nach Eindeutigkeit des Subjekts eröffnet. Vampirische Figuren bedrohen durch diese grenzüberschreitenden Möglichkeiten nicht nur individuelle Identitäten, sondern den "ganzen kulturellen Apparatus, der Individualität herstellt und ihre Herstellung erst erlaubt".[12] Zugleich versprechen sie durch ihr grenzüberschreitendes Potenzial eine gewisse Freiheit von gesellschaftlichen Zwängen, ein eskapistisches Vergnügen. Vampirische Figuren faszinieren und erschrecken gleichermaßen durch ihre Komplexität.[13]


Fußnoten

1.
"True Blood", USA 2005-lfd., Idee: Alan Ball nach der Romanserie von Charlaine Harris, hier: Staffel 1, Episode 4.
2.
Judith Butler, Gender Trouble. Feminism and the Subversion of Identity, New York 1990 (Deutsche Ausgabe: Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt/M. 1991).
3.
Jeffrey Jerome Cohen, Monster Culture. Seven Theses, in: ders. (Hrsg.), Monster Theory. Reading Culture, Minneapolis–London 1996, S. 3–25, hier: S. 6.
4.
Vgl. J. Butler (Anm. 2), S. 45.
5.
"Buffy the Vampire Slayer", USA 1997–2003, Idee: Joss Whedon, hier: Staffel 3, Episode 16.
6.
Vgl. Christopher Craft, Kiss Me With Those Red Lips. Gender and Inversion in Bram Stoker’s Dracula, in: Elaine Showalter (Hrsg.), Speaking of Gender, New York–London 1989, S. 216–242, hier: S. 216.
7.
Vgl. Julia Kristeva, Powers of Horror: An Essay of Abjection, New York 1982, S. 2.
8.
Ebd., S. 4.
9.
Vgl. J. Butler (Anm. 2), S. 38.
10.
J. J. Cohen (Anm. 3), S. 12.
11.
Ebd., S. 11.
12.
Ebd.
13.
Vgl. ebd., S. 19.
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Autor: Janina Scholz für bpb.de
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