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APuZ Monster
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Das Medium ist das Monster - Essay


16.12.2013
In einer naiven Kommunikationstheorie würde man das Medium als einen neutralen Träger von Botschaften missverstehen, dessen Zweck und Funktion sich in der möglichst sendergetreuen und empfängeraffinen Vermittlung von Inhalten erschöpfte. Nun sind wir durch den Kommunikationstheoretiker Marshall McLuhan belehrt, dass es kein "unschuldiges" Medium geben kann, weil es zwangsläufig selbst den Charakter einer Botschaft hat: "The Medium is the message!" Eingedenk dieser grundsätzlichen Einsicht muss auch die Diskussion über die Rolle von Medien in Demokratien zwangsläufig kritisch geführt werden, zumal sich in den stehenden Wendungen von der "Mediendemokratie" und der "Vierten Gewalt", die sich nicht auf das Grundgesetz stützen kann, eine klärungsbedürftige Verquickung von Medien und Macht anzeigt. Dieser Zusammenhang wird exemplarisch sinnfällig in Akteuren wie Silvio Berlusconi. Doch darf dieses Beispiel nicht den Blick darauf verstellen, dass es Journalisten zu verdanken ist, dass skandalöse Vorgänge der Politik der öffentlichen Diskussion zugänglich wurden. Guter Journalismus erschließt der demokratischen Öffentlichkeit die Abläufe, Ziele, Interessenlagen und Sachthemen des politischen Geschäftes. Er ermöglicht den Bürgerinnen und Bürgern auf Sachkenntnis gegründete Urteile und damit eine präzisere Artikulation ihres politischen Willens. Mehr noch: Die Medienöffentlichkeit kann eine demokratische Kontrollfunktion erfüllen. Doch die Kehrseite von Macht ist der Machtmissbrauch: Kampagnenartig werden vermeintliche oder tatsächliche Missetäter der politischen Klasse an den Pranger gestellt, oftmals ohne dass rechtsstaatliche Prinzipien wie die Unschuldsvermutung für das Medientribunal gelten würden. Und Medien stellen mitunter nicht nur Debatten dar, sondern auch her. Im PR-Jargon spricht man von "Agenda-Setting", davon, der Politik Aufgaben auf die To-do-Liste zu schreiben, deren Vordringlichkeit allein in der konzertierten Medienpräsenz zu liegen scheint, während andere höchst relevante gesellschaftliche Themen medial unaufbereitet und politisch unbearbeitet bleiben. Kritiker verweisen in diesem Zusammenhang auf die Differenz von öffentlicher Meinung und veröffentlichter Meinung und die Gefahr einer "Schweigespirale" (Elisabeth Noelle-Neumann). Diese bezeichnet das Phänomen, dass Menschen aus Gründen der Opportunität nicht wagen, ihre Meinung zu äußern, sofern diese der Medienmeinung widerspricht. So kann es geschehen, dass eine medial vermittelte Minderheitsposition mehr Gewicht und scheinbare Akzeptanz erhält als die Mehrheitsansicht. In diesem Fall ist die veröffentlichte Meinung keine Darstellung der öffentlichen Meinung, sondern modelliert diese.

Über die Ambivalenz von Macht und Machtmissbrauch hinaus gibt es jedoch auch noch eine grundsätzlichere bildungstheoretische Problematik, auf die schon Friedrich Nietzsche in den Basler Vorträgen hinwies: "In der Journalistik nämlich fließen die beiden Richtungen zusammen: Erweiterung und Verminderung der Bildung reichen sich hier die Hand; das Journal tritt geradezu an die Stelle der Bildung, und wer, auch als Gelehrter, jetzt noch Bildungsansprüche macht, pflegt sich an jene klebrige Vermittlungsschicht anzulehnen, die zwischen allen Lebensformen, allen Ständen, allen Künsten, allen Wissenschaften die Fugen verkittet und die so fest und zuverlässig ist wie eben Journalpapier zu sein pflegt."[1]

Nietzsche machte damit auf das Phänomen aufmerksam, dass die Möglichkeit einer Ausweitung der (politischen) Bildung via Massenmedien um den Preis einer Reduzierung von Bildungsansprüchen auf ein medial verdauliches Niveau erkauft wird. Insofern kann der gesellschaftliche Zusammenhalt mögliche Zerreißproben kaum bestehen, wenn er bloß die Festigkeit von Zeitungspapier aufweist, statt auf tatsächlicher Bildung der Menschen zu beruhen. Zu den ungeschriebenen Gesetzen der Medien, seien es Presse, Rundfunk, Fernsehen oder multimediale Internetangebote, gehören komplexitätsreduzierende Darstellungsmuster und das Hinzufügen von "informationellen Geschmacksverstärkern": Schon Zeit und Raum der Darstellung sind durch Produktionskosten und die tatsächlich oder unterstelltermaßen begrenzte Auffassungsgabe der Mediennutzer limitiert. Differenzierte und komplexe Sachverhalte müssen dementsprechend einerseits verknappt und vereinfacht, andererseits dramatisiert, emotionalisiert und personalisiert werden, damit sie die Wahrnehmungsschwellen der reizüberfluteten Bürgerinnen und Bürger überqueren können. In diesem Beitrag möchte ich eine der narrativen Schablonen der medialen Kommunikation darstellen und in ihrer politischen Brisanz prüfen: die Monsterifikation.

Zur Anthropologie des Monsters



Monster erscheinen im Kontext diverser wissenschaftlicher Disziplinen als erkenntnisträchtiger Forschungsgegenstand. In diesem Artikel wird die Frage nach dem Monster zunächst im Rahmen einer pädagogischen Anthropologie aufgeworfen: Was erfahren wir am Monster über den Sinn des Mensch-Seins, und inwieweit stiftet oder erschüttert die Konfrontation mit dem Monströsen die Bildung unserer kulturellen oder personalen Identität?

Auffällig ist in anthropologischer Sicht zunächst die Beobachtung, dass Menschen scheinbar von jeher und allenthalben von Monstern gleichermaßen fasziniert beziehungsweise verängstigt sind. Schon lange vor der Kommerzialisierung, Globalisierung und Pornografisierung des Monsters in Videospielen und Hollywood-Blockbustern finden sich Monsterfiguren in Mythen und Legenden der mündlichen wie in der frühen schriftlichen oder grafischen Tradition, seien es der Himmelsstier des Gilgamesch-Epos, Grendel aus der Beowulf-Erzählung, der Drache der Nibelungen-Saga, die Ungeheuer der griechischen Mythologie oder Dämonen der christlichen Zeugnisse. Höhlenmalerei, kultische Masken und Artefakte zeigen uns die Präsenz des Monsters in vielen Kulturen. Und bis heute gibt es noch Ausläufer des Volksglaubens in regionaler Prägung, etwa in den Legenden von Wiedergängern, Nachzehrern und Aufhockern.[2]

Bei aller Konstanz ist aber zugleich auch die Varianz hervorzuheben. So unterscheiden sich Zeiten und Kulturen erheblich darin, was als monströs erachtet wird und nach welchen Prinzipien das Monster als Monster ausgewiesen wird. Im ersten europäischen Schulbuch, dem "orbis sensualium pictus"[3] des böhmischen Gelehrten Johann Amos Comenius, beispielsweise werden unter der Rubrik "Deformes et Monstrosi" – "Ungestalte und Mißgeburten" – Menschen mit Behinderungen gezeigt, etwa "der ungeheure Rieß" und "der winzige Zwerg".[4]

Es hieße also der Vielfalt und Vielgestalt der Phänomene Gewalt anzutun, würde man einen einzigen monolithischen Begriff des Monströsen veranschlagen. Vorbehaltlich dessen sollen hier insbesondere zwei Aspekte zur grundlegenden Deutung des Monsters hervorgehoben werden, nicht zuletzt weil sie für die mediale Inszenierung von vermeintlichen Monstern fruchtbar zu machen sind: die anthropologische Dimension des Ungeheuren und der zeichenhafte Sinn des Monsters.

Systematische Aspekte sollen dabei an einer etymologischen Betrachtung gewonnen werden. Wortgeschichtlich ist das Ungeheuer dem Geheueren gegenübergestellt, dem geschützten Bereich, in dem ich mein Lager aufschlage, den ich kontrolliere und nach Maßgabe meiner Zwecke funktional und sinnstiftend gestalte. In diesem Wort ist eine alte Erfahrung bewahrt, die in den Zeiten beinah ubiquitärer Zivilisation ebenso verdeckt wie uneingeschränkt gültig ist: Zur conditio humana gehört das Ausgesetzt-Sein in einer letztlich unverfügbaren Natur. Dem frühen Menschen begegnete diese Natur noch markant als Wildnis, als bedrohliches und widerständiges Gegenüber, gegen dessen Eigenstrebungen durch Kulturtaten ein Menschenort abgerungen und verteidigt werden musste. Jede Beheimatung aber ist getragen vom dunklen Wissen um die Fremde, das Geheuere ist umgrenzt vom Ungeheuren. Auch und gerade in Zeiten der scheinbar gezähmten und in Reservate von unseren Gnaden zurückgedrängten Natur zeigt sich an, dass unsere fortschrittliche Zivilisation den Unverfügbarkeitscharakter der Natur nicht endgültig zu bannen vermag.

Der territorialen Gliederung entspricht auch eine intellektuelle Ordnung, die etwa gut und böse, wahr und falsch, schön und hässlich, heilig und profan unterscheidet. Der weltoffene Mensch bedarf dieser Klassifikationen, insofern er den einströmenden Eindrücken sonst schutzlos ausgeliefert wäre und keine Orientierung für ein "rechtes" Leben fände. Ähnlich wie physische Ungeheuer, die in den Bereich des Geheueren vordringen und die Umhegungen einreißen, erscheinen Erschütterungen der intellektuell-kulturellen Sinnbezirke durch Quer-Denker und Quer-Täter, aber auch durch politische Revolutionen, Kolonialisierung, Imperialismus, religiöse Missionierung oder Paradigmenwechsel in den Wissenschaften. Die naheliegende Zuweisung, dass die jeweils bestehende Ordnung gut und das Einbrechen des Ungeheuren per se zerstörerisch sei, muss allerdings differenziert werden: Neben der Bedrohlichkeit blitzt auch immer die Faszination des "Es könnte auch anders sein!" auf, ein Spielraum von Freiheit im Risiko. Diese Öffnung deutet auf den Wortsinn von "Monster" (lat. monstrare – zeigen) als "Zeichen" oder gar "Mahnzeichen" hin. Das Monster fungiert als eine Anzeige, als ein Seismograf kultureller Befindlichkeiten. Es verweist auf das kulturell, moralisch, politisch oder theoretisch Ausgeklammerte und befragt zugleich die vorgenommenen Rahmungen. Dabei geht es nicht nur um die Grenzkonflikte zwischen normal und unnormal oder gesund und krank, sondern um die Frage nach dem jeweiligen Sinn dieser Unterscheidungen. In Künstlern, Philosophen, Forschern und Religionsstiftern manifestieren sich bisweilen die An-Zeichen des Monströsen, aus denen aber nicht zwangsläufig Zerstörung, sondern auch Stiftung von neuer Orientierung erwachsen kann; oder sie werden zu Projektionsflächen von Ordnungen, die ihre Stabilität gerade aus der Dämonisierung von Abweichlingen zu beziehen versuchen. Diktatoren "rechtfertigen" beispielsweise ihre Terrorherrschaft mit der vermeintlichen Zersetzung im Inneren oder mit der Bedrohung von Außen. Es wird zu fragen sein, welche Rolle die "Monsterifikation", also das Jemanden-zum-Monster-Machen, in offenen Gesellschaften spielen kann.

Bisher wurde ein systematischer Begriff des Monsters verwendet, der sich vor allem aus der Spannung von Ordnung und Abweichung speiste. Offen blieb bislang die Frage nach der Herkunft der Ordnungen, nach dem Ordnungsprinzip. Dies führt zu einer erweiterten historischen Betrachtung des systematischen Konzeptes: In mythischen Zeitaltern galten Ordnungen als gottgegeben, Monster als Ausdruck von diabolischen Gegenkräften oder Störungen darin. Spätestens mit der Aufklärung betrachtet sich der europäische Mensch nicht mehr als Objekt einer vorgegebenen Ordnung, in die er sich einzufügen hat, sondern als Subjekt, also Schöpfer und Gestalter von Ordnungen. Damit ist allerdings auch die Verantwortung gewachsen: Stand vorher nur auf dem Spiel, ob der Mensch den Ordnungen entspricht, muss er nun selbst aussprechen, worin denn das Wahre, Gute und Schöne bestehen solle. Doch woran kann er sich orientieren, damit diese Ordnungen nicht selbst zu Monstern werden? Die späte Moderne im Zeichen nihilistischer Strömungen stand genau vor dieser Frage und brachte auch einen neuen Typus des Unmenschen hervor: Die Monströsität des Normalen, das Böse, das sich gerade nicht im Bruch, sondern im Erfüllen von bestehenden Ordnungen vollzieht. Günther Anders erklärte Adolf Eichmann, den Bürokraten des Holocaust, zum exemplarischen Menschen einer Epoche, in der im Prinzip jeder allein durch sein normales Leben zum Mittäter an globalem Unrecht zu werden droht.[5] Es ist die Ordnung eines technisierten Daseins, in der die Welt zur Maschine und der Mensch zum Funktionär gemacht werden, in der wir alle durch den alltäglichen Vollzug unserer Verrichtungen schuldlos schuldig werden, ohne dass wir überhaupt davon Notiz zu nehmen brauchen. Die Effekte unseres Tuns sind räumlich und zeitlich von diesem getrennt. Soziale Verwerfungen, Kinderarbeit, Armut, Kriege um Ressourcen, ökologische Katastrophen, Ausbeutung und vieles andere mehr hängen mit unserem Verhalten als Bürgerinnen und Bürger, Konsumentinnen und Konsumenten unmittelbar zusammen. Auch wenn die Dinge, mit denen wir uns umgeben, dies komplizenhaft verschweigen, entstammen sie doch oft äußerst problematischen Verhältnissen.

Unter diesen Bedingungen ist schwer auszumachen, wer das Monster ist und wie man es stellen könnte. Vielleicht begegne ich ihm beim Blick in den Spiegel.

Monsterifikation und De-Monstration



In einer globalisierten und technifizierten Welt ist unser Denken und Handeln vor große Aufgaben gestellt, wenn wir Verantwortung übernehmen wollen. Die Möglichkeit, ein ethisches Problem wahrzunehmen, sich seiner anzunehmen, um ihm in angemessener Form zu entsprechen, scheint auf eine gewisse Nahräumigkeit angewiesen zu sein. Insofern ist es nicht nur Ignoranz, sondern auch schlichte Überforderung, wenn wir die Komplexität der moralischen Herausforderungen nicht mehr erfassen, geschweige denn ihr handelnd gerecht werden. Simplifikationen wirken entlastend, bergen aber auch die Gefahr theoretischer, ethischer und politischer Einseitigkeit, wie ich an Beispielen zeigen möchte, in denen bewusst "Monster" kreiert werden, um öffentlichen Debatten einen "Spin", eine politische Deutungsrichtung zu verleihen.

Monsterbeispiel I: "Das Kopftuchmädchen". 2010 erschien das umstrittene Buch "Deutschland schafft sich ab – Wie wir unser Land aufs Spiel setzen" von Thilo Sarrazin. Die Resonanz brachte sicherlich viele Gemütslagen und Meinungen zum Ausdruck: vom Ressentiment gegen Fremde bis hin zur Forderung, bisher nicht ausreichend diskutierte Fragen um Migration und Integration neu aufzugreifen. Zum Symbol der Debatte wurde schließlich das "Kopftuch" beziehungsweise dessen Trägerin: "das Kopftuchmädchen". Es bietet sich zur Monsterifikation insofern an, als es sich der opportunen Transparenzdoktrin[6] verweigert: Wer sich verbirgt, hat etwas zu verbergen – seien es patriarchale Unterdrückungsstrukturen, religiöser Fundamentalismus, integrationsunwilliger Traditionalismus oder gar ein Sprengstoffgürtel. Während das moderne westeuropäische Mädchen unter dem Enthüllungsdruck der Mode die Darstellung ihrer mehr oder weniger vorteilhaften Körperformen zu leisten hat, setzt "das Kopftuchmädchen" dem konsumierenden Blick beunruhigende Grenzen.

Auch das Gefühl, dass "Deutschland sich abschafft", hat einen realen Gehalt, selbst wenn man keinem chauvinistischen Nationenbegriff nachhängt. Politische Entscheidungen werden nicht mehr ausschließlich in den nationalen Parlamenten diskutiert und beschlossen, sondern von supranationalen Gremien oder demokratisch nicht legitimierten Organisationen wie etwa der Welthandelsorganisation. Auch wird der soziale Zusammenhalt brüchig, weil Armut und Perspektivlosigkeit um sich greifen und die europäische Wertebasis des Humanismus und der Aufklärung erschüttert ist. Und während die Indizes an den Börsen ein Allzeithoch verbuchen können, verkümmern kommunale Infrastruktur und öffentliche Kulturförderung. Im Bildungssystem vollzieht sich seit dem unterdurchschnittlichen Abschneiden Deutschlands in der ersten Schulleistungsstudie PISA auf Geheiß der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ein epochaler Traditionsabbruch in Zielen, Gehalten und pädagogischen Handlungsformen. Die als "Wandel" beschönigte Abwicklung der kulturellen Identität der europäischen Tradition, sei sie christlich, humanistisch oder sozial-emanzipatorisch, entwurzelt und verängstigt Menschen. Die Verantwortung für diese Verwerfungen liegt aber gerade nicht beim "Kopftuchmädchen", sondern in der Globalisierung des Sozialabbaus unter einer entfesselten Logik des Marktes. Ein wesentliches Motiv für Migration besteht ja nicht im Wunsch, visuelle Verstörung oder Überfremdungsgefühle in Fußgängerzonen auszulösen, sondern in Armut, politischer Verfolgung und Entwurzelung. Neben dem Wunsch nach Horizonterweiterung durch einen Ortswechsel erzählt Migration eben auch von der Unmöglichkeit eines guten Lebens in der Heimat. Das "Kopftuchmädchen" fungiert insofern als Projektionsfläche und Sündenbock für durchaus berechtigte Ängste, zugleich aber werden Opfer zu Tätern stilisiert. Als Referenz zur Beurteilung dieser Umstände ist gar keine Biologie der Ethnizität zu bemühen, sondern eignen sich schlichtweg die Menschenrechte.

Monsterbeispiel II: "Der dicke Mensch". Die Spielregeln der Political Correctness haben die soziale Diskriminierung nicht aufgehoben, falls dies je deren Zweck gewesen sein sollte, sondern in ihren Formen sublimiert, rationalisiert, moralisiert und diversifiziert. Der dicke Mensch erfährt diese monsterifizierende Stigmatisierung im Horizont einer Mode, die nicht die Schönheit des individuellen Körpers zum Vorschein bringt, sondern diesen mit der Abweichung vom BMI (Body Mass Index) konfrontiert. Er wird in Fernsehshows wie "The biggest loser" unter dem Vorwand von Hilfeleistung oder in Ernährungs- und Gesundheitssendungen als Risikofaktor vorgeführt. Gesundheitsökonomen warnen vor dem volkswirtschaftlichen Schaden, den der dicke Mensch anrichtet, insofern er eine Belastung der Kranken- und Sozialkassen darstelle. Als Erklärungsmuster wird oft individuelles Fehlverhalten wie ungezügeltes Essen oder zu wenig Sport herangezogen. Den Resonanzboden für diese Deutung bildet die kursierende und zugleich unausgesprochene Sozialnorm einer hedonistischen Askese, in der sich das protestantische Arbeitsethos (Max Weber) mit einem konsumhaften Wellness-to-go paart, versinnbildlicht in der freudlosen Körperzurichtung in Fitnesscentern. Schönheit und Gesundheit sind in dieser Sicht keine Gunst der Natur oder die Gnade eines Gottes, sondern das Produkt harter Arbeit am eigenen Körper. Und dieser Körper ist eben nicht mehr Leib, also der primäre Ort sinnlich-sinnhafter Welt- und Selbsterschließung, sondern Werk- und Ausstellungsstück, das sich seiner Marktgängigkeit im Horizont von Angebot und Nachfrage je neu versichern muss: Leistungsfähigkeit und visuelle Attraktivität werden gegebenenfalls mit Medikamenten oder plastischer Chirurgie hergestellt. Dick-Sein ist insofern ein individuelles Vergehen, moralisierend gesprochen eine Sünde. Wer dick ist, ist selbst schuld und erntet mit Recht gute Tipps und latente Verachtung – nicht nur seiner Form, sondern auch seiner Person wegen, deren Schwäche sich fleischlich manifestiert.

Diese zynische Betrachtungsweise sagt im Grunde mehr über die Betrachter als über die Betrachteten aus und beruht auf vielen fragwürdigen Voraussetzungen. Zum einen zeigt sich im historischen oder kulturvergleichenden Blick, dass Dick-Sein nicht zwangsläufig mit Leid, Hässlichkeit, Armut und Krankheit konnotiert werden muss, sondern ganz im Gegenteil auch mit sexueller Lust, lebensbejahender Sinnlichkeit, Schönheit, Macht, Reichtum und Gesundheit. Die Rechnung der Gesundheitsökonomen bezüglich des vermeintlich erhöhten Risikos von Herz-Kreislauf-Erkrankungen (offen bleibt, ob es sich hier um Korrelationen oder Kausalitäten handelt) fragt kaum nach den Folgen des Fitnesswahns, der Mangel- und Fehlernährungen, der Medikalisierung und Chirurgisierung des optimierten Körpers, den Folgen von Magersucht. Eine wesentliche Tragik besteht schließlich darin, dass viele Menschen aufgrund des Jojo-Effekts der vielen Diäten dick sind. Es zeigt sich das vom Ernährungswissenschaftler Udo Pollmer beschriebene Phänomen: Krank durch gesunde Ernährung.[7]

Monsterbeispiel III: "Der Terrorfürst". Eine Lieblingsfigur der medialen Kommunikation ist seit dem 11. September 2001, neben dem "irren Diktator" (wie Saddam Hussein oder Muammar Al-Gaddafi), "der Terrorfürst". Er verkörpert das Monster des absolut Bösen, das einerseits bezüglich seiner Motive als gänzlich irrational, in der Wahl seiner Mittel aber andererseits als perfide, mit aller Macht der instrumentellen Vernunft ausgestattet, dargestellt wird. Sein Lebensraum ist eine Höhle in afghanischen Gebirgszügen, seine Mission die Zerstörung der westlichen Zivilisation mit ihren Grundwerten von Freiheit, Demokratie und gesellschaftlicher Toleranz. Nun stünde es westlichen Rechtsstaaten gut zu Gesicht, im Umgang mit ihren Gegnern auch auf rechtsstaatliche Mittel zu setzen, denn ansonsten bedürfte es gar keiner Terrorfürsten mehr, um das westliche Wertefundament zu zerstören. Die Liquidierung Osama bin Ladens kann hier als Beispiel dienen: Im Rahmen einer juristischen Aufarbeitung hätte der Nachweis einer Schuld geführt, das Motiv geklärt und gegebenenfalls das Strafmaß festgelegt werden müssen. In diesem Fall würde man selbst den ärgsten Feind noch als Menschen oder Bürger behandeln, ein Monster dagegen kann man mit Zustimmung der öffentlichen Meinung einfach mit "kurzem Prozess" liquidieren. Die Obszönität, dass dieser Akt in Echtzeit auf dem Screen von den mächtigsten Politikern der "freien Welt" verfolgt wurde, während in Guantánamo nach wie vor auch unschuldige Menschen ohne vorherigen Prozess gefangen gehalten werden, könnte ebenso nachdenklich stimmen wie die zunehmende Akzeptanz von peinlichen Befragungstechniken wie dem sogenannten water-boarding. Auch hier spielt die Monsterifikation eine legitimatorische Rolle: Gegen monströse Gegner darf man auch zu unorthodoxen Maßnahmen greifen. Der Zweck heiligt die Mittel.

Monsterbeispiel IV: "Die Märkte". Auch im Umgang mit der Weltfinanzkrise, die zur Staatsschuldenkrise umerzählt wurde, finden sich Elemente monsterifizierender Simplifikationen. Zum Bezugspunkt aller Diskussionen und Maßnahmen wurden "die Märkte" erklärt, denn eines galt als besonders bedrohlich, nämlich dass "die Märkte" "nervös" werden. Und "nervöse Märkte" könnten die ganze Weltwirtschaft in den Abgrund reißen. Man fühlt sich an die antike Mythologie erinnert: Vor der Stadt lauert ein gewaltiges Ungeheuer, das es zu besänftigen gilt, damit es von seiner Drohung absieht, das Gemeinwesen anzugreifen. Da es ebenso unkalkulierbar wie unzähmbar ist, bleibt als alternativlose Option, ihm von Zeit zu Zeit eine Ladung von Jungfrauen als Opfer darzubieten, damit sein nervöser Blutdurst gestillt wird. Entsprechend erscheint es plausibel, wenn man zur – gleichermaßen pathetischen wie permanenten – "Rettung" von Staatshaushalten, Banken oder Währungen von Menschen verlangt, "Opfer" zu bringen. Schließlich kündigt sich im Monster des "nervösen Marktes" eine schicksalhafte Strafe an, die uns zu Recht ereilt, weil wir schließlich alle "über unsere Verhältnisse gelebt" haben.

Das Narrativ oder Propagandamärchen der nervösen Märkte leistet Deutung von Wirklichkeit und Legitimation politischen Handelns zugleich, ohne aber in der Sache selbst Aufklärung zu leisten. "Die Märkte" sind eben kein naturwüchsiges, unzähmbares Ungeheuer, sondern eine durch politische Entscheidungen entfesselte Instanz. Auch verschleiert die anonymisierende Rede, dass eine überschaubare Anzahl von identifizierbaren Akteuren dadurch ihr Geld vermehrt, dass ganze Volkswirtschaften oder Währungsräume als Geiseln genommen werden. Zu jeder politischen Entscheidung gibt es Alternativen – wer Sachzwangargumentationen bemüht, dem fehlt es an Fantasie, an Verantwortungsbereitschaft oder am nötigen Mut, sich mit mächtigen globalen Akteuren anzulegen. Besonders perfide erscheint die Individualisierung und Moralisierung der Krise im Vorwurf: "Wir alle haben über unsere Verhältnisse gelebt." Wer genau ist der Adressat dieses Vorwurfes? Geht es um Konsumentscheidungen in Privathaushalten oder um Parlamentsbeschlüsse und öffentliche Haushalte? Sicher wäre darüber hinaus auch danach zu fragen, in welchem global-ökonomischen Kraftfeld diese Entscheidungen gefallen sind und wer diese Rahmenbedingungen gestaltet beziehungsweise von ihnen profitiert hat.

Monsterbeispiel V: "Der Datenkrake". Das aktuellste Monster in den Medien ist der Datenkrake. Nicht erst seit den Enthüllungen Edward Snowdens kritisieren Datenschützer, dass große Unternehmen, staatliche und geheimdienstliche Institutionen ihre Tentakel in alle Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens ausstrecken, um dort Informationen jeglicher Form abzugreifen. Die Vielarmigkeit des Kraken versinnbildlicht seine potenzielle Omnipräsenz, sein Korpus die Option einer zentralen Aggregation und Korrelation der gewonnenen Daten. Galt er bis vor Kurzem noch als domestiziertes Nutztier im Einsatz gegen den Terrorfürsten (siehe oben), kamen spätestens mit der Überwachung der deutschen Bundeskanzlerin, die offenkundig nicht zum engeren Kreis einer Terrorzelle gehören kann, Zweifel an dieser Einschätzung auf. Was ist hier geschehen? Sind den Politikern – wie bei Goethes Zauberlehrling – ihre eigenen Herrschaftsinstrumente entglitten? Und: Welcher Meister kann die Besen wieder in die Kammer zaubern? Tatsächlich hat das digitalisierte und vernetzte Zeitalter den versprochenen Demokratisierungs- und Emanzipationsschub ubiquitärer und dezentraler Kommunikation nicht vollzogen. Ganz im Gegenteil haben sich unerschöpfliche Quellen zentralisierbarer Datenerfassung und -speicherung zur Gewinnung exklusiven Herrschaftswissens und soft governance offener Gesellschaften aufgetan. Über den Abgleich von Google-Suchanfragen und Payback-Analysen des Kaufverhaltens wurden in den USA für eine Wahlkampagne potenzielle Obama-Wähler ermittelt, die dann mit einem iPhone-App-gestützten Argumentarium mittels Schneeballsystem punktgenau an der Haustür mobilisiert wurden.[8] Schon allein aus den Metadaten der digitalen Kommunikation per Mail oder in sozialen Netzwerken kann ein Anatomieatlas der informellen sozialen Strukturen gewonnen werden. "Influencer", also Personen, deren Meinung sich andere anschließen, gelten als Reflexpunkte, deren Aktivierung Stimmungen, Überzeugungen und politische Willensbildung kaskadenartig in die Breite multipliziert. Das Konzept des "Astro-Turfings", benannt nach einer Kunstrasenmarke, simuliert mittels Blogs und Foren eine Graswurzelentwicklung, also eine spontan entstandene politische Bewegung engagierter Bürger – mit dem Unterschied, dass dort Lobbygruppen aktiv sind, entweder durch maskierte, bezahlte Mitarbeiter oder sogar durch Computerprogramme, die massenhaft authentische User-Äußerungen vortäuschen. Der Datenkrake begnügt sich also keineswegs mit der Aneignung von Daten, sondern errichtet daraus ein operatives Steuerungsdispositiv anonymisierter Macht, die jeglicher demokratischer Kontrolle entzogen ist. So wichtig Aufklärung in diesen Fragen ist, so wenig hilfreich ist die Dämonisierung des Kraken, schürt sie doch Ängste und den Eindruck von Ohnmacht. In dem zynischen Satz: "Wer nichts zu verbergen hat, braucht den Kraken nicht zu fürchten" klingen immer auch schon Kapitulation und Einschüchterung mit, sodass das geschürte Gefühl globaler und porentiefer Kontrolle Menschen davon abhält, wesentliche Bürgerrechte wahrzunehmen, sei es die Versammlungsfreiheit, die freie Meinungsäußerung, die Aufdeckung von politischen Skandalen oder gar demokratischer Widerstand. Angst vor Überwachung lässt die realen und virtuellen öffentlichen Räume politisch veröden.

Propagandademokratie?



Gemessen an dem oben beschriebenen Auftrag des Journalismus für politische Bildung und demokratische Kultur kann die an den Beispielen demonstrierte Aufbereitung von Sachverhalten am Narrativ des Monströsen nur als bedenklich eingestuft werden. Kenntnisse und ein begründetes Urteil werden gerade nicht er-, sondern verschlossen, wenn das Erzählmuster des Ungeheuers als Grundlage der politischen Orientierung etabliert wird. Der Journalist und Medienkritiker Walter Lippmann offenbart die zugrunde liegende Strategie: Durch Medienbilder schiebt sich eine Pseudo-Wirklichkeit vor die tatsächliche Wahrnehmungs- und Handlungswelt der Menschen und wird zum Bezugspunkt von Denken, Fühlen und Handeln: "In all these instances we must note particularly one common factor. It is the insertion between man and his environment of a pseudo-environment. To that pseudo-environment his behavior is a response. But because it is behavior, the consequences, if they are acts, operate not in the pseudo-environment where the behavior is stimulated but in the real environment where action eventuates."[9]

Einmal etabliert sind diese Bilder solange immun gegen Einwände lebensweltlicher Erfahrung, wie sie als Schemata zur Einordnung dieser Erlebnisse fungieren. Von der Wirksamkeit dieser Strategie zeugen die Dämonisierungskampagnen der Nationalsozialisten gegen Juden und andere ethnische Gruppen, aber auch gegen Behinderte. Selbst jahrzehntelange positive Erfahrungen mit Menschen im direkten Umfeld konnten häufig das monströse Bild von "den Juden", "den Zigeunern" oder "den Schwachsinnigen" nicht widerlegen. Und die daraus resultierenden Taten geschahen in der Realität und nicht im Bild.

Die Frage nach Monstern in den Medien reicht also tiefer als eine Kritik an der Sensationslust von Menschen, die sich in Boulevardmagazinen am Panoptikum absonderlicher Abweichlinge genussvoll ihrer eigenen Normalität versichern wollen. Das Erzählmuster des Monströsen kann im Rahmen des Fiktionalen unterhaltsam und sogar erkenntnisträchtig sein, als Tiefenschablone des politischen Journalismus unterläuft es die Ansprüche von Aufklärung und Humanismus, mit erheblichen Auswirkungen in ethischer und theoretischer Hinsicht. Der unwissentliche oder gar strategische Einsatz des archaischen Monster-Konzeptes kann einer modernen Demokratie immensen Schaden zufügen.

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Fußnoten

1.
Friedrich Nietzsche, Über die Zukunft unserer Bildungsanstalten. Vortrag I, in: Kritische Studienausgabe Band I, hrsg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, Berlin 19992, S. 671.
2.
Wiedergänger sind Verstorbene, die wieder in die Welt der Lebenden zurückkehren; Nachzehrer sind ebenfalls Untote, verbleiben aber in ihren Gräbern und saugen von dort aus den Lebenden die Lebenskraft aus; Aufhocker sind Kobolde, die des Nachts einem Wanderer auf den Rücken springen und ihm die Schritte schwer machen – so erzählt es der Volksglaube.
3.
Vgl. Johann Amos Comenius, Orbis sensualium pictus, Dortmund 19914 (1653).
4.
Vgl. ebd., S. 90f.
5.
Vgl. Günther Anders, Wir Eichmannsöhne, München 20023, S. 55ff.
6.
Vgl. Byung Chul Han, Transparenzgesellschaft, Berlin 2012, S. 40ff.
7.
Vgl. Udo Pollmer, Prost Mahlzeit! Krank durch gesunde Ernährung, Köln 1996.
8.
Vgl. Stefan Schulz, Wir wissen, wen du wählen wirst, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 31.8.2013, http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/wie-big-data-das-wahlgeheimnis-aushebelt-wir-wissen-wen-du-waehlen-wirst-12553613.html« (21.11.2013).
9.
Walter Lippmann, Public Opinion, New York 1922, S. 15.
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Autor: Matthias Burchardt für bpb.de
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