Arbeiter montieren Spielzeugautos auf der Produktionslinie der Da Lang Wealthwise Plastic Factory in Dongguan in China.
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Ethik und globaler Handel


19.12.2013
Die Globalisierung der Wirtschafts- und Handelsbeziehungen hat in den vergangenen Jahrzehnten stark zugenommen und zur Vertiefung der globalen Arbeitsteilung beigetragen. Daran sind vor allem auch neue Akteure im asiatischen und lateinamerikanischen Raum beteiligt. Aufgrund der mit dem Welthandel wachsenden Produktivitätsgewinne konnten Millionen Menschen etwa in China, Indien, Vietnam und Bangladesch der absoluten und relativen Armut entrinnen. Auch die Anzahl grenzüberschreitender privatwirtschaftlicher Transaktionen hat deutlich zugenommen. Der globale Gehalt des Welthandels erstreckt sich hierbei in erster Linie auf die Mobilität der Ressourcen, aber auch auf eine deutliche Intensivierung der weltwirtschaftlichen Arbeitsteilung.[1]

Die transnationalen Bewegungen von Kapital und Produktion konzentrieren sich geografisch hauptsächlich auf Mitgliedstaaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Nordamerika, Westeuropa und Südostasien, die auch als "Triade des Welthandels"[2] bezeichnet werden, und im geringeren Maße auf Schwellenländer wie Indien oder Brasilien.[3] Die Globalisierung ermöglicht durch die vermehrte Ausnutzung komparativer Kostenvorteile allgemeine Produktivitätssteigerungen.[4]

Am Beispiel des internationalen Wettbewerbs wird aber auch deutlich, dass mit der Globalisierung des Handels neben den Chancen durch neue Kooperationsgewinne auch Risiken einhergehen.[5] Aufgrund einer fehlenden institutionellen Rahmenordnung des internationalen Handels bleiben "alte" internationale Ordnungsprobleme wie absolute Armut und Hunger, organisierte Kriminalität und Menschenhandel oder fehlender Menschenrechtsschutz ungelöst; "neue" Probleme wie globale Umweltbelastung, Korruption und elementare Defizite beim Arbeitsschutz werden tendenziell eher verstärkt.[6]

Die Funktionsweise globaler Märkte unterscheidet sich insofern von Staaten, als ihr Vorgehen nicht von Territorialität und Souveränität geprägt ist.[7] Grenzüberschreitender Handel, das heißt "die Verfügbarkeit und Konkurrenz derselben Güter und Dienstleistungen in weiten Teilen der Welt",[8] ist zwar kein neues Phänomen, allerdings hat er vor allem in den vergangenen drei Jahrzehnten drastisch zugenommen. Ein wesentlicher Indikator zur Erklärung der internationalen Wirtschaftsentwicklungen ist der Vergleich zwischen Welthandel und Weltsozialprodukt. Bis zur Finanz- und Weltwirtschaftskrise seit 2008 wuchs der Welthandel im Durchschnitt doppelt so schnell wie die Weltproduktion, nicht zuletzt aufgrund einer ständig steigenden Anzahl neuer Akteure.[9] Zwischen 1990 und 2000 beispielsweise lag der jährliche Wertzuwachs bei den weltweiten Exporten bei durchschnittlich sechs Prozent.[10]

Die Sektorstruktur des Welthandels hat sich in den vergangenen Jahrzehnten drastisch verändert: Der Industriegüter- wie auch der Dienstleistungshandel haben dem Handel mit Agrarprodukten einen erheblichen Bedeutungsverlust beschert. Auch in Entwicklungsländern zeigt sich, dass der prozentuale Anteil von Industrieprodukten gegenüber Agrarprodukten im Export mittlerweile überwiegt.[11] Besonders wertschöpfungs- und technologieintensive Produkte gelten als dynamische Elemente des Industriegüterhandels.[12] Mittlerweile besteht der Großteil des Welthandelsvolumens aus dem Handel mit Maschinen, Rohstoffen, Energie sowie Transportmitteln (Flugzeuge, Schiffe) und weniger aus dem Handel mit Konsumgütern.[13]

Der zunehmende Anteil des Außenhandels am Bruttosozialprodukt ist wesentlich auf vier Faktoren zurückzuführen: a) in multilateralen Verhandlungen erzielte Außenhandelsliberalisierungen, b) allgemein gesunkene Transportkosten und verbesserte Kommunikationsmöglichkeiten infolge der neuen Medien und verbesserten IT-Kommunikation, c) die Expansion der Aktivitäten transnationaler Unternehmen sowie d) den Wegfall des Ost-West-Konflikts in den 1990er Jahren.[14]

Welche Akteure sind dabei bestimmend? Auch wenn Nationalstaaten und ihre Regulierungsmaßnahmen den internationalen Welthandel ordnungspolitisch maßgeblich strukturieren, sind transnationale Unternehmen (TNU) in den vergangenen Jahrzehnten zu den zentralen Akteuren des Welthandels avanciert. Durch den Abbau von Mobilitätsschranken zwischen Nationalstaaten und den Aufbau neuer und effektiverer Kommunikations- und Transportmöglichkeiten kontrollieren TNU mittlerweile etwa 70 Prozent des Welthandels.[15] So obliegt ihnen auch die Kompetenz, parallele Autoritätsstrukturen über den Einsatz erheblicher wirtschaftlicher Ressourcen etablieren zu können.[16] Die Rechenschaftspflicht dieser sogenannten Global Player gegenüber ihren Heimatregierungen hat dabei durch die immer komplexer werdenden internationalen Handelsstrukturen sukzessive abgenommen.

Verteilungsfragen



Die Weltwirtschaft ist durch ein Nord-Süd- beziehungsweise West-Ost-Gefälle geprägt. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf ist in den Industrienationen mit hohem Einkommen etwa 22-mal so hoch wie in sogenannten least developed countries. [17] Die Möglichkeit, sich in den Welthandel einzubringen, ist wesentlich vom volkswirtschaftlichen Entwicklungsstand des jeweiligen Nationalstaates abhängig.[18] Auch wenn der Anteil transnationaler Kapitalströme deutlich zugenommen hat und immer mehr Nationalstaaten in das komplexe Geflecht von grenzüberschreitenden Wirtschaftsbeziehungen involviert sind, haben nicht alle Akteure im gleichen Maße von diesen Entwicklungen profitieren können.[19] Im Gegenteil, die Ungleichheitsentwicklung hat zugenommen. Einerseits lässt sich ein Trend zur Handelsregionalisierung beobachten: Die westeuropäische Region etwa exportiert zu zwei Dritteln im intraregionalen Raum.[20] Gleichzeitig stieg auch der Anteil des Süd-Süd-Handels von 1990 bis 2011 von 8 Prozent auf 24 Prozent.[21]

Dies bringt allerdings nur regional Aufschwung. Denn beim globalen Vergleich der personellen Wohlstandsverteilung zeigt sich, dass die Kluft zwischen den reichsten und ärmsten zehn Prozent der Weltbevölkerung deutlich größer geworden ist.[22] Die Vorteile des Welthandels sind also sehr ungleich verteilt. Ein Hauptproblem ist die nach wie vor anhaltende, extreme Armut, die sich besonders in Transformationsländern mehr als verdoppelt hat.[23] Nationale Ungleichheiten in der Einkommensverteilung wirken zudem wachstumshemmend auf wirtschaftlich benachteiligte Nationen. Staatliche Fördermaßnahmen können diese Entwicklung ebenfalls potenzieren: In Industrieländern wird beispielsweise der Textil- und Bekleidungssektor weiterhin stark durch nicht-tarifäre Handelshemmnisse geschützt.[24] Aber auch die gemeinsame Agrarpolitik der Europäischen Union ist durch umfangreiche Exportsubventionen gekennzeichnet,[25] die direkt mit den Exportbestrebungen von sich entwickelnden Ländern konkurrieren.


Fußnoten

1.
Vgl. Joachim Weeber, Internationale Wirtschaft, München u.a. 2010.
2.
Clemens Büter, Außenhandel, Heidelberg 2007, S. 12.
3.
Vgl. Stefan A. Schirm, Internationale politische Ökonomie, Baden-Baden 2007, S. 66.
4.
Vgl. Karl Homann, Ökonomik: Eine Einführung, Tübingen 2005, S. 281.
5.
Vgl. ebd.
6.
Vgl. hierzu den Beitrag von Till van Treeck in dieser Ausgabe.
7.
Vgl. Ulrich Beck, Was ist Globalisierung?, Frankfurt/M. 2007.
8.
S.A. Schirm (Anm. 3), S. 89. Zur historischen Entwicklung der Weltwirtschaft siehe auch den Beitrag von Nikolaus Wolf in dieser Ausgabe.
9.
Vgl. J. Weeber (Anm. 1), S. 11; World Trade Organization (WTO) (Hrsg.), World trade report 2013, Genf 2013, S. 5.
10.
Vgl. Deutscher Bundestag (Hrsg.), Schlussbericht der Enquete-Kommission: Globalisierung der Weltwirtschaft, Opladen 2002, S. 119; Johannes Müller, Entwicklungsgerechte Weltwirtschaft, Stuttgart 2005, S. 30.
11.
Vgl. United Nations Conference on Trade and Development (UNCTAD) (Hrsg.), Trade and development report 2013, Genf 2013.
12.
Vgl. Deutscher Bundestag (Anm. 10), S. 122.
13.
Vgl. C. Büter (Anm. 2), S. 12.
14.
Vgl. ebd., S. 11; S.A. Schirm (Anm. 3), S. 90.
15.
Vgl. Ulrike Hößle, Der Beitrag des UN Global Compact zur Compliance internationaler Regime, Baden-Baden 2013, S. 42; Uwe Jens, Ökologieorientierte Wirtschaftspolitik, München 1998, S. 201.
16.
Vgl. Susan Strange, The Retreat of the State, New York 1996; Stephen J. Kobrin, Multinational Corporations, the Protest Movement, and the Future of Global Governance, in: Alfred D. Chandler/Bruce Mazlish (Hrsg.), Leviathans. Multinational corporations and the new global history, Cambridge 2005, S. 219–236. Für eine ausführlichere Darlegung der Rolle multinationaler Unternehmen siehe auch den Beitrag von Melanie Coni-Zimmer und Annegret Flohr in dieser Ausgabe.
17.
Vgl. J. Müller (Anm. 10), S. 28.
18.
Vgl. C. Büter (Anm. 2), S. 13.
19.
Vgl. Deutscher Bundestag (Anm. 10), S. 119.
20.
Vgl. ebd., S. 120f.
21.
Vgl. WTO (Anm. 9), S. 6.
22.
Vgl. The World Bank (Hrsg.), World development indicators 2013, Washington, DC 2013, S. 3.
23.
Vgl. J. Müller (Anm. 10), S. 28.
24.
Vgl. Deutscher Bundestag (Anm. 10), S. 124.
25.
Vgl. Paul R. Krugman/Maurice Obstfeld, Internationale Wirtschaft, München u.a. 2009, S. 265f.
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