Arbeiter montieren Spielzeugautos auf der Produktionslinie der Da Lang Wealthwise Plastic Factory in Dongguan in China.
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Kurze Geschichte der Weltwirtschaft


19.12.2013
Um das Jahr 1000 war Europa ein rückständiger Teil Asiens, in seiner Wirtschaft und in seinem Handel weit unterentwickelt im Vergleich zu den islamischen Reichen im Nahen und Mittleren Osten oder China. Großzügig geschätzt lag der Anteil Europas an der Weltbevölkerung zu dieser Zeit bei etwa 15 Prozent, der Anteil an der Weltwirtschaft mag vergleichbar gewesen sein.[1] Erst mit den Reichen der Merowinger und Karolinger hatte sich in Europa wieder eine größere politische Macht etablieren können, die ein gewisses Maß an Sicherheit garantieren und eine minimale Infrastruktur bereitstellen konnte. Etwa seit dem ausgehenden 11. Jahrhundert n. Chr. wurden die Grundlagen für den Aufschwung des Fernhandels gelegt, die schließlich Europa in der Neuzeit zu einem wirtschaftlichen Zentrum der Welt werden ließen. Dabei handelte es sich vor allem um neue Institutionen und Organisationsformen, die Handel über große Entfernungen möglich machten.

Aufstieg Europas



Ein wesentliches Hindernis für den Handel über weite Entfernungen lag in den Risiken: Zum einen war der Transport von Waren und Zahlungsmitteln über weite Strecken gefährlich, weil die Methoden des Transports unzuverlässig waren, weil man stark von Witterungsbedingungen abhängig war und weil man nicht sicher sein konnte, überhaupt geeignete Waren und Handelspartner zu finden. Zum anderen gab es lange keine überregionale Gerichtsbarkeit, bei der man gegen Betrug, Diebstahl oder andere Vergehen hätte vorgehen können, etwa wenn der Handelspartner nicht zahlte oder nicht lieferte.

Die Begründung von Handelsmessen und Städten sowie die Entstehung von Städtebünden trugen wesentlich dazu bei, diese Hindernisse zu überwinden. Die Konzentration von Angebot und Nachfrage an einem verkehrsgünstigen Ort und häufig auch zu bestimmten Zeiten löste mehrere der Probleme zugleich. Nach Vorläufern in Paris und St. Denis begann im 12. Jahrhundert der Aufstieg der "Champagne-Messen" unter Schirmherrschaft der Grafen der Champagne im Nordosten Frankreichs. Seit etwa 1150 fanden insgesamt sechs terminierte mehrmonatige Messen statt. Auf diese Weise wurde die Champagne zu einem Ort nahezu permanenten Handels.

Die Messestädte lagen an der Kreuzung zweier Handelswege: der alten Via Regia von West nach Ost und der Verbindung zwischen italienischen Städten und Flandern entlang alter römischer Straßen und der Flüsse Rhône, Saône und Seine bis an den Ärmelkanal. Die gute Lage und der Dauercharakter der Messen halfen, die Kosten und Risiken des Handels zu senken. Es entstanden große Warenlager, Gruppen von Kaufleuten errichteten eigene Häuser, und eine eigene Messegerichtsbarkeit erhöhte die Sicherheit und Transparenz der Geschäfte.

Von noch größerer Bedeutung als die "Champagne-Messen" waren aber die zahlreichen Stadtgründungen, die seit Mitte des 12. Jahrhunderts in West- und Mitteleuropa einsetzten. Sie wurden durch das Bestreben des Adels nach Unabhängigkeit und wirtschaftlicher Entwicklung ihrer Territorien befördert und waren immer mit der Verleihung von Marktrechten, oft auch mit dem Recht, Münzen zu prägen, verbunden. Einige der Städte schlossen sich zu Städtebünden zusammen, etwa dem Lombardenbund in Oberitalien oder der Hanse im norddeutschen und baltischen Raum, und wurden zeitweilig selbst zu Zentren wirtschaftlicher und politischer Macht.

Die Messen und Stadtgründungen beförderten wiederum die Produktion und regten den Austausch über weite Strecken an. Außerdem trug der zunehmende Handel in Städten und an Messeorten zur Verbreitung neuer Methoden der Finanzierung und Rechnungslegung bei, wie der doppelten Buchführung und der Verbreitung von Wechseln. Münzen aus Gold, Silber und Kupfer waren seit Jahrtausenden als Zahlungsmittel bekannt und wurden mit der Zunahme von Handel und Produktion immer wichtiger.

Die politischen Gegebenheiten in Europa hatten jedoch zu einer starken Regionalisierung des Münzwesens geführt. Damit bestand die Notwendigkeit, schon im Handel zwischen benachbarten Regionen Münzen am Handelsort zu wechseln. Um den gefährlichen und aufwendigen Transport größerer Geldmengen zu vermeiden, entstanden hieraus Wechselbriefe, die wiederum selbst seit dem 13. Jahrhundert zu Zahlungsmitteln wurden und den Vorläufer unseres Papiergelds darstellen. Ähnliche Zahlungsinstrumente waren in China bereits im 8. Jahrhundert und in der arabischen Welt seit dem 10. Jahrhundert bekannt, bevor sie im 12. Jahrhundert über Italien Europa erreichten.

Durch diesen wirtschaftlichen Aufschwung kam Europa in intensiveren Kontakt mit der höher entwickelten islamischen Welt, China, Indien und Südostasien. Der wichtigste Verkehrsweg war die Seidenstraße. Die Bezeichnung steht eigentlich für ein ganzes Netz aus Handelswegen, die sich seit der Antike vom Gelben Meer bis an das Mittelmeer erstreckten. Die im Mittelalter benutzte Hauptroute für den Handel Europas mit Asien führte von Konstantinopel über Antiochia am Mittelmeer und Bagdad nach Samarkand und von dort bis in das chinesische Tiefland. Diese Entwicklung wurde wesentlich durch die Entstehung des Mongolenreichs unter Dschingis Khan (etwa 1155 bis 1227) gefördert. Trotz grausamer Kriegsführung garantierten die Mongolenherrscher in den unterworfenen Gebieten eine relativ stabile Verwaltung und die Sicherheit des Handels im Rahmen der Pax Mongolica.

Auch wenn der Handel über die Seidenstraße quantitativ relativ unbedeutend blieb im Vergleich zum innereuropäischen Handel, hatten diese Beziehungen weitreichende Folgen. Die Seidenstraße zeigte den Europäern, welche Reichtümer Asien zu bieten hatte, und ermöglichte einen vielfältigen kulturellen Austausch. Einige Kaufleute und Städte wie Genua oder Venedig wurden reich und zeitweilig mächtig. Über die Seidenstraße verbreiteten sich Kenntnisse über die Herstellung von Papier und Schwarzpulver aus China nach Europa oder von hochwertigem Glas aus Europa nach China. Zugleich wurden auf diesen Handelswegen jedoch auch Krankheitserreger mittransportiert, wobei insbesondere der Ausbruch der großen Pest, die in Europa innerhalb weniger Jahre (1347–1351) ein Viertel bis ein Drittel der Bevölkerung auslöschte, unmittelbare ökonomische Konsequenzen hatte. Es kam zu einem substanziellen Anstieg der Löhne, insbesondere in den größeren Städten, was zu starker Zuwanderung in die Städte führte. Außerdem gibt es Hinweise darauf, dass im ausgehenden 14. Jahrhundert die Nachfrage nach Gütern wie Wein, hochwertiger Kleidung und Luxusgütern aus dem Osten deutlich stieg.

Um 1340 begann das Mongolenreich zu zerfallen, sodass die Seidenstraße gerade dann unsicherer wurde, als in Europa die Nachfrage nach Handelsgütern größer war als je zuvor. Alternative Handelsrouten über Ägypten und das Rote Meer nach Indien und China standen weitgehend unter der Kontrolle des Mamlukensultanats, das jedoch den Handel zunehmend durch Abgaben und Zölle behinderte. Als sich der Konflikt der christlich geprägten Europäer mit der islamischen Welt im Verlauf des 14. und 15. Jahrhunderts verschärfte und das Osmanische Reich weiter nach Europa drängte, beförderte dies zusätzlich Bemühungen, neue Handelsrouten nach China, Indien und Südostasien zu finden.

Besonders intensiv wurden diese Versuche durch das portugiesische Königshaus unterstützt, das im 15. Jahrhundert zahlreiche Expeditionen entlang der Ostküste Afrikas finanzierte und systematisch Befestigungsanlagen und Handelsstationen errichten ließ. Im Jahr 1488 und endgültig 1498 führte dies zum Erfolg, als es erst Bartholomeu Diaz gelang, das Kap der Guten Hoffnung im heutigen Südafrika zu umfahren, bevor Vasco da Gama als erster Europäer ein Schiff auf dem Seeweg um das Kap der Guten Hoffnung nach Indien und mit Gewürzen beladen wieder zurück steuern konnte.

Etwa zeitgleich bemühte sich der aus Genua stammende Christoph Kolumbus zunächst in Portugal, später am spanischen Königshaus um eine Finanzierung des Projekts, Indien über den Atlantik zu erreichen. Als er 1492 in spanischen Diensten die karibischen Inseln und später Mittelamerika entdeckte, wurde die ungeheuerliche Bedeutung des Ereignisses schnell erkannt. Im frühen 16. Jahrhundert waren europäische Mächte zu Herrschern der Weltmeere aufgestiegen, die damit begannen, die Welt zu kolonisieren.


Fußnoten

1.
Historische Daten zur Bevölkerung liegen aus zahlreichen Quellen vor oder können aus Informationen zur Siedlungsdichte geschätzt werden. Daten zur gesamtwirtschaftlichen Aktivität, gemessen am Bruttoinlandsprodukt von Staaten, wurden erstmals in den 1930er Jahren geschätzt. Die international weitgehend akzeptierte Quelle für historische und global vergleichende Schätzungen des materiellen Lebensstandards ist das Werk von Angus Maddison, insbesondere: The World Economy, Volume 1: A Millennial Perspective, sowie Volume 2: Historical Statistics, Paris 2006.
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Autor: Nikolaus Wolf für bpb.de
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