Arbeiter montieren Spielzeugautos auf der Produktionslinie der Da Lang Wealthwise Plastic Factory in Dongguan in China.

19.12.2013 | Von:
Klaus Dörre

Landnahme: Unternehmen in transnationalen Wertschöpfungsketten

Fragmentierte Arbeit, hierarchische Regulation

Das Beispiel Córdoba illustriert, was transnationale Produktionsnetzwerke heute weltweit leisten. Arbeitsmärkte, auf denen Arbeitslose, informell und prekär Arbeitende die Mehrheit stellen, lassen sich im internationalen Flexibilitätswettbewerb nutzen, um eine hierarchische Beschäftigungspyramide zu integrieren. Auf diese Weise sollen antizipierte wie reale Marktschwankungen zugunsten vergleichsweise stabiler Gewinne und Renditen abgefedert werden. Nicht alle Branchen und Hersteller treiben die Minimierung der Kapitalbindung und die Flexibilisierung so weit, dass sie, wie in der IT-Branche, die Produktion komplett auslagern, um sie etwa chinesischen Kontraktfertigern zu übertragen – Kontraktfertigern, die aus eigenem Antrieb prekäre, niedrig entlohnte, wenig anerkannte Arbeit nutzen, um im Export zu bestehen. Und nicht alle dieser im globalen Süden agierenden Unternehmen zeichnen sich, wie der weltweit wohl größte Beschäftiger Foxconn (1,3 Millionen Beschäftigte im Jahr 2012), durch den erzwungenen Einsatz von schlecht bezahlten Studierenden und rechtlosen Wanderarbeitern sowie durch Arbeitsbedingungen aus, die eine spektakuläre Selbstmordwelle auslösten.[12] Doch selbst mitbestimmte Automobilhersteller sind heute in transnationale Produktionsnetzwerke eingebunden, in denen die hierarchische Organisation von Beschäftigungsverhältnissen bis in den informellen Sektor aufstrebender oder auch stagnierender Schwellenländer reicht.

Die Erkenntnis lautet, dass diese Integration instabiler, niedrig entlohnter und wenig anerkannter Beschäftigungsverhältnisse bei hoher Qualität und großer Flexibilität relativ reibungslos gelingt. Diese Verzahnung von inneren und durch außerökonomischen Zwang regulierten äußeren Märkten, wie sie transnationale Unternehmen betreiben, lässt sich mit dem Konzept "industrieller Komplexe" und pfadabhängiger Internationalisierungspfade nicht mehr auf den Begriff bringen. Nationale wie regionale Institutionen und Regulierungen sind für die grenzüberschreitenden Unternehmensaktivitäten nach wie vor relevant, doch ungeachtet fortbestehender institutioneller Divergenz wirkt Prekarität in den alten und neuen Zentren der Weltwirtschaft wie auch in den Ländern der Semiperipherie als ein Kontroll- und Disziplinierungsregime, das sukzessive jene Gruppen erfasst, die noch zu den relativ gesicherten zählen. In Córdoba zeichnen sich selbst die Stammbeschäftigten durch diskontinuierliche Erwerbsbiografien aus. Für größere Anschaffungen müssen sie sich zusätzliche Gelegenheitsjobs suchen. Zumindest die befragten Arbeiterinnen und Arbeiter waren überwiegend selbst schon erwerbslos und zeitweilig informell beschäftigt. Ihre Familienangehörigen arbeiten teilweise ebenfalls im informellen Sektor. Und doch ist die Zugehörigkeit zur Kernbelegschaft eines Endherstellers ein relatives Privileg, das nur deshalb so erscheinen kann, weil der große informelle Sektor einen Bezugspunkt am unteren Ende der Beschäftigungshierarchie darstellt, der die Instabilität regulärer Beschäftigungsverhältnisse subjektiv zu entschärfen vermag.

Auf jeweils völlig anderen Reichtums- und Sicherheitsniveaus zeichnen sich in den transnationalen Wertschöpfungsketten damit ähnliche Mechanismen ab, wie sie Pierre Bourdieu am Beispiel der algerischen Übergangsgesellschaft so eindrucksvoll beschrieben hat. Angesichts hoher Arbeitslosigkeit sowie verbreiterter Informalität und Prekarität wird ein fester Arbeitsplatz mit einem einigermaßen geregelten Einkommen als "Privileg an sich wahrgenommen": "Die frei gewählte Instabilität des Arbeitsverhältnisses bleibt denen überlassen, die aufgrund ihrer Qualifikation sicher sein können, leicht eine andere Stelle zu finden. Den anderen bleiben nur die erzwungene Instabilität und die Furcht vor Entlassung, vor der alles andere weicht und zweitrangig wird. (…) Die Forderung nach würdigen Arbeitsbedingungen kann letztlich nur dem Erfordernis der Arbeit um jeden Preis weichen. In den Vordergrund gerät sie nur bei einer Minderheit von Privilegierten, die von der direkten Sorge um das Morgen befreit sind (…)."[13]

Da die Fragmentierung der Arbeit in transnationalen Produktionsnetzwerken und Wertschöpfungsketten mit einer Hierarchisierung von schützenden Regulationsmechanismen einhergeht, wird es betrieblichen Interessenvertretungen und Gewerkschaften selbst im Bündnis mit staatlicher Politik schwer fallen, die disziplinierende Kraft der Prekarität einzudämmen. Schon jetzt lässt sich in gewerkschaftlich gut organisierten Stammbelegschaften von in Deutschland ansässigen Fahrzeugherstellern eine Tendenz zu exklusiver Solidarität feststellen, die sich nicht nur nach oben, sondern auch gegenüber "anders" und "unten" (Migranten, Langzeitarbeitslose, Prekarisierte) abgrenzt. Doch diese spontane Tendenz ist weder widerspruchsfrei, noch setzt sie sich automatisch durch. Denn Kritik am Management, an ungerechten Verteilungsverhältnissen und vor allem an einer Leistungspolitik des "immer mehr und nie genug" sind bei den gut verdienenden Arbeitern und Angestellten der Fahrzeugindustrie nicht minder verbreitet.[14] Auch die Disziplinierungsmechanismen der Prekarität werden durchaus erkannt, denn sie wirken ähnlich, von Wolfsburg über Guangzhou und Johannesburg bis nach Córdoba.

In dieser Erkenntnis steckt zugleich ein Hoffnungsfunke. Was identifizierbar und durchschaubar ist, kann auch von unten, von einer politischen Ökonomie der Arbeit angegangen werden, die Solidarität auf neue Weise, weil inklusiv und transnational, praktiziert. Einstweilen sind die Räume und Öffentlichkeiten für eine solche Solidarität noch schwach entwickelt. Dennoch sollten sich die Entscheidungsträger an der Spitze globaler Produktionsnetzwerke ihres Projekts einer prekären Flexibilisierung nicht allzu sicher sein. Steigende Unsicherheit erzeugt früher oder später Protest. Wo er weder Interessenvertretungen und Gewerkschaften noch wirkungsmächtige Akteure findet, macht er sich, wie in China oder Südafrika schon jetzt zu beobachten, auf andere Weise bemerkbar: in Gestalt spontaner Streiks und Revolten, deren Brutstätten die neuen industriellen Ballungszentren (nicht nur) der großen Schwellenländer sind.[15]

Fußnoten

12.
Vgl. Florian Butollo/Boy Lüthje, Das Foxconn-Modell im Umbruch?, in: spw, (2013) 4, S. 20–25; Boy Lüthje/Siqi Luo/Hao Zhang, Beyond the Iron Rice Bowl, Frankfurt/M. 2013.
13.
Pierre Bourdieu, Die zwei Gesichter der Arbeit, Konstanz 2000.
14.
Vgl. Klaus Dörre/Anja Happ/Ingo Matuschek (Hrsg.), Das Gesellschaftsbild der LohnarbeiterInnen, Hamburg 2013, S. 208, S. 223.
15.
Vgl. David Harvey, Rebellische Städte, Berlin 2013.
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Autor: Klaus Dörre für bpb.de
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