Gespannte Richtschnur auf einer Baustelle

13.1.2014 | Von:
Asiye Öztürk

Editorial

Auch wenn wir sie nicht immer sehen oder unmittelbar spüren: Grenzen prägen unsere Welt und unseren Alltag. Geografische beziehungsweise räumliche Grenzen verlaufen zwischen Ländern, Orten, Stadtvierteln, Nachbarschaften oder Wohnhäusern. Sie sind durch Grenzanlagen, Mauern oder Zäune leicht zu identifizieren. Soziale oder kulturelle Grenzen sind als "Orte" schwieriger zu greifen, im Ergebnis aber ebenso wirkmächtig. Grenzen können sich durch Gesetze, Rechtsprechung, soziale Verhältnisse, aber auch durch kulturelle Konventionen, Bräuche und Wahrnehmungen konstituieren. Fehlt es ihnen an Legitimität, werden sie überschritten – manchmal auch gewaltsam.

Grenzziehungen beeinflussen das gegenseitige Verhältnis von Individuen, sozialen Gruppen und auch Staaten. Ihre Wirkung ist ambivalent: Einerseits helfen sie dabei, Räume zu ordnen oder komplexe Lebenswirklichkeiten in übersichtlichere Sinneinheiten zu zerlegen und zu strukturieren. Andererseits werden dadurch stets ein Innen und Außen und damit Zugehörigkeiten und Nichtzugehörigkeiten geschaffen. Entsprechend unterschiedlich können Grenzziehungen wahrgenommen werden: Während die einen sich innerhalb des eingegrenzten Raums als geschützt empfinden, können sich andere ausgegrenzt fühlen.

Grenzen sind häufig das Ergebnis historischer, gesellschaftlicher und technologischer Entwicklungen. Manche, die früher unverrückbar erschienen, sind heute obsolet – wie etwa die Zollschranken innerhalb Europas. Manche soziale Grenzziehungen, die früher selbstverständlich waren, mögen heute anachronistisch erscheinen, während gleichzeitig neue entstanden sind. Auch Grenzen des ethisch Vertretbaren orientieren sich am gesellschaftlichen Konsens, der wandelbar ist. Doch welche gesellschaftliche Bedeutung hat die Erkenntnis, dass Grenzen konstruiert und damit vergänglich sind? Woran können sich Menschen, Gemeinschaften, Gemeinwesen oder Staaten orientieren? Wie könnte eine "demokratische Grenzziehung" – unter Beteiligung aller Betroffenen – aussehen? Wo stößt Grenzenlosigkeit an ihre Grenzen?

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