Gespannte Richtschnur auf einer Baustelle

13.1.2014 | Von:
Christoph Kleinschmidt

Semantik der Grenze

Wer einmal an einem Grenzübergang warten musste, bis der eigene Ausweis geprüft war und die Grenze passiert werden durfte, dem erschließt sich ihre Bedeutung als ein Zusammenhang von Staatsgebiet, Kontrollinstanz und Übergangszone. Mit dieser Erfahrung gelangt man an den Kern dessen, was Grenzen vor allem im 19. Jahrhundert bezeichneten und als was sie noch heute hauptsächlich definiert werden, nämlich territoriale Markierungen zur Absicherung von Macht, an denen der Hoheitsbereich des einen Staates aufhört und der eines anderen anfängt.

Darüber hinaus haben Grenzen aber in einem weit umfassenderen Sinne Bedeutung für das eigene Leben. Denn sie spielen nach landläufiger Meinung nicht nur in Fragen der Erziehung eine wichtige Rolle, sie strukturieren als Zeitfaktoren auch Arbeitsabläufe oder stellen im Geschichtsbewusstsein Einteilungskriterien im Hinblick auf persönliche wie epochale Zäsuren dar.

Grenzen fungieren zudem in unserem Rechtssystem als Vorschriften, die unseren sozialen Handlungsbereich organisieren und dabei regeln, in welchem Ausmaß die Freiheit des Einzelnen mit der Freiheit der Anderen vereinbar ist. In den Religionen dienen sie als ein Versprechen auf das, was jenseits menschlicher Endlichkeit liegt, und in der Wissenschaft motiviert die Überschreitung von Grenzen Forschung und Innovation. Sie kann allerdings auch apokalyptische Szenarien heraufbeschwören, wenn die Grenzen des Möglichen die Grenzen des Ethischen infrage stellen.

Nicht zuletzt zeigen Grenzen die Notwendigkeit an, den eigenen Zuständigkeitsbereich abzustecken und sich von anderen zu unterscheiden, sei es in individueller, kultureller oder politischer Hinsicht. Und auch das scheinbar grenzenlose World Wide Web und die Globalisierung lassen sich nicht ohne Grenzen denken, auch wenn es dabei eher um deren Negation geht beziehungsweise um eine ständige Verschiebung von Grenzen im Sinne variabler Netzwerkgemeinschaften und virtueller Profile.[1]

Grenzen gehören offensichtlich zu den Konstanten menschlichen Denkens und Handelns. In allen Bereichen jedoch nach einem gemeinsamen Bedeutungskern, nach der Semantik der Grenze zu fragen, stellt ein schwieriges Unterfangen dar, weil Grenzen zwar zur Identitätsbildung konstitutiv beitragen, sich selbst aber einer positiven Bestimmung entziehen. Als relationale Größen lassen sie sich in erster Linie in Abhängigkeit zu dem definieren, was sie einerseits unterscheiden und andererseits in ein Verhältnis zueinander setzen. So betrachtet stellen sie Figurationen des Dritten dar, die sich in ihrer Funktion als Abschluss paradoxerweise selbst nach zwei Richtungen hin öffnen.

Grenzen müssen darüber hinaus als komplexe Konstruktionen verstanden werden, die einer variablen Konsistenz unterliegen. Denn was eine Grenze ist und welche Bedeutung sie hat, hängt von den historischen und gesellschaftlichen Umständen ab, in denen sie auftritt. Die Wirksamkeit von Limes oder Berliner Mauer etwa unterliegt einer historischen Halbwertszeit und mit ihr zugleich die kulturelle Relevanz, die man ihnen als Grenze beimisst. Was in einem bestimmten Zeitraum den äußersten Rand des politischen Einflussbereichs markiert und damit eine existenzielle Bedrohung darstellt, kann zu einer anderen Zeit ein touristischer Programmpunkt unter vielen sein.

Mit der Einsicht in die grundlegende Konstruktion von Grenzen wird im Hinblick auf ihr Bedeutungsspektrum auch eine ihrer klassischen Unterscheidungen hinfällig, nämlich die zwischen natürlichen und künstlichen Grenzen. Der französische Historiker Lucien Febvre hat anhand von geografischen, militärischen und staatspolitischen Grenzen gezeigt, dass zwar eine typologische Differenzierung nach bestimmten Erscheinungsformen wie Flüssen, Schutzwällen oder Landmarken möglich ist, diese Grenzen jedoch nicht an sich existieren, sondern erst dazu gemacht werden.[2] Das mag besonders im Falle der natürlichen Grenzen irritieren, denn Bergkämme oder Küsten bilden doch eigentlich sehr markante landschaftliche Einschnitte. Sie werden allerdings nur vom Menschen in dieser Form erfahren, für andere Lebewesen bedeuten sie keine natürliche Einschränkung der Bewegungsfreiheit. Ebenso wie künstlich erzeugte Hindernisse unterliegt ihr Status als Grenze also kulturellen Setzungen und konventionellen Wahrnehmungsmustern.

Im Umkehrschluss bedeutet dieser Gedanke der Konstruktion, dass Grenzen der beständigen Verteidigung bedürfen, um als solche zu gelten. Das trifft für militärische Anlagen ebenso zu wie für symbolische Grenzen im Sinne von juristischen, religiösen oder sozialen Verhaltensnormen. Geschwindigkeitsverbote oder das Haltegebot an roten Ampeln beispielsweise sind zwar in der Straßenverkehrsordnung festgelegt, ihre Gültigkeit behalten sie allerdings nur dadurch, dass sie in polizeilichen Maßnahmen überprüft werden. Grenzen manifestieren sich demnach als konkrete Gebilde oder Handlungen, die auf einer gemeinschaftlichen Übereinkunft beruhen. Ändert sich diese jedoch, und zwar dadurch, dass sie nicht mehr kontrolliert und praktiziert wird, verlieren auch die Erscheinungsformen ihre limitierende Funktion. Die Zuschreibung als Grenze erlischt.

Solche Ambivalenzen sind charakteristisch für das semantische Profil der Grenze,[3] wobei eine ihrer wichtigsten Differenzen darin besteht, dass sie sowohl als scharfer Einschnitt gedacht werden kann als auch als ein dehnbarer Ort der Überschreitungen. Ein Gartenzaun, der zwei benachbarte Grundstücke voneinander trennt, markiert sichtbar und eindeutig die Linie zwischen zwei Besitztümern (auch wenn es um sie immer wieder zum Rechtsstreit kommt), wer aber den ersten Grenzposten zwischen zwei Ländern passiert, hat damit die Grenze noch lange nicht überschritten. Erst wenn man auch die Kontrolle des Einreiselandes durchlaufen hat, ist der Wechsel von einem Staatsgebiet zum anderen abgeschlossen.

Wo aber beginnt hier die Grenze und wo hört sie auf? Welchen rechtlichen Bedingungen unterliegt der Zwischenraum? Und greift bei ihm nicht eine zeitliche Komponente, der zufolge die Grenze in Abhängigkeit zur Dauer bemessen werden muss, innerhalb derer man sie durchschreitet? Grenzen als Zonen haben offensichtlich einen anderen Status als klar definierte Grenzlinien. Sie sind nicht ausschließlich über ihren Status der Negation charakterisierbar, sondern weisen ein nicht geringes Potenzial an Eigendynamik auf,[4] das kultur- und medienwissenschaftliche Theorien als Hybridform beschreiben, durch die alternative Identitätskonzepte und produktive Weisen der Begegnung möglich werden.[5]

Die Gegensätze im begrifflichen Radius der Grenze zeigen sich nicht zuletzt daran, dass Akte der Begrenzung sowohl positiv als auch negativ bewertet sein können. So stellen strikte Grenzziehungen im Sinne von Ausschlusspraktiken – sei es aufgrund der Religion, des Geschlechts oder der Hautfarbe – Formen der Gewaltausübung dar, während andererseits subkulturelle oder künstlerische Gruppenbildungen Freiräume eröffnen können, die dem Status der Abgrenzung einen positiven Stellenwert zusprechen. Gleiches gilt für die Übertretung von Grenzen, die beispielsweise mit dem menschlichen Entdeckungseifer positiv besetzt sein können, die aber ebenso – denkt man an die Schaffung künstlicher Intelligenz – Bedrohungs- und Untergangsszenarien heraufbeschwören. Grenzen sind also nicht gleich Grenzen, und wenn man verstehen will, woher sie die breite Bedeutungsspannweite nehmen, dann muss man einen Blick werfen auf die Geschichte ihres Begriffs und die Kontexte, in denen er verwendet wurde.

Begriffs- und Bedeutungsgeschichte

Das Wort "Grenze" stammt als Lehnwort aus dem Slawischen (von polnisch granica und tschechisch hranice) und ist bereits für das 13. Jahrhundert belegt. Seine Verbreitung findet es allerdings erst im 16. Jahrhundert durch Martin Luthers Bibelübersetzung. Hierzu heißt es im "Deutschen Wörterbuch" von Jakob und Wilhelm Grimm, Luther habe "geradezu eine vorliebe für das wort"[6] gehabt. Eine Stellenkonkordanz zu anderen Übersetzungen zeigt dabei auf, dass Luther "Grenze" vor allem anstatt "Landmarke" benutzte, also vorwiegend einen territorialen Einschnitt damit meinte, der einen Besitzstand angibt. Gerade dieser Zusammenhang von Eigentum und lokaler Begrenzung gilt als ursprünglicher Gebrauchskontext des Begriffs, der sich erst mit der Herausbildung der Nationalstaaten auf einen politischen Aspekt verlagert hat. Weil im 19. Jahrhundert die Macht nicht mehr nur im Zentrum des Territoriums, sondern auch an seinen Außengrenzen verortet wird, verblasst damit einhergehend auch die Praxis, eine größere Region als Grenze zu bezeichnen. Erweiterungen auf eine abstrakte und temporale Begriffsverwendung – etwa im Hinblick auf die Grenzen des Wissens oder die Grenzen einer historischen Epoche – kommen dagegen im 18. und 19. Jahrhundert auf.

Über die spezifischen Verwendungsweisen hinaus liefert das Grimm’sche Wörterbuch zwei aufschlussreiche Bedeutungsvarianten für das Liminale, die sich seit dem 16. Jahrhundert herauskristallisiert haben: Eine erste beschreibt die Grenze als "gedachte linie, die zur scheidung von gebieten der erdoberfläche dient; der sprachgebrauch vergröbert vielfach den begriff, indem er ihn überträgt auf die äuszeren merkmale, denen die grenze folgt, z.b. wälle, wasserläufe, gebirgszüge".[7] Bemerkenswert an dieser Definition ist der bereits skizzierte Zusammenhang von sichtbarer Formation und mentaler Einstellung, die hier als sprachliche Vergröberung und Übertragung charakterisiert wird, darin aber die grundlegende Konstruktion von Grenzen bestätigt.

Die zweite Bedeutung bietet eine überraschende Erkenntnis, denn unser alltagssprachlicher Gebrauch von Grenzen als ein klarer Abschluss erweist sich in der Geschichte des Begriffs als recht späte semantische Ergänzung: "während der begriff grenze im ursprünglichen sinne auf der vorstellung eines raumes diesseits und jenseits der scheidelinie fuszt, entwickelt sich wesentlich erst seit dem 18. Jh. ein gebrauch, der von dem raum jenseits der grenze mehr oder weniger absieht und das wort so den bedeutungen ‚schranke, abschlusz, ziel, ende‘ nähert."[8] Wichtig an dieser Einschränkung ist, dass das Verständnis von Grenzen als strikter Abschluss doch wiederum eine Vorstellung ihrer Überschreitung nach sich zieht im Sinne eines Rechtsbruchs oder allgemein als Verstoß gegen die mit der Limination verbundenen Reglementierungen. Auch Vorstellungen von Grenzenlosigkeit und Unendlichkeit tauchen als Kehrseite dieser Begriffsverwendung seit dem 18. Jahrhundert auf.

In diesem Zusammenhang kann eine andere wortgeschichtliche Herleitung aufzeigen, dass die Mehrdeutigkeit der Grenze nicht nur auf eine Bedeutungserweiterung zurückzuführen ist, sondern auch mit der begrifflichen Herkunft zusammenhängt. So wird der Terminus in dem von Friedrich Kluge begründeten "Etymologischen Wörterbuch der deutschen Sprache" neben seinem slawischen Ursprung mit dem germanischen Wort "Granne" in Verbindung gebracht, das mit "Borste, Stachel an Mensch, Tier u. Pflanze"[9] übersetzt wird und im Mittelhochdeutschen sogar nur die Haarspitze meint. Grenze ist unter diesem Gesichtspunkt etwas, das nicht wirklich einem Objekt (hier: dem Körper) zugehört, aber auch noch nicht ganz von ihm unterschieden ist. Mit diesem Weder-noch erscheint die Grenze als eine fragile Angelegenheit, deren verschiedene, zum Teil widersprüchliche Nuancen es verlangen, dass die jeweilige Bedeutung aus dem Verwendungskontext erschlossen werden muss, in dem sie aktualisiert wird.

Andererseits eröffnet gerade die semantische Vielfalt der Grenze produktive Diskurse des Uneindeutigen, die vor allem in der Literatur aufzufinden sind. Es wundert daher nicht, dass es in der europäischen Literatur zahlreiche Auseinandersetzungen mit dem Phänomen der Grenze gibt, bei denen der Begriff zum Teil gegen die gängigen Bedeutungsvarianten eingesetzt und um neue Aspekte erweitert wird.[10] Auch deshalb ist es nicht unproblematisch, wenn das Grimm’sche Wörterbuch die Bedeutungsgeschichte hauptsächlich anhand literarischer Beispiele erschließt. Literarische Verwendung und alltagssprachlicher Gebrauch von Diskursen verhalten sich nicht zwangsläufig kongruent zueinander.

Fußnoten

1.
Diese und die folgenden Überlegungen basieren auf meiner einleitenden Darstellung zum Sammelband "Topographien der Grenze" und ergänzen sie um wesentliche Aspekte. Vgl. Christoph Kleinschmidt, Formen und Funktionen von Grenzen. Einleitung zu einer interdisziplinären Grenzforschung, in: ders./Christine Hewel (Hrsg.), Topographien der Grenze. Verortungen einer kulturellen, politischen und ästhetischen Kategorie, Würzburg 2011, S. 9–21.
2.
Vgl. Lucien Febvre, Das Gewissen des Historikers, hrsg. und aus dem Französischen übersetzt von Ulrich Raulff, Berlin 1988, S. 27–37.
3.
Vgl. Norbert Wokart, Differenzierungen im Begriff der "Grenze". Zur Vielfalt eines scheinbar einfachen Begriffs, in: Richard Faber/Barbara Naumann (Hrsg.), Literatur der Grenze – Theorie der Grenze, Würzburg 1995, S. 275–289.
4.
Vgl. zu verschiedenen Modellen von Grenzübergängen: Rolf Parr, Liminale und andere Übergänge. Theoretische Modellierungen von Grenzzonen, Normalitätsspektren, Schwellen, Übergängen und Zwischenräumen in Literatur und Kulturwissenschaft, in: Achim Geisenhanslüke/Georg Mein (Hrsg.), Schriftkultur und Schwellenkunde, Bielefeld 2008, S. 11–64.
5.
Vgl. Homi K. Bhabha, Die Verortung der Kultur, Tübingen 2010; Rainer Guldin, Ineinandergreifende graue Zonen. Vilém Flussers Bestimmung der Grenze als Ort der Begegnung, in: C. Kleinschmidt/C. Hewel (Anm. 1), S. 39–48.
6.
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm, 16 Bde. in 32 Teilbänden, Leipzig 1854–1961, Quellenverzeichnis Leipzig 1971, Spalten 124–153, hier: Spalte 125 (Kleinschreibung im Original), http://woerterbuchnetz.de/cgi-bin/WBNetz/wbgui_py?sigle=DWB&mode=Vernetzung&lemid=GG27579« (15.11.2013).
7.
Ebd., Spalte 127 (Kleinschreibung im Original).
8.
Ebd., Spalte 134 (Kleinschreibung im Original).
9.
Artikel zu "Grenze" in: Friedrich Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, Berlin–New York 197521, S. 269.
10.
Vgl. Monika Ehlers, Grenzwahrnehmungen. Poetiken des Übergangs in der Literatur des 19. Jahrhunderts. Kleist – Stifter – Poe, Bielefeld 1997; Eva Geulen/Stefan Kraft (Hrsg.), Grenzen im Raum – Grenzen in der Literatur, Zeitschrift für deutsche Philologie, Berlin 2010.
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