Gespannte Richtschnur auf einer Baustelle

13.1.2014 | Von:
Clemens Kroneberg

Motive und Folgen sozialer Grenzziehungen

Unser Alltag ist von sozialen Grenzen durchzogen. Sie sind häufig so selbstverständlich (geworden), dass wir ihnen kaum mehr Aufmerksamkeit schenken. Wir zählen bestimmte Personen zu unserer Familie, unseren Nachbarn, unseren Freunden und Kollegen, andere nicht. Schwieriger wird die Unterscheidung schon bei den Familien, Nachbarn und Freunden anderer, und im Streitfall bedarf es sogar manchmal juristischen Beistands, um Fragen der Zugehörigkeit – nicht immer zweifelsfrei, aber doch wenigstens rechtskräftig – zu klären.

Derartige Unterscheidungen sind zunächst nur symbolische Grenzen, das heißt sprachliche Etikettierungen zur Kategorisierung von Menschen, Praktiken, Objekten, Zeit und Raum. Zu sozialen Grenzen werden sie erst in dem Maße, wie sie bestimmte Handlungsweisen motivieren und mit ungleichem Zugang zu und Verteilungen von Ressourcen und Gelegenheiten einhergehen.[1] Beispielsweise ist die rein administrative Unterscheidung von Raumeinheiten in der amtlichen Statistik so lange sozial folgenlos, wie sie nicht die Basis für städtebauliche oder andere Maßnahmen bildet oder in die Alltagssprache übergeht, die aus räumlichen Einheiten "Orte" werden lässt, die man beispielsweise aufsuchen oder meiden sollte. Erst dann wird die Grenzziehung selbst eine Basis für die Verteilung von Lebenschancen, und es wird relevant, ob man sich diesseits oder jenseits der Grenze befindet. Soziale Grenzen sind daher häufig Gegenstand sozialer Auseinandersetzungen über ihren Verlauf, ihre Durchlässigkeit und ihre Relevanz.[2]

Die Allgegenwärtigkeit sozialer Grenzen legt nahe, eine anthropologische Notwendigkeit zur Grenzziehung zu vermuten. Und in der Tat: Insofern sich die Wirklichkeit für Menschen erst durch sprachliche Sinnzuschreibungen konstituiert und symbolische Bezeichnungen immer auf etwas Nicht-Bezeichnetes verweisen, ist eine "grenzenlose" Gesellschaft nicht vorstellbar. Menschen (ge-)brauchen symbolische Grenzen, um sich in der Welt zu orientieren, den Dingen Sinn zu verleihen und darüber auch die Voraussetzung für soziale Ordnung zu schaffen. Und da es Menschen nicht nur darum geht, die Welt zu interpretieren, sondern letztlich darum, ihre Bedürfnisse durch interessengeleitetes Handeln zu befriedigen, ist auch der Schritt zu sozialen Grenzziehungen praktisch unvermeidlich.[3]

Die anthropologische Notwendigkeit und Universalität von symbolischen und sozialen Grenzen bedeutet freilich keinesfalls, dass jede vorgenommene Grenzziehung notwendig oder gar berechtigt ist. Im Gegenteil: Entlang welcher Merkmale soziale Grenzen gezogen werden, wie durchlässig diese sind und welche Bedeutung den somit entstehenden Kategorien verliehen wird, ist hochgradig variabel. Während beispielsweise in den USA die Geburt auf US-amerikanischem Territorium oder die Einbürgerung eine Person auch in der öffentlichen Wahrnehmung zum "Amerikaner" machen, werden auf deutschen Straßen selbst solche Jugendliche häufig als "Türken" bezeichnet, deren Eltern bereits in Deutschland aufgewachsen sind und die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen.

Die Variabilität oder Kontingenz von Grenzziehungen ist ebenso im historischen Vergleich zu beobachten. Beispielsweise galten Einwanderer aus Irland oder Italien in den USA im 19. Jahrhundert noch als Mitglieder anderer "Rassen", sind mittlerweile aber zweifelsohne Teil des Mainstreams. Aus der als Feld noch relativ jungen Soziologie sozialer Grenzziehungen, die solch unterschiedliche Forschungsgebiete wie Gender Studies, Klassentheorie oder Religionssoziologie verbindet, greife ich das Beispiel ethnischer Grenzziehungen heraus und zeige an ihm sowohl die Variabilität als auch die Motive und Folgen sozialer Grenzziehungen.

Grenzziehungen gegenüber Einwanderern in Europa

Ein besonders umfassendes Bild ethnischer Grenzziehungen in Europa zeichnet eine Studie auf Basis der Daten des European Social Survey von 2003.[4] In dieser Umfrage wurden Personen aus 21 Ländern danach gefragt, wie wichtig eine Reihe von Merkmalen für die Entscheidung sein sollte, ob eine Person, die außerhalb des Landes der Befragten geboren und aufgewachsen ist, in das Land kommen und dort leben darf: weiße Hautfarbe, christliche Herkunft, Sprachfähigkeit in einer offiziellen Sprache des Aufnahmelandes, Bereitschaft zur Übernahme der Lebensweise des Aufnahmelandes, eine gute Schul- und Berufsausbildung sowie im Land benötigte berufliche Fähigkeiten. Abbildung 1 (vgl. PDF-Version) zeigt die relative Wichtigkeit, welche die Befragten aus Deutschland, Schweden, Frankreich, Großbritannien und Spanien diesen Merkmalen durchschnittlich zuschrieben. Sie gibt Aufschluss darüber, entlang welcher Merkmale in diesen Ländern symbolische Grenzen gegenüber Einwanderern gezogen wurden.

Das Muster ist zunächst erstaunlich homogen: Anpassungsbereitschaft an die Lebensweise und Sprache werden als die wichtigsten Merkmale betrachtet, gefolgt von Bildung und Arbeitsmarktbedarf, wohingegen Christentum und Hautfarbe durchschnittlich eher als unwichtig angesehen werden. Gleichwohl gibt es gewisse Unterschiede. So werden in Schweden (wie auch in Dänemark, Norwegen und der Schweiz) die Merkmale generell als etwas weniger wichtig angesehen, was in Einklang mit Schwedens offenerer Einwanderungspolitik steht. In Spanien dagegen (und ähnlich unter anderem in Portugal, Italien, Finnland und Polen) werden kulturelle Anpassungsbereitschaft und Sprache etwas geringer und dafür Christentum und Hautfarbe stärker gewichtet.

Letzteres könnte allerdings zu erheblichem Teil Ausdruck dessen sein, dass in der europäischen Peripherie der antirassistische Diskurs weniger dominant ist, sodass Animositäten gegenüber bestimmten, etwa muslimischen Minderheiten unmittelbar an Religion und Hautfarbe festgemacht werden, anstatt – politisch korrekter, aber nicht unbedingt in der Stoßrichtung verschieden – eine Anpassung in Lebensweise und Sprache zu fordern.[5]

Bemerkenswert ist schließlich die große Ähnlichkeit der symbolischen Grenzziehungen in Deutschland, Frankreich und Großbritannien, da diese eigentlich für ihre unterschiedlichen Integrationsphilosophien bekannt sind. Die der Lebensweise und Sprache zugeschriebene Bedeutung passt zwar zur republikanischen Assimilationspolitik Frankreichs, steht jedoch im Widerspruch zur multikulturellen Politik Großbritanniens. In Deutschland wurde bekanntlich lange Zeit die Realität, ein Einwanderungsland zu sein, geleugnet und die Vorstellung von Gästen mit begrenzten Rechten häufig sogar auf die Nachkommen der Gastarbeitergeneration übertragen. Die Bevölkerung dieser Länder scheint sich dagegen in ähnlicher Weise in Bezug auf die geteilte Realität großer ethnischer Minderheiten positioniert zu haben und von Einwanderern in erster Linie eine Bereitschaft zur kulturellen und sprachlichen Assimilation zu fordern.

Grenzkontroversen und ihre Wirkung auf die Betroffenen

Aber haben derartige, im Rahmen von Umfragen artikulierte Grenzziehungen überhaupt spürbare soziale Konsequenzen? Selbst in Demokratien klafft bekanntlich zwischen der öffentlichen Meinung und den politischen Entscheidungen häufig eine große Lücke, und gerade wenn es um populistisch anfällige Politikfelder wie die Migrations- und Integrationspolitik geht, wird diese Lücke von vielen Beobachtern sogar als Ausdruck einer moderaten politischen Kultur angesehen.

Auf Basis der Daten des European Social Survey lassen sich zumindest indirekte Hinweise dafür finden, dass die symbolischen Grenzen für die von ihnen betroffenen Bevölkerungssegmente folgenreich sind. So zeigt eine neuere Analyse, dass Einwanderer und deren Nachkommen mit Sprachdefiziten durchschnittlich deutlich weniger glücklich und zufrieden mit ihrem Leben sind, aber nur, wenn sie in Ländern leben, in denen die Bedeutung der Sprache für die Aufnahme von Einwanderern umstritten ist.[6] In anderen Ländern, wie Luxemburg, Belgien und Frankreich, verringern Sprachdefizite nicht das subjektive Wohlbefinden.

Das Land mit dem größten Dissens über die Bedeutung der Sprache ist Schweden, wo zur Zeit der Befragung einerseits fünf ausländischen Sprachen gesetzlich der offizielle Status einer Minderheitensprache eingeräumt wurde, andererseits die liberale Volkspartei den stark umstrittenen Vorschlag einbrachte, das Bestehen eines Sprachtests zu einer Voraussetzung für die Einbürgerung zu machen.[7]

Man kann vermuten, dass ein gesellschaftlicher Dissens über die Bedeutung und Akzeptanz bestimmter Merkmale dazu führt, dass diese Merkmale öffentlich und politisch besonders betont werden.[8] Dies wiederum würde erklären, dass sich die Personen, deren Status durch den Grenzziehungsdiskurs infrage gestellt wird, subjektiv unwohler fühlen. Daneben hat selbstverständlich auch ein weitgehender gesellschaftlicher Konsens über bestimmte Grenzziehungen häufig handfeste Konsequenzen, etwa durch die soziale (Aus-)Schließung bestimmter Gruppen und deren daran anschließende kulturelle Differenzierung. Man denke etwa an die ausgesprochen starke wohnräumliche Segregation der Schwarzen Bevölkerung in den USA und deren dadurch begünstigte sprachliche und kulturelle Eigenentwicklung.[9]

Es ergibt sich somit ein theoretisch relativ komplexes Bild, demgemäß sich Dissens oder Konsens hinsichtlich sozialer Grenzen kurz- und langfristig über unterschiedliche Mechanismen auf die Personen diesseits und jenseits der Grenze auswirken. Diese Mechanismen genauer zu identifizieren, gehört zu den Hauptaufgaben des noch jungen Forschungsfelds der Analyse von Grenzziehungen.[10]

Fußnoten

1.
Vgl. Michèle Lamont/Virág Molnár, The Study of Boundaries in the Social Sciences, in: Annual Review of Sociology, 28 (2002) 1, S. 167–195.
2.
Vgl. Andreas Wimmer, The making and unmaking of ethnic boundaries. A multi-level process theory, in: American Journal of Sociology, 113 (2008) 4, S. 970–1022.
3.
Vgl. Peter L. Berger/Thomas Luckmann, Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie, Frankfurt/M. 1980.
4.
Vgl. Christopher A. Bail, The Configuration of Symbolic Boundaries against Immigrants in Europe, in: American Sociological Review, 73 (2008) 1, S. 37–59.
5.
Vgl. ebd., S. 54.
6.
Vgl. Harald Beier/Clemens Kroneberg, Language Boundaries and the Subjective Well-Being of Immigrants in Europe, in: Journal of Ethnic and Migration Studies, 39 (2013) 10, S. 1535–1553.
7.
Vgl. Sally Boyd/Leena Marjatta Huss (Hrsg.), Managing multilingualism in a European nation-state. Challenges for Sweden, Clevedon 2001; Tommaso M. Milani, Language testing and citizenship: A language ideological debate in Sweden, in: Language in Society, 37 (2008) 1, S. 27–59.
8.
Vgl. A. Wimmer (Anm. 2).
9.
Vgl. Douglas S. Massey/Nancy A. Denton, American Apartheid: Segregation and the Making of the Underclass, Cambridge 1993.
10.
Vgl. M. Lamont/V. Molnár (Anm. 1).
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