Gespannte Richtschnur auf einer Baustelle

13.1.2014 | Von:
Clemens Kroneberg

Motive und Folgen sozialer Grenzziehungen

Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt – entlang welcher Grenzen?

Ein besonders wichtiger und häufig diskutierter Fall sozialer Grenzziehungen, der gleichzeitig auch die Herausforderungen ihrer Untersuchung deutlich macht, ist die Diskriminierung ethnischer Minderheiten. Eine Ungleichbehandlung aufgrund ethnischer Herkunft nachzuweisen, ist nicht nur im juristischen Einzelfall, sondern auch sozialwissenschaftlich kein leichtes Unterfangen. Das Ausmaß von ethnischer Diskriminierung im deutschen Bildungssystem und auf dem Arbeitsmarkt wird in der wissenschaftlichen Literatur denn auch kontrovers diskutiert.

Die Schwierigkeit des Nachweises besteht darin, dass es fast immer Alternativerklärungen für die verbleibenden Nachteile ethnischer Minderheiten im Bildungssystem oder auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt gibt. Haben etwa türkeistämmige Bewerberinnen und Bewerber schlechtere Chancen auf eine (qualifizierte) Berufstätigkeit als Bewerber deutscher Herkunft mit demselben Bildungsabschluss, so kann dies an schlechteren Sprachkenntnissen liegen. Selbst bei gleichen Sprachfähigkeiten können die schlechteren Chancen auf einen Mangel anderer Ressourcen zurückzuführen sein, etwa an arbeitsmarktrelevanten Informationen aufgrund eines homogeneren Bekanntenkreises.[11]

Eine vergleichsweise aussagekräftige Methode zum Nachweis von Diskriminierung sind sogenannte Audit-Studien, bei denen die Erfolgschancen von fingierten Bewerbungen verglichen werden, die sich möglichst nur in der ethnischen Herkunft der Bewerber voneinander unterscheiden. Im Rahmen einer Studie in einer deutschen Metropolregion riefen hierfür in einem Dreimonatszeitraum männliche und weibliche Anrufer auf alle Wohnungsanzeigen in den einschlägigen regionalen Zeitungen an.[12] Zufällig variiert wurden dabei der deutsche oder türkische Name des Anrufenden, das Vorliegen eines türkischen Akzents sowie das Vorliegen eines berufsbezogenen Zusatzsignals. Letzteres bestand in dem Zusatz, man "ziehe beruflich" in die Stadt und interessiere sich für die inserierte Wohnung. Als Maß für Diskriminierung dient die Chance, eine Einladung zum Besichtigungstermin zu erhalten, im Vergleich zu Anrufern mit deutschem Namen.

Wie an Abbildung 2 (vgl. PDF-Version) zu erkennen ist, wurden akzentfreie Anrufer mit türkischem Namen auf dieser frühen Stufe des Bewerbungsprozesses nicht diskriminiert. Ein türkischer Name mit Akzent ging dagegen mit einer deutlich geringeren Erfolgsquote einher. Dies legt einerseits die Schlussfolgerung nahe, dass die Anbieter der Mietwohnungen nicht ausländerfeindlich motiviert sind, das heißt Ausländern nicht prinzipiell den Zugang zu dem jeweiligen Mietobjekt zu verstellen versuchen. Andererseits werden türkeistämmige Personen mit Akzent erheblich benachteiligt. Interessanterweise kompensiert das Berufssignal den Akzent teilweise: Anrufer mit türkischem Akzent, die angeben, beruflich in die Stadt zu ziehen, bekommen deutlich häufiger einen Besichtigungstermin als vergleichbare Anrufer ohne dieses berufliche Zusatzsignal.

Dies spricht dafür, dass zumindest dieser Teil der Anbieter den türkischen Akzent als Hinweis auf unbeobachtete, für das Eingehen eines Mietsverhältnisses relevante Merkmale wie insbesondere die Zahlungsfähigkeit oder Sicherheit der Mietzahlungen interpretieren. Eine derartige (sogenannte statistische) Diskriminierung basiert auf der Annahme, dass das beobachtbare Merkmal – hier: die Kombination von türkischem Namen und Akzent – mit dem eigentlich interessierenden, nicht direkt zu beobachtenden Merkmal systematisch zusammenhängt. In dieser Interpretation würden die Anbieter also einen Akzent bei türkeistämmigen Einwanderern als Indiz eines niedrigeren oder unregelmäßigeren Einkommens ansehen und sie deshalb unberücksichtigt lassen, sofern es die Marktlage zulässt.

Wie schon im Falle der Länderunterschiede hinsichtlich der Grenzziehungen gegenüber Einwanderern, ergibt sich auch hier ein differenziertes Bild: Zumindest hinsichtlich der Vergabe eines Besichtigungstermins scheint es keine pauschale Diskriminierung von Personen türkischer Herkunft zu geben. Sprachdefizite führen dagegen tendenziell zu Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt, aber auch das scheint nur teilweise auf eine kulturell motivierte Ablehnung zurückzuführen zu sein.

Dass die soziale Grenze auf dem Wohnungsmarkt nicht per se zwischen Einheimischen und türkeistämmigen Personen verläuft, deckt sich übrigens mit Studien zu Nachbarschaften, die in mehreren europäischen Städten zeigen konnten, dass soziale Schließungsprozesse häufig nicht am Migrationshintergrund ansetzen, sondern an der Unterscheidung zwischen alteingesessenen Bewohnern (ohne und mit Migrationshintergrund) und Neuankömmlingen, die als potenzielle Bedrohung der etablierten Ordnung im Stadtteil gesehen werden.[13]

Diese Ergebnisse sollten Anlass sein, der Alltagstendenz zu widerstehen, Nachbarschaften, religiöse Gemeinden oder Freundschaftsnetzwerke vorschnell als Ausdruck ethnischer Gruppenbildungsprozesse zu sehen. Oftmals stehen hinter den Häufungen von Personen gleicher ethnischer Herkunft andere Gründe, wie etwa eine ähnliche Ressourcenausstattung bei der Wohnungssuche. Ebenso folgen die tatsächlichen Solidaritätsbeziehungen häufig nicht den Grenzen ethnischer Herkunftsgruppen, sondern kreuzen diese oder bestehen auf einer niedrigen Ebene, wie im Falle eines auf die jeweils eigene Familie begranzten Vertrauens.[14]

Soziale Grenzziehungen und soziale Ungleichheit

Konflikte über soziale Grenzziehungen – von der Frauenrechtsbewegung bis hin zu territorialen Grenzkonflikten zwischen Staaten – wurzeln in ihrer großen Bedeutung für den Zugang zu und die Verteilung von Lebenschancen, also den sehr realen Konsequenzen, die sie trotz ihres konstruierten und kontingenten Charakters haben. Fast immer steht hinter sozialen Grenzziehungen der Versuch von Gruppen, bestimmte Ressourcen zu monopolisieren. Man kann sogar so weit gehen, soziale Grenzziehungen als die Hauptursache sozialer Ungleichheit zu betrachten.

Dazu braucht man lediglich ein einfaches ökonomisches Argument nachzuvollziehen:[15] Wenn eine Dienstleistung oder ein Produkt besonders hoch entlohnt wird, führt dies zumeist dazu, dass eine größere Zahl an Personen motiviert wird, als Anbieter der Dienstleistung oder des Produkts aufzutreten. Die Ausweitung des Angebots würde in einem perfekten Wettbewerbsmarkt dazu führen, dass die Entlohnung (also der für Dienstleistung oder Produkt bezahlte Preis) wieder abnimmt, sodass sich keine stabilen Entlohnungsunterschiede einstellen. Die soziale Ungleichheit unter den Menschen entsteht nun zu einem großen Teil durch Wettbewerbsbeschränkungen, die eben diese Ausweitung des Angebots verhindern.

Diese sind zwar manchmal natürlichen Ursprungs (wie seltene Talente oder seltene Rohstoffe), häufig aber das Ergebnis sozialer Grenzziehungen. Man denke etwa an die Zulassungsbeschränkungen von Berufsverbänden (etwa der Ärzte), Karrierestufen (wie Professuren) oder andere Formen der "statusgemäßen" Bezahlung von Positionsinhabern (wie auch Tariflöhne). In all diesen Fällen wird einem Personenkreis, der zu ähnlichen Anstrengungen bereit und Leistungen fähig wäre, der Zugang zu dieser Position versperrt. Es entstehen Gruppen, die zu einem gewissen Grad vor Konkurrenz geschützt sind, und somit kategorial unterschiedliche Entlohnungen diesseits und jenseits einer sozialen Grenze, die unabhängig von individuellem Einsatz und Talent sind.

Andererseits wäre es soziologisch naiv, würde man jede Grenzziehung als direkte Folge eines erfolgreichen Plans mächtiger Personenkreise interpretieren. Oft entstehen Grenzen auch als unbeabsichtigte Folge aus der Interaktion verschiedener Gruppen mit je eigenen Interessen und Machtressourcen. Sind bestimmte Grenzen erst einmal etabliert, werden sie zudem in weiteren gesellschaftlichen Handlungszusammenhängen tendenziell reproduziert, selbst wenn dort das ursprüngliche Interesse an ihrer Errichtung nicht relevant ist (wie die mehr oder weniger explizite Kategorisierung bestimmter Tätigkeiten als Frauen- oder Männersache).[16]

Diese Eigendynamik einmal etablierter sozialer Grenzziehungen bringt uns zurück zur Relevanz der Sprache. Die Sprache ist nicht nur das basale Medium menschlicher Grenzziehungen, indem sie sozial geteilte Kategorisierungen ermöglicht. Sprache als eine unter vielen gesprochenen Sprachen bildet zugleich selbst die vielleicht wichtigste soziale Grenze: Sprachgemeinschaften schließen Personen, die diese Sprache nicht beherrschen, von der Alltagskommunikation weitgehend aus.[17] Entlang von Sprachgrenzen werden in Teilen unterschiedliche Wirklichkeitsdefinitionen ausgehandelt, und Mitglieder unterschiedlicher Sprachgemeinschaften werden sich ihrer wechselseitigen Fremdheit schnell bewusst.

Dies gilt besonders in den Kulturnationen, in denen der gemeinsamen Sprache historisch eine zentrale Bedeutung für die Nationenbildung zukam. Es überrascht daher nicht, dass etwa in Deutschland die Beherrschung der deutschen Sprache von der Mehrheit der Bevölkerung zu den wichtigsten Merkmalen für die Aufnahme von Einwanderern gezählt wird und sie auch auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt von großer Wichtigkeit zu sein scheint, um soziale Grenzen zu überwinden und Zugang zu weiteren Ressourcen und Gelegenheiten zu erlangen.

Fußnoten

11.
Vgl. Frank Kalter, Auf der Suche nach einer Erklärung für die spezifischen Arbeitsmarktnachteile Jugendlicher türkischer Herkunft, in: Zeitschrift für Soziologie, 35 (2006), S. 144–160.
12.
Vgl. Andreas Horr/Christian Hunkler/Clemens Kroneberg, Ethnic Discrimination in the German Housing Market. A Field Experiment on the Underlying Mechanisms, Universität Mannheim, unveröffentlichtes Manuskript, 2012.
13.
Vgl. Andreas Wimmer, Does ethnicity matter? Everyday group formation in three Swiss immigrant neighbourhoods, in: Ethnic and Racial Studies, 27 (2004) 1, S. 1–36.
14.
Vgl. Bernhard Nauck/Anette Kohlmann, Kinship as Social Capital: Network Relationships in Turkish Migrant Families, in: Rudolf Richter/Sylvia Supper (Hrsg.), New Qualities in the Life Course, Würzburg 1999, S. 199–218.
15.
Vgl. Johannes Berger, "Über den Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen." Zur Vergangenheit und Gegenwart einer soziologischen Schlüsselfrage, in: Zeitschrift für Soziologie, 33 (2004), S. 354–374.
16.
Vgl. Charles Tilly, Identities, Boundaries, and Social Ties, Boulder 2006.
17.
Vgl. Jürgen Gerhards, Mehrsprachigkeit im vereinten Europa: Transnationales sprachliches Kapital als Ressource in einer globalisierten Welt, Wiesbaden 2010.
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