Gespannte Richtschnur auf einer Baustelle
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Gated communities und andere Formen abgegrenzten Wohnens


13.1.2014
Kaum ein anderes städtebauliches Phänomen hat seit Ende der 1990er Jahre mehr mediale Aufmerksamkeit erfahren als neue Siedlungen und Apartmentanlagen, die durch Tore, Zäune oder Mauern von der Umgebung abgegrenzt sind. Inzwischen ist die Berichterstattung in den deutschsprachigen Medien zurückgegangen, wohl auch deshalb, weil sich eine befürchtete Konjunktur von sogenannten gated communities in Deutschland nicht bewahrheitet hat. Allerdings stellen die sichtbar abgezäunten und abgesicherten Wohnsiedlungen nur eine besonders augenfällige Form des Phänomens segregierten Wohnens dar. Jüngere Forschung verweist darauf, dass sich exklusive Wohnsiedlungen je nach sozialem, kulturellem oder regulatorischem Umfeld anders ausprägen und die sichtbar umzäunten Formen dabei zumeist die Ausnahme bleiben. Soziale Grenzziehung im Wohnbereich erfolgt auch durch die Herstellung symbolisch markierter Räume.[1]

Eine Fokussierung der Debatte allein auf sichtbare Zäune und Mauern wird den unterschiedlichen Formen sozialer Grenzziehung im Wohnbereich daher nicht gerecht. Für die Frage nach aktuellen Vorgängen der Grenzziehungen in der Stadt lohnt es sich, Entwicklungen auf dem Immobilienmarkt jenseits der offensichtlichen gated communities ins Auge zu fassen.

Binnendifferenzierung des Städtischen



Fragen nach der internen Differenzierung der Stadt, nach Abgrenzungsbewegungen und Grenzziehungen stehen im Zentrum des Interesses der sozialwissenschaftlichen Stadtforschung seit deren Institutionalisierung im späten 19. Jahrhundert. Die Stadt wurde zu einem wissenschaftlichen Problem in dem Moment, als mit der Industrialisierung in großer Zahl Arbeiter in die Städte kamen und die alte ständische Ordnung sich endgültig aufzulösen begann. Verstärkt trafen nun unterschiedliche Lebensweisen und Klassen aufeinander. Aus dem Interesse für mögliche Folgen dieser Konzentration entwickelten sich die ersten Arbeiten der Stadtsoziologie.[2] Im Zentrum der einflussreichen sogenannten Chicagoer Schule stand der Versuch, die hintergründigen Ordnungsmuster zu beschreiben, nach denen sich die verschiedenen Gruppen und Einkommensschichten in der modernen Großstadt sortieren.[3] Die Frage, ob die damals am Beispiel Chicagos herausgearbeiteten Segregationsmuster auch heute Bestand haben, oder inwiefern wir es eher mit einer sich "zersplitternden Stadtlandschaft" der Postmoderne zu tun haben, prägt die Stadtforschung bis heute.[4]

Fragen der Binnendifferenzierung und der Nachvollzug sicht- und unsichtbarer Grenzen in der Stadt gehören somit zum Kern der Stadtforschung. Entsprechend groß ist das Interesse für die städtebaulichen Formen sozialer Segregationsprozesse. Die sogenannten gated communities stellen hier in jüngerer Zeit eine besonders viel beachtete Form dar.

Gated communities und europäische Vorläufer



Die Bezeichnung sichtbar abgegrenzter und in vielen Fällen bewachter Wohnanlagen als gated community hat ihren Ursprung in den USA. Die Immobilienwirtschaft in Nordamerika vermarktet seit Anfang des 20. Jahrhunderts die privatwirtschaftlich von developern geplanten und entwickelten suburbanen (meist Einfamilienhaus-)Siedlungen als communities. Die Wahl dieses Begriffs war kein Zufall, denn community steht im Englischen nicht nur für Gemeinde oder Nachbarschaft, sondern transportiert auch die Konnotation von "Gemeinschaft". Die neu errichteten Siedlungen wurden damit aus Marketingerwägungen in einen Gegensatz zum vermeintlich anonymen Leben in den Zentren gestellt.

Der Begriff community ist aber ein Euphemismus. Verschiedene Studien haben gezeigt, dass der soziale Zusammenhalt innerhalb geschlossener und bewachter Nachbarschaften nicht größer ist als außerhalb. Mit dem Zusatz gated versah die Immobilienwerbung jenen Teil dieser Siedlungen, die als verkaufsförderndes Argument mit einem Schlagbaum und Zugangskontrollen versehen wurden und zusätzlich noch Sicherheit verheißen sollten.

Im Kern geht es also um privatwirtschaftlich entwickelte Wohnsiedlungen. Treffender wäre daher die (zugegebenermaßen etwas nüchterne) Bezeichnung "privat beziehungsweise gemeinschaftlich organisierte und bewachte Wohnsiedlungen und -anlagen". In den USA stieg die Zahl privat organisierter Siedlungen seit Anfang des 20. Jahrhunderts rasch an. Für 2002 geht die Community Association of America davon aus, dass etwa 47 Millionen, das heißt ein Sechstel der US-Bevölkerung, in einer der mehr als 230.000 privatwirtschaftlich organisierten Nachbarschaften wohnt, wobei ungefähr jede fünfte dieser Siedlungen gated ist.[5]

Privatwirtschaftlich entwickelte und geschlossene Wohnanlagen sind allerdings keine nordamerikanische Erfindung. So lässt sich zeigen, dass in den rasch wachsenden europäischen Metropolen des 19. Jahrhunderts private Investoren Wohnsiedlungen entwickelt haben, deren Konzeption in vielem den zeitgenössischen gated communities ähnelt: So wurden beispielsweise Villenkolonien, die ab den 1860er Jahren im damaligen Umland von Berlin entstanden sind, von privaten Investoren und Gesellschaften entwickelt. Diese bauten Straßen, modellierten und inszenierten die Landschaft und stellten die technische Erschließung sicher. Viele Einrichtungen wie Schulen, Strom- und Gasversorgung wurden (zunächst) privatwirtschaftlich oder gemeinschaftlich und nicht kommunal organisiert.

Die Kolonien wurden zwar nicht umzäunt und bewacht, aber die Bauherren sicherten den exklusiven Charakter durch Bau- und Gestaltungsvorschriften mittels Grundbucheinträgen und privatrechtlichen Vereinbarungen (so wurden beispielsweise finanzschwächere Haushalte durch das Verbot von Mehrfamilienhäusern exkludiert).

In Paris entstanden ab der Mitte des 19. Jahrhunderts die Villas: privat erschlossene, gemeinschaftlich verwaltete und geschlossene Wohnviertel wie die Villa Montmorency im 16. Arrondissement von Paris. Hier kümmert sich seit 1853 eine Eigentümergemeinschaft um die Verwaltung und Regulierung der gemeinschaftlichen Flächen. Bis heute ist das Gelände umzäunt und wird bewacht. Im Londoner Westend waren bereits seit Anfang des 19. Jahrhunderts exklusive Siedlungen entstanden, deren Zugänge geschlossen waren und teilweise bewacht wurden. Man könnte daher die nordamerikanischen gated communities mit einer gewissen Plausibilität sogar als europäische Erfindung beurteilen.[6]

Anders als in den USA kam die Entwicklung solcher privat entwickelter und organisierter Wohnsiedlungen in Europa mit der Stärkung kommunal-wohlfahrtsstaatlicher Strukturen im 20. Jahrhundert zum Erliegen, und erst in jüngster Zeit entstehen in einigen Ländern Europas (wieder) privatwirtschaftlich entwickelte und privat organisierte, bewachte Wohnanlagen.[7]

Ausprägungen bewachter Wohnanlagen



Nachdem die mediale und wissenschaftliche Auseinandersetzung mit gated communities in den 1990er Jahren zunächst in hohem Maße auf Entwicklungen in den USA fokussiert war, kamen ab Ende der 1990er Jahre städtebauliche Entwicklungen in zahlreichen anderen Regionen der Welt ins Blickfeld, die zunächst vielfach als eine Ausbreitung beziehungsweise Globalisierung des Modells von gated communities beschrieben wurden. Detaillierte Studien zeigen, dass Vorbilder aus den USA zwar einflussreich sind und in gewissem Maße zu einer weltweit verfügbaren Blaupause für die Entwicklung von Wohnsiedlungen wurden – ähnlich wie Shoppingcenter seit den 1970er Jahren für Einzelhandelsprojekte. Gleichzeitig weisen diese Studien jedoch darauf hin, dass es eine Vielzahl unterschiedlicher städtebaulicher, sozio-politischer und sozio-ökonomischer Kontexte gibt, in denen unterschiedliche Formen einer privatwirtschaftlichen oder gemeinschaftlichen Organisation von Nachbarschaften mit wiederum unterschiedlichen Formen der Abschottung und Bewachung kombiniert werden.

In Saudi-Arabien haben auf Wunsch der Regierung westliche Unternehmen, die in dem Land tätig sind, für ihre Arbeitskräfte aus Europa, den USA und der Levante abgeschlossene und bewachte compounds errichtet, deren städtebaulich-morphologische Strukturen vielfach den gated communities in den USA ähneln.

In den rasch wachsenden Metropolen Chinas entstehen verschiedene Formen eines bewachten und gemeinschaftlich beziehungsweise privatwirtschaftlich organisierten Wohnens nebeneinander: So werden ländliche Siedlungen, die gemeinschaftlich verwaltet wurden, im Zuge der Verstädterung zu sogenannten urban villages. Die Nutzung des Bodens bleibt dabei in der Hand der (ehemaligen) Dorfbewohner und in einigen Fällen entwickeln diese bewachte Apartmentkomplexe, die sie gewinnbringend vermieten. Daneben existieren abgeschlossene Arbeitersiedlungen von Unternehmen und es entstehen an den Rändern der Metropolen luxuriöse bewachte Einfamilienhaussiedlungen.

In Südafrika und einigen Ländern Lateinamerikas gibt es innerstädtische Apartmentanlagen sowie suburbane Einfamilienhaussiedlungen, die als bewachte und gemeinschaftlich verwaltete Nachbarschaften geplant und vermarktet wurden und werden. Daneben entwickeln sich aber auch in bestehenden Nachbarschaften neue gemeinschaftliche Formen der Selbstverwaltung, die beispielsweise eine nachträgliche Abgrenzung und Überwachungsstrukturen organisieren.[8]


Fußnoten

1.
Vgl. Judit Bodnar/Virág Molnár, Reconfiguring Private and Public: State, Capital and New Housing Developments in Berlin and Budapest, in: Urban Studies, 47 (2010) 4, S. 789–812.
2.
Vgl. Georg Simmel, Die Großstädte und das Geistesleben, Frankfurt/M. 2006 (1903).
3.
Vgl. Robert E. Park et al., The City, Chicago 1925.
4.
Vgl. Stephen Graham/Simon Marvin, Splintering Urbanism, London 2001.
5.
Vgl. Renaud Le Goix/Chris Webster, Gated Communities, in: Geography Compass, 2 (2008) 4, S. 1189–1214.
6.
Vgl. Georg Glasze, Bewachte Wohnkomplexe und "die europäische Stadt" – eine Einführung, in: Geographica Helvetica, 58 (2003) 4, S. 286–292.
7.
Das Aufkommen wird insbesondere in einigen mittel- und osteuropäischen Transformationsstaaten beobachtet, aber beispielsweise auch in Großbritannien, Frankreich und Spanien. Vgl. G. Glasze (Anm. 6); Zóltan Cséfalvay/Chris Webster, Gates or no Gates? A cross-European Enquiry into the Driving Forces behind Gated Communities, in: Regional Studies, 46 (2006) 3, S. 293–308.
8.
Vgl. Georg Glasze et al. (Hrsg.), Private Cities, London–New York 2006.
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Autoren: Henning Füller, Georg Glasze für bpb.de
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