Gespannte Richtschnur auf einer Baustelle
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Gated communities und andere Formen abgegrenzten Wohnens


13.1.2014
Kaum ein anderes städtebauliches Phänomen hat seit Ende der 1990er Jahre mehr mediale Aufmerksamkeit erfahren als neue Siedlungen und Apartmentanlagen, die durch Tore, Zäune oder Mauern von der Umgebung abgegrenzt sind. Inzwischen ist die Berichterstattung in den deutschsprachigen Medien zurückgegangen, wohl auch deshalb, weil sich eine befürchtete Konjunktur von sogenannten gated communities in Deutschland nicht bewahrheitet hat. Allerdings stellen die sichtbar abgezäunten und abgesicherten Wohnsiedlungen nur eine besonders augenfällige Form des Phänomens segregierten Wohnens dar. Jüngere Forschung verweist darauf, dass sich exklusive Wohnsiedlungen je nach sozialem, kulturellem oder regulatorischem Umfeld anders ausprägen und die sichtbar umzäunten Formen dabei zumeist die Ausnahme bleiben. Soziale Grenzziehung im Wohnbereich erfolgt auch durch die Herstellung symbolisch markierter Räume.[1]

Eine Fokussierung der Debatte allein auf sichtbare Zäune und Mauern wird den unterschiedlichen Formen sozialer Grenzziehung im Wohnbereich daher nicht gerecht. Für die Frage nach aktuellen Vorgängen der Grenzziehungen in der Stadt lohnt es sich, Entwicklungen auf dem Immobilienmarkt jenseits der offensichtlichen gated communities ins Auge zu fassen.

Binnendifferenzierung des Städtischen



Fragen nach der internen Differenzierung der Stadt, nach Abgrenzungsbewegungen und Grenzziehungen stehen im Zentrum des Interesses der sozialwissenschaftlichen Stadtforschung seit deren Institutionalisierung im späten 19. Jahrhundert. Die Stadt wurde zu einem wissenschaftlichen Problem in dem Moment, als mit der Industrialisierung in großer Zahl Arbeiter in die Städte kamen und die alte ständische Ordnung sich endgültig aufzulösen begann. Verstärkt trafen nun unterschiedliche Lebensweisen und Klassen aufeinander. Aus dem Interesse für mögliche Folgen dieser Konzentration entwickelten sich die ersten Arbeiten der Stadtsoziologie.[2] Im Zentrum der einflussreichen sogenannten Chicagoer Schule stand der Versuch, die hintergründigen Ordnungsmuster zu beschreiben, nach denen sich die verschiedenen Gruppen und Einkommensschichten in der modernen Großstadt sortieren.[3] Die Frage, ob die damals am Beispiel Chicagos herausgearbeiteten Segregationsmuster auch heute Bestand haben, oder inwiefern wir es eher mit einer sich "zersplitternden Stadtlandschaft" der Postmoderne zu tun haben, prägt die Stadtforschung bis heute.[4]

Fragen der Binnendifferenzierung und der Nachvollzug sicht- und unsichtbarer Grenzen in der Stadt gehören somit zum Kern der Stadtforschung. Entsprechend groß ist das Interesse für die städtebaulichen Formen sozialer Segregationsprozesse. Die sogenannten gated communities stellen hier in jüngerer Zeit eine besonders viel beachtete Form dar.

Gated communities und europäische Vorläufer



Die Bezeichnung sichtbar abgegrenzter und in vielen Fällen bewachter Wohnanlagen als gated community hat ihren Ursprung in den USA. Die Immobilienwirtschaft in Nordamerika vermarktet seit Anfang des 20. Jahrhunderts die privatwirtschaftlich von developern geplanten und entwickelten suburbanen (meist Einfamilienhaus-)Siedlungen als communities. Die Wahl dieses Begriffs war kein Zufall, denn community steht im Englischen nicht nur für Gemeinde oder Nachbarschaft, sondern transportiert auch die Konnotation von "Gemeinschaft". Die neu errichteten Siedlungen wurden damit aus Marketingerwägungen in einen Gegensatz zum vermeintlich anonymen Leben in den Zentren gestellt.

Der Begriff community ist aber ein Euphemismus. Verschiedene Studien haben gezeigt, dass der soziale Zusammenhalt innerhalb geschlossener und bewachter Nachbarschaften nicht größer ist als außerhalb. Mit dem Zusatz gated versah die Immobilienwerbung jenen Teil dieser Siedlungen, die als verkaufsförderndes Argument mit einem Schlagbaum und Zugangskontrollen versehen wurden und zusätzlich noch Sicherheit verheißen sollten.

Im Kern geht es also um privatwirtschaftlich entwickelte Wohnsiedlungen. Treffender wäre daher die (zugegebenermaßen etwas nüchterne) Bezeichnung "privat beziehungsweise gemeinschaftlich organisierte und bewachte Wohnsiedlungen und -anlagen". In den USA stieg die Zahl privat organisierter Siedlungen seit Anfang des 20. Jahrhunderts rasch an. Für 2002 geht die Community Association of America davon aus, dass etwa 47 Millionen, das heißt ein Sechstel der US-Bevölkerung, in einer der mehr als 230.000 privatwirtschaftlich organisierten Nachbarschaften wohnt, wobei ungefähr jede fünfte dieser Siedlungen gated ist.[5]

Privatwirtschaftlich entwickelte und geschlossene Wohnanlagen sind allerdings keine nordamerikanische Erfindung. So lässt sich zeigen, dass in den rasch wachsenden europäischen Metropolen des 19. Jahrhunderts private Investoren Wohnsiedlungen entwickelt haben, deren Konzeption in vielem den zeitgenössischen gated communities ähnelt: So wurden beispielsweise Villenkolonien, die ab den 1860er Jahren im damaligen Umland von Berlin entstanden sind, von privaten Investoren und Gesellschaften entwickelt. Diese bauten Straßen, modellierten und inszenierten die Landschaft und stellten die technische Erschließung sicher. Viele Einrichtungen wie Schulen, Strom- und Gasversorgung wurden (zunächst) privatwirtschaftlich oder gemeinschaftlich und nicht kommunal organisiert.

Die Kolonien wurden zwar nicht umzäunt und bewacht, aber die Bauherren sicherten den exklusiven Charakter durch Bau- und Gestaltungsvorschriften mittels Grundbucheinträgen und privatrechtlichen Vereinbarungen (so wurden beispielsweise finanzschwächere Haushalte durch das Verbot von Mehrfamilienhäusern exkludiert).

In Paris entstanden ab der Mitte des 19. Jahrhunderts die Villas: privat erschlossene, gemeinschaftlich verwaltete und geschlossene Wohnviertel wie die Villa Montmorency im 16. Arrondissement von Paris. Hier kümmert sich seit 1853 eine Eigentümergemeinschaft um die Verwaltung und Regulierung der gemeinschaftlichen Flächen. Bis heute ist das Gelände umzäunt und wird bewacht. Im Londoner Westend waren bereits seit Anfang des 19. Jahrhunderts exklusive Siedlungen entstanden, deren Zugänge geschlossen waren und teilweise bewacht wurden. Man könnte daher die nordamerikanischen gated communities mit einer gewissen Plausibilität sogar als europäische Erfindung beurteilen.[6]

Anders als in den USA kam die Entwicklung solcher privat entwickelter und organisierter Wohnsiedlungen in Europa mit der Stärkung kommunal-wohlfahrtsstaatlicher Strukturen im 20. Jahrhundert zum Erliegen, und erst in jüngster Zeit entstehen in einigen Ländern Europas (wieder) privatwirtschaftlich entwickelte und privat organisierte, bewachte Wohnanlagen.[7]

Ausprägungen bewachter Wohnanlagen



Nachdem die mediale und wissenschaftliche Auseinandersetzung mit gated communities in den 1990er Jahren zunächst in hohem Maße auf Entwicklungen in den USA fokussiert war, kamen ab Ende der 1990er Jahre städtebauliche Entwicklungen in zahlreichen anderen Regionen der Welt ins Blickfeld, die zunächst vielfach als eine Ausbreitung beziehungsweise Globalisierung des Modells von gated communities beschrieben wurden. Detaillierte Studien zeigen, dass Vorbilder aus den USA zwar einflussreich sind und in gewissem Maße zu einer weltweit verfügbaren Blaupause für die Entwicklung von Wohnsiedlungen wurden – ähnlich wie Shoppingcenter seit den 1970er Jahren für Einzelhandelsprojekte. Gleichzeitig weisen diese Studien jedoch darauf hin, dass es eine Vielzahl unterschiedlicher städtebaulicher, sozio-politischer und sozio-ökonomischer Kontexte gibt, in denen unterschiedliche Formen einer privatwirtschaftlichen oder gemeinschaftlichen Organisation von Nachbarschaften mit wiederum unterschiedlichen Formen der Abschottung und Bewachung kombiniert werden.

In Saudi-Arabien haben auf Wunsch der Regierung westliche Unternehmen, die in dem Land tätig sind, für ihre Arbeitskräfte aus Europa, den USA und der Levante abgeschlossene und bewachte compounds errichtet, deren städtebaulich-morphologische Strukturen vielfach den gated communities in den USA ähneln.

In den rasch wachsenden Metropolen Chinas entstehen verschiedene Formen eines bewachten und gemeinschaftlich beziehungsweise privatwirtschaftlich organisierten Wohnens nebeneinander: So werden ländliche Siedlungen, die gemeinschaftlich verwaltet wurden, im Zuge der Verstädterung zu sogenannten urban villages. Die Nutzung des Bodens bleibt dabei in der Hand der (ehemaligen) Dorfbewohner und in einigen Fällen entwickeln diese bewachte Apartmentkomplexe, die sie gewinnbringend vermieten. Daneben existieren abgeschlossene Arbeitersiedlungen von Unternehmen und es entstehen an den Rändern der Metropolen luxuriöse bewachte Einfamilienhaussiedlungen.

In Südafrika und einigen Ländern Lateinamerikas gibt es innerstädtische Apartmentanlagen sowie suburbane Einfamilienhaussiedlungen, die als bewachte und gemeinschaftlich verwaltete Nachbarschaften geplant und vermarktet wurden und werden. Daneben entwickeln sich aber auch in bestehenden Nachbarschaften neue gemeinschaftliche Formen der Selbstverwaltung, die beispielsweise eine nachträgliche Abgrenzung und Überwachungsstrukturen organisieren.[8]

Abgrenzung ohne Zaun



Studien zur Zuzugsmotivation in gated communities weisen darauf hin, dass die Fokussierung der medialen und wissenschaftlichen Debatte auf sichtbare Grenzziehungen zu kurz greift. So konnten Studien zu den hochpreisigen, bewachten Wohnanlagen in den USA, Südafrika und Lateinamerika zwar zeigen, dass die Angst vor Kriminalität und der Wunsch nach einem "Leben hinter dem Zaun" eine häufig genannte Antwort auf die Frage nach der Zuzugsmotivation ist.[9] Viele andere Fallstudien kamen allerdings zu dem Ergebnis, dass Kriminalitätsangst und der vermeintliche Schutz durch Tore und Zäune keine große Rolle als Zuzugsmotive gespielt haben, wohl aber die Suche nach einem Wohnumfeld, das gewisse Erwartungssicherheiten bietet (je nach gesellschaftlichem Kontext beispielsweise die gesicherte Versorgung mit Elektrizität und Trinkwasser im Libanon, die Sicherheit, keine störenden Nachbarn aushalten zu müssen, in den USA, oder die Sicherheit, eine funktionierende Freizeitinfrastruktur vorzufinden, in Istanbul).[10]

Vielfach wird zudem die Erwartungssicherheit bezüglich der ästhetischen Gestaltung des Wohnumfeldes hervorgehoben. Als Ergebnis einer Untersuchung unterschiedlicher gated communities in Portugal stellt beispielsweise die Soziologin Rita Raposo heraus, dass das ästhetisierte Wohnumfeld der vielfach entscheidende Kaufanreiz für die Bewohner sei. Privat regulierte Nachbarschaften bieten in ihrer architektonischen Anlage, aber auch über die oftmals rigide Gestaltungssatzung die Sicherheit einer bestimmten Ästhetik. Zudem filtern die oft in einem ähnlichen Preissegment vermarkteten Häuser und die für Gemeinschaftseinrichtung fälligen Umlagen die möglichen Bewohner entlang eines bestimmten Einkommens vor. Zusätzlich zu dem Eigenheim erwerben die Käufer in einer solchen Siedlung relativ verlässlich auch eine ökonomisch homogene Nachbarschaft, zu einem bestimmten Lebensstil passende Sport- und Freizeitmöglichkeiten sowie das entsprechend gestaltete Wohnumfeld.[11]

Auch für den Geografen Choon-Piew Pow ist die Selbstversicherung eines bestimmten Lebensstils und nicht der Sicherheitsgedanke das entscheidende Merkmal der von ihm im Umkreis von Shanghai untersuchten gated communities. Pow bezeichnet gated communities in diesem Sinne als "erziehende Landschaft", welche es ökonomisch erfolgreichen Chinesen erleichtert, sich einen bestimmten westlichen Mittelschicht-Lebensstil anzueignen. "Gated communities in this context may be considered as prime sites for the performance of class identities and the development of a self-conscious middle-class aesthetic sensibility and ‚taste structure‘ cultivated through the appropriation of landscape and class narratives."[12]

Gated communities funktionieren in dieser Perspektive vor allem durch eine soziale Grenzziehung, das heißt durch die Herstellung eines bestimmten, klar identifizierbaren und abgegrenzten Wohnumfelds, und nur sekundär durch die physische Unüberwindbarkeit der Umzäunung.

Innerstädtisches Luxuswohnen



Vor dem Hintergrund dieser Erkenntnis stellen einige Autorinnen und Autoren Bezüge zwischen den zumeist suburbanen gated communities und jüngeren Entwicklungen auf den innerstädtischen Immobilienmärkten heraus. Im Kontext einer vielbeschworenen "Renaissance der Innenstädte", das heißt einem gestiegenen Interesse an innerstädtischen Wohnlagen bei zahlungskräftigen Käufern, kommt es derzeit etwa in Metropolen der USA, aber auch in deutschen Großstädten verstärkt zur Entwicklung von hochpreisigen Wohnprojekten in zentralen Lagen. Diese Projekte weisen zwar in der Regel keine Schlagbäume und Umzäunungen auf, wohl aber definieren Architektur, städtebauliche Gestaltung, Serviceangebot und Vermarktung soziale Grenzen.[13]

Das neue hochpreisige Wohnen wird häufig mit dem Versprechen verkauft, dass mit der Wohnung eine bestimmte Lebensweise verbunden ist, und dass von Seiten der Entwickler umfassend Sorge getragen wurde, diesen Lebensstil wahrscheinlich zu machen. Inhaltlich ist der Lebensstil über die Projekte hinweg relativ eng gefasst und lässt sich als "abgesichertes urbanes Leben" zusammenfassen. Das Marketing für neues innerstädtisches Luxuswohnen sowohl in den USA als auch in Deutschland dreht sich fast immer um das Versprechen, das "Urbane" (in Form der vielfältigen, erlebnisreichen Angebote der Stadt) und das "Abgesicherte" (in Form eines über die Wohnung hinaus ausgeweiteten Bereichs privater Häuslichkeit) zu verbinden.

Entsprechend werden Lage und Architektur der Projekte gewählt. Im Idealfall liegt ein solches Wohnprojekt, teils explizit als urban village vermarktet, fußläufig zu einer Vielfalt von Konsum-, Gastronomie und Unterhaltungsmöglichkeiten (das Urbane) und erlaubt es zugleich, dem Chaos des städtischen Lebens in einen wohlgeordneten, abgeschiedenen und ästhetisch ansprechenden Raum zu entfliehen (das Abgesicherte).

Ein Beispiel für diesen auf einen abgesicherten urbanen Lebensstil ausgerichteten innerstädtischen Neubau bietet das Projekt "Marthashof" im Berliner Bezirk Pankow. Auf einem Areal von etwa 12.000 Quadratmetern sind dort U-förmig um einen begrünten Hof Townhouses und Geschosswohnungen entstanden, "mit allen Vorteilen, die eine lebhafte und kreative Stadt wie Berlin bietet", aber auch als "eine Idylle, wo Menschen sich beschützt und geborgen fühlen können", so der Entwickler in einem Interview.[14] Analog verspricht das Schwesterprojekt "b.nau" dem Bewohner "das intensive Berliner Leben (…). Gleichzeitig bietet das Innere einen privaten, ruhigen Rückzugsort, um wieder Kraft für die Erlebnisse der Stadt zu tanken."[15]

Damit das Versprechen abgesicherter Urbanität beziehungsweise eines urban village überzeugt, bedarf es vor allem einer Verschiebung der Grenze zwischen öffentlichen und privaten Räumen der Stadt. Die "intensive, lebhafte, kreative" Stadt gilt es, sich bei Bedarf vom Leib zu halten, und gleichsam als Puffer kehren die Projekte die gestaltete Außenanlagen und Gemeinschaftsflächen als Bereiche abgestufter Privatheit besonders heraus. Ein Hofbereich ist im Geschosswohnungsbau nichts unübliches, diese Bereiche bekommen in dem Marketing jedoch eine besondere Aufmerksamkeit als Verstärker des entworfenen Lebensstils. Bei "Marthashof" verdeutlicht gerade der Hofbereich jene angepeilte "Lebensqualität ohne Kompromisse", die "Freiraum und Geborgenheit, Sicherheit und gute Nachbarschaft, ökologischen Anspruch und Funktionalität" vereint.[16]

In dem Eigenmarketing des luxuriösen Apartmenthauses "yoo" am Spreeufer in Berlin-Mitte heißt es, "yooberlin ist vor allem ein Lebensstil"; die schlüsselfertigen Wohnungen sind bei Fertigstellung komplett möbliert in einer von vier urbanen Lebensstilvarianten durch den Star-Designer Philippe Starck. Auch der halböffentliche Bereich fällt hier "urbaner" aus als im Beispiel "Marthashof", gegenüber dem "ökologischen Anspruch" des begrünten Hofs zitiert "yoo" "Berlin als Weltbühne". Gemeinschaftsflächen sind hier nach außen abgeschlossene Atrien, ein hauseigenes Café sowie ein exklusiver Wellnessbereich.[17]

In beiden Fällen kommt der Gestaltung des Wohnumfelds besondere Aufmerksamkeit zu und unterstreicht die Funktion der Immobilie als Lebensstil-Accessoire. Nach außen wirkt die gestalterische Markierung als symbolische Abgrenzung gegenüber der restlichen Stadt.[18]

In der symbolischen Abgrenzung nach außen und einem klar markierten Lebensstilangebot nach innen weisen zahlreiche aktuelle Projekte innerstädtischen Luxuswohnens Parallelen zu klassischen gated communities auf. Auch das hochpreisige innerstädtische Wohnen schafft einen exklusiven "semi-privaten" Bereich mit klar vorgegebener Ästhetik. Die Wohnprojekte tragen in markanter Weise zu einer "Verhäuslichung" des Städtischen bei.[19] In den urban villages, Hofgärten und Atrien entstehen homogene, konsensuale, vorhersehbare und abgeschlossene Räume. Von der Anlage her kontrastieren die Räume innerstädtischen Luxuswohnens mit den idealtypischen Kennzeichen von Öffentlichkeit im Sinne von Pluralität, Begegnungen, Spontanität und Konflikt.

Verhäuslichte Städte



Die Gemeinsamkeiten von Projekten innerstädtischen Luxuswohnens und suburbanen gated communities verdeutlichen, dass es bei der Frage nach innerstädtischer Grenzziehung immer auch um soziale Grenzen geht. Die Fokussierung auf den Schlagbaum oder den Zaun um die suburbane Wohnanlage kann den Blick darauf verstellen, inwiefern andere Formen des Wohnens eventuell weniger sichtbare, aber ebenso relevante Grenzen durch die Stadt ziehen.

Marktwirtschaftlich organisierte Immobilienmärkte führen immer dazu, dass Bevölkerung gemäß der Verfügbarkeit von ökonomischem (sowie sozialem und kulturellem) Kapital in spezifische Räume der Stadt "sortiert" wird. Privatwirtschaftlich entwickelte und vermarktete bewachte Wohnanlagen verschärfen diese Segregation insofern, als nicht nur das Wohnen, sondern auch der Zugang zu bestimmten Stadträumen gemäß der ökonomischen Leistungsfähigkeit organisiert wird.

Einige Autorinnen und Autoren weisen auf der Basis von Studien in London und Chile darauf hin, dass gerade mit den neuen innerstädtischen Wohnanlagen die "Korngröße" der Segregation verändert wird. So würden exklusive und teilweise bewachte Apartmentanlagen zum Teil auch in Stadtvierteln errichtet, die bislang eher von ökonomisch weniger leistungsfähigen Haushalten bewohnt wurden. Analog entstehen Projekte innerstädtischen Luxuswohnens bevorzugt auch in Quartieren, denen aufgrund günstiger Mieten und nicht erfolgter Sanierung besonders urbane Qualitäten zugeschrieben werden.

Einerseits kann dies als Beleg für eine abnehmende Segregation gesehen werden. Auf Quartiersebene komme es zu einem engeren Nebeneinander unterschiedlicher sozio-ökonomischer Schichten als bislang.[20] Andererseits verändern sich die Stadtquartiere durch die inselhafte Segregation von Mittel- und Oberschichten in diesen Vierteln.

Es entstehen durch den Zuzug veränderte Konsummuster, und der lokale Einzelhandel passt sich tendenziell mit einem hochpreisigeren Angebot an die neue Kaufkundschaft an. Für die bisherigen Bewohner bedeutet dies ein eingeschränktes Angebot. Es sinkt mit dem Zuzug oftmals auch die Toleranz gegenüber deviantem Verhalten. Die Verhäuslichung städtischer Teilräume wirkt sich auf die umliegende Nachbarschaft aus. Mit den höheren Kaufpreisen für eine der neu gebauten und mit Zusatzangeboten versehenen Häuser beziehungsweise Wohnungen entsteht häufig eine bestimmte Erwartung an die Lagequalität innerhalb der Stadt. Die Sichtbarkeit marginalisierter Gruppen wie etwa Wohnungsloser oder Bettler im Stadtraum stört diese Erwartung. Die örtliche Polizei registriert nicht selten dort ein erhöhtes Beschwerdeaufkommen, wo kürzlich neu gebaut oder saniert wurde.[21]

Fazit



Hitzige Debatten um gated communities und die dort unmittelbar gezogene Schlussfolgerung von städtebaulich-morphologischen Formen (wie Tore, Zäune, Mauern) auf bestimmte soziale Prozesse (zunehmende soziale Spaltung der Gesellschaft) greifen sicherlich zu kurz. In zahlreichen Immobilienmärkten lässt sich etwa beobachten, dass bewachte Wohnanlagen nicht ausschließlich für die sozio-ökonomischen Eliten errichtet werden, sondern vielfach in besonders hohem Maße auch für eine breite mittlere Einkommensgruppe.[22] Auf der anderen Seite vollziehen sich Prozesse innerstädtischer Grenzziehung vielfach auch ohne Schlagbäume, Zäune und Mauern. Das "Suchraster" gated community ist für die Analyse städtischer Grenzziehungen zu grob.

Die sozial und politisch relevanten Grenzziehungen in Städten verlaufen nicht zwingend und nicht ausschließlich entlang sichtbarer Zäune und Mauern. Städtebauliche Formen sind ein Ausdruck gesellschaftlicher Entwicklungen und ein Ansatzpunkt für die Analyse. Letztlich bedarf es für das Verständnis von Grenzziehung in Städten aber immer auch der Berücksichtigung gesellschaftlicher Macht- und Hierarchieverhältnisse.

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Fußnoten

1.
Vgl. Judit Bodnar/Virág Molnár, Reconfiguring Private and Public: State, Capital and New Housing Developments in Berlin and Budapest, in: Urban Studies, 47 (2010) 4, S. 789–812.
2.
Vgl. Georg Simmel, Die Großstädte und das Geistesleben, Frankfurt/M. 2006 (1903).
3.
Vgl. Robert E. Park et al., The City, Chicago 1925.
4.
Vgl. Stephen Graham/Simon Marvin, Splintering Urbanism, London 2001.
5.
Vgl. Renaud Le Goix/Chris Webster, Gated Communities, in: Geography Compass, 2 (2008) 4, S. 1189–1214.
6.
Vgl. Georg Glasze, Bewachte Wohnkomplexe und "die europäische Stadt" – eine Einführung, in: Geographica Helvetica, 58 (2003) 4, S. 286–292.
7.
Das Aufkommen wird insbesondere in einigen mittel- und osteuropäischen Transformationsstaaten beobachtet, aber beispielsweise auch in Großbritannien, Frankreich und Spanien. Vgl. G. Glasze (Anm. 6); Zóltan Cséfalvay/Chris Webster, Gates or no Gates? A cross-European Enquiry into the Driving Forces behind Gated Communities, in: Regional Studies, 46 (2006) 3, S. 293–308.
8.
Vgl. Georg Glasze et al. (Hrsg.), Private Cities, London–New York 2006.
9.
Vgl. Setha Low, Behind the Gates, London–New York 2003.
10.
Vgl. beispielsweise: Georg Glasze, Die fragmentierte Stadt, Opladen 2003.
11.
Vgl. Rita Raposo, Gated Communities, Commodification and Aestheticization: The Case of the Lisbon Metropolitan Area, in: GeoJournal, 66 (2006) 1–2, S. 56.
12.
Choon-Piew Pow, Neoliberalism and the Aestheticization of New Middle-Class Landscapes in: Antipode, 41 (2009) 2, S. 375.
13.
Vgl. Andrej Holm, Townhouses, Urban Village, Car Loft, in: Geographische Zeitschrift, 98 (2010) 2, S. 100–115; Nadine Marquardt et al., Shaping the urban renaissance: New-build luxury developments in Berlin, in: Urban Studies, 50 (2013) 8, S. 1540–1556; Henning Füller et al., Urbanität nach exklusivem Rezept. Die Ausdeutung des Städtischen durch hochpreisige Immobilienprojekte in Berlin und Los Angeles, in: Sub\urban, 1 (2013) 1, S. 1–18.
14.
Berliner Zeitung vom 30.8.2008, »http://www.berliner-zeitung.de/archiv/berlins-immobilienmarkt-kennt-ein-neues-produkt–das–urban-village–soll-das-beste-aus-grossstadt–und-landleben-vereinen-dorfleben-fuer-grossstaedter,10810590,10583132.html« (2.12.2013).
15.
B.nau Konzept, »http://bnau.de/index.php/konzept« (2.12.2013).
16.
Marthashof.de Urban Village, »http://www.marthashof.de/index.php?filename=urbanvillage&lang=de« (2.12.2013).
17.
Yooberlin Styles, »http://www.yooberlin.com/styles« (2.12.2013).
18.
Diese soziale Grenzziehung sehen Judit Bodnar und Virág Molnár bei der überwiegenden Zahl der derzeit von privaten Investoren entwickelten innerstädtischen Wohnprojekten in Berlin. Vgl. J. Bodnar/V. Molnár (Anm. 1).
19.
Der Geograf Alan Walks beobachtet eine solche Verhäuslichung und die Ausbreitung weiterer typisch suburbaner Merkmale in kanadischen Städten. Vgl. Alan Walks, Suburbanism as a Way of Life, Slight Return, in: Urban Studies, 50 (2013) 8, S. 1471–1488.
20.
Vgl. R. Le Goix/C. Webster (Anm. 5), S. 1205ff.
21.
Vgl. Andrej Holm, Die Stadt für alle – ein absurder Traum, in: Süddeutsche Zeitung vom 2.12.2013, »http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/581974/Die-Stadt-fuer-alle-ein-absurder-Traum« (11.12.2013).
22.
Vgl. R. Le Goix/C. Webster (Anm. 5), S. 1207ff.
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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/de/ Autoren: Henning Füller, Georg Glasze für bpb.de

 
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