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7.2.2014 | Von:
Luca Di Blasi

Die andere Sexismus-Debatte - Essay

Wenn von der Sexismus-Debatte die Rede ist, die der "Stern"-Artikel "Der Herrenwitz"[1] Anfang 2013 auslöste, dann wird damit zumeist ein Sexismus gegenüber Frauen impliziert. Tatsächlich wurde hier aber auch erstmalig vernehmlich über die Möglichkeit oder Unmöglichkeit eines Sexismus gegenüber Männern diskutiert.[2] In diesem Beitrag möchte ich mich auf diesen Seitenstrang der Debatte konzentrieren. Dabei werde ich zunächst eine Antwort auf die Frage zu geben versuchen, warum ausgerechnet dieser Fall eine solche Debatte anstoßen konnte. Anschließend werde ich die Frage eines antimännlichen Sexismus historisch und theoretisch vertiefen, bevor ich abschließend ein Grundproblem dieser Debatte herausarbeiten werde.

Wie Brüderle zum Sexismusopfer wurde

Die von der Journalistin Laura Himmelreich gleich zu Beginn ihres Artikels geschilderten Anzüglichkeiten Rainer Brüderles und die Einrichtung des Hashtags Aufschrei (#aufschrei) Anfang 2013 wirkten wie ein Katalysator für die Artikulation eines angestauten weiblichen Unmuts über einen verbreiteten männlichen Alltagssexismus. Überraschend war damit eine von manchen bereits als verabschiedet angesehene Kategorie, jene des Sexismus, wieder auf die Bühne öffentlicher Diskussionen zurückgekehrt.

Ebenso überraschend war auch das Auftauchen der Inversion des Sexismusvorwurfs. Schon zu Beginn der Brüderle-Debatte titelte "Die Welt": "Keiner redet von Sexismus gegenüber Männern"[3] – und tat genau dies: redete über Sexismus gegenüber Männern. Auch andere brachten diese Frage auf, und nicht nur in vorwärtsverteidigend-apologetischer Absicht wie Brüderles FDP-Parteikollege Dirk Niebel. Gleich nach Erscheinen von Himmelreichs Artikel wurde in Blogs intensiv darüber diskutiert, viele überregionale Zeitungen folgten mit ausführlichen Artikeln.

Es versteht sich nicht von selbst, dass ausgerechnet dieser Fall eine solche Debatte auslösen konnte. Eines lässt sich nämlich gewiss nicht behaupten: dass Rainer Brüderle von Himmelreich sexistisch belästigt worden wäre. Sicher, Brüderle konnte auch als Opfer angesehen werden. Zum Zeitpunkt der "Stern"-Veröffentlichung war er gerade zum Spitzenkandidaten seiner Partei gekürt worden, die kolportierten Geschehnisse lagen bereits ein Jahr zurück, die Annahme einer politisch motivierten Medienkampagne lag daher nahe. Die Möglichkeit einer Viktimisierung wurde zusätzlich durch Himmelreichs wenig charmanten Einstieg in das Interview ("Ich möchte von ihm wissen, wie er es findet, im fortgeschrittenen Alter zum Hoffnungsträger aufzusteigen") geboten. Seine Antwort ("Er will lieber über etwas anderes sprechen: mein Alter") konnte nämlich auch als Retourkutsche auf eine altersdiskriminierende Verletzung gelesen werden.

Um zu verstehen, warum Brüderle als Opfer eines antimännlichen Sexismus gezeichnet werden konnte, muss man aber einen Blick auf Debatten werfen, die in den Wochen zuvor geführt worden waren. Dazu gehört in erster Linie die Debatte um das Ende weißer, männlicher Vorherrschaft. Nachdem US-Präsident Barack Obama Ende 2012 zum zweiten Mal einen weißen Gegenkandidaten besiegt und dabei die große Mehrzahl der Frauen sowie der Nicht-Weißen und anderer Minderheiten für sich gewonnen hatte, verfestigte sich der Eindruck, dass es weiße männliche Kandidaten in der Politik zunehmend schwerer haben würden, eine Mehrheit hinter sich zu vereinigen. "Macho, weiß, von gestern", "Ade, weißer Mann" ("Die Zeit"), "Die Krise des weißen Mannes" ("Der Spiegel"), "Weißer Mann, was nun?" ("Die Welt") titelten deutsche Medien.

Der medial lautstark begleitete Fehlstart des SPD-Kanzlerkandidaten, Peer Steinbrück, in den Bundestagswahlkampf füllte in der Weihnachtszeit die Schlagzeilen und wurde ebenfalls als Beleg dafür gesehen, dass vermeintlich typische Eigenschaften weißer Männer gesellschaftlich nicht länger attraktiv wirkten. Dazu passte schließlich auch das Anfang 2013 auf Deutsch erschienene und breit diskutierte Buch der amerikanischen Reporterin Hanna Rosin mit dem provokativen Titel "Das Ende der Männer und der Aufstieg der Frauen". Ihr zufolge habe die Finanz- und Wirtschaftskrise seit 2007 offengelegt, dass Frauen den neuen Arbeitsverhältnissen besser angepasst seien als Männer und diese zunehmend hinter sich lassen würden.

Vor diesem Hintergrund konnte nun auch Brüderle als Opfer einer sexistischen Berichterstattung wahrgenommen werden, die sich in der Negativierung, Verabschiedung und Diffamierung der Männer eingerichtet habe und für die die Schuldigen grundsätzlich nur die Männer sein konnten.

Fußnoten

1.
Laura Himmelreich, Der Herrenwitz, in: Stern, Nr. 5 vom 24.1.2013, http://www.stern.de/1964668.html« (5.12.2013).
2.
Die Google-Suche nach "Sexismus gegen Männer" ergibt seit 2013 mehr Ergebnisse als für den ganzen Zeitraum davor.
3.
Hildegard Stausberg, Keiner redet von Sexismus gegenüber Männern, 3.2.2013, http://www.welt.de/debatte/article113340149/Keiner-redet-von-Sexismus-gegenueber-Maennern.html« (5.12.2013).
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Autor: Luca Di Blasi für bpb.de
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