30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
Ersatzteile für defekte Barbie-Puppen

7.2.2014 | Von:
Charlotte Diehl
Jonas Rees
Gerd Bohner

Die Sexismus-Debatte im Spiegel wissenschaftlicher Erkenntnisse

Anfang 2013 wurden die Themen Sexismus und sexuelle Belästigung in den deutschen Medien und der breiteren Öffentlichkeit kontrovers diskutiert. Die sogenannte Sexismus-Debatte war durch das Erscheinen eines Artikels angestoßen worden, in dem über grenzüberschreitendes Verhalten eines Politikers gegenüber einer Journalistin berichtet wurde. Der Artikel und die darauf folgende Aufschrei-Bewegung, in deren Rahmen Frauen über Erfahrungen mit Sexismus und sexueller Belästigung berichteten, lösten ein lautes Medienecho aus. Unverständlicherweise spielten Forschungsergebnisse zu den Themen Sexismus und sexuelle Belästigung in den Diskussionsrunden und Berichten nur selten eine Rolle. Dies ist bedauerlich, da viele Argumente, die in der Debatte immer wieder vorgebracht wurden, mit empirischen Befunden klar wider- oder belegt werden können. In diesem Beitrag werden wir auf einige dieser Argumente eingehen und anhand empirischer Befunde aus wissenschaftlicher Sicht darauf antworten. Ziel ist es, Unklarheiten in Bezug auf Sexismus und sexuelle Belästigung wenigstens teilweise aufzuheben.

Was ist Sexismus, was sexuelle Belästigung?

Oft wird bereits infrage gestellt, dass sich Sexismus und sexuelle Belästigung überhaupt eindeutig beschreiben lassen, dass es also allgemeingültige Definitionen gebe. Darüber hinaus herrscht häufig Unklarheit darüber, worin sich die Begriffe "Sexismus" und "sexuelle Belästigung" unterscheiden, sodass sie oft unzutreffenderweise synonym verwendet werden.

Sexismus bezeichnet auf das Geschlecht bezogene Diskriminierung, wird unter dieser Definition in der Gesetzgebung, genauer: im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG), berücksichtigt und ist Gegenstand der Sozialforschung. Sexismus zeichnet sich damit insbesondere durch die strukturelle Unterscheidung von Frauen und Männern aufgrund ihres Geschlechts aus. Darunter fallen außerdem geschlechterstereotype, also vorurteilsbehaftete, oft negative Einstellungen, die wiederum zu Erwartungen, Wahrnehmungen, Affekten und Verhaltensweisen führen, die Menschen abwerten und einen ungleichen sozialen Status von Frauen und Männern herstellen oder festigen.[1] Auch wenn Sexismus per Definition Frauen und Männer gleichermaßen betrifft, konzentriert sich die Forschung vor allem auf Sexismus gegenüber Frauen, da diese im Alltag in weit größerem Ausmaß von sexistischer Abwertung betroffen sind.[2]

Während die offene Zustimmung zu klassischen Formen von Sexismus über die Jahre zurückgegangen ist, zeichnen sich moderne Formen von Sexismus heute durch die Leugnung der andauernden Diskriminierung und Benachteiligung von Frauen aus.[3] Darüber hinaus wird in der sozialpsychologischen Forschung seit den 1990er Jahren zwischen feindseligem (hostilem) Sexismus und wohlwollendem (benevolentem) Sexismus unterschieden.[4] Hostiler Sexismus äußert sich demnach in offen negativen Einstellungen gegenüber Frauen und zielt besonders auf Frauen ab, die sich nicht gemäß traditioneller Rollenbilder verhalten. Benevolenter Sexismus äußert sich hingegen in (scheinbar) positiven, paternalistischen Einstellungen gegenüber rollenkonformen Frauen, betont jedoch gleichzeitig deren Schutzbedürftigkeit und Abhängigkeit und kann so unterschwellig der Festigung des Machtgefälles zwischen Männern und Frauen dienen. Beide Komponenten hängen miteinander zusammen, verstärken und begünstigen Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern.[5]

Während Sexismus die soziale Konstruktion von Unterschieden zwischen Frauen und Männern bezeichnet und damit die ideologische Grundlage für Diskriminierung aufgrund des Geschlechts bildet, stellt sexuelle Belästigung als ein geschlechtsbezogenes, unangemessenes Verhalten eine mögliche Form resultierenden, sexistischen Verhaltens dar. Anders als in einigen Diskussionen im Zuge der Sexismus-Debatte behauptet, ist auch sexuelle Belästigung, etwa am Arbeitsplatz, klar definiert und juristisch relevant, da Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber eine Fürsorgepflicht gegenüber ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern haben. Diese ist ebenfalls im AGG definiert. Dabei unterscheidet das AGG zwischen sexueller Belästigung als Belästigung aufgrund des Geschlechts und Belästigung aufgrund anderer Merkmale (wie Alter oder Religion).

Nach Paragraf 3, Absatz 4 des AGG ist sexuelle Belästigung "ein unerwünschtes, sexuell bestimmtes Verhalten, wozu auch unerwünschte sexuelle Handlungen und Aufforderungen zu diesen, sexuell bestimmte körperliche Berührungen, Bemerkungen sexuellen Inhalts sowie unerwünschtes Zeigen und sichtbares Anbringen von pornografischen Darstellungen gehören, (das) bezweckt oder bewirkt, dass die Würde der betreffenden Person verletzt wird, insbesondere wenn ein von Einschüchterungen, Anfeindungen, Erniedrigungen, Entwürdigungen oder Beleidigungen gekennzeichnetes Umfeld geschaffen wird". Aus psychologischer Perspektive wird üblicherweise das negative Erleben der Betroffenen als ausschlaggebend betrachtet. Hervorzuheben ist außerdem, dass weder die gesetzliche noch die psychologische Definition eine Absicht, sexuell zu belästigen, auf Seiten des beziehungsweise der Handelnden voraussetzt.

In Deutschland ist sexuelle Belästigung im privaten Bereich nur schwer juristisch belangbar. Als eines der wenigen europäischen Länder hat Frankreich 2012 ein neues Gesetz gegen sexuelle Belästigung eingeführt, das explizit unterschiedliche Formen und Kontexte sexueller Belästigung berücksichtigt (bei der Arbeit, in der Öffentlichkeit, einmalig oder wiederholt, etc.) und diese mit bis zu drei Jahren Haft ahndet.

"Sexismus" ist also der umfassendere Begriff, weil er auch Überzeugungen und Einstellungen einschließt, wohingegen "sexuelle Belästigung" sich immer auf Verhalten bezieht, das dazu führt, dass sich eine Person unwohl und in ihrer Würde verletzt fühlt.

Sind sexuelle Übergriffe bloß Einzelfälle?

Im Verlauf der medialen Sexismus-Debatte war immer wieder zu hören, dass es sich bei einem Verhalten wie dem des in dem Artikel kritisierten Politikers doch eigentlich um einen Einzelfall handele.

Laut einer repräsentativen Untersuchung zur "Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen" im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) haben insgesamt 58,2 Prozent aller befragten Frauen in Deutschland Situationen sexueller Belästigung erlebt. Von sexueller Belästigung bei der Arbeit, in der Schule oder der Ausbildung berichteten 22 Prozent der befragten Frauen. Auf die Frage, welche konkreten sexuell belästigenden Verhaltensweisen sie erlebt hatten, gab mehr als die Hälfte der Frauen an, per Telefon, E-Mail oder Brief belästigt worden zu sein, und ähnlich viele Frauen berichteten von Nachpfeifen und Anstarren. Ungefähr ein Drittel der Frauen gab an, Kommentare über ihren Körper, sexuelle Anspielungen, wiederholtes Fragen nach einem privaten Treffen, unnötiges Nahekommen, Betatschen und Versuche, sie zu küssen, erlebt zu haben (Mehrfachnennungen möglich).[6] Bei sexuell grenzüberschreitendem Verhalten handelt es sich also keineswegs um vernachlässigbare Einzelfälle, sondern um ein Problem, das mehr als die Hälfte aller Frauen in unserer Gesellschaft direkt betrifft.

Wenn in der Debatte eingeräumt wurde, dass sexistisches Verhalten und Belästigung regelmäßig vorkommen, dann oftmals mit dem Hinweis, dass etwa gleich häufig auch Männer betroffen und Frauen die Täterinnen seien.

Tatsächlich sind nachweislich Frauen deutlich häufiger das Ziel sexueller Belästigung als Männer: Durchschnittlich sind in Europa etwa 30 bis 50 Prozent aller berufstätigen Frauen und demgegenüber etwa zehn Prozent der berufstätigen Männer von sexueller Belästigung betroffen.[7] Jüngere Ergebnisse aus einer repräsentativen Telefonumfrage bei nicht-selbstständigen Erwerbstätigen in der Deutsch- und Westschweiz zeigen, dass sich diese Zahlen in den vergangenen 15 Jahren kaum verändert haben:[8] 28 Prozent der befragten Frauen und zehn Prozent der Männer erlebten demnach in ihrem bisherigen Arbeitsleben sexuelle Belästigung. Dabei zeigte sich auch, dass für Frauen drei Viertel der belästigenden Situationen von Männern ausgingen, meist von einzelnen Männern, auch von Gruppen von Männern oder gemischten Gruppen, selten jedoch von Frauen allein. Für Männer ging ungefähr die Hälfte der sexuell belästigenden Situationen ebenfalls von Männern aus (einzeln oder in Gruppen), nur ein Viertel von Frauen und ein Viertel von gemischten Gruppen. Konstellationen, in denen Männer Opfer und Frauen Täterinnen sind, sind ernst zu nehmen, aber vergleichsweise selten. Bei der überwiegenden Mehrheit an Fällen sexueller Belästigung sind die Betroffenen weiblich und die Täter männlich.

Fußnoten

1.
Vgl. Iris Six-Materna, Sexismus, in: Lars-Eric Petersen/Bernd Six (Hrsg.), Stereotype, Vorurteile und soziale Diskriminierung. Theorien, Befunde und Interventionen, Weinheim 2008, S. 121–130.
2.
Vgl. beispielsweise Janet K. Swim et al., Everyday Sexism: Evidence for its Incidence, Nature, and Psychological Impact From Three Daily Diary Studies, in: Journal of Social Issues, 57 (2001), S. 31–53; Martha M. Lauzen/David M. Dozier, Maintaining the Double Standard: Portrayals of Age and Gender in Popular Films, in: Sex Roles, 52 (2005), S. 437–446.
3.
Vgl. I. Six-Materna (Anm. 1); Thomas Eckes/dies., Leugnung von Diskriminierung: Eine Skala zur Erfassung des modernen Sexismus, in: Zeitschrift für Sozialpsychologie, 29 (1998), S. 224–238; Kirsten Endrikat, Ganz normaler Sexismus. Reizende Einschnürung in ein Rollenkorsett, in: Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.), Deutsche Zustände, Folge 2, Berlin 2003.
4.
Vgl. Peter Glick/Susan T. Fiske, The Ambivalent Sexism Inventory: Differentiating Hostile and Benevolent Sexism, in: Journal of Personality and Social Psychology, 70 (1996), S. 491–512; Thomas Eckes/Iris Six-Materna, Hostilität und Benevolenz: Eine Skala zur Erfassung des ambivalenten Sexismus, in: Zeitschrift für Sozialpsychologie, 30 (1999), S. 211–228.
5.
Siehe dazu den Beitrag von Julia C. Becker in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
6.
Vgl. Ursula Müller et al., Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland. Eine repräsentative Untersuchung von Gewalt gegen Frauen in Deutschland im Auftrag des BMFSFJ, Berlin 2004, S. 92–97.
7.
Vgl. European Commission, Sexual Harassment in the Workplace in the European Union 1998, http://www.un.org/womenwatch/osagi/pdf/shworkpl.pdf« (22.12.2013).
8.
Vgl. Marianna Schär Moser/Silvia Strub, Risiko und Verbreitung sexueller Belästigung am Arbeitsplatz, in: Arbeit, 1 (2010), S. 21–36.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autoren: Charlotte Diehl, Jonas Rees, Gerd Bohner für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.