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Subtile Erscheinungsformen von Sexismus


7.2.2014
Ein Blick auf deutsche Verhältnisse zeigt erfolgreiche Managerinnen, Väter in Elternzeit, eine Frau als Bundeskanzlerin. Soziale Rollen scheinen von der Geschlechtszugehörigkeit entkoppelt: Jede Berufs- und Lebenskonstellation erscheint möglich – unabhängig davon, ob man weiblich oder männlich ist. Hat Deutschland also überhaupt noch ein "Sexismusproblem"? Sexismus wird definiert als individuelle Einstellungen und Verhaltensweisen oder institutionelle und kulturelle Praktiken, die entweder eine negative Bewertung einer Person aufgrund ihres Geschlechts widerspiegeln oder den ungleichen Status zwischen Frauen und Männern in der Gesellschaft aufrechterhalten.[1]

Bei genauerer Betrachtung ist das oben beschriebene komplexe und unsystematische Bild leicht zu vereinfachen: All diese Beispiele stellen Ausnahmen der Regel dar – nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Das belegen objektive Indikatoren für Geschlechterungleichheit wie das "Gender Empowerment Measure" (GEM, ein Indikator für das Geschlechterverhältnis in Politik und Wirtschaft eines Landes) und der "Gender Inequality Index" (GII, ein Indikator für Geschlechtsunterschiede in Gesundheit, Wohlstand, Bildung, etc.), die jährlich in über 150 Ländern der Welt gemessen werden. In keinem der untersuchten Länder ist die Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern verwirklicht:[2] Obwohl es große Differenzen gibt, sind Frauen in allen Ländern in Positionen unterrepräsentiert, die mit Macht und Status zusammenhängen (beispielsweise Parlamente, Führungspositionen), übernehmen dafür aber überproportional mehr Care-Arbeit (Sorge- und Pflegetätigkeiten) und haben in allen untersuchten Ländern eine geringere Lebensqualität im Vergleich zu Männern. Diese objektiven Indizes der strukturellen Benachteiligung von Frauen schlagen sich auch in individuellen sexistischen Einstellungen nieder: Eine Umfrage des Projekts "Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" zeigt, dass im Jahr 2010 immer noch ein Fünftel (20 Prozent) der deutschen Bevölkerung der Aussage zustimmt, "Frauen sollen sich wieder mehr auf die Rolle der Ehefrau und Mutter besinnen".[3]

Es kann also festgehalten werden, dass, obwohl sich die Bedingungen für Frauen in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verbessert haben (beispielsweise bezüglich der beruflichen Entwicklung), Frauen nach wie vor sowohl strukturell benachteiligt als auch von alltäglicher Diskriminierung betroffen sind.[4] Eine Möglichkeit, strukturelle Benachteiligung aufrechtzuerhalten und die Privilegien einer Gruppe zu schützen (hier: der Gruppe der Männer), ist die Verbreitung legitimierender Ideologien und Vorurteile über die benachteiligte Gruppe (hier: die Verbreitung sexistischer Einstellungen). Sexistische Einstellungen äußern sich unterschiedlich. In den vergangenen Jahrzehnten hat ein Wandel stattgefunden vom Ausdruck offener sexistischer Einstellungen zu mehr subtilen und versteckten Formen der Diskriminierung. In diesem Beitrag werden, aus sozialpsychologischer Perspektive, die drei wesentlichen subtilen Erscheinungsformen des Sexismus vorgestellt: Moderner Sexismus, Neosexismus und Ambivalenter (Benevolenter und Hostiler) Sexismus. Der Schwerpunkt des Beitrags liegt in der Skizzierung des Konzepts des Benevolenten Sexismus. Anschließend werden die negativen Konsequenzen benevolent sexistischer Einstellungen dargestellt und Möglichkeiten der Reduktion beziehungsweise Konfrontation subtil sexistischer Einstellungen diskutiert.[5]

Moderner Sexismus und Neosexismus



Angelehnt an Forschung zu modernem Rassismus wurden die Konzepte des Modernen Sexismus und Neosexismus in den USA beziehungsweise Kanada unabhängig voneinander im gleichen Jahr entwickelt, um "versteckte" Vorurteile gegenüber Frauen zu messen.[6] Moderner Sexismus ist definiert als die Leugnung von Diskriminierung und die Ablehnung von Maßnahmen, die darauf abzielen, Ungleichheit abzubauen. Neosexismus wird als Konflikt zwischen egalitären Werten (Frauen und Männer sollten gleich behandelt werden) und negativen Emotionen gegenüber Frauen definiert. Beide Konzepte lassen sich durch drei Komponenten charakterisieren: 1) Leugnung fortgesetzter Diskriminierung ("Diskriminierung von Frauen ist heute kein Problem mehr in Deutschland"),[7] 2) Widerstand gegen vermeintliche Privilegien von Frauen ("In den letzten Jahren haben Frauen mehr von der Regierung erhalten als ihnen zustehen würde")[8] und 3) Ablehnung von Forderungen nach Gleichbehandlung ("Die Forderungen von Frauen nach Gleichberechtigung sind vollkommen überzogen").[9] Moderner und Neosexismus liefern somit ideologische Rechtfertigungen für bestehende Ungleichheit: Der Status quo wird als fair wahrgenommen, und eine Reduktion von Geschlechterungleichheit wird folglich verhindert.

Obwohl Männer in der Regel Modernem und Neosexismus in stärkerem Ausmaß zustimmen als Frauen, stimmt auch ein substanzieller Anteil an Frauen Modernem und Neosexismus zu. Dass auch Frauen Diskriminierung leugnen und sich gegen Maßnahmen für Geschlechtergerechtigkeit aussprechen, wirkt zunächst erstaunlich. Eine Theorie, die beiträgt, diesen Befund zu erklären, ist die der Systemrechtfertigung.[10] Diese besagt, dass Menschen nicht nur die Motivation haben, sich selbst und die Gruppen, denen sie angehören, positiv zu bewerten, sondern auch das übergeordnete System, in dem sie leben. Nach dieser Theorie haben Menschen das allgemeine Bedürfnis, gesellschaftliche Verhältnisse als gerecht und legitim wahrzunehmen. Das bedeutet, dass Menschen an eine gerechte und vorhersagbare Welt glauben möchten, in der jede Person bekommt, was sie verdient.[11] Angewandt auf Modernen und Neosexismus kann die Erkenntnis, dass Frauen immer noch diskriminiert werden, das Individuum in einen unangenehmen, aversiven Zustand versetzen, da diese Erkenntnis impliziert, dass die Welt nicht vorhersagbar ist und eine Frau nicht die vollkommene Kontrolle über ihre Leben hat. Eine Strategie, die auch Frauen anwenden, um diesem aversiven Kontrollverlust zu entgehen, ist, gesellschaftliche Ungerechtigkeit – wie die Benachteiligung von Frauen – zu leugnen oder als individuelles Problem einzelner Frauen zu rechtfertigen. Obwohl eine solche Leugnung für die Frau als Individuum psychologisch nachvollziehbar ist, hat sie zur Folge, dass soziale Veränderung gehemmt wird, weil strukturelle Ungerechtigkeit bestehen bleibt. Verschiedene Forschungsbefunde belegen dies: Zum Beispiel geht Moderner Sexismus mit einer Ablehnung egalitärer Werte und Affirmative-Action-Maßnahmen wie Quotenregelungen einher.[12] Außerdem sind Frauen, die mit Modernem Sexismus konfrontiert werden, weniger interessiert, gegen Geschlechterungleichheit vorzugehen.[13]

Moderner und Neosexismus sind konzeptuell zwar eng verwandt, unterscheiden sich aber in ihrer Operationalisierung. Die Skala zur Messung des Modernen Sexismus bildet vor allem die erste Komponente (Leugnung fortgesetzter Diskriminierung) ab, während die Skala zur Messung von Neosexismus vorwiegend die zweite und dritte Komponente abbildet (Widerstand gegen vermeintliche Privilegien und Ablehnung von Forderungen nach Gleichbehandlung).

Ambivalenter Sexismus



Die Publikation des Konzepts des Ambivalenten Sexismus war ein Meilenstein in der Sexismusforschung. Zum ersten Mal wurde Sexismus nicht allein als negative Einstellung definiert, sondern es wurde dargelegt, dass auch vermeintlich positive Einstellungen zur Aufrechterhaltung des Status quo beitragen können. Ambivalenter Sexismus bezeichnet das Zusammenspiel aus Hostilem (feindlichem) Sexismus und Benevolentem (wohlwollendem) Sexismus. Hostiler Sexismus drückt sich in einer negativen Sichtweise auf Frauen aus. Er ist begründet in der Überzeugung, dass Männer ihren höheren Status verdienen und gleichzeitig gekennzeichnet durch die Furcht, diesen höheren Status durch Frauen verlieren zu können. Im Kern geht es um männliches Bedrohungserleben und die damit einhergehende Abwertung der Bedrohungsquelle: Hostile Sexisten gehen davon aus, dass Frauen das Ziel verfolgen, Macht und Kontrolle über Männer zu erlangen, entweder durch feministische Ideologie oder durch das Ausnutzen ihrer sexuellen Attraktivität.[14] Hostiler Sexismus richtet sich daher vor allem gegen nicht-traditionelle Frauentypen wie Feministinnen und Karrierefrauen.

Benevolenter Sexismus erscheint hingegen im Gewand der "Ritterlichkeit" beziehungsweise des "Kavaliertums". Aus der subjektiven Sicht der Benevolenten Sexisten stellt er positive Überzeugungen und Verhaltensweisen gegenüber Frauen dar. Benevolent sexistisches Verhalten lässt sich beispielsweise wie folgt beobachten: Ein Mann bietet einer Frau an, eine relativ einfache Aufgabe zu übernehmen, wie das Installieren eines Computerprogramms, damit sie sich "als Frau nicht damit herumschlagen muss". Genauer lässt sich Benevolenter Sexismus durch die drei Subfacetten protektiver Paternalismus, komplementäre Geschlechterdifferenzierung und heterosexuelle Intimität beschreiben.[15] Protektiver Paternalismus ist durch die Überzeugung gekennzeichnet, dass Männer Frauen beschützen und finanziell versorgen müssen. Komplementäre Geschlechterdifferenzierung bezieht sich auf eine Betrachtungsweise von Frauen als das "bessere Geschlecht" und drückt sich in positiven, aber geschlechterrollenkonformen Zuschreibungen aus: Frauen werden als warmherziger, liebevoller und taktvoller als Männer beschrieben. Heterosexuelle Intimität bezieht sich auf ein romantisch verklärtes Bild von einer Frau als Partnerin, ohne die ein Mann kein sinnerfülltes Leben führen kann ("Männer sind ohne Frauen unvollkommen").

Auf den ersten Blick erscheinen die drei Subfacetten freundlich, harmlos und unproblematisch: Hilfestellungen und Schutzangebote sind zunächst einmal prosoziale, positive Gesten, die eigentlich verstärkt statt verändert werden sollten. In der Tat müssen benevolente Verhaltensweisen nicht immer sexistisch motiviert sein, sie können genauso gut einfach nett gemeint sein. Benevolente Verhaltensweisen werden erst dann sexistisch, wenn sie nur für ein Geschlecht gelten und es nicht gewünscht wird, wenn Frauen sich in gleicher Art und Weise "paternalistisch" verhalten. Gleiches gilt auch für die komplementäre Geschlechterdifferenzierung: Auch positive Zuschreibungen und Komplimente werden erst dann problematisch, wenn sie einseitig sind und nur für Frauen gelten. Forschungen zeigen, dass die positiven "wärmebezogenen" Zuschreibungen nicht mit positiven "kompetenzbezogenen" Zuschreibungen (beispielsweise intelligent, eigenständig) einhergehen. Das Resultat ist, dass Frauen zwar als wunderbar charakterisiert werden, aber auch als schwach und schutzbedürftig.[16] Des Weiteren prädestiniert diese Zuschreibung Frauen für Rollen mit niedrigem Status. Durch die dritte Subfacette, heterosexuelle Intimität, wird das Konzept der heterosexuellen Liebe idealisiert und als das begehrenswerteste Ziel eines Menschen dargestellt. Eine Frau wird als schmückendes Accessoire stilisiert, welches ein erfolgreicher Mann für ein erfülltes Leben haben sollte. Bevor im Detail weitere negative Konsequenzen benevolent sexistischer Überzeugungen beschrieben werden, werden Ursprung und aktueller Forschungsstand des Konzepts des Ambivalenten Sexismus vorgestellt.


Fußnoten

1.
Vgl. Janet K. Swim/Laurie L. Hyers, Sexism, in: Todd D. Nelson (Hrsg.), Handbook of Prejudice, Stereotyping, and Discrimination, New York 2009.
2.
Vgl. Gender Inequality Index, http://data.un.org/DocumentData.aspx?q=HDI+&id=332« (1.1.2014).
3.
Vgl. Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.), Deutsche Zustände, Folge 9, Frankfurt/M. 2010.
4.
Vgl. Alltags-Sexismus (@aufschreien), https://twitter.com/aufschreien« (1.1.2014).
5.
Aus Platzgründen betrachte ich in diesem Beitrag nur die Kategorien Frau und Mann. Für eine Kritik dieser Dichotomisierung siehe beispielsweise Judith Butler, Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt/M. 2003.
6.
Vgl. Janet K. Swim et al., Sexism and Racism: Old-fashioned and Modern Prejudices, in: Journal of Personality and Social Psychology, 68 (1995), S. 199–214; Francine Tougas et al., Neosexism: Plus ça change, plus c’est pareil, in: Personality and Social Psychology Bulletin, 21 (1995), S. 842–849.
7.
Vgl. ebd.
8.
Vgl. ebd.
9.
Vgl. F. Tougas et al. (Anm. 6). Für eine deutsche Übersetzung der Skala zu Modernem und Neosexismus siehe Thomas Eckes/Iris Six-Materna, Leugnung von Diskriminierung: Eine Skala zur Erfassung des Modernen Sexismus, in: Zeitschrift für Sozialpsychologie, 29 (1998), S. 224–238.
10.
Vgl. John T. Jost/Aaron C. Kay, Exposure to Benevolent Sexism and Complementary Gender Stereotypes: Consequences for Specific and Diffuse Forms of System Justification, in: Journal of Personality and Social Psychology, 88 (2005), S. 498–509.
11.
Vgl. Melvin J. Lerner, The Belief in a Just World: A Fundamental Delusion, New York 1980.
12.
Vgl. J.K. Swim/L.L. Hyers (Anm. 1).
13.
Vgl. Naomi Ellemers/Manuela Barreto, Collective Action in Modern Times: How Modern Expressions of Prejudice Prevent Collective Action, in: Journal of Social Issues, 65 (2009), S. 749–768.
14.
Vgl. Peter Glick/Susan T. Fiske, The Ambivalent Sexism Inventory: Differentiating Hostile and Benevolent Sexism, in: Journal of Personality and Social Psychology, 70 (1996), S. 491–512.
15.
Für eine deutsche Übersetzung der Skala zu Ambivalentem Sexismus siehe Thomas Eckes/Iris Six-Materna, Hostilität und Benevolenz: Eine Skala zur Erfassung des Ambivalenten Sexismus, in: Zeitschrift für Sozialpsychologie, 30 (1999), S. 211–228.
16.
Vgl. Alice H. Eagly/Antonio Mladinic, Are People Prejudiced Against Women? Some Answers From Research on Attitudes, Gender Stereotypes, and Judgments of Competence, in: European Review of Social Psychology, 5 (1994), S. 1–35.
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Autor: Julia C. Becker für bpb.de
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