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7.2.2014 | Von:
Ina Kerner

Varianten des Sexismus

Dass der Gegenstandsbereich des Sexismus über Vorurteile und Akte der Belästigung hinausgeht, ist alltagssprachlicher Konsens. Laut Duden bezeichnet der Begriff die "(Diskriminierung aufgrund der) Vorstellung, dass eines der beiden Geschlechter dem anderen von Natur aus überlegen sei".[1] Im aktuellen Brockhaus steht Sexismus sogar für "jede Art der Diskriminierung, Unterdrückung, Verachtung und Benachteiligung von Menschen aufgrund ihres Geschlechts sowie für die Ideologie, die dem zugrunde liegt". Sexismus finde sich "in psych. Dispositionen, in Vorurteilen und Weltanschauungen ebenso wie in sozialen, rechtl. und wirtschaftl. Regelungen, schließlich auch in der Form fakt. Gewalttätigkeit und Ausschließung im Verhältnis der Geschlechter und in der Rechtfertigung dieser Gewaltakte und -strukturen durch den Verweis auf eine ‚naturgegebene‘ Geschlechterdifferenz". Damit habe er neben personalen auch strukturelle beziehungsweise institutionelle Erscheinungsformen. Der Brockhaus informiert ferner über die Entstehung des Begriffs: "Der Begriff S. wurde in den 1960er-Jahren in den USA im Zuge der Formierung einer neuen Frauenbewegung in der Entsprechung zum Begriff Rassismus gebildet. (…) Mit dem Begriff Rassismus teilt S. die krit. Intention, einen gesellschaftl. Missstand zu benennen, seine kulturhistor. bzw. ideolog. Grundlagen bewusst zu machen und auf deren Beseitigung hinzuwirken."[2]

Ein enger Bezug zum Rassismus, so lässt sich hieraus schließen, prägt die Thematisierung von Sexismus seit Anbeginn. Dies gilt bereits für die Phase avant la lettre, für die erste Frauenbewegung im 19. Jahrhundert. In Nordamerika organisierten sich die frühen Frauenrechtlerinnen im Umfeld des Abolitionismus, politischer Kämpfe gegen Sklaverei. Im europäischen Frauenrechtsdenken jener Zeit kam die Sklaverei-Metapher zum Einsatz, um die Lage europäischer (Ehe-)Frauen zu skandalisieren.[3] Einen erneuten Höhepunkt fanden solche Rassismus-Sexismus-Analogien dann in der in den späten 1960er Jahren einsetzenden zweiten Frauenbewegung, als in Nordamerika und Westeuropa Schlachtrufe wie "Frauen sind die Neger aller Völker" Furore machten.[4]

Naheliegenderweise riefen derartige Gleichsetzungen der Problemlagen von Frauen und Schwarzen den Protest schwarzer Feministinnen hervor. Diese beanstandeten zum einen, dass die Gleichsetzungen schwarze Frauen unsichtbar machten, da ihre impliziten Referenzfiguren weiße Frauen und schwarze Männer seien. Zum anderen wandten sie ein, dass die Parallelisierung von Sklaverei und bürgerlicher Hausfrauen-Ehe Erfahrungen extremer Ausbeutung verharmlose. Mit den genannten Gleichsetzungen gerieten auf diese Weise auch die politischen Prioritätenkataloge der hegemonialen Zweige der weißen Frauenbewegung in die feministische Binnenkritik. Moniert wurde, dass sie beanspruchten, für alle Frauen zu sprechen, während sie de facto die Interessenvertretung einer privilegierten Gruppe von Frauen seien; und dass Hierarchien und Machtverhältnisse zwischen Frauen ausgeblendet würden.[5]

Schwarze Feministinnen entwickelten in der Folge kritische Gesellschaftsanalysen, die primär auf ihre eigene Situation bezogen waren. Zu den ersten, noch heute prominenten Ausformulierungen gehört das 1977 von der Bostoner Aktivistinnengruppe Combahee River Collective veröffentlichte Positionspapier "A Black Feminist Statement", in dem programmatisch erklärt wird: "Eine allgemeine Beschreibung unserer gegenwärtigen Politik wäre, dass wir aktiv gegen rassische, geschlechtliche, heterosexuelle und klassenbezogene Formen der Unterdrückung kämpfen. Daneben sehen wir es als unsere besondere Aufgabe an, eine integrative Analyse und Praxis zu entwickeln, die darauf basiert, dass die zentralen Unterdrückungssysteme ineinandergreifen. Die Synthese dieser Unterdrückungsformen bringt unsere Lebensbedingungen hervor."[6]

In den folgenden Jahrzehnten wurden unterschiedliche theoretische Ausarbeitungen dieses Gedankens der Verschränkung verschiedener "Unterdrückungssysteme" vorgelegt. Und auch in der westdeutschen und der österreichischen Frauenbewegung wurden diese Gedanken bald relativ breit diskutiert, wenngleich auch hier zunächst eher an ihren Rändern als in ihrem Zentrum.[7]

Intersektionalität

In den vergangenen Jahren hat sich als Oberbegriff für das Zusammendenken verschiedener Formen von Ungleichheit als verschränkt – anstatt, wie vormals, als analog – der Begriff der Intersektionalität durchgesetzt. Geprägt hat ihn die US-amerikanische Rechtstheoretikerin Kimberle Crenshaw, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Folgeprobleme entkoppelter Analysen rassistischer und sexistischer Formen der Diskriminierung zu thematisieren – und zwar ausgehend von Erfahrungen von Afroamerikanerinnen. In einem 1989 erschienenen Aufsatz hat sie zu diesem Zweck das Bild des Verkehrs an einer Straßenkreuzung – englisch: intersection – herangezogen und in einer mittlerweile viel zitierten Passage erklärt: "Ähnlich wie der Verkehr an einer Straßenkreuzung kann Diskriminierung in die eine oder die andere Richtung fließen. Wenn auf der Kreuzung ein Unfall passiert, dann kann er durch Autos verursacht worden sein, die aus verschiedenen und manchmal aus allen Richtungen kommen. Ähnlich sieht es aus, wenn eine Schwarze Frau verletzt wird, weil sie sich auf der Kreuzung befindet: ihre Verletzung kann das Resultat geschlechtlicher oder rassischer Diskriminierung sein."[8]

Crenshaw selbst plädiert auf Grundlage ihrer Analysen in erster Linie für eine Reform der Rechtsprechung im Zusammenhang mit dem US-amerikanischen Antidiskriminierungsrecht, das oftmals einer eindimensionalen Logik folge und daher Fälle sexistischer und rassistischer Diskriminierung nur getrennt voneinander behandeln könne. Referenzpunkte seien dabei die Diskriminierungserfahrungen weißer Frauen sowie schwarzer Männer – schwarze Frauen fielen durch die Lücken des Antidiskriminierungsrechts. Nach Crenshaw ist dieser Missstand damit zu vergleichen, dass Notärzte, die nach einem Unfall an eine Kreuzung kommen, von einer Versorgung absehen, wenn der Unfallhergang nicht genau rekonstruiert werden kann. Um hier Abhilfe zu schaffen, plädiert sie für mehrdimensionale und mithin komplexe Diskriminierungsmodelle – und zwar innerhalb wie außerhalb der Sphäre des Rechts. Damit wiederum wendet sie sich nicht nur gegen eindimensionale und verflechtungsblinde Ansätze, sondern auch gegen konzeptuelle Entwürfe, die Diskriminierungserfahrungen schlicht addieren – und beispielsweise betonen, eine arme schwarze Frau sei dreimal so unterdrückt wie ein reicher weißer Mann.[9]

Theoretische Pointe des intersektionalen Denkens ist somit die Einsicht, dass sich Sexismus – abhängig von der gesellschaftlichen Position – auf unterschiedliche Weisen äußern kann; ohne dass es so etwas wie eine "Reinform" gebe. Für die gegenwärtige Intersektionalitätsforschung gilt zudem, dass der analytische Blick zumeist über individuelle Diskriminierungserfahrungen hinaus auf jene gesellschaftliche Mechanismen und Strukturen gerichtet wird, die derartig unterschiedliche Erfahrungen wie die soeben geschilderten überhaupt erst erzeugen – oder auch zu bekämpfen trachten.[10] Die Grundidee der Intersektionalität läuft damit auf zwei Aspekte hinaus. Erstens, herkömmliche Geschlechterkategorien plural zu denken, beispielsweise nicht schlicht von "Männern" und "Frauen" auszugehen, sondern auch Differenzen und Machtverhältnisse innerhalb dieser Genusgruppen zu erfassen, etwa im Zusammenhang von Sexualität, Nationalität, Religion oder sozialem Status. Zweitens geht die Idee der Intersektionalität mit der These einher, dass die Dynamiken von Geschlechterverhältnissen nur im Kontext der weiteren Differenz- und Hierarchieverhältnisse, mit denen sie verwoben sind, angemessen erfasst werden können. Die vor-intersektionale Geschlechterforschung, die "Geschlecht" analytisch isoliert, erscheint aus einer intersektionalen Perspektive in jedem Falle methodologisch unterkomplex und revisionsbedürftig.

Was nun bedeutet es vor diesem Hintergrund, Sexismus intersektional zu verstehen? Um diese Frage zu beantworten, plädiere ich zunächst für die Zugrundelegung eines breiten Sexismusverständnisses, das auf der heuristischen Unterscheidung einer epistemischen, einer institutionellen und einer personalen Dimension beruht – wobei ich davon ausgehe, dass zwischen diesen Dimensionen vielfältige Wechselwirkungen bestehen. Die epistemische Dimension ist auf Wissen und Diskurse sowie auf Symbole und Bilder bezogen. Die institutionelle Dimension betrifft Institutionengefüge, die Ungleichheit erzeugen oder stabilisieren. Die personale Dimension verweist auf Einstellungen, vor allem aber auch auf Identitäten und Subjektivitäten von Personen, ferner auf Handlungen und Interaktionen.[11] Das eingangs skizzierte Sexismusverständnis des Brockhaus, das explizit personale und strukturelle Erscheinungsformen benennt, ist damit um epistemische Aspekte erweitert. Außerdem sind in dem hier vorgeschlagenen Sexismusverständnis Konstellationen einbezogen, die Geschlechterasymmetrien erzeugen oder stützen, ohne dabei legitimatorisch auf Geschlechterdifferenzpostulate zurückzugreifen.

Fußnoten

1.
Duden. Die deutsche Rechtschreibung, Berlin u.a. 201326. Eingang in den (westdeutschen) Duden fand der Begriff erstmals in der 18. Auflage von 1980: "Theorie, nach der Frauen und Männer auf Grund ihrer biologischen Unterschiede auch unterschiedliche geistige und seelische Eigenschaften besitzen", wurde er damals umschrieben. Im ostdeutschen Duden wurde Sexismus nicht erwähnt.
2.
Brockhaus-Enzyklopädie, 30 Bde., Gütersloh 200621, Bd. 25, S. 106.
3.
Zur Geschichte des Verhältnisses antirassistischer und feministischer Bewegungspolitik in den USA vgl. Gabriele Dietze, Weiße Frauen in Bewegung. Genealogien und Konkurrenzen von Race- und Genderpolitiken, Bielefeld 2013; zu den Sklaverei-Analogien in der politischen Ideengeschichte des Feminismus vgl. Barbara Holland-Cunz, Die alte neue Frauenfrage, Frankfurt/M. 2003.
4.
Zum Slogan vgl. Karin Schrader-Klebert, Die kulturelle Revolution der Frau, in: Kursbuch, 17 (1969), S. 1–45, hier: S. 1; zu Analogiebildungen zwischen Rassismus und Sexismus in der Forschungsliteratur des 20. Jahrhunderts vgl. Ina Kerner, Differenzen und Macht. Zur Anatomie von Rassismus und Sexismus, Frankfurt/M.–New York 2009, S. 315ff.
5.
Vgl. Angela Davis, Women, Race & Class, New York 1983; bell hooks, Feminist Theory. From Margin to Center, Boston 1984; Audre Lorde, Sister Outsider, Berkeley 1984; Gloria Anzaldúa, Making Face, Making Soul – Haciendo Caras. Creative and Critical Perspectives by Feminists of Color, San Francisco 1990; Judith Butler, Gender Trouble. Feminism and the Subversion of Identity, London–New York 1990; Patricia Hill Collins, Black Feminist Thought. Knowledge, Consciousness, and the Politics of Empowerment, New York–London 1991; Floya Anthias/Nira Yuval-Davis, Racialized Boundaries: Race, Nation, Gender, Colour and Class and the Anti-Racist Struggle, London–New York 1992.
6.
Combahee River Collective, A Black Feminist Statement, in: Wendy K. Kolmar/Frances Bartkowski (Hrsg.), Feminist Theory. A Reader, Mountain View, CA 2000, S. 272, Übers. I.K.
7.
Vgl. u.a. Ilka Hügel et al., Entfernte Verbindungen. Rassismus, Antisemitismus, Klassenunterdrückung, Berlin 1993; Olga Uremović/Gundula Oerter, Frauen zwischen Grenzen. Rassismus und Nationalismus in der feministischen Diskussion, Frankfurt/M.–New York 1994; FeMigra, Wir, die Seiltänzerinnen. Politische Strategien von Migrantinnen gegen Ethnisierung und Assimilation, in: Cornelia Eichhorn/Sabine Grimm (Hrsg.), Gender Killer. Texte zu Feminismus und Kritik, Berlin–Amsterdam 1994, S. 49–63; Brigitte Fuchs/Gabriele Habinger, Rassismen & Feminismen. Differenzen, Machtverhältnisse und Solidarität zwischen Frauen, Wien 1996; Hito Steyerl/Encarnación Gutiérrez Rodríguez, Spricht die Subalterne deutsch? Migration und postkoloniale Kritik, Münster 2003.
8.
Kimberle Crenshaw, Demarginalizing the Intersection of Race and Sex: A Black Feminist Critique of Antidiscrimination Doctrine, Feminist Theory and Antiracist Politics, in: The University of Chicago Legal Forum, (1989), S. 139–167, hier: S. 149, Übers. I.K.
9.
Vgl. zu den Unterschieden zwischen intersektionalen Positionen und Triple-Oppression-Ansätzen auch I. Kerner (Anm. 4), S. 345ff.
10.
Vgl. u.a. Nira Yuval-Davis, Intersectionality and Feminist Politics, in: European Journal of Women’s Studies, 13 (2006) 3, S. 193–209; Ange-Marie Hancock, Intersectionality as a Normative and Empirical Paradigm, in: Politics & Gender, 3 (2007) 2, S. 248–254.
11.
Für eine Herleitung und ausführlichere Darstellung der drei Dimensionen vgl. I. Kerner (Anm. 4), S. 20ff.
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Autor: Ina Kerner für bpb.de
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