Leichte und Einfache Sprache

Editorial


19.2.2014
Eine Voraussetzung für Kommunikation und Teilhabe in demokratischen Gesellschaften ist sprachliche Kompetenz. Die Konzepte der Leichten und Einfachen Sprache zielen darauf, sprachliche Hürden für diejenigen abzubauen, die Alltags- oder auch Fachsprachen (etwa "Amtsdeutsch", Wissenschaftssprachen) nicht oder nur schwer verstehen. Während Leichte Sprache insbesondere seit Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland 2009 an Bedeutung gewonnen hat, erhält Einfache Sprache seit den jüngsten Erkenntnissen über das Ausmaß des funktionalen Analphabetismus besondere Relevanz: 14,5 Prozent der 16- bis 64-Jährigen in Deutschland können zwar einzelne Wörter und Sätze lesen (und verstehen), nicht aber zusammenhängende Texte.

Leichte und Einfache Sprache werden oftmals synonym verwendet, obwohl Ausgangslage, Regeln und Zielgruppen sich unterscheiden. Erstere fokussiert Menschen mit kognitiven Behinderungen oder Lernschwierigkeiten. Letztere konzentriert sich auf Menschen mit geringen Lese- und Schreibkompetenzen; niedrigschwellige Angebote sollen den Zugang zur Schriftsprache und den Spaß an Büchern erleichtern. Neben der fehlenden einheitlichen Definition ist die Übersetzung der Texte eine weitere Herausforderung: Wie können Sinnverluste minimiert werden und welche sind hinnehmbar, um grundlegende Informationen vermitteln zu können?

Die Forschung über das Zusammenspiel von Sprache, Bewusstsein und Teilhabe steht noch am Anfang. Daher gilt es, bei der Institutionalisierung der Leichten und Einfachen Sprache vor allem Menschen als Expertinnen und Experten einzubinden, die selbst zu den Zielgruppen zählen. Mit Blick auf Einfache Sprache sind flankierend auch Ursachen der verbreiteten geringen Lese- und Schreibfähigkeit in den Blick zu nehmen. Die Beobachtung, dass Texte in vereinfachter Sprache offenbar zunehmend auch von Menschen in Anspruch genommen werden, die formal nicht zu den Zielgruppen gehören, zwingt zum Innehalten: Fehlt uns nur die Zeit oder sind wir überfordert von der wachsenden gesellschaftlichen Komplexität?