Leichte und Einfache Sprache

19.2.2014 | Von:
Simone Seitz

Leichte Sprache? Keine einfache Sache

Seit der Ratifizierung des Übereinkommens der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderung (UN-Behindertenrechtskonvention)[1] in Deutschland ist Inklusion als Schlagwort in aller Munde. Seither wird im Alltag und in den Medien der Begriff Inklusion (wörtlich: "Einschließung") hauptsächlich mit Bezug auf die Frage von "Behinderung" diskutiert. Fachlich gesehen greift Inklusion allerdings weit darüber hinaus. Inklusion ist hier in einem direkten Zusammenhang mit Exklusion ("Ausschließung") zu denken und in diesem Verständnis grundlegend für den Zustand einer Gesellschaft.

Entlang dieser gedanklichen Klammer von Einschließung und Ausschließung lässt sich die Frage bearbeiten, ob Menschen in einzelnen gesellschaftlichen Teilbereichen eine "Rolle spielen". Nur wenn dies gegeben ist, wenn sie in dieser Rolle adressiert werden, können Menschen an den Leistungen einzelner gesellschaftlicher Teilbereiche teilhaben.[2]

Konkret lässt sich mit dem Zusammenhang von Inklusion und Exklusion unter anderem fragen, ob und unter welchen Bedingungen Menschen an Bildung teilhaben dürfen – etwa in der Rolle als Schüler oder Schülerin in Schulen. Hieran anknüpfend kann untersucht werden, welche Organisationen hierfür zur Verfügung stehen und wie die Einzelnen von diesen adressiert werden – beispielsweise welche Schulformen es gibt und ob dort Bildung diskriminierungsfrei zugänglich ist.

Blickt man von diesem Gedanken aus auf die Zielsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention, nämlich "die volle und wirksame Teilhabe an der Gesellschaft und Einbeziehung in die Gesellschaft"[3], so wird das Gewicht der Konvention klar. Sie zielt so gesehen in das Herz gesellschaftlicher Grundfragen. Diskriminierungsfreie Teilhabe an Bildung, Kultur und anderen gesellschaftlichen Bereichen auf der Basis gleicher Rechte, dies soll hier deutlich werden, ist ein zentraler Gedanke zum Verständnis der UN-Behindertenrechtskonvention.

Die Konvention beschreibt hiervon abgeleitet Behinderung als unzureichende Teilhabe (Partizipation). Dies schließt körperliche, psychische, soziale und kognitive Beeinträchtigungen und mögliche Benachteiligungen ein, die sich aus dem Zusammenspiel mit äußeren Bedingungen ergeben können, aber darüber hinaus auch die Diskriminierung von Minderheiten beziehungsweise die institutionelle oder individuelle Ungleichbehandlung von Personen mit gleichem Rechtsstatus.

Auch der ungleiche Zugang zu Wissensvorräten ist in diesem Zusammenhang bedeutsam. Denn oftmals ist das Wissen um Institutionen, um Rechtslagen und hiermit zusammenhängende Aspekte eine Voraussetzung dafür, Diskriminierung benennen und Teilhabe einfordern zu können. Nur wenn beispielsweise Eltern wissen, welche rechtliche Handhabe ihnen zur Verfügung steht, um einen diskriminierungsfreien Zugang ihres Kindes zu einer allgemeinbildenden Schule einzufordern, auch wenn diesem "sonderpädagogischer Förderbedarf" attestiert wird, können sie dies durchsetzen. Daher kann schwierige Sprache eine konkrete Barriere darstellen, die Einzelnen Teilhabe an kulturell geteiltem Wissen erschwert und zugleich deren Möglichkeiten der Mitbestimmung schmälert.

Inklusiv oder exklusiv?

Leichte Sprache wurde ursprünglich von Selbstvertreterinnen und Selbstvertretern entwickelt, die sich als Menschen mit Lernschwierigkeiten beschreiben. Die Idee bestand zunächst darin, speziell dieser Zielgruppe Zugang zu wichtigen Informationen zu schaffen. Dabei ging es auf der Zielebene unter anderem darum, mittels Leichter Sprache die eigenen Rechte besser zu kennen, um sie wirkungsvoll vertreten zu können und somit ein Instrument der Selbstvertretung zur Verfügung zu haben.

Hiervon ausgehend wurden zunächst vor allem Informationen aus dem Kontext der Rechte von Menschen mit Behinderungen in Leichte Sprache übersetzt. Die so entstandenen Texte schlossen eine große Lücke und übernehmen bis heute eine wichtige Funktion: Sie sichern der Zielgruppe den Zugang zu Wissensvorräten, die notwendig sind, um eigene Rechte vertreten und ein selbstbestimmtes Leben führen zu können.

Bald zeigte sich jedoch die Nutzbarkeit der Leichten Sprache für einen breiteren Kreis an Menschen. So kann es beispielsweise für mehrsprachig lebende Menschen eine bedeutsame Hilfe sein, sprachlich unkomplizierte Darstellungen von Sachzusammenhängen zu erhalten. Die Themenfelder der typischerweise in Leichte Sprache übersetzten oder verfassten Texte sind allerdings oftmals auf die Lebenswirklichkeit von Menschen mit Lernschwierigkeiten zugeschnitten und damit nicht zwangsläufig von Interesse für weitere Personenkreise. Auch sind die Anforderungen, die sich im Kontext von Mehrsprachigkeit an die Konzeption von Leichter Sprache stellen, nicht gleichzusetzen mit denen, die im Kontext von Lernschwierigkeiten entwickelt wurden.

Dieser Wandel an Bedeutung und in der Folge an konzeptionellen Anforderungen, der sich am Beispiel Leichter Sprache beobachten lässt, weist aber auch beispielhaft auf eine grundlegende Herausforderung im Kontext von Inklusion hin. Geeignete angepasste Hilfen wie Leichte Sprache sind für den Zugang zu Informationen notwendig und sorgen auf der einen Seite für Diskriminierungsfreiheit der Zielgruppe. Sie setzen jedoch die Definition dieser Zielgruppe voraus und können unter Umständen auch positive Diskriminierung bedeuten. Denn sie heben damit unweigerlich die Besonderheit der hierüber konstruierten Zielgruppe hervor und unterliegen somit letztlich einer Defizitkonstruktion.

Die hieraus resultierenden Ambivalenzen zeigen sich etwa in der Schilderung einer Lehrkraft aus ihrem beruflichen Alltag in einer Schule mit einem sozioökonomisch und kulturell vielfältigen Einzugsgebiet. Wenn sie Leichte Sprache in Elternbriefen nutzen würde, so berichtet sie, könne sich ein Teil der Eltern diskriminiert und/oder nicht ernst genommen fühlen. Die Nutzung schwieriger Sprache jedoch "hängt einen Teil der Eltern ab".

Leichte Sprache, das wird hier deutlich, sorgt somit einerseits für Teilhabe, geht aber mit der Zuschreibung an das Gegenüber einher, auf Leichte Sprache angewiesen zu sein und unterstellt damit ein Defizit. Beides gewinnbringend zusammenzuführen und mit Wertschätzung zu unterlegen, etwa über selbstdifferenzierende Texte, stellt derzeit noch ein konzeptionelles Desiderat dar.

Ein Verständnis von Leichter Sprache als "exklusives" Instrument von und für Menschen, die sich selbst als Menschen mit Lernschwierigkeiten verstehen (und ihren Unterstützerinnen und Unterstützern), deckt aber, auch das wird im Beispiel deutlich, sicherlich nur in Teilen den skizzierten Anspruch auf Diskriminierungsfreiheit in der UN-Behindertenrechtskonvention ab. Gerade im Bildungssektor ist Teilhabe ein umfassenderes Problem mit weiter greifenden konzeptionellen Anforderungen.

Fußnoten

1.
Vgl. UN-Behindertenrechtskonvention, 2006, http://www.behindertenbeauftragter.de/SharedDocs/
Publikationen/DE/Broschuere_UNKonvention_KK.pdf?__blob=publicationFile
(3.2.2014).
2.
Vgl. Rudolf Stichweh, Leitgesichtspunkte einer Soziologie der Inklusion und Exklusion, in: ders./Paul Windolf (Hrsg.), Inklusion und Exklusion, Wiesbaden 2009, S. 29–41.
3.
UN-BRK (Anm. 1), S. 14. Als weitere Grundsätze sind festgehalten: "a) die Achtung der dem Menschen innewohnenden Würde, seiner individuellen Autonomie, einschließlich der Freiheit, eigene Entscheidungen zu treffen, sowie seiner Unabhängigkeit; b) die Nichtdiskriminierung; (…); d) die Achtung vor der Unterschiedlichkeit von Menschen mit Behinderungen und die Akzeptanz dieser Menschen als Teil der menschlichen Vielfalt und der Menschheit; e) die Chancengleichheit; f) die Zugänglichkeit; g) die Gleichberechtigung von Mann und Frau; h) die Achtung vor den sich entwickelnden Fähigkeiten von Kindern mit Behinderungen und die Achtung ihres Rechts auf Wahrung ihrer Identität."
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Autor: Simone Seitz für bpb.de
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